Das Attentat auf Heydrich


- Leseprobe -

Walter Schellenberg


Reinhard Heydrich

Abwehrtagung in Prag – Reise nach Holland – Der Anschlag – Intrigen im Führerhauptquartier –
Bestattungsfeierlichkeiten – Reaktion Canaris' – Hitlers und Himmlers Ansprachen – Großfahndung
und Vergeltungsmaßnahmen – Das Geheimnis bleibt gewahrt – Gespräch mit Himmler


Im Mai 1942 veranstaltete Heydrich für sämtliche Abwehrstellenleiter und führenden Offiziere des Amtes Ausland und Abwehr im OKW eine Arbeitstagung auf dem Hradschin in Prag. Um nach außen das Dekorum zu wahren und das gute Einvernehmen zwischen den verschiedenen Geheimdienststellen zu betonen, sollte auf dieser Tagung die neue Arbeitsvereinbarung, nämlich die schon erwähnten »Zehn Gebote« in ihrer neuen Fassung, verkündet werden. Sämtliche Geladenen waren persönliche Gäste Heydrichs als Stellvertretenden Reichsprotektors von Böhmen und Mähren. Die Tagung war mit großer Umsicht vorbereitet und bis in alle Einzelheiten von Heydrich persönlich arrangiert worden. So fand jeder Gast in seinem Hotelzimmer ein Erinnerungsgeschenk in Form eines kunsthandwerklichen Gegenstandes aus Böhmen und eine Flasche Slibowitz vor. Den Vorsitz der Tagung führten Heydrich und Canaris gemeinsam, sie wurde aber ein einseitiger Erfolg für Heydrich. In der neuen Arbeitsvereinbarung mußte Canaris neben vielen anderen Punkten die ausschließliche Zuständigkeit des Amtes VI in Fragen des politischen Geheimdienstes im Ausland anerkennen. Er sicherte auch zu, alle Maßnahmen zu treffen, um diesen Anspruch verwirklichen zu helfen.

Anschließend hatte ich eine längere Unterhaltung mit Canaris, in der er etwas resigniert erklärte, es sei zwar nun eine Lösung gefunden, dennoch könne er das Gefühl nicht loswerden, daß Heydrich den Generalangriff auf ihn noch immer nicht eingestellt habe. Auch ich hatte den Eindruck, daß Heydrich unvermindert darauf abzielte, Canaris systematisch zu zermürben, und ich bin heute noch davon überzeugt, daß der Admiral schon im Laufe des Jahres 1942 von der Bühne hätte abtreten müssen, wenn Heydrich nicht umgekommen wäre.

Ich blieb nach Abschluß der Tagung noch zwei Tage in Prag, um mit Heydrich interne Fragen zu besprechen. Es fiel mir auf, daß er wiederholt auf sein immer schlechter werdendes Verhältnis zu Himmler und Bormann zurückkam. Die Spannungen, meinte er, seien so stark geworden, daß er erwäge, mich unter irgendeinem Vorwand in die unmittelbare Nähe Hitlers zu lancieren, um, wie er wörtlich sagte, jemanden zu haben, der sich dort oben einmal für ihn umschaue. Ich versuchte ihm diesen Plan auszureden, doch er kam stets wieder darauf zurück. Schließlich einigten wir uns auf eine Abkommandierung auf sechs Wochen, doch dazu sollte es nicht mehr kommen.

Nach dem Besuch in Prag war ich mit einigen Fachleuten nach Holland gefahren. Es lagen damals interessante Berichte über die Arbeitsweise der holländischen Widerstandsbewegung vor; mir wurde darin versprochen, fünf niederländische Widerstandskämpfer zur Verfügung zu stellen, die in England sorgfältig ausgebildet und durch Fallschirmabsprung wieder in Holland als Agenten gelandet worden waren. Unsere Abwehr hatte sie erkannt und festgenommen. Nun waren sie bereit, als umgedrehte Agenten für uns zu arbeiten. Ihre Zuverlässigkeit schien gewährleistet. Überdies war von ganz besonderem Interesse die in diesem Zusammenhang aufgedeckte technische Zusammenarbeit zwischen der Leitstelle in London und den Widerstandsgruppen in Holland. Die englischen Flugzeuge flogen damals in einen zuvor festgelegten Einsatzraum. Zwischen den Piloten und den im Gelände wartenden Agenten kam es mit Hilfe eines neuartigen Ultrakurzwellengerätes zu einer Sprechverbindung, durch die nicht nur Informationen ausgetauscht wurden; man schleuste auf diesem Wege auch Flugzeuge über zuvor ausgemachte Stellen zum Abwurf von Waffen, Sprengmaterial und Geld. Wir wollten uns nun in Holland die neuen Geräte ansehen.

Während einer Arbeitsbesprechung im Haag meldete dann plötzlich der Fernschreiber, daß auf Heydrich in Prag ein Attentat verübt worden und dieser schwer verletzt sei. Zugleich wurde meine sofortige Rückkehr nach Berlin verlangt. In mir tauchte damals blitzartig die Erinnerung an die mir von Heydrich geschilderten Spannungen zwischen ihm und Himmler sowie Bormann auf, und ich konnte beim Gedanken, wer hinter diesem Attentat stecke, nicht umhin, meinen Verdacht in diese Richtung zu lenken. Es bestand auch kein Zweifel für mich, daß es Charakteren vom Schlage Himmlers und Bormanns bei den Erfolgen Heydrichs, der ihnen an Geist und Einfallsreichtum weit überlegen war, auf die Dauer unheimlich werden mußte. Hitlers allerengster Führungskreis, der stets dadurch regierte, daß er die verschiedenen Kräfte gegeneinander ausspielte, wußte genau, daß diese Taktik bei Heydrich nicht verfangen würde. Heydrich ließ sich einfach nicht überspielen und hielt auch die erforderlichen Mittel ständig bei der Hand, um auf jede Situation blitzschnell reagieren zu können. Ich bin sogar davon überzeugt, daß sich Bormann, sofern Heydrich am Leben geblieben wäre, eines Tages in den Fangnetzen dieses Mannes verstrickt hätte und von seiner stolzen Höhe herabgestürzt wäre. Doch es kam anders.

Bei unserem letzten Treffen hatte mir Heydrich folgendes Erlebnis erzählt:

Während seiner letzten Reise ins Führerhauptquartier sollte er Hitler über bestimmte Wirtschaftsfragen des Protektorats und die von ihm dazu ausgearbeiteten Vorschläge berichten. Nachdem er schon längere Zeit vor dem Befehlsbunker Hitlers gewartet habe, sei plötzlich Hitler in Begleitung von Bormann herausgekommen. Heydrich habe vorschriftsmäßig gegrüßt und erwartet, daß Hitler ihn nun ansprechen und zum Vortrag bitten werde. Der Führer habe ihn aber statt dessen einen Augenblick lang unwillig angesehen und ihn wortlos stehenlassen. Daraufhin habe Bormann den Führer mit einer Handbewegung wieder in den Bunker lanciert. Und an diesem Tage sei Heydrich auch nicht mehr von Hitler empfangen worden. Am nächsten Tage habe ihm Bormann eröffnet, der Führer lege auf Heydrichs Vortrag keinen Wert mehr, da er sich über die mit Heydrich zu besprechenden Sachprobleme bereits klargeworden sei. In der Form sei Bormann zwar äußerst höflich geblieben, doch sei die eisige Kälte auf der ganzen Linie deutlich zu spüren gewesen. Ein Versuch Heydrichs, doch noch zu Hitler vorzudringen, sei gescheitert. Am übernächsten Tage habe er unverrichteterdinge nach Prag zurückfliegen müssen.

Seitdem hatte Heydrich das deutliche Empfinden – dies äußerte sich in einer auffallenden Unruhe –, daß ein entscheidender Schlag gegen ihn bevorstand. Dabei glaube ich nicht einmal, daß ihn das Faktum als solches so sehr bewegte, als vielmehr die Frage, wann und wie dieser Schlag geführt werden würde. Dies war schließlich auch der Grund, warum er mich eine Zeitlang im Führerhauptquartier wissen wollte. Nein, ich glaubte an kein Attentat tschechischer oder sonstiger ausländischer Kreise. Ich war innerlich überzeugt, daß Heydrich der geheimen Feme des allerengsten Führungskreises (Hitler-Bormann-Himmler) zum Opfer gefallen war.

Von Holland flog ich unverzüglich nach Berlin. Wie ich hörte, waren die Chefs der Ämter IV und V, Müller und Nebe, sofort an den Tatort geeilt. Ich hielt mich absichtlich zurück. Wenig später meldete Müller, Heydrich sei in ein Prager Hospital gebracht worden und befinde sich noch immer ohne Bewußtsein. Zahlreiche Splitter hätten Entzündungsherde gebildet, vor allem sei die Milz gefährlich verletzt worden. Am siebten Tage trat dann eine allgemeine Sepsis ein, die rasch den Tod herbeiführte. An der ärztlichen Behandlung unter der Oberleitung Professor Gebhards, des Leibarztes Himmlers, ist später von anderen Fachärzten Kritik geübt worden. Soweit ich mich erinnere, hätte man versuchen können, die Milz herauszuoperieren, um damit rechtzeitig den Hauptherd einer zu erwartenden Sepsis zu entfernen. Auf Grund der Informationen, die ich von Müller erhielt, und des späteren Studiums der Ermittlungsakten ergab sich folgendes Bild: Heydrich hatte sich wie immer am späten Vormittag auf seinem Landsitz in der Nähe Prags mit seinem großen Mercedeswagen abholen lassen, um sich zum Hradschin zu begeben. Er saß wie gewöhnlich neben dem Fahrer. Etwa an der Stadtgrenze machte die Straße eine scharfe Biegung, die den in rasender Fahrt ankommenden Wagen zum Bremsen zwang. Ich kannte diese Stelle genau, da ich sie oft genug mit Heydrich zusammen passiert hatte. An diesem Punkt, wo der Wagen seine Geschwindigkeit auf etwa dreißig Stundenkilometer mäßigen mußte, warteten drei Männer. Einer hatte sich etwa fünfzehn Meter außerhalb der Biegung postiert; der Haupttäter stand direkt an der Kurve, der dritte etwa fünfzehn Meter dahinter. Alle drei hatten Fahrräder bei sich, die sie gegen eine Mauer gelehnt hatten. In der Kurve bremste der Wagen noch stärker als sonst ab, da der erste Attentäter vor den Wagen sprang und mit einem Revolver planlos in die Gegend schoß. Der Fahrer, hierdurch unsicher geworden, verlangsamte die Fahrt nahezu auf Schrittgeschwindigkeit. In diesem Augenblick ließ der Hauptattentäter eine Kugel in der Größe einer Kegelkugel rollen, deren Sprengladung fast genau unter dem Wagen zur Explosion kam und das Fahrzeug trotz seiner schweren Panzerung total demolierte. Der Fahrer trug nur stark blutende Fleischwunden davon, die Hauptladung hatte Heydrich getroffen, der, obgleich schwer verwundet, noch seinen Fahrer anbrüllte: »Mensch, gib Vollgas!» Doch der Wagen rührte sich nicht mehr von der Stelle. Heydrich sprang dann noch aus dem Auto und schickte ein paar Schüsse hinter den fliehenden Attentätern her. Daraufhin brach er bewußtlos zusammen. Das Schicksal wollte es, daß er an jenem Tage nicht von seinem alten, bewährten Chauffeur begleitet war; dieser hätte sich bestimmt nicht durch den ersten vorspringenden Attentäter erschrecken lassen.

In langwierigen Untersuchungen stellten Spezialisten des Kriminaltechnischen Instituts fest, daß es sich um eine bis dahin gänzlich unbekannte und völlig ungewöhnliche Konstruktion einer Kugelbombe handelte. Die Kugel selbst war eine amorphe, höchst explosive Sprengmasse mit einem Zünder, der ebenfalls eine völlige Neuheit darstellte. Der Mechanismus war auf eine Entfernung von sieben Metern eingestellt worden, und die Auslösung zeigte, daß die Konstruktion haargenau funktioniert hatte. Die Sprengstoffmasse selbst soll angeblich englischer Herkunft gewesen sein, was aber an sich nichts über die Drahtzieher dieses Attentats zu besagen braucht. Wir selbst benutzten im eigenen Dienst fast nur erbeuteten englischen Sprengstoff, da dieser knetbar war und auch eine größere Wirkung erzielte.

Sogleich nach der Nachricht vom Tode Heydrichs begab ich mich nach Prag. Der Leichnam war im Vorhof des Hradschin aufgebahrt worden. Mitarbeiter aus Heydrichs nächster Umgebung hatten die Ehrenwache zu übernehmen. Für mich war dies bei 38 Grad im Schatten in großer Uniform und Stahlhelm eine erhebliche körperliche Anstrengung, denn nur alle zwei Stunden erfolgte eine Ablösung. Nach drei Tagen wurde der Sarg in einem feierlichen Zug von der Prager Burg zum Bahnhof geleitet und nach Berlin übergeführt. Die Bevölkerung folgte dem Geschehen mit großer Aufmerksamkeit. Auffallenderweise hatten zahlreiche Häuser mit schwarzen Fahnen geflaggt.

In Berlin fand dann nach einem Trauerakt in der Reichskanzlei und Ansprachen Hitlers und Himmlers das Staatsbegräbnis statt. In seiner Trauerrede nannte Hitler Heydrich den »Mann mit dem eisernen Herzen«. Mir erschien damals, inmitten von Ministern, Generalen, Diplomaten und höchsten Parteiführern, das Ganze wie eine Schaustellung aus der Zeit Cesare Borgias. In dieses Bild fügte es sich ein, daß ausgerechnet Canaris, als der Sarg in die Erde gesenkt wurde, Tränen weinte und mit belegter Stimme sagte: »Er war doch ein großer Mann, ich glaube, ich habe einen Freund in ihm verloren.«

Kurz darauf erklärte mir der Admiral, nach dem Tode Heydrichs müßten wir noch stärker zusammenarbeiten, da wir der Führung gegenüber in ein und demselben Boot säßen. Ich erwiderte, daß dies dann aber auf Gegenseitigkeit beruhen müsse und ich im Interesse der Sache meinen eigenen Weg gehen würde, wenn ich feststellte, daß er, Canaris, zwar besten Willens sei, sich dies aber in der Praxis nicht auswirke. Er resignierte und sagte: »Sie sind genauso unnachgiebig wie Heydrich.«

Himmler hatte die Bestattungsfeierlichkeiten zum Anlaß genommen, sämtliche Amtschefs des RSHA um sich zu versammeln. Nachdem er die Verdienste Heydrichs, die Vorzüge seines Charakters sowie den Wert seiner Arbeit gewürdigt hatte, bezeichnete er es als unmöglich, daß ein anderer jemals in der Lage sein würde, den von Heydrich geschaffenen riesigen Apparat des RSHA so zu beherrschen, wie dieser selbst es vermocht habe. In Übereinstimmung mit dem Führer wolle er vorerst selbst die Leitung des RSHA übernehmen, bis man sich über einen geeigneten Nachfolger schlüssig geworden sei. Er kritisierte anschließend das eifersüchtige Gegeneinanderarbeiten und die Zuständigkeitshascherei der Ämter, kanzelte die Amtschefs ab und wandte sich zuletzt auch an mich, den »Benjamin« im Führerkorps. Ich zog schon in Erwartung einer kalten Dusche die Schultern zusammen und war baß erstaunt, als mich an Stelle eines moralischen Wassergusses ein Strahl der Himmlerschen Gnadensonne traf. Er lächelte mich wohlwollend an, äußerte, daß ich das schwierigste Amt hätte, und erklärte, er werde unbegründete Angriffe auf mich künftig nicht dulden. Mir blieb es rätselhaft, warum ich plötzlich eine solche Förderung von Himmlers Seite erfuhr. Eine Genugtuung darüber konnte ich kaum empfinden, denn ich hatte schon allzu oft erfahren, wie schnell die Wetterzeichen nach solchen Äußerungen wechselten.

Am Abend nach dieser Ansprache Himmlers rief Hitler noch einmal alle Amtschefs zusammen. Im ehemaligen Arbeitszimmer Heydrichs würdigte er den Lebenslauf des Verstorbenen und verpflichtete dann »die Gesamtheit der SS-Führer, in Erinnerung an den Toten das Beste an menschlichem Verhalten herzugeben«. Er beendete seine Rede mit der Ermahnung, daß unser Wahlspruch zu lauten habe: »Recht oder Unrecht – mein Vaterland«, ganz abgesehen von dem alle verbindenden Leitwort des Ordens: »Meine Ehre heißt Treue.«

Nach dem Attentat setzte sofort eine mit allen technischen und kriminalistischen Mitteln ausgerüstete Großfahndung ein. Man suchte die Attentäter unter der tschechischen Widerstandsbewegung. Spuren wurden gesichert, Verdächtige verhaftet, Schlupfwinkel ausgehoben, Repressalien verübt – kurzum, die polizeiliche Exekutive führte einen Riesenschlag gegen die gesamte tschechische Widerstandsbewegung. Hinsichtlich der Urheberschaft des Attentats gab es schließlich vier verschiedene Versionen: eine war, daß der Secret Service seine Hand im Spiel gehabt habe – die drei Attentäter seien mittels Fallschirm in der Nähe von Prag gelandet worden. Müller meinte, diese Version sei insofern nicht so abwegig, da ja schließlich die gesamte tschechische Widerstandsbewegung, abgesehen von Moskau, auch von England gesteuert und subventioniert werde. Aber weder diese noch eine der anderen Versionen führte dazu, daß die Attentäter ermittelt und die Zusammenhänge aufgeklärt werden konnten. Die Gestapo, unterstützt durch Verbände der Ordnungspolizei, ging schließlich dazu über, etwa einhundertundzwanzig Angehörige der tschechischen Widerstandsbewegung, die sich bewaffnet in eine kleine Prager Kirche zurückgezogen hatten, zu belagern.

Es waren mehrere Wochen vergangen, als ich von Himmler den Befehl bekam, mich zu Müller zu begeben und mich über den Stand der Ermittlungen zu informieren. Müller zeigte sich aber anfänglich sichtlich abgeneigt, mit mir über den Fall zu reden. Er fragte mich vielmehr ein wenig mürrisch: »Haben Sie irgendwelche Informationen, die mir helfen könnten?« Ich verneinte. Mir schien, daß sich Müller in seiner Haut nicht wohlfühlte. Irgend etwas stimmte nicht. Schließlich äußerte er, man habe zwar Spuren hinsichtlich des Ursprungs des Attentats gefunden und glaube auch, die Namen der Mörder zu kennen, doch dies seien letzten Endes nur unzureichende Indizienbeweise. Und offensichtlich um sich zu salvieren, schloß er: »Hoffentlich erwischen wir die Mörder in der Kirche. Morgen werden wir das Nest ausheben. Damit wird der Schlußstrich unter den >Ermittlungsvorgang Heydrich< gezogen.«

Am folgenden Tag begann der Angriff auf die Prager Kirche. Die Widerstandskämpfer verteidigten sich bis zum äußersten. In den Akten las ich dann darüber die Schlußnotiz: »Nach verlustreichem Kampf wurde die Kirche eingenommen, von den Widerstandskämpfern ist keiner lebend in deutsche Hand gefallen.« Und damit war, wie Müller gesagt hatte, der Vorgang Heydrich abgeschlossen. Da es auffallenderweise unter den hundertundzwanzig Mann auch nicht einen einzigen lebenden Verwundeten gab, blieb das Geheimnis, wer die Attentäter waren und wer hinter den Kulissen die Regie geführt hatte, bewahrt.

»Heydrich war schon ein >Mann mit eisernem Herzen, wie es ihm der Führer in seiner Totenrede bestätigt hat. Auf der Höhe seiner Macht hat ihn das Schicksal wissend hinweggenommen.« Das waren für mich sonderbare Worte aus dem Munde Himmlers. Eines Tages fehlte auch die Totenmaske Heydrichs, die dieser in seinem Arbeitszimmer aufgestellt hatte. Als ich ihn ein wenig erstaunt fragte, warum er sie entfernt habe, erhielt ich die beinahe klassische Antwort: »Das Leben verträgt Totenmasken nur in bestimmten Zeiten und zu besonderen Anlässen – sei es der Erinnerung oder des Beispiels.«

Nach diesen Worten bat mich Himmler, in einem bequemen Sessel Platz zu nehmen. Dies war stets ein Zeichen besonderen Vertrauens, aber auch ein Hinweis, daß die Unterhaltung eine persönliche Note tragen würde. Nach ein paar fachlichen Fragen ging er auch sogleich auf sein Ziel los: »Ich habe mich mit dem Führer wiederholt über die Nachfolge Heydrichs unterhalten.« Er sah mich nun mit ein wenig geneigtem Kopf und listigem Blick hinter den glitzernden Brillengläsern an und fuhr fort: »Sie selbst kommen für die Nachfolge nicht in Betracht; der Führer hält Sie für zu jung, und ich halte Sie für zu weich.« Nach diesen Worten entstand eine etwas unbehagliche Pause. Danach änderte Himmler abrupt das Thema: »Sagen Sie mir einmal ganz offen, in welchem Verhältnis Sie zuletzt zu Heydrich standen? Ich bin zwar recht gut informiert, ich möchte aber von Ihnen selbst Näheres wissen.« Und nun begann er in seiner schulmeisterlichen Art, verschiedene Fragen an mich zu richten: »Haben Sie sich einen eigenen Arbeitskreis aufgebaut, der sich nicht nur auf die Ämter des Reichssicherheitshauptamtes beschränkt, sondern darüber hinaus auf die Ministerien erstreckt?« Ohne meine Antwort abzuwarten, fragte er weiter: »Und hatten Sie damit gerechnet, daß sich Heydrich auf dem Weg über seine Funktionen als Reichsprotektor allmählich vom Reichssicherheitshauptamt entfernen werde?« – Und nun kam die verblüffendste Frage: »Haben Sie Heydrich eingeredet, er sei der einzige Mann, der einmal als Nachfolger des Führers in Frage käme? Heydrich selber hat mir gegenüber, wenn auch nur bruchstückweise, derartiges verlauten lassen. Bitte erklären Sie sich hierzu.«

Ich fühlte, daß ich in einer ungeheuren Gefahr schwebte, und es erforderte meine ganze Konzentration, mich vor dem Sturz in eine Fallgrube zu retten. Ich versuchte Himmler davon zu überzeugen, daß das Verhältnis zwischen Heydrich und mir überwiegend gespannter Art gewesen sei und es wohl nicht in meinem Interesse gelegen haben könne, Heydrich auf einer noch höheren Stufe der Macht zu sehen. Um dies zu unterbauen, brachte ich zahlreiche Beispiele, die nach und nach Himmlers Mißtrauen aufzulösen schienen. Jedenfalls erklärte er, ich würde, unabhängig davon, wer zum Chef des RSHA bestimmt werde, zwar organisatorisch weiterhin im Amt VI verbleiben, im übrigen aber ihm persönlich unterstellt werden. Im Augenblick war mir nicht klar, ob ich damit die Treppe hinauf- oder heruntergefallen war.

Es schien mir, als wollte er mich hinfort unter seiner persönlichen Kontrolle behalten. Denn nur so vermochte ich mir auch seine nunmehr folgenden gesundheitlichen Anweisungen zu erklären: »Versuchen Sie völlig abstinent zu leben«, sagte er, ehe er mich verabschiedete, »in Zukunft wird Sie Kersten [Himmlers persönlicher Arzt] unter Aufsicht nehmen. Er wird Sie untersuchen, und wenn er es für richtig hält, wird er Sie regelmäßig ebenso wie mich behandeln. Er hat schon Wunderdinge geleistet, und seine Behandlung dürfte für Sie gewiß von großem Vorteil sein. Kersten ist Finnländer, mir persönlich treu ergeben. Sie brauchen also keinerlei Bedenken zu haben. Vielleicht sind Sie etwas vorsichtig mit ihm, da er manchmal zuviel redet. Hinzu kommt seine große Neugierde. Aber sonst ist er gutartig und äußerst hilfsbereit. Nun, Sie werden ja selbst sehen.«

[Anm. der VS-Red.: Otto Skorzeny schreibt in seinem Buch Meine Kommandounternehmen: „Hier erscheint es angebracht, auszuführen, daß Walter Schellenberg, Gefangener der Engländer im Jahre 1945, vom Nürnberger Gerichtshof zu ... Jahren Haft verurteilt wurde. Er starb 1952 in Italien, und The Schellenberg Memoirs erschienen erst 1956. Es ist klar, daß dieses Dokument sorgfältig von etwa gefährlichen Stellen gereinigt worden war. Einige Absätze scheinen überhupt nicht von Schellenberg zu stammen“.

(Aus dem Buch: Walter Schellenberg. Hitlers letzter Geheimdienst-Chef. Erinnerungen)

Walter Schellenberg. Hitlers letzter Geheimdienst-Chef. Erinnerungen



Anhang


Der Chef der Sicherheitspolizei
und des SD
IV EL 17/41 gRS

Berlin, den 10. Juni 1941.

Geheime Reichssache.


Bericht

an den Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei

Die zersetzende Tätigkeit der Kommunistischen Internationale bis zum Abschluß des deutsch-sowjetrussischen Konsultativ- und Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939 gegenüber den Achsenmächten, insbesondere gegen das nationalsozialistische Deutschland, ist allgemein bekannt. Die Hoffnung, Sowjetrußland würde sich nach Abschluß dieses Paktes entsprechend den Vertragsabmachungen loyal verhalten und die Wühlarbeit gegen das Reich einstellen, war trügerisch. Im Gegenteil: Kommunistische Zersetzung, Sabotage- und Terrorversuche und äußerste Forcierung des militärischen, wirtschaftlichen und politischen Nachrichtendienstes waren die unverrückbaren – jedoch erkannten – Ziele der sowjetrussischen Machthaber.

Das einzige, das man geändert hatte, war die Methode, die durch stets neue Formen und raffinierte Tarnungen der Abwehr dauernd neue Aufgaben stellte.


I. Aufbau und Zielsetzung der Komintern

Die Kommunistische Internationale (Komintern) ist die sowjetrussische Organisation (Sitz Moskau) mit dem Ziel (§ 1 des Statuts): „Die kommunistischen Parteien aller Länder zu einer Weltpartei zu vereinen, für die Gewinnung der Arbeiterklasse sowie die Grundsätze des Kommunismus und der Diktatur des Proletariats zu kämpfen.“ Noch heute gehören Stalin – als 1. Sekretär der kommunistischen Partei der SU – dem Präsidium des Exekutivkomitees der Komintern an, ebenso wie Molotow, ferner der deutsche Emigrant P i e c k, als Vertreter der deutschen Sektion der kommunistischen Internationale, der französische Kommunistenführer Thorez und als Vorsitzender der aus dem Reichstagsbrand bekannte bulgarische Terrorist Dimitroff.

Für die amtlichen Stellen der SU bedeutet die Komintern den unbelasteten – inoffiziellen, d. h. nicht staatlichen Apparat –, der für jede Zersetzungsarbeit im internationalen Maßstab eingesetzt werden kann. Neben den Spezialnachrichten- und Spionagediensten wird aber auch die Komintern zu diesen Spezialaufgaben im Ausland angesetzt, so daß eine genaue Trennung bei der Bekämpfung nur schwer durchzuführen ist.

Mit einem intensiven Aufwand an Menschen und Geld wurde gerade während des Krieges die Wühlarbeit der Komintern gesteigert. Ganz Europa wurde mit Aufrufen und Weisungen der einzelnen Ländersektionen überschüttet mit dem Ziel, die Anhänger der kommunistischen Ideologie zu angestrengtester und ausdauerndster Zersetzungsarbeit gegen den „imperialistischen Krieg Deutschlands“ anzufeuern, nicht zuletzt, um durch diese Steigerung der Aktivität die für die Sowjetunion vermuteten nachteiligen Wirkungen des Paktabschlusses mit dem nationalsozialistischen Deutschland auszugleichen.


II. Die neue Methode der illegalen Zersetzungsarbeit

1. Gegen das Reich.

Infolge der rücksichtslosen Bekämpfung und Vernichtung der Kommunistischen Partei – von 1933 an – als notwendige Folge der kompromißlosen Kampfstellung des Nationalsozialismus – waren in der Zeit vor dem Paktabschluß sowohl die schärfsten Bemühungen der Komintern vom Ausland her als auch die – überwachte – Arbeit kleinerer Restbestandteile der KP, mit ihren AM- und BB-Gruppen (AM = Abteilung für Militärpolitik, BB = Betriebsspionage) umsonst.

Dem gesteigerten Druck der polizeilichen Abwehr gegenüber antwortete die Komintern mit methodischen Anweisungen einer verfeinerten Zersetzungstaktik. Nach dem Beispiel des „Trojanischen Pferdes“ sollte noch mehr von innen heraus – nach dem Schulbeispiel des spanischen Bürgerkrieges – gearbeitet werden. Durch den Paktabschluß vom 23. August 1939 wurde diesem Vorgehen jede propagandistische Resonanz genommen, der das Exekutivkomitee der Komintern mit einer gesteigerten Tätigkeit zur Erneuerung eines umfassenden AM- und BB-Apparates begegnen wollte. Während in den besetzten Gebieten durch die immer noch bestehenden starken Auffangapparate der kommunistischen Parteien selbst die Komintern leichtere Arbeit hatte, kamen ihre Bemühungen gegen das Reich aus dem Stadium des Versuches durch rechtzeitigen Zugriff nie heraus.

Durch fortlaufende Beobachtungen wurde festgestellt, daß in den europäischen Ländern die Verbindungsstellen der Komintern erneut stark ausgebaut wurden mit dem alleinigen Ziel, die zersetzende und nachrichtendienstliche Tätigkeit nach Deutschland zu steigern.

So befindet sich eine Hauptverbindungsstelle bei der schwedischkommunistischen Partei in Stockholm. Diese Stelle ist eine der rührigsten und gefährlichsten Einsatzzentren der Komintern. Ihre Methode gegen das Reich soll aus der Vielzahl des vorliegenden Materials im nachstehenden näher beschrieben werden.

Zur Arbeit gegen das Reich wurden ehemalige deutsche kommunistische Spitzenfunktionäre, die in langjähriger Ausbildung in Moskau und anderen Städten Europas geschult waren, bevorzugt benutzt. Sie wurden erstmalig im Jahre 1939 in das Reich eingeschleust. Einem der Gerissensten gelang es, in umfassender Weise mit den von früher her bekannten Genossen in Berlin in Verbindung zu kommen und in systematischer Arbeit in Berliner Großbetrieben, in denen wehrwichtige Arbeit durchgeführt wurde, erneut kommunistische Betriebszellen aufzuzuziehen. Der eindeutig verfolgte Zweck dieser Unternehmung war, sowohl die Belegschaft zu zersetzen als sie zur Sabotage anzuleiten und dabei gleichzeitig Betriebsspionage auszuüben. Auf geschickt ausgebauten Kurierwagen wurden fortlaufend Material, Befehle und Geld von den Komintern-Instrukteuren aus Stockholm und Kopenhagen bezogen. Führenden Anteil in der Steuerung dieser im gefährlichen Maße sich ausbauenden Organisation hatte der schwedische Reichstagsabgeordnete Linderoth, der der Vertreter des europäischen Büros der Komintern in Stockholm ist. Er erledigte besonders Aufträge, die ihm vom Exekutiv-Komitee der Kommunistischen Internationale für die einzelnen Länder übertragen wurden. Linderoth aktivierte von Stockholm aus in Kopenhagen unmittelbare Beauftragte der Komintern in der Arbeit gegen das Reich, die auch von ihm finanziert wurden. Um die zum Einsatz gelangenden Spitzenfunktionäre, wie z. B. Arthur Erinnerlich, geb. 20. September 1907 in Niederwiese, oder Willy Gall, geb. 3. Oktober 1908 in Falkenstein/Vögtland, oder Rudolf Hallmeyer, geb. 3. Februar 1908 in Plauen, oder Heinrich Schmeer, geb. 20. März 1906, gegen Zugriffe der Sicherheitspolizei (SD) weitgehend zu schützen, wurden sie über die vermutliche polizeiliche Arbeitsweise von den Beauftragten des Linderoth geschult. Die Schulung wurde durch den hier bestens bekannten Kommissar der GPU – die seit dem 3. Februar 1941 Teil des vereinigten Volkskommissariats für innere Angelegenheiten geworden ist, mit dem Titel „Volkskommissariat für Staatssicherheit“ – Dimitri Fedoseiewitsch Krylow betrieben.

Die von den obengenannten Spitzenfunktionären ausgebaute Organisation arbeitete über eine inzwischen in Hamburg fest eingebaute Kurierstelle über Kopenhagen, Stockholm nach Moskau, mit dem Ziel, gegen Erhalt von Geldmitteln und Weisungen über den wichtigsten Fabrikations- und Produktionsstand neuartigster Waffen in Deutschland zu berichten.

Der Organisation oblag neben diesen Aufgaben auch die laufende Herstellung zersetzender Flugblätter. Aus dem zuletzt – Ende Mai 1941 – an Emmerlich gelangenden Befehl der Komintern aus Moskau ist auffallend ersichtlich, daß gerade für die nächsten zwei Monate die Entsendung einer größeren Zahl weiterer Instrukteure, aufgegliedert nach den einzelnen Gauen des Reiches, vorbereitet und in Durchführung begriffen war.

Da die fortlaufende Beobachtung durch den Umfang der Organisation nicht mehr in der Lage war, tatsächliche Schäden zu verhindern, erfolgte Ende Mai 1941 rechtzeitig der Zugriff und die Festsetzung sämtlicher Beteiligten.

2. Gegen die von Deutschland besetzten Gebiete.

Die Technik der illegalen Zersetzung durch die Komintern in den von Deutschland besetzten Gebieten verläuft in der Form ähnlich wie oben beschrieben.

Im einzelnen ist hervorzuheben:

a) Im Protektorat.

Bereits vor der Besetzung der ehemaligen Tschecho-Slowakei war die Kommunistische Partei sehr rege, die aber vor allem nach Errichtung des Protektorats in ihrer Illegalität voll zur Auswirkung gelangte. In den letzten Jahren waren aus diesem Gebiet laufend kommunistische Funktionäre auf die Lenin-Schule nach Moskau berufen worden, wo sie in einem militärpolitischen Unterricht in der Theorie und Praxis des Bürger- und Terrorkriegs geschult wurden.

Diese qualifizierten Funktionäre wurden nach Errichtung des Protektorats in Ansatz gebracht. Sie begannen unverzüglich mit dem Auf-und Ausbau der illegalen KPD. Die Verbindung mit den Komintern und die Überwachung und Leitung der Parteiarbeit wurde durch das Generalkonsulat der UdSSR in Prag aufrechterhalten und durchgeführt. Als Verbindungsmann zum sowjetrussischen Generalkonsulat arbeitete der Taß-Korrespondent und Pressereferent beim sowjetrussischen Generalkonsulat Kurt Beer (Jude!). In Ausübung seiner Funktion erhielt er von der diplomatischen Vertretung russische Zeitungen und kommunistisches Propagandamaterial, das er weisungsgemäß den Spitzenfunktionären der KPD überließ. Er war auch Vermittler riesiger Geldbeträge für die Unterstützung der illegalen Parteiarbeit.

Außer dieser Verbindung über das sowjetrussische Generalkonsulat bestand im Protektorat noch eine direkte Funkverbindung der Komintern mit Moskau. Die mit der Leitung dieses Kominterngeheimsenders in Prag beauftragten Funktionäre waren ebenfalls in einem Spezialkursus in Moskau auf der Schule für Radio-Telegraphie ausgebildet. (Diese Schule wird von den Komintern beaufsichtigt und steht unter Bewachung der Roten Armee.) Die Lehrgänge werden auf breitester Basis durchgeführt und haben die Bezeichnung „Oms“, d. h. Organisacia mezdunarodnowa sojedinemina (Organisation der internationalen Verbindungen).

Der funktechnische Apparat in Prag, der bis vor einigen Tagen in Tätigkeit war, bestand aus einer großen Sende- und Empfangsanlage. Auf funkentelegraphischem Wege wurden von Prag aus Berichte über die allgemeine innenpolitische Lage, über die Anleitung und den Verlauf der durch die Partei durchgeführten Aktionen, über die Sitzungen der gesamten Zentralleitung und die dabei getroffenen Entschlüsse sowie über die Lage, Stimmung und Tätigkeit der Partei durchgegeben und entsprechende Befehle und Anweisungen des Exekutivkomitees der Komintern aus Moskau empfangen. Die sichergestellten beiderseitigen Funksprüche sind der vollendete Beweis für die unnachsichtige Revolutionsidee der Komintern, gerichtet auf die Vernichtung des Nationalsozialismus.

b) Im besetzten Teil Frankreichs

Weiteres Augenmerk hat die Komintern besonders der französischen kommunistischen Partei geschenkt, zumal Frankreich schon nach Ansicht Lenins das bolschewistische Bollwerk Westeuropas werden sollte. Bei der derzeitigen Zersplitterung und inneren Schwäche Frankreichs hofft die Kommunistische Internationale, die vor dem Krieg über eine zahlreiche Anhängerschaft verfügte, zum Erfolg zu gelangen.

Auch hier wieder wurde die einwandfreie Feststellung getroffen, daß die Kommunisten in Frankreich von den diplomatischen Vertretungen der Sowjetunion in jeder Form mit Geld und Propagandamitteln ausgestattet werden.

Auch hier spielte der Pakt vom 23. August 1939 keine Rolle, höchstens insoweit, als man von diesem Zeitpunkt ab in indirekter Arbeit die Aktivität der französischen Kommunisten gegen Deutschland steigerte. Schlagkräftigster und zugleich objektivster Beweis hierfür ist ein bei der Überprüfung in Paris sichergestellter Akt der „Sureté nationale“ (franz. Geheimpolizei) betr. die französische Tageszeitung „L'Ordre“. Ausweislich der authentischen Unterlagen der französischen Polizei war an der im November 1939 durchgeführten Sanierung neben dem Chef des Pressedienstes der jugoslawischen Gesandtschaft, Vutzevitsch, und Juaques Ebstein, Liebhaber der Lady Stanley, einer Schwester des Lord Derby, der tschechische Jude Otto K a t z alias Karl Simon, der im sowjetrussischen Dienst stand, beteiligt. Im November 1939 hat der Sowjetbotschafter S u r i t z in Paris zusammen mit dem ehemaligen rot-spanischen Minister Negrin und im Januar/ Februar 1940 mit dem Sekretär der Botschaft, Biriukoff, den Hauptschriftleiter der Zeitung „Büré“ in seiner Villa in Saint Cloud besucht. Bei dieser Gelegenheit wurde vereinbart, daß ein gewisser Etevenont als offizieller Beauftragter der sowjetrussischen Botschaft in der Verwaltung der „L'Ordre“ beschäftigt wird. Die hierfür gewährte Unterstützung wurde Ende März auf 800.000 Fr. monatlich erhöht. Den kommunistischen Führern wurde nach der Auflösung ihrer Partei in Frankreich der ausdrückliche Befehl gegeben, ihren Anhängern Weisung zu erteilen, den „L'Ordre“ als deutschfeindlich-zuverlässig zu lesen.

c) In den übrigen besetzten Gebieten.

In Norwegen ist es ebenfalls die Sowjetgesandtschaft in Oslo, die den Mittelpunkt der Komintern-Zersetzungspropaganda darstellt. Hier konnten Angehörige der Gesandtschaft bei Ausführung der Tat ermittelt werden.

In Holland, Belgien, im ehemaligen Jugoslawien ist die gleiche Arbeitsmethode, wie gegen das Reich zum Einsatz gebracht, bewiesen.

Es würde den gestellten Rahmen dieses Kurzberichtes weit überschreiten, wenn das umfangreich dokumentarisch belegte Zeugen- und Schriftmaterial, was über die Zersetzungs- und Ausspähungsarbeit der Komintern im einzelnen vorliegt, erschöpfend angeführt würde. Wichtig hervorzuheben bleibt die immer wieder festzustellende Erkenntnis, daß das Verhalten der Sowjetunion gegenüber dem Reich und den von ihm besetzten Gebieten unaufrichtig und die Zersetzungsarbeit der Komintern seit 1940 fieberhaft zugenommen hat.


III. Sabotage durch die Komintern.

Bereits ein Jahrzehnt vor Ausbruch des Krieges war die Komintern dazu übergegangen, erprobte Kommunisten aller Sektionen nach Sowjetrußland zu beordern und sie dort auf den einschlägigen Schulen insbesondere im Sabotage- und Sprengstoffwesen zu unterrichten. So wurden seit dem Jahre 1930 die sogenannten militärpolitischen Schulungskurse in Moskau mit besonderer Intensität wieder aufgenommen und bis heute nicht wieder eingestellt. Da die Komintern bei Verwirklichung ihrer weltpolitischen Machtgelüste stets mit der Möglichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung rechnete, gab sie auf ihren Weltkongressen Richtlinien heraus, die eindeutig ihre Anhänger zur Durchführung von Terror- und Sabotageakten aufforderten und diese Gewaltverbrechen als politische Notwendigkeit hinstellten.

Die Vielzahl der von der Sicherheitspolizei (SD) im Reichsgebiet aufgedeckten Terror- und Sabotagegruppen, die auf Befehl der Komintern gegründet worden sind, ist bezeichnend für die Haltung der Sowjetunion dem Reich gegenüber. Sabotageanschlagsvorbereitungen gegen kriegswichtige Objekte, Brücken, Sprengungen wichtiger Eisenbahndurchgangsstrecken, Zerstörung und Lahmlegung bedeutender Industrieanlagen sind Angriffsziele dieser rein kommunistischen Gruppen gewesen, die bei Durchführung ihrer Aktionen auch davor nicht zurückschreckten, Menschenleben zu vernichten. Neben den Aufträgen zur Ausübung von Sabotageakten erhielten die Täter Anweisung zur Durchführung von Attentaten gegen führende Persönlichkeiten des Reiches.

Obwohl angenommen werden konnte, daß die Serie dieser von der Komintern durchgeführten bzw. in Vorbereitung befindlichen Gewaltverbrechen mit Abschluß des deutsch-russischen Konsultativ- und Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939 ihren Abschluß finden würde, haben sich durch die umfassenden Ermittlungen, insbesondere auch in den von Deutschland besetzten Gebieten, Beweise ergeben, daß die Komintern nicht gewillt ist, ihre verbrecherische Tätigkeit gegen das Reich einzustellen.

Neben den von England auf Weisung des Secret Service gebildeten Schiffssabotagegruppen, deren Ziel schon im Frieden die Vernichtung deutschen Schiffsraums, bestand eine noch weit verzweigtere von der Komintern aufgezogene Terrororganisation, deren Aufgabe hauptsächlich in der Vernichtung der Schiffe derjenigen Staaten bestand, die seinerzeit im Antikominternblock zusammengeschlossen waren. Nachweisbar waren Mitglieder dieser Organisation bis Ende 1940 tätig und versuchten, von Dänemark aus erneut ins Reichsgebiet hineinzuarbeiten. Leiter dieser Organisation war der deutsche Emigrant Ernst Wollweber, der 1931 Mitglied der Reichsleitung der RGO (Rote Gewerkschafts-Opposition) war und im November 1932 als Abgeordneter der KPD in den Reichstag gewählt wurde. Wollweber übernahm nach seiner Emigration nach Kopenhagen im Jahre 1933 die Leitung der ISH, die als Berufsinternationale der Seeleute und Hafenarbeiter die Trägerin der von der Komintern angeordneten Sabotageaktionen, insbesondere gegen deutsche Schiffe, ist. Er ist maßgeblich verantwortlich für den Aufbau und aktiven Einsatz der auf Weisung Moskaus gebildeten Sabotagegruppen in Deutschland, Norwegen, Schweden, Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich und den ehemals baltischen Randstaaten. Im großen Maßstab überwachte er die Beschaffung und den Transport von Sprengstoffen und anderem Sabotagematerial und verfügte über die in reichem Maße zur Finanzierung der Organisation und zur Entlohnung der Agenten von der Komintern bereitgestellten Geldmittel. Wollweber floh nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Oslo im Mai 1940 nach Schweden, wo er sich bis zum heutigen Tage in Stockholm in Haft befindet. Von Seiten der Sowjetregierung sind bei der schwedischen Regierung Schritte unternommen worden, Wollweber nach Sowjetrußland auszuliefern, zumal ihm inzwischen wegen seiner erfolgreichen Arbeit für die Komintern die sowjetische Staatsangehörigkeit zuerkannt worden ist. Auf die Tätigkeit dieser über ganz Europa verbreiteten kommunistischen Terrorgruppen sind fortlaufend Sabotageanschläge auf 16 deutsche, 3 italienische, 2 japanische Schiffe zurückzuführen, die in zwei Fällen zum Totalverlust wertvollster Schiffe führten. Während die Täter zuerst die Vernichtung der Schiffe durch Brandsätze herbeizuführen versuchten, gingen sie, da diese Methode meist nicht zum Totalverlust der Schiffe führte, in neuester Zeit dazu über, Sprengstoffanschläge gegen die in der Ost- und Nordsee verkehrenden Schiffe durchzuführen. Ihre Hauptstützpunkte befinden sich insbesondere in den Häfen Hamburg, Bremen, Danzig, Rotterdam, Amsterdam, Kopenhagen, Oslo, Reval und Riga.

Die in Holland, Belgien und Frankreich gebildeten kommunistischen Sabotagegruppen standen unter der Leitung des holländischen Kommunisten Josef Rimbertus S c h a a p, der als Leiter des Interklubs in Rotterdam tätig war und engste Verbindung mit den Spitzenfunktionären der Gesamtorganisation in Skandinavien unterhielt. Ihm unmittelbar unterstellt war der frühere Hamburger RFB-Organisationsleiter Karl Bargstädt, dem in der Gesamtorganisation die technische Durchführung der Sprengstoffanschläge oblag. Das für die Sabotageakte notwendige Sprengmaterial stammte aus nordskandinavischen Erzminen und wurde den kommunistischen Sabotagegruppen in Holland, Belgien und Frankreich durch holländische Seeleute über den norwegischen Erzhafen Narvik und den schwedischen Erzhafen Lulea zugeführt. Als einer der markantesten Sprengstoffkuriere konnte der holländische Kommunist Willem van Vreeswijk in Rotterdam festgenommen werden.

Sowohl die holländische als auch die belgische Gruppe unterhielten einige Laboratorien, in denen sie Brand- und Sprengbomben herstellten. Die Sabotageanschläge auf den italienischen Dampfer „Boccaccio“ und den japanischen Dampfer „Kasij Maru“ sind auf die Tätigkeit dieser Gruppen zurückzuführen. Vorbereitete Sabotageaktionen gegen deutsche Schiffe in den Häfen von Amsterdam und Rotterdam konnten rechtzeitig entdeckt und verhindert werden.

Im Zuge der weiteren Ermittlungen gelang es der Sicherheitspolizei (SD), 24 kommunistische Terroristen festzunehmen, unter denen sich auch der Leiter der holländischen Sabotagegruppe, Achille Beguin, und der Leiter der belgischen Sabotagegruppe, Alfons Fictels, befinden.

Schaap selbst konnte am 1. August 1940 von der dänischen Polizei in Kopenhagen festgenommen werden, als er im Begriff war, die schon in Dänemark bestehende Schiffssabotageorganisation erneut in Aktion zu setzen.

Wie sehr die Komintern bestrebt ist, auch im Ostseeraum die deutsche Schiffahrt durch Sabotageakte vernichtend zu treffen, geht daraus hervor, daß es in den Monaten Februar bis April 1941 der Sicherheitspolizei (SD) zusammen mit der dänischen Polizei gelang, führende Funktionäre der Kommunistischen Partei Dänemarks festzunehmen, die kommunistische Sabotagegruppen aktiv handelnd unterstützt haben. Unter ihnen befinden sich u. a. das Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Partei Dänemarks und der Generalsekretär der ISH, Richard Jensen, der Redakteur der dänischen kommunistischen Zeitung „Arbeiterblatt“ in Kopenhagen, Thöger Thögensen, und das Vorstandsmitglied des Bundes der Freunde der Sowjetunion Dänemarks, der Halbjude Otto Melchior.

Auf das Konto der kommunistischen Sabotagegruppen in Dänemark sind insbesondere die Anschläge auf den deutschen Dampfer „Saar“ im Hafen von Reval und den deutschen Frachtdampfer „Phila“ im Hafen von Königsberg zurückzuführen, wobei bei letzterem durch eine heftige Explosion ein großes Leck in der Schiffswand des Vorderschiffes in Höhe der Wasserlinie entstand. Die Anbordbringung der chemischen Zeitzünderpackung erfolgte im Hafen von Riga.

Von der dänisch-kommunistischen Organisation verwandte chemisch-mechanische Zündsprengstoffe und Zündschnüre kamen aus Schweden und wurden jeweils durch besonderen Kurier aus einem Herrenbekleidungsgeschäft in Malmö, wo sie lagerten, nach Kopenhagen transportiert.

Wichtigste Hinweise für die Arbeit der Komintern gegen Deutschland haben sich auch durch die Aussagen weiterer kommunistischer Terroristen in Dänemark ergeben.

So wurde von der Komintern besonderer Wert auf die Gewinnung skandinavischer Seeleute als Mitarbeiter gelegt, da man die Ansicht vertrat, daß in einem kommenden Kriege die skandinavischen Staaten allein neutral bleiben würden und nur die Angehörigen dieser Länder dann die Möglichkeit besäßen, in deutschen Häfen bzw. auf deutschen Schiffen Terrorakte durchzuführen. Darüber hinaus bestand die dringendste Anweisung, die Ladung ihrer eigenen Schiffe durch Brand- und Sprengsätze zu vernichten, falls dies den Interessen der Sowjetunion dienlich sei. Wollweber selbst hatte an die einzelnen Sabotagegruppen in den Ostseestaaten und den deutschen Nordseehäfen die Anweisung erteilt, auf allen in diesem Raum fahrenden Schiffen mindestens einen zuverlässigen Mitarbeiter zu werben, der für seine künftige Arbeit im Sinne der 3. Internationale bestens geschult werden sollte.

Auf seine Anordnung ist auch der Versuch einer Gründung einer Sabotagegruppe in Danzig zurückzuführen.

Führende ISH-Funktionäre dieser Gruppen, unter ihnen der aus Oslo stammende norwegische Staatsangehörige Arthur S a m s i n g, der längere Zeit in der Sowjetunion aufhältlich war, konnten inzwischen festgenommen werden und haben ausführliche Angaben über ihre im Auftrage Wollwebers gegen das Reich gerichteten Sabotageakte gemacht. Im Auftrage der Komintern errichtete Wollweber gleichfalls Stützpunkte auf den Ostseeinseln Dagö und Ösel. Die auf diesen Inseln angeworbenen Mitarbeiter sollten jedoch erst in Aktion treten, falls in einem Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion diese Inseln von deutschen Truppen bzw. von der Kriegsmarine in Besitz genommen würden. Die Sabotageakte sollten sich dann in erster Linie gegen U-Boot-Basen, Flugplätze und Öllager richten.

Wie sehr der Bolschewismus auch im Reich selbst seine Tätigkeit zu entfalten versuchte, geht aus der Tatsache hervor, daß seit März 1941 Feststellungen in Oberschlesien und im Generalgouvernement durch die Sicherheitspolizei (SD) getroffen werden konnten, wonach als Leiter polnischer Sabotage- und Terrororganisationen in vermehrtem Umfange kommunistische Elemente eingesetzt worden sind. Auch hier zeigt die Organisierung von in letzter Zeit durchgeführten Gewaltverbrechen typisch kommunistische Ausführungsmethoden, wie sie von der Komintern bei Aufstellung der „Kriegsthesen“ auf dem VI. und VII. Weltkongreß in Moskau an alle Sektionen herausgegeben worden sind.


IV. Die sowjetische Spionage (wirtschaftlicher, militärischer und politischer Nachrichtendienst) gegen das Reich.

1. GPU-Methoden gegen Volksdeutsche Umsiedler. Als durch den deutsch-russischen Grenzvertrag vom 29. September 1939 Rußland die Früchte des deutschen Sieges über Polen durch einen erheblichen Gebietszuwachs in einem großen Umfange auch für sich verbuchen konnte, hat es die Aufrichtung der deutsch-russischen Interessengrenze dazu benutzt, die erstmalig wieder in Erscheinung getretene Landberührung mit dem Großdeutschen Reiche zum Einfallstor für zahllose Spionageagenten im Gebiet seines Nichtangriffspartners auszubauen.

Die großzügige Aktion des Führers zur Heimführung der auf russischem Territorium lebenden Volksdeutschen wurde in schmählicher Weise zu obengenannten Zwecken ausgenutzt.

Als die Volksdeutschen, dem Rufe des Führers folgend, sich in Massen zur Umsiedlung meldeten, trat die berüchtigte GPU – die seit dem 3. Februar 1941 Teil des vereinigten Volkskommissariats für innere Angelegenheiten geworden ist, mit dem Titel „Volkskommissariat für Staatssicherheit“ – auf den Plan, und zwar um viele dieser deutschen Menschen unter Anwendung verwerflichster Mittel, sich für eine Spionagetätigkeit gegen das Land, in das sie von Heimatliebe getrieben zurückzukehren sich anschickten, zu verpflichten. Wenn auch die GPU kaum praktische Erfolge zu verzeichnen hatte, weil die meisten dieser so mit Gewalt zu Spionageverpflichtungen Gepreßten auf deutschem Boden hiervon sofort Mitteilung machten, so bleibt trotzdem diese Tatsache als ein Schandmal für die Arbeitsmethoden der GPU und damit der sowjetischen Machthaber bestehen.

Die deutschen Umsiedler wurden in solchen Fällen von der GPU vorgeladen, stundenlang verhört, und es wurde ihnen angedroht, daß sie von der Umsiedlung ausgeschlossen würden, wenn sie sich dem Ansinnen der GPU nicht gefügig zeigten. Beliebt war auch die Methode, den angegangenen Umsiedlern zu erklären, daß man sich an zurückbleibenden Angehörigen schadlos halten und diese als Geiseln behandeln würde, wenn sie den unter Zwang übernommenen Verpflichtungen nicht nachkommen oder es wagen sollten, in Deutschland Anzeige zu erstatten. Man drohte ihnen weiter, daß der lange Arm der GPU sie auch in Deutschland erreichen würde, eine Drohung, die auf den einzelnen – kleinen – Umsiedler ihren Eindruck nicht verfehlte. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen wurden in dieser schamlosen Weise zu Verpflichtungserklärungen gepreßt. Nachstehend sollen aus den in die Hunderte gehenden Fällen einige angeführt werden, die ein bezeichnendes Beispiel darstellen, wie man mit deutschen Menschen verfahren hat.

a) Im Zuge der Umsiedlung von Bessarabiendeutschen ins Reich erschien die Frau Maria Baumann aus Tschernowitz, die, durch andere Zeugeneide erhärtet, angab, daß der russische Geheimdienst sie für Spionagezwecke in Deutschland pressen wollte. Sie sei wiederholt zu maßgeben den Dienststellen der GPU bestellt worden, wo man mit allen Mitteln auf sie einwirkte, sich dem Ansinnen der Spionagearbeit   gefügig zu zeigen. Da sie Mutter von fünf unversorgten Kindern ist (Witwe), versprach man ihr hohe Verdienstmöglichkeiten, wobei man äußerte, daß auch Summen von 10 000 RM und höher keine Rolle spielten. Sie war für eine Spionagetätigkeit in Prag eingeteilt. Sie führte bereits Material und Unterlagen mit sich, die den Umfang der spezialisierten Schulung erkennen ließen.

b) Die Ehefrau Elisabeth Kreutel, deren Mann in Tschernowitz ein Bandagengeschäft betrieb, wurde gelegentlich der Vorlage der Reisepässe gleichfalls von der GPU angegangen. Sie sollte in Sachsen russischen Spionagedienst ausüben. Auch sie brachte wichtiges Schulungsmaterial zur Kenntnis der deutschen Abwehr.

Diese Anführung von begründeten Einzelbeispielen könnte auf Hunderte von Fällen ausgedehnt werden, da es feststeht, daß die GPU nach vorsichtiger Schätzung an etwa 50 v. H. der Umsiedler herangetreten ist, um sie durch erpresserische Drohungen oder riesenhafte Geldversprechungen zur Mitarbeit zu zwingen. Aber nicht genug damit, daß die GPU diese deutschen Menschen, unter Anwendung verwerflichster Mittel, zu Verrätern an ihrer Heimat zu machen versuchte, haben es ihre Organe sogar fertiggebracht, diese Leute in vielen Fällen auszufleddern, ihnen Ausweispapiere, Geld und Wertsachen zu stehlen. In 16 Fällen liegen Beweise dafür vor, daß der Diebstahl von Ausweispapieren zu dem Zweck geschehen ist, um damit russische Spionageagenten auszustatten. In sechs weiteren Fällen besteht sogar der dringende Verdacht, daß die GPU für diesen Zweck Volksdeutsche gemordet hat, um deren Papiere für den unauffälligen Agentenschmuggel ins Reich zu benutzen.

2. Sowjetrussische diplomatische Vertretungen als Zentren der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Nachrichtendienste gegen das Reich mit der eindeutigen Zielsetzung, einer Kriegsvorbereitung zu dienen.

Seit dem Paktabschluß hat sich der russische Spezial-Spionagedienst in einer fast provozierend wirkenden Form in seiner Arbeitsweise gezeigt. Er ging bei seinen bereits üblichen rücksichtslosen Methoden nunmehr auch dazu über, die russischen Vertretungen im Reich – und hier an der Spitze die Russische Botschaft in Berlin – für seine Ausspähungszwecke weitgehendst einzuschalten. Als vor einiger Zeit der damalige russische Botschafter Schkwarzew in Berlin abberufen und durch den Botschafter Dekanasow [Anm. der VS Red.: Wladimir Dekanosow war ein enger Vertrauter des langjährigen NKWD-Chefs Lawrenti Beria und wurde nach dessen Sturz 1953 gemeinsam mit diesem angeklagt und hingerichtet.] ersetzt wurde, war dieser Wechsel auf dem Botschafterposten das Signal zu noch stärkerer Intensivierung der Ausspähung in Form der politischen, wirtschaftlichen und militärischen nachrichtendienstlichen Tätigkeit. Dekanasow, ein Vertrauter Stalins, war in Rußland Leiter der Nachrichtenabteilung des NKWD (des russischen Volkskommissariats des Innern), dem die GPU als Spionage-Spezialabteilung angehört. Seine Aufgabe, die er aus Moskau mitbrachte, war dahin festgelegt, durch ein auszubauendes Vertrauensmännernetz in die Reichsbehörden Eingang zu finden und vor allem Berichte über militärische Stärke und die operativen Pläne des Reiches zu beschaffen. Sein getreuer Gehilfe war der GPU-Angehörige und sogenannte „Botschaftsrat“ Kobulow, der eine intensive Tätigkeit auf dem Spionagegebiet entwickelte unter rücksichtsloser Ausnutzung seiner exterritorialen Stellung. Das Ziel der russischen Spionage im Reich ging dahin, neben der rein militärischen Nachrichtengewinnung die politische Planung des Reiches zu erfahren und durch Ausbau geheimer Schwarzsendeanlagen an vielen Stellen Deutschlands Meldeköpfe bereit zu haben, die nach einem ausgeklügelten Chiffriersystem alle für Rußland wichtigen Meldungen durchgeben sollten. Es war also seit 1940 eine großangelegte Mobilisations-vorbereitung auf dem Spionagegebiet im Gange, die unter Einsatz unvorstellbarer Geldmittel in Szene gesetzt wurde. (Der deutsche Abwehrdienst konnte sich rechtzeitig einschalten.)

Die Erfahrung, daß der wachsende Druck der russischen Spionage vor allem in den deutschen Ostgebieten – und hier an erster Stelle im Generalgouvernement und im Protektorat – in Erscheinung trat, war die Veranlassung, gerade diesen gefährlichen Gebieten besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es wurde dabei festgestellt, daß der Angehörige des russischen Generalkonsulats in Prag, Leonid Mochov, der Kopf eines russischen Spionagenetzes war, das die GPU im Protektorat aufgezogen hatte. Man hatte ehemalige Angehörige der tschechischen Legion, die im Krieg gegen Polen auf polnischer Seite kämpften und sich hauptsächlich aus Kreisen von Anhängern der ehemaligen kommunistischen Partei in der Tchecho-Slowakei zusammensetzten und die nach dem Niederbruch Polens in russische Kriegsgefangenschaft kamen, zum russischen Spionagedienst gepreßt und vor allem in der Bedienung von Schwarzsendern geschult. Man sandte diese Leute mit gefälschten Ausweispapieren in das Protektorat, wo sie unter Leitung des erwähnten russischen Konsulatsmitgliedes Mochov tätig wurden. Als der Zugriff erfolgte, konnten weit über 60 Personen dieses russischen Spionagenetzes festgenommen und ein Dutzend in Betrieb befindliche Schwarzsenderanlagen beschlagnahmt werden. (Hinweis: Dieses Netz arbeitete völlig unabhängig von dem durch die Komintern im Protektorat aufgezogenen illegalen Apparat.)

In Berlin war inzwischen der russische Botschaftsrat und GPU-Beamte Kobulow auch nicht untätig. Es ist nicht ohne Interesse, hier die Aussage eines der Deutschfreundlichkeit nicht verdächtigen ehemaligen jugoslawischen Diplomaten, des früheren jugoslawischen Militärattaches in Berlin, Oberst Vauhnik, anzuführen, der mit Bezug auf den Gehilfen des russischen Militärattaches in Berlin, Oberst Korniakow, erklärt hat, daß dieser sich ausschließlich mit dem Nachrichtendienst – mit soviel Geld als irgendwie notwendig – abgebe. Ziel des Kobulow an der Spitze gemeinsam mit dem russischen Militärattache Tupkow und seinem Gehilfen Skonjakow war, in der Reichshauptstadt sowie allen wichtigen Städten des Großdeutschen Reiches Schwarzsenderanlagen zur Nachrichtenübermittlung aufzubauen.

Aus dem umfangreichen vorliegenden Material über die Tätigkeit dieser Herren und ihres weiteren Mitarbeiterstabes sollen als Beispiel nur folgende zwei Fälle angeführt werden:

a) Der Bäckermeister Wietold Pakulat aus Mariampol im Litauischen, der Mitglied des Deutschen Kulturbundes in Litauen war und im Reich – vor allem in Berlin – Verwandte besaß, wurde eines Tages nach Kowno vor die GPU zitiert. Hier drohte man ihm, einen Spionageprozeß gegen ihn anzustrengen. Die Tatsache, daß er Angehöriger des Kulturbundes war und zwecks Besuch seines Bruders in Memel einige Male von Litauen nach Deutschland gegangen war, war der GPU genug, gegen ihn ein Polizeiverfahren wegen Spionage einzuleiten. Dem verängstigten Manne versprach man Straffreiheit nur dann, wenn er sich bereit erklärte, unter der Maske eines Volksdeutschen Flüchtlings nach Berlin umzusiedeln und dort nach bestimmten Weisungen für Rußland zu arbeiten. Unter Zurücklassung von Frau und Kind, die als Geiseln in den Händen der GPU blieben, wurde er ins Reich geschickt. Auch ihm gab man die Drohung mit, daß der Arm der GPU lang sei und ihn in Berlin bei Verrat sicher treffen würde. Trotz dieser Drohung und obgleich er Angehörige in der Macht der GPU zurücklassen mußte, hat auch dieser Volksdeutsche seine Pflicht erkannt und sich mit der Sicherheitspolizei (SD) in Verbindung gesetzt. So gelang es, in dem den Russen unbekannt gebliebenen Gegenspiel alle ihre Absichten zu durchkreuzen und ihre Tätigkeit von Anfang an unter Kontrolle zu halten. In Berlin wurde Pakulat durch einen Mittelsmann der GPU aus der russischen Botschaft mit laufenden Weisungen und Befehlen versehen. Er mußte hier eine Wohnung mieten, in die die GPU eine große Schwarzsendeanlage einbaute. Er mußte weiter auf russischen Befehl ein kleines Hotel mit Bierlokal übernehmen, um dessen Räume als Quartier für durchreisende russische Agenten und Kuriere bereitzustellen. Er bekam fortlaufend Aufträge, sich an Spezialarbeiter der Rüstungsindustrie heranzumachen, um Verratsmaterial zu erlangen. Der russische Spionagedienst zielte mit Vorbedacht auf eine kriegsmäßige Vorbereitung ab, die neben der Bezeichnung von Zielpunkten für künftige Luftbombardements auch unauffällige Verstecks auf öffentlichen Plätzen und Anlagen, an denen Verratsmaterial und Sabotagegegenstände zur Abholung im geeigneten Augenblick bereit gelegt werden konnten, sich erstreckte.

Allein in diesem Fall zahlte die GPU rund 100 000 RM, um alle die oben nur kurz skizzierten Vorbereitungen in die Wege zu leiten. Für seine Schwarzsendeanlage hat der russische Nachrichtendienst über Pakulat einen deutschen Funker von der Fa. Siemens geworben, den ihm die Sicherheitspolizei (SD) – im Gegenspiel – zur Verfügung gestellt hat. Der russische Nachrichtendienst rechnete fest damit, das Pakulat inzwischen ein zuverlässiges Vertrauensmännernetz von 60 Deutschen geworben hätte, die neben reichlichen Spionageaufträgen auch zersetzend wirken sollten. Das im Gegenspiel gesteuerte Netz hatte bereits eine Ausdehnung bis Königsberg, wo gerade jetzt begonnen werden sollte, kriegswichtige Betriebe im Stadtplan zu markieren.

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b) Ein anderer Fall verwerflicher Erpressung eines Reichsdeutschen wurde gleichfalls in Berlin aufgegriffen. Dieser in Petersburg geborene Reichsdeutsche, dessen Name aus begreiflichen Gründen zur Zeit noch nicht genannt werden kann, kehrte nach wiederholtem Aufenthalt in Deutschland im Jahre 1936 endgültig nach Berlin zurück. Er hatte in Rußland nach russischem Recht geheiratet. Aus der Ehe war eine Tochter hervorgegangen. Da nach russischem Recht die Ehefrau russische Staatsangehörige geblieben war, wurde ihm nicht erlaubt, sie in das Reich mitzunehmen. Von Berlin aus bemühte er sich mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes wiederholt um die notwendigen Personalpapiere, um die russische Ehe nach deutschem Recht anerkannt zu bekommen. Da er schwer lungenkrank ist und daher auch schon aus diesem Grunde auf eine baldige Vereinigung mit seiner Familie Wert legte, sah er in seiner Lage keinen anderen Ausweg, als selbst noch einmal nach Petersburg zu fahren, um dort die Beschaffung der Urkunden zu betreiben und Frau und Kind endlich ins Reich zu bekommen. Er wandte sich zu diesem Zweck an das russische Reisebüro Intourist und erbat dort die notwendigen Papiere zur Einreise nach Rußland. Als der Leiter dieses Büros, der Russe Schachanow, aus seinen Schilderungen heraushörte, daß dieser kranke Mann in großer Sorge um seine Familie lebte, begann er mit ihm ein Spiel schmählichster Niedrigkeit. Schachanow stellte ihm die Einreise nach Petersburg in Aussicht unter der Voraussetzung, daß er sich als Deutscher zum Verrat gegen sein Vaterland bereitfinden würde. Immer wieder drang Schachanow auf den verzweifelten Menschen ein, der damit dem Selbstmord nahegebracht wurde. Schachanow spielte immer wieder Frau und Kind gegen ihn aus und machte Andeutungen dahin, daß sie als Geiseln in der Hand der GPU wären. Der in Rede stehende Reichsdeutsche offenbarte sich schließlich der deutschen Abwehr. Unter ihrer Anleitung ging er zum Schein auf die Wünsche des GPU-Agenten Schachanow ein und mietete in dessen Auftrag eine große Wohnung, die gleichfalls für die Installierung eines Schwarzsenders in Angriff genommen wurde.

Zur Abrundung diene die Tatsache, daß engstes Einvernehmen zwischen Schachanow und dem „Botschaftsrat“ Kobulow bestand.

c) Durch fortlaufende Beobachtung des Funkspezialisten der Berliner russischen Botschaft, der verschiedentlich in Danzig auftauchte, konnte auch hier – im Gegenspiel – die Installierung eines Schwarzsenders nebst zugehörigem politischem und wirtschaftlichem Vertrauenmännernetz in die Wege geleitet werden. Auch hier ist durch rechtzeitige Anzeige der Danziger Staatsangehörigen Gebrüder Formella, die in die Dienste der GPU gepreßt werden sollten, der Erfolg des russischen Spionagevorhabens durchkreuzt worden.

Diese Serie von Beispielen könnte beliebig fortgesetzte werden, da der russische Nachrichtendienst in allen ihm wichtig erscheinenden deutschen Städten in der gleichen Weise gearbeitet hat.


V.  Grenzzwischenfälle

Abschließend muß noch darauf hingewiesen werden, daß seitens der Sowjets fortlaufend, aber seit Februar 1941 gesteigert, Grenzzwischenfälle hervorgerufen werden, die auf der deutschen Grenzbevölkerung im Osten wie ein Alpdruck liegen. Schuldhafte Erschießung deutscher Staatsangehöriger und fortlaufende Abgabe von Schüssen von russischer Seite auf deutsches Hoheitsgebiet wechseln in nicht abreißender Kette miteinander ab.


VI.  Zusammenfassung

Die gesamte, gegen das nationalsozialistische Deutschland gerichtete Tätigkeit der Sowjetunion zeigt an den aus der Fülle des Materials herausgegriffenen namentlich angeführten Beispielen, in welchem Umfange illegale Zersetzung, Sabotage, Terror und kriegsvorbereitende Spionage in militärischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht betrieben wurde. Diese feindlichen Bestrebungen haben nach dem Abschluß des Konsultativ- und Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939 sich nicht vermindert, sondern sind im Gegenteil in Umfang und Stärke gesteigert worden.

gez. Heydrich


22. Juni 1941 | NKWD


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