Die Läuse des "kalten Krieges"


Alexej Schiropajew


Wladimir Putin


Alexej Schiropajew

Putins “Münchner Rede” stellt einen Meilenstein in der jüngsten Geschichte Rußlands dar, den man kurz und bündig wie folgt charakterisieren kann: Rückkehr zum Sowjetsystem. Während diese Entwicklung auf innenpolitischem Feld bereits seit langem im Gang ist (eigentlich ist das Sowjetsystem im Inneren des Landes überhaupt nie verschwunden), rückte die außenpolitische Resowjetisierung mit den jüngsten Ereignissen jäh ins Rampenlicht. Im Grunde genommen verkündete Putin den Auftakt zu einem neuen „kalten Krieg“.

Diese Tatsache, und nicht der Wille, den russischen Präsidenten zu verunglimpfen, hat meiner Ansicht nach den Anstoß zu dem bekannt gewordenen „lausigen“ Artikel in der Los Angeles Times gegeben. Wie erinnerlich hatte das uns so feindlich gesinnte Blatt die Dreistigkeit, unseren „Garanten“ oder – wie ihn Gleb Pawlowski so markig bezeichnete – den „Führer der Nation“ als „brüllende Laus“ zu betiteln.

An dieser Bezeichnung ist an und für sich nichts Beleidigendes, da Läuse eine unvermeidliche Begleiterscheinung eines jeden Grabenkrieges sind, auch eines „kalten“. Und es gibt verschiedene Läuse – kleine, mittelgroße und große, gewissermaßen die „Garanten“ ihrer Art. Vermutlich gibt es unter der letzteren Sorte sogar solche, die brüllen. Und die anderen, kleineren, brüllen um einige Töne leiser im Chore mit.

Man begreift, daß der Verleumder Max But, der Präsident Putin als Laus bezeichnet hat, von jenseits des Atlantik lediglich unser größtes Exemplar zu sehen vermochte. Unser allergrößtes. Doch auf Putins Brüllsignal hin haben hier ganze Heerscharen von Läusen in Miniaturformat gedämpft geknurrt. Wen wundert dies auch!

In erster Linie handelt es sich bei ihnen natürlich um die Anhänger des von Prochanow beschworenen „fünften Imperiums“. Diese empfanden Putins Brüllen als das langersehnte Erschallen der kupfernen Kriegstrompeten: Endlich war die Stunde der Abrechnung mit dem „verfaulten Westen“ gekommen! Alle schließen die Reihen! Zur Unterstützung des Präsidenten brüllte man vor allem in der Zeitung Sawtra wohlwollend mit: „Es herrscht der kalte Krieg, der heilige Krieg...“ (Nr. 8 (692)) In den Spalten desselben Blattes ging man zur Propaganda für den heißen Krieg über.

Besonders laut brüllte der „Politruk“ Schurygin auf, für den, dem Titel seines Artikels nach zu urteilen, „die Grenzen der Geduld“ erreicht waren. Ein Patriot kann so etwas einfach nicht länger dulden! „Früher oder später steht uns ein mächtiger Konflikt der Zivilisationen mit dem heutigen proamerikanischen Westen bevor“, weissagt der „Politruk“, als leite er eine politische Schulungsveranstaltung für Soldaten in den siebziger Jahren. Der Stratege Schurygin fordert Putin auf, den Vertrag zur Liquidierung der Kurz- und Mittelstreckenraketen zu kündigen, um nach der Wiederaufstellung solcher Raketen „der NATO eine entsicherte Pistole gegen die Stirn zu drücken“. Er träumt ferner davon, von weißrussischem Territorium aus Artillerieschläge gegen den „Schiplischskij Korridor“ zu führen, um „dem Baltikum die Kehle zuzuschnüren“. Den Balten die Kehle zuzuschnüren ist fürwahr eine heilige Mission! Da er, wie es sich für einen Staatspatrioten gebührt, ein großer Freund der Weißrussen ist, hat Schurygin ihrem Land die ehrenvolle Rolle eines „Pfahls“ zugedacht, der sich tief in die Nato einbohrt“. Übrigens gab es bei uns einen Weißrussen, einen gewissen Dubina. Er war ein braver Bursche vom Lande, doch Geopolitik war nicht eben seine Stärke: Es kam vor, daß er auf der Landkarte in vollem Ernst ein Land namens „Politbüro“ suchte. Dies ist kein Witz. Offenbar meint Schurygin, alle Weißrussen seien so naiv, sonst würde er nicht vorschlagen, das brüderliche Weißrußland mit einer „vereinigten offensiven Armeegruppe von der Art der in der DDR stationierten“ zu beglücken. Zur Erläuterung: Es war dies jene Armeegruppe, die in kürzester Zeit bis zum Ärmelkanal hätte vorstoßen können, was die Psychopathie des „kalten Krieges“ prächtig anheizte.

Abermals hört man also das bekannte „Der Befehl ist erteilt – gegen Westen!“

Lausige Typen sind ihrer Natur nach expansionslüstern.

Der Westen bemüht sich freilich, seine Opponenten zur Vernunft aufzurufen. Er glaubt also doch, es mit Menschen und nicht mit Läusen zu tun zu haben. Beispielsweise schreibt der Analytiker James G. Zumwalt: “Für die Russen nahen sehr gefährliche Zeiten. Wegen der niedrigen Geburtenrate – sie ist weitaus niedriger, als es zum Erhalt der Bevölkerungszahl erforderlich wäre – sinkt die ethnische russische Bevölkerung Jahr für Jahr um 700.000 bis 800.000, während die Moslems gleichzeitig zu einer zahlenmäßig immer stärkeren Minderheit werden, da ihre Geburtenrate weitaus höher ist. Da der Anteil der ethnischen Russen an der Gesamtbevölkerung immer mehr sinkt, werden die russischen Moslems innerhalb von vierzig Jahren zur Mehrheit werden...“ Er folgert: „Rußland muß mit dem Westen zusammengehen.“

Der naive Mister Zumwalt ahnt nicht, daß die „ethnischen Russen“ dem russischen Staat und Putin persönlich ganz egal sind. Daß Rußland nichts weiter ist als die legitime Erbin der Horde, d.h. eine typische östliche Despotie, in der den Russen stets die Rolle der unterdrückten weißen Mehrheit zukam. Daß die Konfrontation mit dem Westen für Rußland ein normaler und wünschenswerter Zustand ist, weil nur sie der Existenz einer parasitären imperialen Staatsmaschinerie einen Schein von Legitimität verleiht. Das Imperium läßt die Russen seit Jahrhunderten in den Schützengräben eines permanenten Krieges mit dem Westen verrotten, damit sich ein Gewimmel von Läusen und Läuschen – Beamte, Ideologen, Popen, Staatspatrioten – am Leib des russischen Volkes mästen kann.

So stößt das Imperium heute in die Röhren – pardon, die Trompeten! – von Gasprom und verkündet die „Mobilisierung“. Die Parasiten haben beschlossen, sich vollends gegen jede Kritik, sowohl von innen als auch von außen, abzusichern. So ruft Prochanow in einer Serie von Leitartikeln dazu auf, eine Organisation vom Typ des stalinistischen SMERSCH („Tod den Spionen“) auf die russische „fünfte Kolonne“ loszulassen. Schurygin will einen neuen Eisernen Vorhang herunterrollen lassen: „Es ist an der Zeit, daß wir uns mit unseren eigenen Problemen befassen und dabei einzig und allein unsere eigene Geschichte und unsere eigenen Traditionen zu Rate ziehen, ohne uns um den Rest der Welt zu kümmern oder Rücksicht darauf zu nehmen, was er von uns denken wird.“

Ihre Traditionen, “Politruk” Schurygin, sind jedermann wohlbekannt. Denken wir an Ungarn, das anno 1956 von den Panzern überrollt wurde. Denken wir an die künstlich hervorgerufene Hungersnot des Jahres 1933 und die verlausten Baracken der Konzentrationslager von Kolyma. Denken wir an das russische Dorf, das durch die Kollektivisierung getötet wurde, und an den „Kampf um den Kosmos“. Denken wir an die Flüsse Sibiriens und des Nordens, deren Richtung man den zentralasiatischen Beys zuliebe um ein Haar geändert hätte. Ihr, die „Politruks“, seid abermals bereit, die Soldaten in atomarem Übungsgelände mit Strahlen zu vergiften, die Irrenhäuser mit Dissidenten zu füllen und die typhusverseuchten Läuse des russischen Asiatentums auf die weiße Welt loszulassen, „ohne euch um den Rest der Welt zu kümmern“.

Die wichtigste Tradition der “Politruks” ist jedoch die Ausbeutung der russischen “Massen”. Sie wollen das Vorfeld der nächsten historischen „Höhen“ mit russischen Leichen pflastern, um auf ihr ein mongolisches Zelt aufzustellen, von dem aus die nächste imperiale „Laus“ auf die ganze Welt niederbrüllen wird.

Das Imperium pfeift auf die Russen, und diese haben ihrerseits endlich beschlossen, auf das Imperium mit seinen verlausten Traditionen zu pfeifen und auf eigene Faust eine totale Demobilisierung zu verkünden. Erinnert euch an die folgenden Zeilen Grebentschikows:

Oberst Wassin fuhr mit seiner jungen Frau an die Front.
Oberst Wassin fuhr an die Front und sagte allen: „Trollt euch nach Haus!“

Dieses Land gehörte uns, ehe wir uns in den Kampf verwickeln ließen!
... Es ist an der Zeit, das wir uns dieses Land zurückholen.“

Die Demobilisierungslokomotive rollt unter den wehenden Flaggen der Freiheit bereits überall durch unsere Fluren. Die Russen schütteln ihre jahrhundertelangen imperialen Ketten ab und desertieren einträchtig von der „Westfront“, ohne den schreienden „Politruks“ Gehör zu schenken. Zum ersten Mal in unserer Geschichte trat Idee der Mobilisierung die Idee der Großen Nationalen Demobilisierung, ja der Desertion entgegen. Eine Desertion, der die Russen mit ihren halbvergessenen Göttern gleichstellt.

Nichts wie raus aus den Schützengräben und hinein in unser russisches Bad: Schwitzen wir im Dampf, waschen wir die Parasiten und den verlausten Patriotismus ab! Dann wird an die Stelle Rußlands, dieser Vogelscheuche, welche die Welt mit ihrem Messianismus bedroht, eine freie Gemeinschaft der russischen Länder entstehen – das Russenland, das alles in seinem Gedächtnis bewahrt hat und dessen Segel im heimatlichen Hansa-Wind schwellen, der seit den Zeiten Nowgorods in unserer Erinnerung weiterlebt.

Für den Westen aber ist es an der Zeit, sich nicht an das Imperium, sondern direkt an die Russen zu wenden. Solange es sie noch gibt.

01.03.2007


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