Adolf Hitler

Letzte Aufzeichnungen. Nürnberg 1945 – 1946


Unabhängige Geschichtsforschung

Alfred Rosenberg



Der Name Nationalsozialismus stammt aus dem Sudetenland, die politische I d e e als Neugeburt des Volkstums in einer die Schäden der Demokratie überwindenden Lebens- und Staatsform hat Adolf Hitler geprägt, gestaltet, erkämpft, zur Höhe des Reiches geführt. Nie war die deutsche Seele einiger mit sich selbst als im Jahre 1933. Nie erschien der groß-deutsche Traum der Wirklichkeit näher als 1938. Nie noch fiel das Reich in größere Trümmer zusammen als 1945. Das alles wird von einem Namen umfaßt, von diesem Namen aber auch vor dem Gericht der deutschen Nation zu verantworten sein.

Jedes Urteil über diese dramatisch große und heute so furchtbare Epoche ist verfrüht. Die Geschichte hat mit dem 8. Mai 1945 nicht aufgehört, die Probleme, die unseren Kampf bestimmten, stehen heute in noch viel größerem Umfange vor der Welt. In der Zeit, da Adolf Hitler tot, sein Werk umtobt von einem Welthaß, in entsetzliche Dinge verstrickt vor uns steht und die Idee gestorben scheint, da stehen sich wieder zwei Welten gegenüber: ungelöst die Gegnerschaften, die Dimensionen über den europäischen Kontinent hinaus auf den ganzen Erdball ausgedehnt.

Was Hitler tat, was er befahl, womit er ehrenhafte Männer belastete, womit er den deutschen Namen, das Ideal der von ihm einst selbst geschaffenen Bewegung gefährdete, das alles ist so ungeheuer im Format, daß gewöhnliche Prädikate zur Kennzeichnung dieses Prozesses versagen. Auch mir steht es nicht zu, mir ein geschichtliches Urteil anmaßen zu wollen. Ich will nur einiges niederlegen, was ich in den vielen Jahren über ihn dachte und einige Einzelheiten erwähnen, die mir als charakteristisch in Erinnerung geblieben sind.

Seit 1920 besuchte ich die meisten Versammlungen Adolf Hitlers. Ich erlebte von den ersten Tagen seines Auftretens an eine feste geistige Grundlage, aber zugleich ein ständiges Reiferwerden bei der Behandlung der zahlreichen Probleme, zu denen er München in den großen Zirkusbau auf dem Marsfeld rief oder zu den „Sprechabenden“. Jeder Aufmerksame konnte feststellen, daß Hitler fortlaufend die politische Literatur der Zeit verfolgte, alles, was mit Versailles zusammenhing, dem Ausbruch des Weltkrieges, mit den Fragen der Rüstung aller Staaten. Merkwürdigerweise beschäftigte er sich nie eingehender mit einzelnen marxistischen Theorien, wohl aber kam er immer wieder auf die wenigen entscheidenden Kerngedanken, deren verhängnisvolle Auswirkung er an Hand politischer Ereignisse schilderte. Im Kampf gegen diese Welt hat er sich aller Mittel der Leidenschaft, der Propaganda, der Ironie bedient, ließ sich aber in der Werbung um die Arbeiterschaft nicht auf Abwege leiten. Als Sozialdemokratie und Kommunismus nach neuen Problemen Ausschau hielten, verfielen sie auf den Vorschlag der „Fürstenenteignung“. Zwar hatten die Länder meist schon ein Abkommen mit den abgedankten Fürstenhäusern getroffen, aber in der innen- und außenpolitischen Bedrängtheit suchte der Marxismus nach neuen Lösungen, um seine „soziale Gesinnung“ zu offenbaren. Entgegen nun solchen Leuten wie Hermann Esser ließ sich Hitler nicht einen Augenblick zu dieser Demagogie verleiten. Er erklärte, wenn man Privateigentum als eine Grundlage des kulturell-volklichen Lebens anerkenne, dann dürfe man aus Grundsatz nicht nachgeben, gleich wie im einzelnen oder als Gesamtheit die Landesfürsten auch gewesen sein mögen. Die NSDAP verfocht dann mit aller Energie diesen Standpunkt, natürlich auch mit dem Hinweis, daß der Marxismus merkwürdigerweise die Millionen der „Kriegsgewinnler“ und „Börsenbanditen“ unangefochten lassen wolle. Der Volksentscheid fiel gegen die marxistische Parole aus.

Als Hitler dann später gegen Hindenburg für den Posten eines Reichspräsidenten kandidierte, ordnete er eindringlich an, die Persönlichkeit Hindenburgs nicht anzugreifen. Mit seiner Gestalt sei so vieles an großer deutscher Geschichte verbunden, führte Hitler aus, daß wir diese Vorstellung nicht zerstören dürften. Die Wahlpropaganda dürfe nur mit der Erklärung geführt werden, daß die Zeit einen Mann der jüngeren Generation fordere, der mitten im Kampf stehe und seine Anhängerschaft sich durch politische Arbeit erworben habe. Auch in diesem Fall, der ihn persönlich betraf, hielt Hitler einen Grundsatz fest gegenüber allen taktischen Verlockungen.

Diese auch in vielen anderen Fällen bewahrte Haltung war es, die mir immer neue Achtung vor Hitler einflößte, wenn ich andere Erscheinungen innerlich ablehnte oder doch als fremd empfand, vor allem, da sich das gleiche auf außenpolitischem Gebiet wiederholte.

Hitler war durchaus der nüchternen Erkenntnis, daß ein verlorener Weltkrieg seine harten Konsequenzen haben müsse. Die Forderung nach den „alten Grenzen von 1914“ lehnte er entschieden ab, weil in einer veränderten Welt auch die nationalen Wünsche neue Wege gehen müßten. Gegenüber der Ablehnung aller Revisionen durch die Gegner erklärte er, deutsche Forderungen könne nur eine Regierung in starker Einheit erheben, dem Novemberstaat aber sei es unmöglich, eine solche darzustellen. Im Grundsatz sei aber dann von der nüchternen Frage auszugehen, wer aus eigenem Interesse eine Vernichtung der europäischen Mitte nicht wünschen könne. Seine Antwort: Italien und England. Wenn das aber richtig sei, folgerte er, dann müßten wir auf Dinge verzichten, die in diesen Ländern dem Willen zu einer Verständigung oder zu einem festen Zusammengehen mit Deutschland entgegenstünden. Das bedeutete also nach der einen Seite Verzicht auf Südtirol, auf der anderen Zurücktreten von der Kolonialpropaganda, die Absage an die Kolonialpolitik, die Betonung, eine Rückgabe von Kolonien nur in freundschaftlicher Abmachung mit England erstreben zu wollen. Hitler hatte auch den Mut, diese Einsichten, diesmal nach der bürgerlich-nationalen Richtung hin, offen auszusprechen. Er schrieb sogar seine erste Broschüre über das Südtiroler Problem als Verteidigung gegenüber dem Vorwurf des Verrats. Verraten hatten Südtirol — und nicht nur dieses Land — jene, welche die Novemberrevolte inszeniert und die Diktate von Versailles und St. Germain unterzeichnet hätten. Bei aller Liebe zu den Tirolern seien ihre Interessen denen der siebzig Millionen anderen Deutschen unterzuordnen: im übrigen seien seine Gegner ja gar nicht von der Liebe zu den Südtirolern, sondern nur vom Haß gegen das faschistische Italien durchdrungen.

Hitler ist also bei all seiner Leidenschaft durchaus nicht den Weg der geringsten Widerstände gegangen, sondern hat nach allen Seiten hin schwere Belastungen seines Wirkens zur Einhaltung richtig angesehener Grundsätze auf sich genommen. Auf der andern Seite aber trat ihm sein zweites Ich nur zu bemerkbar entgegen. Es durchkreuzte oft das beste Wollen und die richtigsten Erkenntnisse, wenn Dinge des rein Persönlichen, des unmittelbaren Gefühls hereinspielten.

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Als ich 1923 mit meiner späteren Frau über Hitler sprach und seine männliche Kraft betonte, fügte ich etwas hinzu, woran sie mich später noch oft erinnert hat: das einzige was mich stutzig mache, sei seine fliehende Stirn, die Hitler etwas Unstetes gebe. Neben der harten sicheren Erkenntnis und einer wahrhaft großen Beharrlichkeit trat dann bei Hitler das Plötzliche, vulkanisch Ausbrechende, Unstete so oft hervor, daß ich dieses Stören seines Aufbaus durch ihn selbst in der Geschichte unseres Kampfes oft beobachten mußte. Da Hitler die damit zusammenhängenden Krisen aber auch immer wieder mit verdoppelter Energie meisterte, so zweifelte ich schließlich an meiner Ansicht und mußte mir sagen, daß er der Weisere sei und vorhandene Kräfte eben sich auswirken lasse. Heute glaube ich allerdings, daß diese Seite seines weitgespannten Charakters die Herrschaft der Goebbels, Himmler und Bormann überhaupt möglich gemacht hat mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben haben.

Ich bin meinem Temperament nach Anhänger der vorbeugenden Methoden gewesen, aber ich mußte gerechterweise zugeben, daß gewichtige Gründe dafür sprachen, zum mindesten bis zur Machtübernahme, auch gänzlich Unliebsame in der Partei zu binden, anstatt sich durch ihren Ausschluß eine neue, und zwar „nationalsozialistische“ Opposition zu schaffen. Das Beispiel des Otto Strasser war warnend genug und bestimmte den menschlichen Taktiker Adolf Hitler in steigendem Maße. War es anfänglich die verständliche Vorsicht, war es die Einsicht, daß man vorhandene auch unglücklich wirkende Kräfte auf die Dauer doch nicht ganz stillegen konnte, so hat in späteren Jahren bei Hitler sicher der Wille mitgespielt, gegnerische Gruppen ruhig bestehen zu lassen, um stets Schiedsrichter und bestimmender Führer zu bleiben.

Ich selbst glaubte, das einmal schon früher erlebt zu haben: 1924. Ich sagte schon, daß ausgerechnet i c h nach dem Fehlschlag vom November 1923 die Zerstreuten wieder zu sammeln beauftragt war. Obwohl Hitler meinen Maßnahmen später zustimmte, empfing er die größten Schreier wie Esser und Streicher, welche über den „Verrat am Hitlergeist“ schwatzten und für eine nüchterne Abschätzung der Lage dank ihrer pathologischen Veranlagung nicht zu gewinnen waren. Ich schrieb deshalb im Juni 1924 Hitler nach Landsberg, ich könne das aus Ehrgefühl nicht hinnehmen und bäte, den Auftrag niederlegen zu dürfen. Ich hatte damals das sehr bestimmte, meinem damaligen Mitarbeiter Karl Friedrich W e i s s auch mitgeteilte Gefühl, daß Hitler den völkischen Zwist gar nicht ungern sah. Er fühlte sich als der eigentliche Führer des gesamtvölkischen Erwachens und dachte sich seine spätere Wirksamkeit wohl leichter, wenn er nicht auf eine neue festgegründete Führung, sondern auf gespaltene Gruppen stoßen würde. Im ersten Fall hätte er vielleicht* selbst einen Kampf um seine alte Geltung führen müssen, im zweiten erschien er als einigender Retter der verzankten Scharen. Diese meine Gefühle schienen mir gleichzeitig blasphemisch, aber im tiefsten Unterbewußtsein doch als richtig. Jedenfalls aber wollte i c h nicht weiter das Objekt dieses Spiels sein und trat deshalb zurück. Ich blieb auch aus diesem Grunde der theatralischen Versöhnungsfeier des 24. Februar 1925 fern.

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Zu diesen Äußerungen des Hitlerschen Charakters auf politischem Gebiet kam dann noch die künstlerische Seite, in der mit das Entscheidende für eine Erkenntnis seiner Persönlichkeit liegt. Als er mich 1925 bat, die Leitung des „VB“ zu übernehmen, sprach er auch über die politischen Bemühungen Ludendorffs in dem vergangenen Jahr. Er sagte, Ludendorff müsse als Politiker versagen, da er unmusikalisch sei. Er dagegen als musikalisch empfindender Mann verstehe die Menschen tiefer und werde sie auch politisch führen können. Diese Worte habe ich nie vergessen, ich habe oft an sie gedacht und wurde 1945 noch einmal in furchtbaren Stunden an sie erinnert.

Hitler wollte also ausdrücken, daß nur der „musikalische Mensch“ die Schwingungen einer Volksseele ganz mitzuempfinden vermöge, deshalb allein die richtigen Worte zu einer Beeinflussung fände und — so schloß er wohl, und dieser Schluß war verhängnisvoll — allein die richtigen Taten zur politischen Führung vollbringen könne. Der politisch nüchternen und oft so wahrhaft klug abwägenden Vernunft stand die plötzlich hervorbrechende Leidenschaftlichkeit entgegen, der tiefen Erfassung ernster Architektur der „musikalische“, unberechenbare, gefühlvolle Augenblick. Im politischen Leben die betonte Disziplin — und der Bohemien, ohne Bindung an Familie, Hof, Konvention oder wie man die stilbildende Formung durch Sitte und Tradition auch nennen mag.

Das alles hat, so glaube ich, nichts mit kleinlicher Kritik, nichts mit Moralisieren zu tun, sondern ist nur ein Versuch, Äußerungen einer Persönlichkeit zu schildern, deren Erfolg nicht nur aus ihren Stärken stammte, sondern auch aus einer Wurzel, welche viele negative Kräfte an die Oberfläche des Lebens brachte.

Das entscheidende Mittel der Beeinflussung des Menschen wurde für Hitler die Rede. Er erzählt in seinem „Mein Kampf“, welche Erleichterung er gefühlt hätte, als er feststellte, daß er frei vor einer Menge sprechen könnte. Rein sachlich gesehen, besteht auch kein Zweifel darüber, daß das gesprochene Wort die Menschen tiefer zu bewegen, jedenfalls leichter auch zu Handlungen zu führen vermag, als das geschriebene. Zweifellos ist die doch manches Hypnotisierende mit sich tragende Rede aber nicht von so anhaltender Wirkung wie ein in jeder Stimmung zu prüfendes Buch; darum durften die Versammlungen auch nie aufhören. Deshalb ist aber auch diese Methode der Willensbildung von Hitler in wahrhaft genialer Weise ausgestaltet worden, zusammen mit allen Mitteln, welche die Phantasie und Einbildungskraft der Menschen zu beeinflussen geeignet waren.

Hierher gehörte vor allem die neue Fahne. Jeder Gedanke, jedes Erlebnis, jedes Opfer, jeder Erfolg rankte sich um dieses Symbol. Es war anwesend bei den ersten großen Versammlungen, es lag im Blut der Toten an der Feldherrnhalle, es senkte sich am Grabe unserer ermordeten Kameraden, führte später an der Spitze marschierender Kolonnen, bis unsere Fahne — ein immer wieder ausgesprochenes Fernziel — am 30. Januar 1933 im Triumph durch das Brandenburger Tor getragen wurde. In dieser Fahne kehrten die alten Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot wieder, verbunden mit einem altgermanischen, ja allgemein-arischen Zeichen. Ich war mit Hitler bei dem Hersteller der ersten Standarten, die er selbst entworfen hatte. In geradezu jungenhafter Weise freute er sich über diese Arbeit.

Alfred Rosenberg und Adolf Hitler bei einer öffentlichen Veranstaltung 1923

Ein Bild aus der Kampfzeit der NSDAP:
Alfred Rosenberg (l.) und Adolf Hitler (r.)
bei einer öffentlichen Veranstaltung 1923.
Beide modisch auf der Höhe der Zeit:
Rosenberg im Zweireier-Mantel mit Hut,
Hitler im Trenchcoat.

Und zum ersten Male erlebten wir eine Fahnenübergabe auf dem sonst noch sehr bescheidenen Münchner Parteitag Ende Januar 1923. Mitten im Winter Aufmarsch auf dem Marsfeld. Erste Begrüßungsrede durch Oberst von Xylander im Namen verwandter Verbände. Dann sprach Hitler. Den Vorbeimarsch nahm er ab, fuhr dann in die Stadt hinein, um noch zweimal an einer Straßenecke sich den Marsch durch München anzusehen. So wirkte seine Schöpfung stärkend auf ihn selbst zurück.

Nach 1924 kam die Uniform der sich herausbildenden Gliederungen hinzu, bis sich ein farbenreiches Ritual auf den Parteitagen in Nürnberg entwickelte, das, jährlich in gleicher Weise verlaufend, gerade in dieser Wiederholung innere einprägsame Überlieferung zu werden begann. In dieser Art ist immer volkliches Brauchtum entstanden. Mit diesen Aufmärschen gingen nebenher die anderen Formen, die Kulturtagungen, der Kongreß, die Sondertagungen.

In diesen Jahren sind viele zu Rednern geworden, die wohl kaum früher daran gedacht hatten, und oft zu recht guten Rednern. Eine einstmalige Scheu, eine doch verkrampfte Konvention sind tausendfach durchbrochen worden, die so äußerliche Wohlerzogenheit machte in Versammlungen der Freude und Zustimmung Platz und setzte Natürlichkeit an die Stelle formaler Bindung.

Aber, so ist es mir immer erschienen, bedenklich war Hitlers Auffassung, nur die großen Redner und nicht die großen Schreiber hätten Geschichte gemacht. Das eine ist ebenso unrichtig wie das andere. Große Männer haben unter verschiedenen Umständen die Geschichte der Nationen beeinflußt, einmal als Staatsmänner und Feldherren, dann als revolutionäre Soldaten (Cromwell, Napoleon), dann als redegewaltige Tribunen. Die Schrift war für Hütten das Mittel seines Wirkens. Luthers Thesen und seine Schriften waren es, welche die größte Revolution des deutschen Volkes einleiteten und fortführten. Das heißt also, die Mittel der großen Wirkung sind verschieden gewesen, die Gegenüberstellung Redner—Schreiber ist deshalb im Wesen falsch, jedoch subjektiv verständlich, da unter den Umständen nach 1918 die Rede vor dem Volk die allein gangbare Methode war, da sich alle Putsche als unzweckmäßig, ja als unsinnig erwiesen. Schließlich ist mir noch oft eine — ebenso einseitige — Anschauung Schopenhauers im Gedächtnis geblieben: Taten vergehen, Werke bleiben bestehen. Die Kämpfe der Griechen in Kleinasien wären nur zu kleinen Liedern über viele Scharmützel verdichtet worden, erst Homer hat sie zu einem ewigen — europäischen — Gleichnis erhoben und der Welt unvergängliche Gestalten geschenkt, deren Form der Darstellung mehr Menschen innerlich bereichert hat, als viele Reden noch so großer Tribunen.

Doch das führt schon in das Gebiet der großen Kunst — diese ist aber am Ende doch geschrieben niedergelegt, und Taten der Politik und des Krieges werden bildende Kraft durch die Gestaltung des Dichters oder Historikers — von Homer, Herodot, Pultarch bis Goethe und Ranke.

Aber Hitlers Ansicht war nach Lage der Dinge verständlich, seine Behauptung auch ein Mittel, das Bewußtsein der Notwendigkeit der Redner zu stärken.

So haben diese Redner denn einen entscheidenden Beitrag für die Kraftentfaltung der jungen Bewegung geliefert, wobei jedoch ein schlechter Redner, wie Mutschmann, einen der bestorganisierten Gaue leitete, und ein so ausgezeichneter Redner, wie Goebbels, einen schlecht funktionierenden Gau führte.

* * *

Ich betone diese ganze Frage, weil sie auch auf das sogenannte „musische Gebiet“ hinüberführt. Denn notwendigerweise waren das Rednerische, der Fahnenmarsch, die Begrüßungsformen etwas Theatralisches, ohne daß dieser Begriff zunächst eine anrüchige Bedeutung zu haben brauchte. Aber die Gefahr einer das Auge blendenden und die Phantasie gegenüber der abwägenden Vernunft besonders fördernden Entwicklung war zweifellos gegeben. Sie war besonders dann vorhanden, wenn sich der Führer selbst nicht nur in Stunden eines verständlichen Überschwangs dem Gepränge eines großen Volksaufbruches hingab, sondern auch in Stunden, die einer notwendig nüchtern abwägenden Selbstbeherrschung hätten gehören müssen.

Gerechterweise ist es zu verstehen, wenn alle Mächte des Gemüts, des Glaubens, des Willens gepflegt wurden, denn es gehörte ein dauernder innerer Antrieb dazu, ohne Namen, ohne Geld, aus dem Nichts im Frontalkampf gegen alle Parteien eine Volksbewegung hervorrufen und gestalten zu wollen, die einst ganz Deutschland sein sollte. Nur einer, der großen Erscheinungen im Völkerschicksal verständnislos gegenübersteht, vermag diese Mächte zu leugnen oder gar als unwichtig abzutun. Eine Natur wie Moltke aber wäre nach 1918 nicht in das gärende Volk getreten, um in unermüdlicher Arbeit — kreuz und quer durch das Reich ziehend, seine Gedanken in beschwörender Rede sammelnd — die Seele der Nation zu gewinnen.

Wir alle mußten uns von den gewohnten Vorstellungen des früheren geistigen und politischen Ringens freimachen. Ich selbst nehme mich hierin in keiner Weise aus. Auf Versailles, auf den Ruhreinbruch, auf die Deutschenverfolgung in Polen wurde ebenso leidenschaftlich in Wort und Schrift erwidert, wie innenpolitisch ein System bekämpft, dessen Führer den Nationalismus als größte Häresie bezeichneten oder auf Parteitagen erklärten, kein Vaterland zu kennen, das Deutschland hieße. Die durchaus richtige Einsicht in die Dinge, verbunden mit dem Rausch des Glaubens, sind das Geheimnis des Erfolges gewesen. Dazu brauchte ein neues Schicksal keinen Moltke, sondern eine Gestalt wie Hitler, wenigstens bis zum 30. Januar 1933. Mit diesem Tage hört der Tribun auf. Die Erprobung des Staatsmanns beginnt.

Hitler hat mit unerbittlicher Zähigkeit die Rolle eines Vizekanzlers abgelehnt. Er hatte schon lange sich im demokratischen Spiel der Kräfte das Recht auf die Führung der Regierung erkämpft. Daß ihm diese von der „Präsidial“vertretung abgeschlagen, ja, daß mit intriganten Spaltungsversuchen sein Werk trotz der erkannten kommunistischen Gefahr zerschlagen werden sollte, hatte seine Achtung vor dem bürgerlichen Nationalismus nicht erhöht. Auch hier blieb er trotz aller Krisen hart und setzte schließlich durch, was er, und mit ihm Millionen, für notwendig hielten.

Adolf Hitler kämpfte dabei im Innern mit sich selbst einen schweren Kampf. Nachdem er kurze Zeit Kanzler gewesen war, sagte er mir mit fühlbarem Stolz: „Die ganze Woche über habe ich alle Akten aufgearbeitet, stets ist mein Tisch am Abend leer gewesen.“ Ich mußte im stillen lachen, denn alles, nur nicht das, paßte zu seinem Stil-. Er gab denn auch diesen Anlauf zur bürokratischen Systematik bald auf. Einerseits lebten sich Lammers, Meißner usw. in kurzer Zeit in seine Wünsche ein, zum andern warf er sich dann abwechselnd mit ganzer Energie auf ein Problem. War er damit beschäftigt, dann hörte er auf keine Bitten noch Lamentationen anderer Stellen, bis er glaubte, sich die notwendigen Einsichten erarbeitet zu haben. In der Münchner Kampfzeit bestellte er sich z. B. alle nur erreichbare Literatur über das Flottenwesen aller Staaten. Diese studierte er dann wochenlang bis vier Uhr morgens. Das war die Grundlage, die ihm ein späteres Urteil derart ermöglichte, daß unsere Admirale, die mit großer Skepsis zum Vortrag kamen, kopfschüttelnd über die intensive Sachkenntnis das Zimmer des neuen Kanzlers verließen. Noch jetzt im Prozeß hat R a e d e r ausdrücklich zugegeben, er habe sich oft als Belehrter und nicht als Belehrender gefühlt. Das gleiche erklärte Dönitz.

Oder Hitler bestellte sich fünfzig oder hundert Jahrgänge alter deutscher Zeitschriften, um die Form der Theater- und Musikkritiken zu verfolgen. Er war empört über die Bösartigkeit der neuzeitlichen Journalistik, die Künstlern gegenüber, die ihr Bestes gaben, nur mit ätzendem Witz oder anmaßendem Besserwissen gegenüberstanden. Er hat oft darüber gesprochen, wie sauber, anständig und verständnisvoll im großen ganzen doch die Besprechungen vor 1850 gewesen seien, wie man sich bemüht hatte, zu verstehen, zu helfen, nicht herunterzureißen und zu bewitzeln. Aus diesem Studium Hitlers stammt die spätere Forderung, den Begriff des „Kritikers“ möglichst abzuschaffen, nicht immer abfällig zu werden, sondern zunächst immer mit dem Willen des Verstehenwollens an die Darbietung der darstellenden Kunst und der Musik heranzutreten.

Auf dieser Kraft der Konzentration beruhte Hitlers Wirkung, ihr Nebenstück war die Vernachlässigung einer großen Anzahl anderer Probleme.

* * *

Ich kann sagen, daß im Grundsätzlichen die Übereinstimmung unserer Ansichten oft verblüffend war. Als ich einmal für den „VB“ einen Aufsatz über die Alkoholfrage geschrieben hatte und gerade den Bürstenabzug las, kam Hitler zu mir in die Redaktion. Er habe da einen Artikel über das Alkoholproblem, ich solle ihn demnächst veröffentlichen. Ich zeigte ihm lachend den meinigen. Dann lasen wir jeder des andern Arbeit und fanden, daß wir von verschiedenen Enden zu gleichen Ergebnissen gelangten. Als ich sagte, ich würde meinen Aufsatz natürlich ablegen, antwortete Hitler: „Auf keinen Fall! Es ist sehr gut, wenn beide erscheinen.“ So brachte denn der „VB“ in der gleichen Nummer die beiden Artikel.

Hitler pflegte die wichtigsten Reden auf dem Parteikongreß sich vorher vorlegen zu lassen. Als ich ihm eine von mir einmal persönlich gab, las er sie gleich durch und sagte mir dann: „Sie stimmt derart mit meiner Rede zusammen, als ob wir uns vorher genau abgesprochen hätten.“

Ich darf sein sich zu mir herausbildendes Verhältnis wohl so ausdrücken: er schätze mich sehr, aber er liebte mich nicht. — Das war an sich nicht zu verwundern, denn einer vom Finnischen Meerbusen brachte ein ganz anderes Temperament mit als einer aus Linz an der Donau. Zu verwundern war, im Gegenteil, die mirakulös gleiche Beurteilung so vieler Probleme im Grundsätzlichen. Ich habe eben ungewollt auf viele Süddeutsche abkühlend gewirkt, und hinter mancher Harmlosigkeit haben sie nur Ironie empfunden. Hitler fühlte sich menschlich wohler in der Umgebung von Esser, Amann, Goebbels, Hoffmann usw. und hatte das unangenehme Gefühl, daß ich doch überwiegend beobachtend dabei war. Das war später sicher der Fall, als ich kleinliche Methoden um ihn herum erkannte, diese Versuche, Bemerkungen seiner Laune anzupassen, ja Goebbels operierte sogar manchmal mit einem scheinbaren Widerspruch, um dann um so mehr seine überzeugte Zustimmung erklären zu können. Ich nahm selbstverständlich vieles Revolutionsbedingte als unvermeidlich hin, brachte aber bei meinen Besprechungen mit Hitler auch meine Bedenken, Kritiken und auch Beschwerden an. Ich sah — noch immer nicht einen werkwürdigen Wesenszug beachtend — doch gerade in ihm die Instanz, welche diese Dinge hören müßte.

Als 1932 die Angriffe auf Röhm so eindeutig und begründet waren und Hitler selbst seinen Ekel vor dessen wohl nicht mehr zu leugnenden Veranlagung aussprach, benutzte ich die Vorlage meiner für den „Europa-Kongreß“ in Rom aufgesetzten Rede dazu, Hitler zu erklären, daß solch ein Mann unmöglich an der Spitze der SA stehen könne. Hitler erinnerte an Röhms frühere Verdienste und fragte mich, ob ich denn jemanden kenne, der in der gegebenen Lage die Führung der SA übernehmen könnte. Wenn es nun auch aus genannten Gründen vielleicht noch zu verstehen war, daß Hitler vor der Erringung der exekutiven Staatsmacht niemanden in die Opposition zwingen wollte, so blieb es mir unverständlich, daß er nach der Machtübernahme Röhm nicht nur in seiner jetzt ungeheuer gestärkten Stellung beließ, sondern sogar Hindenburg veranlaßte, ihn zum Reichsminister zu ernennen, und eine Verordnung herausgab, wonach der Stabschef der SA automatisch auch Reichsminister sei (wie der Stellvertreter des Führers, Heß). Damit dämpfte Hitler jegliche Opposition gegen Röhm in der Partei — nur Rover ließ Röhm wissen, falls er den Boden Oldenburgs betrete, werde er ihn durch die Polizei verhaften lassen —, ließ ihn in herausfordernder Weise die Revolutionsgröße spielen, samt den Trabanten gleicher Veranlagung, die sich stets zu versammeln pflegen.

Hitler räumte später nicht diesen Krebsschaden der § 175er aus, sondern unterdrückte eine politische Revolution jener, die selbst an die Spitze der Wehrmacht treten wollten. Seine Reichstagserklärung gegen die „Sekte“ ging daran vorbei, aber diese „Sekte“ hatte er zunächst an der Spitze seiner SA geduldet, die sich diese Schande nur zähneknirschend gefallen ließ. Später sagte mir Hitler, Röhm hätte mich tief gehaßt, und fügte hinzu, er habe ihn auch nie privat an seinen Mittagstisch geladen. Er schien verletzt, als ich dazu bloß schwieg; er verstand, daß mir das als zu wenig erschien.

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Dieser Fall zeigt ein tiefes psychologisches Problem, eine Haltung, die in ihren letzten Auswirkungen auch in bezug auf andere Persönlichkeiten das Geschick des Deutschen Reiches bestimmt hat. Wollte Hitler durch Röhms Machterweiterung diesen zu illegalen Schritten reizen, um ihn dann aus der Politik auszulöschen? War es ein Rückerinnern an eine Dankesschuld gegenüber dem alten Hauptmann Röhm von 1923? War es einfach ein Schlitternlassen, ein Ausweichen vor den sich aufdrängenden persönlichen Entscheidungen? — Um das i m G r u n d e zu entscheiden, dazu müßte man die gesamte Entwicklung des Röhm-Komplexes kennen. Hitlers Reichstagsrede reicht dafür nicht aus, denn sie ist oft rückschauende Konstruktion, damit die Ereignisse so gesehen werden sollten, wie e r sie gesehen wissen wollte. Vergleiche ich aber sein Verhalten in ähnlichen Fällen vor und nach der Machtübernahme, so will mir scheinen, daß bei ihm im Persönlichen eine verhängnisvolle Scheu vorlag, durch einen klaren Rechtsspruch Schuld und Schuldlosigkeit, Recht und Unrecht festzustellen, eine klare Lage zu schaffen und von ihr aus weiterzuwirken.

In meinem Konflikt (1924) mit den wahrhaft unterwertigen Angriffen der Esser und Genossen vermied Hitler jede Untersuchung und lehnte jede Entscheidung ab, denn beide Teile hätten sich ihm einst zur Verfügung gestellt, als es nur Opfer kostete, deshalb müsse man persönliche Konflikte begraben können und einen neuen Anfang machen. Als der geschilderte Konflikt Strasser—Goebbels kam, forderte und erwartete Hitler wieder Ausgleich und Versöhnung.

Ich hatte im „Mythus“ aus innerem Protest gegenüber einem derartigen dauernden Ausweichen vor Untersuchung und bindendem Schiedsspruch erklärt, der Wettstreit der Persönlichkeiten in einem neuen Reiche dürfe sich nur innerhalb bestimmter Werte unter dem Höchstwert der Ehre abspielen, sonst kämen wir wieder in ein unwürdiges demokratisches Durcheinander. Derartige Worte waren positiv, sie beinhalteten aber für Eingeweihte zugleich eine weitgehende Kritik.

Hitler jedoch wich Klarheit schaffenden Untersuchungen aus, so daß — im Effekt — jener gleichberechtigt dastand, der das Ansehen eines andern mit wenig anständigen Mitteln angetastet hatte. So Esser mir, so Goebbels Strasser gegenüber. Opfer brachte somit immer der, der großmütig war, der dem Führer nicht unnütz Schwierigkeiten bereiten wollte in seinem Werk. Im Falle Koch mußte ich dies dann noch einmal in bitterster Weise erleben, nur daß hier ein vom Führer wieder als „persönlicher Konflikt“ betrachteter Tatbestand eine Schicksalsfrage des Reiches betraf.

Über das Wesen von Goebbels ist der Führer sich doch wohl im klaren gewesen. Aber auch hier erinnerte er sich früherer Zeiten, hatte Mitgefühl mit dem verkrüppelten Mann, den er beschützt hatte; ihm, dem Junggesellen, war es Freude und Entspannung, im Hause von Magda Goebbels zu verkehren und die Kinder um sich zu haben. Er wußte natürlich ganz genau, daß ich Kunst und Kultur tiefer verstand als Goebbels. Trotzdem überließ er die Leitung dieses von ihm leidenschaftlich geliebten Bereiches deutschen Lebens jenem Manne. Weil, wie ich mir später das nur zu oft angesichts bestimmter Ereignisse sagen mußte, dieser dem Führer eine Umwelt zu bieten vermochte, wie ich es nie getan hätte. Goebbels holte zum Führer die schönen Künstlerinnen und die hervorragenden Schauspieler. Er berichtete dem Führer über Ereignisse und Vorfälle aus dem Künstlerleben. Er pflegte das „theatralische“ Element des Führers mit reicher Ausstattung der leichten Muse und sorgte dadurch für eine menschliche Entspannung, wie der Führer sie angesichts der lastenden Fragen der Außenpolitik und der wirtschaftlichen Lage auch unbedingt brauchte.

Niemand wird bestreiten können, daß Hitler eine so schwere allgemeine Situation antraf, daß die Emigranten, voller Vertrauen auf diese Erbschaft, bei aller Hetze doch überall versicherten, er würde bald „abgewirtschaftet“ haben. Sieben Millionen Arbeitslose, außenpolitische Ablehnung, Beginn eines Boykottfeldzugs zur Vernichtung des Außenhandels, das erforderte tatsächlich allergrößte Kraftanspannung.

Ich hatte nicht genügenden Einblick in alle Maßnahmen der neuen Reichsregierung, um darauf näher eingehen zu können. Durch Staats- und Kommunenaufträge wurde die Arbeitslosigkeit beseitigt, und zwar vor der eigentlichen Wiederaufrüstung. Das ungeheure Werk der Reichsautobahn wurde in Angriff genommen, viele Schäden in den Dörfern beseitigt, dem Bauerntum ein Erbhofgesetz gegeben, das, in vernünftigen Maßen gehalten, eine dauernde Verwurzelung des deutschen Bauern, vor allem aber seine hohe Achtung in der Wertung des Volkes gebracht hätte. Der Reichsarbeitsdienst entstand als Gleichnis für die Ehrung der Handarbeit. Das Winterhilfswerk wuchs sich zum großen sozialen Ausgleich der Sorgen der Nation aus. Die Ausschaltung des literarischen Schmutzes, der Pornographie in Malerei und Bühne fegte zum mindesten die Bahn frei für eine neue Kulturleistung.

In allen diesen Fragen war Adolf Hitler treibende Kraft und nimmermüder Motor. Und das Volk ging voller Vertrauen mit ihm.

* * *

Im Jahre 1933 schloß Hitler auch das Konkordat mit dem Vatikan. Ich hatte — selbstverständlich an diesem Werke unbeteiligt — diesen Vertrag als durchaus richtig empfunden, unterschied zwischen geistigen Kämpfen der Persönlichkeiten oder Institutionen, Kirchen oder Philosophenschulen und dem Verhalten einer Staatsraison. Ich habe den Wortlaut des Konkordats dann aufmerksam studiert, aus meinem Ketzerdenken heraus mehrfach den Kopf geschüttelt, aber schließlich gesagt, das sei nun ein Kompromiß des Lebens, wie der Vier-Mächte-Pakt auch einer gewesen war und wie jeder andere außenpolitische Vertrag es eben sein würde. Ich muß das betonen, weil die meisten Menschen zwei Dinge nicht auseinanderhalten können: geistiges Ringen, das nur mit der Zeitspanne von Generationen auf seine Kraft hin zu messen ist, und staatliches Zusammenleben von Völkern, Kirchen, Weltkonzernen, das durch zeitentsprechende aber auch zeitgebundene Verträge geregelt werden kann.

Ich muß allerdings gestehen, daß ich mich später nicht im einzelnen bemüht habe festzustellen, ob und wann der Führer dieses Konkordat verletzt hat, denn ich mußte doch auch erleben, daß nach dem ersten alles mitreißenden revolutionären Schwung die Bischöfe in Reden und „Hirtenbriefen“ gegen Grundgesetze des neuen Reiches eine sehr bemerkbare Gegenpropaganda begannen. Daß sie ihren „weltlichen Arm“, das Zentrum, schmerzlich vermißten, war klar; daß der emigrierte Chef dieser Partei, als päpstlicher Protonotar im Vatikan, gegen den neuen Staat wirkte, mußte als selbstverständlich angenommen werden. Ich war also durchaus nicht geneigt, von vornherein einen Willen des Führers zum Bruch des doch mit kühler Absicht geschlossenen Vertrags anzunehmen. Das Konkordat sollte doch helfen, den außenpolitischen, moralisch-politischen Boykottring zu durchbrechen. Es wäre ja geradezu widersinnig gewesen, durch absichtliche Verletzungen den doch erzielten Erfolg wieder illusorisch zu machen, ja, zu den vorhandenen Gegnern noch neue hinzuzufügen.

Frank, neben mir auf der Anklagebank, meint, die Schuld hätte doch wohl bei unserer Nachlässigkeit gelegen, er sei ja deshalb selbst in Rom gewesen. Jedenfalls begann hier, wie ich jetzt annehmen muß, auf Grund einer zweckbestimmten Berichterstattung durch Himmler, die Sicherheitspolizei Heydrichs zu wirken. Der Umfang seiner Eingriffe war mir unbekannt; die Hirtenbriefe erschienen mir demnach als aus der Geschichte bekannte taktische Versuche der Kirche — da sie nicht mehr herrschte —, als „verfolgte Religion“ wieder Einfluß zu gewinnen. Es muß auch hier einer allseitig abgewogenen Forschung vorbehalten bleiben, zu untersuchen, inwieweit das der Fall war und in welchem Umfang die Polizei schon damals einen wirklichen Grund zur amtlichen Klage gegeben hat.

Ich habe mich auch der Einmischung in die Frage der Konkordatsdurchführung enthalten, weil ich mir natürlich bewußt war, von der derzeitigen Staatsraison aus betrachtet, eine gewisse Belastung der Bewegung darzustellen. Zwar hatte ich mein Manuskript des „Mythus“ Hitler vor Drucklegung zur Durchsicht gegeben, im Vorwort das Buch aber ausdrücklich als ein persönliches Bekenntnis bezeichnet und es nicht im Parteiverlag,  sondern  in  einem angeschlossenen  Unternehmen  herausgegeben. Aber immerhin, es platzte wie eine Bombe in die bisher vollkommen gesicherte Zentrumsherrschaft hinein.

Das Zentrum wußte, daß die Sozialdemokratie auf die Prälaten angewiesen war, um in Deutschland regieren zu können; die Deutschnationalen wieder hofften auf eine kommende Neubildung einer „bürgerlichen“ Regierung, die ebenfalls nur mit Zentrumshilfe zu verwirklichen war. So hüteten sich beide Teile, ihre atheistischen oder protestantischen Ansichten offen auszusprechen. In diese scheinbar sicher abgestimmte geistige Lage brachte der „Mythus“ eine erhebliche Unruhe, hatte ich eben doch schon einen nicht unbekannten Namen, und eine so offene Forderung auf das Recht der Meinungsäußerung, einer andern Gewissensfreiheit, als der Kirche bequem war, wurde als Sakrileg empfunden.

Ich will hier darauf nicht näher eingehen, nur sagen, daß ich es durchaus verstand, wenn der Führer mich nicht als Minister vorsah. Zwar haben andere Staaten die Kirche daran gewöhnt, mit hohen Freimaurern unterhandeln zu müssen (Chautemps), aber wir waren eine noch junge Revolution, und es war richtig, trotz einer Zusage, mich als Staatssekretär ins A. A. zu setzen, „um dann weiter zu sehen“, dies nicht getan zu haben. Ich habe den Führer in Erkenntnis dieser Lage nie mehr an diese Zusage erinnert.

Um dieses persönliche Kapitel abzuschließen, vermerke ich noch, daß der Führer Ende 1939 einem Vorschlag zustimmte, mir eine Weisungsvollmacht an Partei und Staat — mit Wehrmacht — zu erteilen zwecks „Sicherung der Einheit der nationalsozialistischen Weltanschauung“. Es hatte sich so vielerlei als nationalsozialistisch bezeichnet, merkwürdige Leute hatten sich an die Gliederungen gehängt, das Reichserziehungsministerium schlingerte hin und her. Hier wollte ich eine feste, aber keine sektiererische Haltung verbürgen helfen, auch, was das Grundsätzliche der Volksaufklärung durch Goebbels betraf. Der Text der Vollmacht war abgesprochen. Da sagte mir 1940 der Führer, Mussolini wolle doch am Kriege teilnehmen und habe ihn schon zweimal gebeten, im Augenblick nichts zu tun, was die Kirche aufbringen könnte. Eine Vollmacht, wie sie für mich bevorstehe, würde höchste Beunruhigung hervorrufen. Ich antwortete ihm, selbstverständlich müsse sie abgesetzt werden. Ich bin auch in dieser Frage nie mehr auf diesen Auftrag zu sprechen gekommen.

Es wäre vieles anders gegangen, wenn Adolf Hitler diese Staatsraison auch bei jenen angewandt hätte, die dies eher verdient hatten als ich. Aber da sein Gefühl für Goebbels und Himmler stärker war als mir gegenüber, so konnten sich diese beiden vieles leisten, ohne daß ihre Vollmachten beschränkt wurden. Hier, in dieser rein menschlichen Schicht, wurzeln die großen Unterlassungsfehler Adolf Hitlers, die so furchtbare Folgen nach sich gezogen haben. Jenes Undefinierbare, Unstete, letzten Endes Ungerechte, das seine eigenen klugen Überlegungen, Planungen und Taten selbst immer wieder durchkreuzte.

* * *

Im Verlauf des Nürnberger Prozesses haben sekundäre Kräfte wie Schirach und Fritzsche erklärt, der Führer habe sie getäuscht, die Unwahrheit gesagt, sie belogen; ähnlich auch hohe Offiziere, die vom Führer außenpolitisch gar nicht oder hinhaltend unterrichtet worden wären. Rein sachlich gesehen war das Staatsoberhaupt durchaus nicht verpflichtet, allen Generalen und Ministern die vertraulichsten Dinge aus einer gespannten politischen Zeit mitzuteilen und seine Absichten darzustellen. Schwatzhaftigkeit stand zu befürchten, außerdem konnten die betreffenden Personen im Amt ausgewechselt werden, und schließlich wog sein Wort mehr als das eines jeden andern. Zur Prüfung steht, was er getan und befohlen hat und nicht, ob er verschiedene hohe Beamte nicht darüber unterrichtete.

Herr Schacht leistete sich den Ausdruck, „Hitlers Buch“ sei im „allerschlechtesten Deutsch“ geschrieben, verschwieg aber, warum er sich diesem Hitler dauernd als Mitarbeiter anbot. Gerade aber mit dieser Bemerkung war eine Seite berührt, an der sich das Größerwerden Hitlers besonders beobachten ließ. Ein hartes Schicksal hatte ihm keine volle Ausbildung vergönnt, Selbstbildung konnte diese Abrundung nicht einfach ersetzen. Die Arbeit in Wien nahm seine Zeit ziemlich in Anspruch, viereinhalb Jahre Krieg unter wirklichen Soldaten pflegen den Stil auch nicht zu verbessern. Außerdem diktierte er als Redner. Jeder, der selbst etwas geschrieben hat, weiß, daß mit der Hand geschriebene Sätze knapper und prägnanter sind als diktierte. Liegen diese aber dann niedergeschrieben vor, so kostet es große Mühe, sie aufzulösen oder in festere Formen zu bringen. So war denn Hitlers erste Schrift über die Südtirol-Frage voll unleserlicher Längen und seinem „Mein Kampf“ hafteten zweifellos gewisse Mängel an. Ich weiß noch, wie der Redakteur des „VB“, Stolzing-Cerny, sich an den Druckbogen abmühte. Hitler hatte ihn gebeten, Korrektur zu lesen. Da wurden denn allerhand Unebenheiten entdeckt, korrigiert, aber sie konnten nicht derart geändert werden, daß neue Formulierungen entstanden. Unterdes aber reiften Hitlers Sprache und Stil bis zu jenen klassisch geformten Reden auf den Kulturtagungen der Parteitage, die oft ebenso ein Vorbild bester deutscher Sprachkunst wie eines tiefen, großen Denkens waren.

D a s ist wahrhaft auch für mich Symbol für die wachsende Größe eines Mannes gewesen, dem sich andere wirkliche Männer doch nicht aus Dienstbeflissenheit unterordneten, sondern aus der oft bewährten Erfahrung seiner instinktiv sicheren Beurteilung der Probleme und der großen politischen Leistungen, die auf allen Gebieten dauernd anwuchsen.

Derartige Bemerkungen wie die Schachts zeigten wieder jene Überheblichkeit vieler „Gebildeter“, die, selbst über die Höhe eines Bankierjargons nicht hinausgewachsen, eine solche Leistung von angelerntem Durchschnitt nicht zu unterscheiden vermögen. Vielleicht hat der oft erprobte Widerwille Hitlers gegenüber dieser nur durch Schul- und Hochschulzeugnisse verdeckten Beschränktheit seine Abneigung begründet, Gelehrte in sein Haus zu laden.

Er wußte nur zu genau, daß auch die Generale ihn als „Gefreiten aus dem Weltkrieg“ von der Höhe ihrer strategischen Ausbildung aus betrachteten. Deshalb seine jahrelange Arbeit an allen Erscheinungen des militärischen Schrifttums, der Generalstabswerke, der technischen Erfindungen, bis er sich nach und nach — bei vielfach verbliebenen Vorbehalten — die Anerkennung erzwang, so sehr, daß auch ein solcher Kenner aber auch grundehrlicher Mann wie Generaloberst J o d l Hitler als großen strategischen Denker bezeichnete.

Dann kam aber über das rein Militärische hinaus bei Hitler noch jener Funke hinzu, der vielen Generalen selbst angesichts der neuen Entwicklungen mangelte: die neue Taktik der Eroberung von Eben-Emael ist Hitlers persönliche Leistung, ebenso der Feldzug in Frankreich, der im entscheidenden Punkt nicht dem Schlieffen-Plan folgte, sondern innerhalb der rechten Flanke einen Durchstoß mit Aufrollung der Gegner zum Kanal vorsah, was ebenso gelang, wie die Bezwingung der Maginotlinie — entgegen den Denkschriften der später zu Feldmarschällen ernannten Generale. Davon habe ich später gehört. Von Hitler selbst nur die eine Bemerkung: „Die Herren wollen jetzt ihre Denkschriften wieder zurück haben. Ich lasse sie aber zum späteren Studium in Panzerschränken aufbewahren.“ Begann mit diesem Erfolg bei Hitler auch auf militärischem Gebiete die Hybris?

* * *

Ich sage auch. Denn im Verlauf der Entwicklung wurde deutlich, daß Adolf Hitler, früher so großzügig, sich nicht nur hart bei politischen Einsichten zeigte, sondern auch auf künstlerisch-wissenschaftlichem Gebiet, was dann zu Unduldsamkeiten und Gereiztheiten führte.

Neben Musik und Theater widmete Hitler sich von den ersten Tagen seines Machtantritts an auch der gesamten bildenden Kunst. In München hatte ich einige architektonische Entwürfe von ihm gesehen. Wie nicht anders möglich, ungeübt in der Behandlung der Formen, überraschend aber die Zeichnungen und Aquarelle aus dem Weltkrieg, die ich zum Teil im Original, zum Teil in späterer Wiedergabe sah. Sie verrieten natürliche Begabung, Betonung des Wesentlichen und ausgeprägten malerischen Sinn. Sobald der Führer in München war, saß er mit Prof. T r o o s t zusammen, der schon 1932 das Braune Haus ausgebaut und eingerichtet hatte. Hitler wollte der Stadt an Stelle des abgebrannten Glaspalastes ein neues „Haus der Kunst“ schenken und hatte zu diesem Zweck eine Stiftung ins Leben gerufen. So wurde denn geplant und überlegt; nebenher gingen die Arbeiten für die Parteibauten. Auch ich besuchte Troost und seine Gattin im Atelier. Sie wollten damals neben einem Spruch Hitlers auch ein Wort aus dem „Mythus“ über einer Eingangstür des Kunsttempels vorschlagen. Troosts Entwurf war zweifellos schön, würdig und von Beginn an erhaben gegenüber den bisherigen Ausstellungshallen. Die großen Wandflächen an den Seiten ließen sich wohl aus Gründen der inneren Gestaltung nicht vermeiden.

Bei diesem Besuch kam ich auch auf ein Thema zu sprechen, das uns doch etwas Schmerzen bereitete. Neben der Großzügigkeit moderner Baunotwendigkeiten lebte in Hitler auf dem Gebiete der Malerei eine nahezu kleinbürgerliche, oft im Genre steckenbleibende Betrachtung. Er war mit Recht empört über eine Entwicklung, welche mit viel Farbenaufwand und anmaßendem Pinselstrich den Mangel an Formkraft zu verschleiern suchte oder durch „expressionistische“ Verzerrung tatsächliche Unfähigkeit als einen „neuen Stil“ ausgeben wollte. Hitler wußte auch sehr genau, daß hinter dem Wortgeklingel der Feuilletonisten der großen Zeitungen die reinen Geschäftsinteressen der Kunstsalons von Flechtheim, Cassirer usw. standen und daß darüber hinaus noch eine bewußte Verhöhnung des deutschen Schönheitsideals betrieben wurde, um schließlich neben der Vergiftung des politischen Denkens auch noch die Welt des Auges entarten zu lassen.

Hitler erklärte nun, die Malerei müsse wieder von vorn mit gewissenhafter Zeichnung, Formstudium, ehrlichem Handwerk beginnen, sonst sei keine Gesundung mehr möglich, jeglicher Maßstab für eine Urteilsbildung werde sonst fehlen. Man müsse deshalb auch Jahre des Durchschnitts in Kauf nehmen, bei den großen nationalen Ausstellungen auf problematische Außenseiter verzichten und keine Experimente vorführen.

Er war ferner der Auffassung, daß das kritisierte 19. Jahrhundert doch eine große Leistung auch auf dem Gebiet der Malerei hervorgebracht hätte, auf jeden Fall hätten die damaligen Künstler mehr gekonnt als jene Menschen, die für die Formzerstörung der letzten Jahrzehnte verantwortlich wären. Aus diesem Grunde begann er mit immer größerer Leidenschaft Werke dieses Jahrhunderts zu erwerben, um sie einst in der ganz neu zu gestaltenden Stadt L i n z in einer großen Galerie zusammenzufügen.

Hitlers Ablehnung der Gesamtentwicklung im 20. Jahrhundert führte nun sicher zu Einseitigkeiten und Ungerechtigkeiten. Der Maßstab des Sauber-Handwerklichen wurde nicht nur als Voraussetzung der jährlichen großen Kunstausstellung begriffen, sondern wurde manchmal zur kleinbürgerlichen Haltung überhaupt. So wurde geradezu eine Jagd auf S p i t z w e g gemacht — und zugleich auf die Grützners, die dem Geist und Können der Keller, Raabe, Busch nahezu gleichgestellt wurden. Zwar zieht nach einem tiefen Wort Raabes der deutsche Genius ein Drittel seiner Kraft aus dem Philistertum, aber es ist nun nicht notwendig, in der Kunst gerade dieses Drittel zu suchen. Daß der Führer mehrere große Bilder Z ä p e r s kaufte, ist noch verständlich, aber daß ein Mann wie Z i e g l e r Präsident der Kunstkammer werden konnte und zum Professor ernannt wurde, war ein bedenkliches Zeichen. Ziegler war ein vielversprechender liebenswürdiger Mensch; er war durch Aufträge, die Wände einer Villa mit Fresken zu bemalen, gefördert worden. Aber seine Herausstellung zeigte Hitler hier in seinen Schranken. Zieglers mühsame Bilder bewiesen, daß er weder zeichnen noch malen konnte; in beidem steckte er noch in akademischen Anfängen.

Ein großes Aktbild von ihm im Führerbau hängen zu sehen, verursachte mir direkt Schmerzen. (Das Bild verschwand später, als Ziegler — wie ich zufällig erfuhr — verhaftet worden war.)

Will man jedoch gerecht bleiben, so ist festzustellen, daß die großen Jahresausstellungen in München allmählich doch eine beachtliche Höhe erreichten, auch manche früher Vergessene, zum Beispiel Friedrich Stahl, fanden eine größere Ehrung.

Im ganzen aber tauchten in der Malerei — bei starken Talenten wie Hilz, Peiner, Eichhorst — keine neuen, wirklich überragenden Persönlichkeiten auf.

* * *

Anders auf dem Gebiet der Plastik. In meinem Ausstellungsgebäude in Berlin hatte ich u. a. eine Gesamtschau von K l i m s c h und von T h o r a c k gegeben, die allgemein Aufmerksamkeit erregte. K l i m s c h, vielleicht etwas abgeschlossen in der Wahl der Figuren, erreichte eine wunderbare Durchseelung des Steins — seine gerade fertiggewordene „Olympia“ kaufte ich für meine Dienststelle —, Thorack in voller ausschweifender Vielseitigkeit. Beide wurden vom Führer sehr geschätzt, der jedoch vor allem Arno B r e k e r mit großen Aufträgen für das kommende Berlin bedachte. B r e k e r war ein außerordentliches Talent, eine sehr plötzliche Entwicklung von M a i l l o l zu geglätteter Pathetik. Seine Werke erschienen später in dieser Manieriertheit beharren zu wollen („Kameradschaft“, „Bereitschaft“), wobei aber nicht vergessen werden durfte, daß sie als hochgehobene Monumentalfiguren gedacht waren.

Ich habe Breker und Thorack in ihren vom Führer für sie eingerichteten Riesenateliers besucht, fand den ersten stiller, verhaltener (er schuf eine Büste von mir), den andern quicklebendig und sprudelnd. Dabei stand als neuestes ein gänzlich unbarockes Reiterstandbild Friedrichs des Großen in seinem Atelier (bei München), ein Werk, ganz einfach, mit einer Bewegung im Empfinden wie der Gattamelata.

Neben diesen dreien: Jansen, Scheibe, Grävenitz, Esser, B l e e k e r und viele andere, die eine würdige Höhe deutscher Bildhauerei zeigten.

Wie bei so vielen zu großer Macht Gelangten, war Hitlers Liebe jedoch in besonderem Maße der Baukunst gewidmet. 1917 hatte ich in mein Wachstuchheft geschrieben: man könne oft beobachten, daß einer, der revolutionär in einer Kunst denke, konservativ in einer andern sei. Traf bei Hitler ein Wort zu, das mir Frau T r o o s t bedauernd sagte: „er sei in der Malerei im Jahre 1890 stehengeblieben“, so zeigte er sich auf dem Gebiet der Architektur ganz großzügig. In der griechischen Baukunst erblickte Hitler die einmalige Verkörperung der Kunst der nordischen Rasse — was ihn der Gotik gegenüber zu vielen kritischen Bemerkungen veranlaßte —, Ihren Widerhall in den neuesten Entwicklungen fand er natürlich, und diesem selbst gegenüber verschloß er sich durchaus nicht. Er dachte hier genau so, wie ich es in der Frage der Anwendbarkeit der griechischen Form im „Mythus“ ausgedrückt hatte, und fand sicher in Prof. T r o o s t einen gleichempfindenden Künstler. Die Parteibauten in München waren ein erster Versuch. Richtig entworfen, nicht in die Höhe gereckt, einfach in ihrer horizontalen Linienführung, wirkungsvoll die zwei dunklen Kontraste — Adler und Balkongitter. Im Innern des Führerbaues eine vornehme Lichtheit, würdigreiche Einrichtung ohne jede Protzerei.

Im Verwaltungsbau zeigte es sich, daß man alte Gesetze nicht ohne Gefahr beiseitegeschoben hatte: die drei gleichstarken Pfeilerreihen um den Lichthof, übereinander, schienen die oberste Reihe gleichsam in den Raum hineinzuziehen. Verunglückt waren die beiden Tempel mit den Sarkophagen: oben offen, mit einer überhängenden Konstruktion, über die Schultze-Naumburg mit Recht als von „Kunstgewerbe“ sprach, dann etwas dünn geraten. Schließlich, ideenmäßig, was ich Hitler sagte: es waren an der Feldherrnhalle sechzehn Mann gefallen, nicht zweimal acht. Der Wille zur Symmetrie hatte der ganzen Anlage entscheidend geschadet.

Adolf Hitler sagte mir später selbst, daß nach Entwicklung mehrerer Jahre manches anders hätte gemacht werden können. Auch bedauerte er, daß der gleiche Stein verwandt worden wäre wie bei den Propyläen (dort hatten sich dauernd dunkle Streifen in graugewordenem Material gebildet). Meiner Ansicht nach war nicht d a s so schlimm wie die, ich muß schon sagen, Raumvernichtung des Königsplatzes durch die durchgehende Pflasterung mit Granitplatten. Es entsprang dies der Sucht Hitlers, die Natur aus der Architektur zu verbannen. Ihn störte nicht nur ein Baum vor einem großen Bau, sondern offenbar auch der Rasen um die Glyptothek. Schließlich wieder — das „Theatralische“: um für etwa zwei große Aufmärsche vor den Parteibauten genügend Raum zu schaffen, wurde der Königsplatz wie ein Kasernenhof angesehen. Wenn auf dem ausgelaugten Boden des für den Wald verständnislosen Italien keine schönen Bäume in den steinigen Höfen der Palazzos wuchsen, so durfte das kein Grund für Deutschland sein, aus dem Mangel an Tugend dort eine Not bei uns zu machen.

Als ich diese riesige Steinplattenöde zum erstenmal sah, war ich entsetzt. Alle Bauten um den Königsplatz waren totgeschlagen, ferngerückt, um die Maßstäbe gebracht. Man mag mit Recht eine Umgestaltung erwogen haben, Verbreiterung der Straße zum Beispiel, aber die Aufgliederung des Platzes in Rasenflächen und Wege war im Grundsatz richtig, weil alle drei den Raum flankierenden Gebäude nicht von großen Dimensionen und mit zarten Profilierungen versehen waren. Deshalb forderten sie auch kleinere Maßstäbe des an sich für ihre geringe Höhe schon großen Platz. Hier hatte also Hitlers Wunsch nach Aufmarschraum und Versteinerung der Stadt seinen großen Willen zur Monumentalität durchkreuzt. Er hatte es zu eilig haben wollen...

* * *

Bei einer andern Frage aber trafen sich unsere Urteile wieder vollkommen. Die „Hohe Schule“ sollte eine Forschungs- und Lehrzentrale werden. Hitler bestimmte den Chiemsee, ein Baugelände wurde ausgesucht, das ich auch besichtigte, wunderbar am Nordufer gelegen, mit Laub- und Tannenwald. Die Anlage wurde größer gewünscht, als ich sie mir gedacht hatte (Anschluß einer Adolf-Hitler-Schule und ein Gebäudekomplex für Schulungstagungen), aber ich setzte die Zentralisierung und die Möglichkeit der Einsamkeit für Dozenten und Studierende durch, entwickelte meine Pläne, Prof. G i e s l e r und Prof. Klotz wurden beauftragt, Entwürfe und Modelle anzufertigen.

Klotz' Modell lief zuerst ein. Der Münchner Gauleiter Wagner, und ich glaube auch Frau Troost, waren entzückt, an den Führer wurde sogleich telefoniert: so etwas Klassisches sei in Bayern noch nicht entworfen worden. Ich war entrüstet. Keine zentrale Kraft im Hauptbau, die Nebengebäude in Bogenform um das Ufer gelegt, Primitivität der Formen, offene Vorhallen (bei Schneestürmen im bayerischen Hochland!), kurz, ein Entwurf ohne Vertiefung, Produkt eines Großbüros, nicht eines großen Künstlers.

Gieslers Modell dagegen: 480 Meter Seefront, wuchtiges, 80 Meter hohes Mittelmassiv (mit Empfangshalle, Fest-Musiksaal und Observatorium), vier umfaßte stille Architekturhöfe und umgrenzter Park. Vor der ganzen Front eine breite Gartenterrasse mit einem amphitheatralisch abgeschlossenen Abstieg zum See. Bei einigen Vorbehalten: ein großer Wurf, wuchtig nach Nord-Süd ausgerichtet, streng und weltabgeschlossen. Als der Führer die beiden Modelle sah, dauerte es kaum Minuten, dann hatte er sich für den Entwurf Gieslers entschieden. Und dabei kam wieder ein so liebenswerter Zug bei ihm zum Ausdruck gegenüber Klotz. Er sagte Dr. Ley, der sich mit allen Mitteln in die „Hohe Schule“ auch mit „seinem“ Architekten Klotz einschalten wollte: vielleicht ließen sich die Anregungen, die in seiner Arbeit steckten, bei einer andern Aufgabe auswerten.

Das Modell der „Hohen Schule“ ist vielfach in Zeitschriften veröffentlicht worden. Es ist ein Traum geblieben.

Was der Führer in Berlin, Nürnberg, München usw. plante, ist einigermaßen bekannt. Als ich aber einst Speers Modell der künftigen Reichshauptstadt und die Einzelentwürfe verschiedener Architekten sah, war ich doch starr, als ich die Dimensionen dargelegt bekam. Ich hatte ebenfalls Interesse für meine Berliner Dienststelle, die mir bewilligt worden war. Man einigte sich dahin, ein Haus mittlerer Größe im Regierungsviertel und einen Schulungs- und Ausstellungskomplex in der neuen Südstadt zu errichten. Doch die Darstellung dieser Pläne Hitlers kann nicht meine Aufgabe sein. Sie hätten bei all den ungeheuren Summen jedoch — wie Speer aussagte — soviel gekostet, wie zwei bis drei Monate dieses zweiten Weltkrieges...

Hinter all dieser Planung stand wieder eine titanische Energie mit genialer Zukunftswitterung und gigantischer Vorstellung vom Deutschen Reich und deutscher Schöpferkraft. Hitler dachte wahrhaft groß von Deutschland, groß von sich, ja übergroß von jenen Möglichkeiten, die dem deutschen Volke zu Gebote standen. Und diese wollte er ändern.

* * *

Keine Frage über das Recht, den Rechtsbruch von Versailles zu überwinden, keine Frage, daß die andern ihr eigenes Diktat zwanzig Jahre verletzten: weder rüsteten sie ab noch gaben sie uns freiwillig die Gleichberechtigung. Sie verweigerten den Anschluß Deutschösterreichs, sie sahen von Genf aus ruhig zu, wie die Polen in Verletzung der Minderheitenrechte bis 1931 schon eine Million Deutscher vertrieben hatten...

Auch das alles will ich nicht schildern, obwohl es im Prozeß nicht zur Sprache gebracht werden durfte. Es ist trotzdem deutlich geworden. Aus allem aber, was ich jetzt aus den zahllosen einzelnen Zeugnissen (Ansprachen, Befehlen, Zeugenaussagen) — in Verbindung mit der früheren jahrelangen Beobachtung — entnehmen konnte, scheint folgendes als Sachliches festzustehen:

Der Führer glaubte seit 1937, nachdem er die Ablehnung einer Verbindung Englands mit Deutschland als nicht zu ändernde Tatsache hinnahm, daß jetzt diese Zeit — in der England noch keine Konflikte wünschte — von ihm mit aller Energie, unter bedrohlichem Einsatz, ausgenützt werden müßte.

In diesem Zeichen härtesten Ringens stand das Jahr seines größten Erfolges: 1938. Er konnte vor Rührung kaum sprechen, als er, der umjubelte Erfüller alter deutscher Sehnsucht, in seine Jugendstadt Linz einzog und dann in Wien seine „größte Meldung an das deutsche Volk“ erstattete. Die aus Österreich kommende Losung, die dort alle Charaktere, auch in Konzentrationslagern und Gefängnissen, aufrechterhalten hatte: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“ wurde Bekenntnis von achtzig Millionen. Nie, nie darf das vergessen werden!

Und dann: alle Anklagen, was Österreich betrifft, sind nachträgliche Bösartigkeiten. Die Beweise, daß Norwegen, Holland, Belgien nicht mehr neutral waren, wurden erbracht. Eindeutig wurde, daß die Sowjetunion zu einem ganz großen Schlag ausholte — und der Führer angreifen mußte, um bei Minsk und nicht bei Breslau kämpfen zu können . . .

Aber voll schwerster Schicksalsfragen sind und bleiben doch die Stunden der Gründung des Protektorats und, vor allem, des Angriffs auf Polen. Hat Adolf Hitler hier das Dasein von Volk und Reich aufs Spiel gesetzt? Hat er in seinem Selbstgefühl und autosuggestiven Sendungsbewußtsein eine diplomatische Schlappe auf keinen Fall hinnehmen wollen? Hat er leichtsinnig über die Kriegsbereitschaft Englands gedacht? Einmal noch zuckte er zurück, als er nach Empfang des Briefes von Chamberlain den für den 26. August ergangenen Angriffsbefehl widerrief. Dann aber ließ er dem Schicksal seinen Lauf. Aus Geltungssucht? Aus Mangel an Selbstbeherrschung in entscheidender Stunde?

Oder sah er, wie sich aus manchen jetzt bekanntgewordenen Reden ergibt, folgende Entwicklung vor sich: Stillstand der wirtschaftlichen Gesundung, Abschnürung des deutschen Außenhandels durch den stärker werdenden Boykott der jüdischen und der sonstigen Gegner; Nachlassen der Bodenerträge und fehlende Getreidereserven auf eigenem Hoheitsgebiet, Unmöglichkeit dauernder Einkäufe großen Maßstabes, Arbeitslosigkeit, Hunger; der bestehende einzige Vorsprung einer modernen Luftwaffe in sechs bis zehn Jahren eingeholt. Er selbst dann erheblich älter, infolge seiner Magenkrankheit am Leben bedroht. Dann eine jetzt schon systematische Abdrosselung und Einkreisung des Reiches von allen Seiten her, somit fast kampfloses, ruhmloses Ende einer großen Revolution.

Oder: Rückführung der geraubten Grenzländer, Einverleibung der Kerngebiete im Osten, Durchbrechung der erkannten Einkreisung, Eroberung des großen Raumes als Voraussetzung eines Luftkrieges? Schlachten in West und Ost nacheinander, dadurch Vermeidung eines späteren Zwei oder Mehrfrontenkrieges?

Und wenn das alles richtig war in sechs bis zehn Jahren, durfte er dem Schicksal zuvorkommen? Konnten bis dahin nicht viele neue Entwicklungen in Gang kommen, alte Gegner sterben, neue Freunde gewonnen sein?

Alles Fragen, die nur die Zukunft beantworten wird. Das Ergebnis ist jedenfalls ein Zusammenbruch von Volk und Reich, wie er noch nie da war. Die Fahne dieses Reiches wehte an den Pyrenäen, am Nordkap, an der Wolga, in Libyen siegreich wie nie zuvor. Diese Fahne liegt heute zerfetzt unter Trümmern und — das ist das Furchtbare — besudelt durch jene, die Hitler sich als die Umgebung seiner entscheidenden Jahre gewählt hatte, die nicht auf der Seite des Wagens, des Beherrschens, des Einhaltens altehrwürdiger soldatischer Formen und Normen standen, sondern es darauf anlegten, die andere Seite — die theatralische, „musische“, leidenschaftliche, ichbezogene zu stärken. Und die andern von früher, die zählten nicht, weil man sie entfernt hatte oder aber, weil sie ohne politische Konzeption (Ribbentrop) waren.

Das war nicht plötzlich so gekommen, das alles reichte viele lange Jahre zurück. Die Gründung eines Propagandaministeriums an sich war ein grundsätzlicher Irrtum im Staatsbau, seine Verbindung mit der Kunst ein zweiter. Die Überhöhung des Chefs der Polizei in der sich allmählich darstellenden Gestalt Himmlers und die Aufhebung der Rechtsnormen über eine Revolutionsperiode hinaus bildeten eine Gefahr für die nationalsozialistische Staatsidee überhaupt, seine Einwirkung auf die Wissenschaft und Religion eine weitere. Und schließlich im Kriege selbst: der Verzicht auf politische Psychologie.

* * *

Anfangs schien er nicht abgeneigt, meine Konzeption zu teilen: im Osten mit drei Viertel Psychologie und nur einem Viertel Machteinsatz zu regieren — dann ergab er sich uferlosen Ideen, ohne das Raumgefühl, das er selbst doch bei meiner Berufung noch hatte, als er mir erklärte, der Osten sei ein ganzer Kontinent, über den ich ihn beraten und ihm helfen solle.

Erst 1944 las ich die Erinnerungen Coulaincourts über Napoleon und staunte über dessen gleiche Haltung Rußland gegenüber. Coulaincourt warnt Napoleon vor dem russischen Winter — Napoleon erklärt, bis dahin sei der Krieg zu Ende. Coulaincourt warnt, Alexander werde keinen Frieden schließen — Napoleon erwidert, sie verstünden alle nichts von der Politik, er überschaue alles besser. Säße er in Moskau, so würde der Zar sehr bald Frieden schließen. Bei beiden wandte sich dann das Glück vor Moskau ab. So wie Napoleon es ablehnte, die russischen Bauern zur Revolution zu rufen, so lehnte Hitler — unter dem Applaus seiner Vertrauten — meine Vorschläge ab zur politischen und kulturellen Autonomie aller Völker Osteuropas und ihre Einbeziehung in den Kreislauf des Kontinents.

Bei Jakob Burckhardt fand ich ein Zitat von P l a t o, wonach ein Untergang sich in dem Aufkommen einer Theatrokratie anzeige. Gerade das aber ist es, was den Mißbrauch der nationalsozialistischen Weltanschauung darstellt. Es war die Vorbedingung dafür, daß sie entarten konnte, als die Theatrokratie mit der Geheimpolizei eines Sektierers den Hofstaat jenes Mannes zu bilden begannen, der so klug und weit plante, so nüchtern sprach und entwarf, um dann die auch notwendige „musische“ Seite in einer Selbstberauschung Herr über sich werden zu lassen.

Unbillig und ungerecht wäre es, von einem großen Manne des kämpferischen Lebens dauernde Harmonie und die Charakteridylle einer Friedensepoche zu erwarten. Das Auftreten in einer gärenden Zeit, die Schaffung einer Volksbewegung fordern die Ausbildung oft gänzlich verschiedener Fähigkeiten, zusammengehalten durch die Klammer einer großen Persönlichkeit. Adolf Hitler hat sich große Mühe gegeben, dieses Band zu festigen. Er hat nüchtern politische Chancen abgewogen, Äußerungen noch so verständlicher Gefühle untersagt, wenn die Politik dies erforderte.

Er erfuhr es aber auch, daß Bewegungen stark emotional sein müssen, um sich in einem längeren Kräftespiel zu erhalten, daß das Gemüt, der Glaube es ist, der entscheidend hilft, Verfolgungen und Niederlagen auch dann noch zu überstehen, wenn alle Gründe des Verstandes bereits dagegen sprechen.

Er holte sich Kraft von zwei schon sehr fern voneinander liegenden Polen, so daß er manchmal gleichsam zu zerreißen drohte.

Seine jetzt bekanntgewordenen Reden waren — wenn der Wortlaut authentisch ist — Ausbrüche eines Menschen, der sich mit niemandem mehr im Ernst berät, der aber doch irgendwie die Worte seiner inneren Stimme hören will; es sind Selbstgespräche, zum Teil logisch, zum andern Teil ausschweifend.

Und — wieder das Furchtbare — auch in der Außenpolitik die Wertung des Theatralisch-Propagandistischen. Hier wurzelt die Überschätzung des Faschismus. Taub gegenüber allen sehr nüchternen Erfahrungen des ersten Weltkrieges, lebte Hitler — bis 1934 jedenfalls — in der Überzeugung, daß der Wille Mussolinis das italienische Volk neu geformt, auf eine neue Höhe gehoben habe, stark genug, den Engländern widerstehen zu können. Ob er das wirklich glaubte oder ob er angesichts der Tatsache, daß England nicht zu gewinnen war, den faschistischen Bundesgenossen nur herausstreichen wollte? Nein, der einst von Männern unternommene Versuch, aus Italienern eine kämpferische Nation zu formen, war schon lange an den Italienern selbst gescheitert.

Im Laufe des Krieges verlor Göring immer mehr an Sympathie, die Unmöglichkeit, feindliche Bomber abzuwehren, ließ ihn dafür verantwortlich erscheinen. Der Führer sprach, wie mein Referent von seinen Sekretärinnen erfuhr, deshalb mehrfach über das Problem der Nachfolge. Dabei erwähnte er auch Himmler. Aber, fügte er hinzu, Himmler werde von der Partei abgelehnt und außerdem sei er ein amusischer Mensch. Also nicht andere Gründe waren es, die eine Kandidatur Himmlers undiskutabel erscheinen ließen, als (1945) dieser Mangel. Dabei war klar, daß zur Erhaltung des S t a a t e s das Volk jetzt keine „musischen Menschen“ mehr brauchte, sondern kluge, nüchterne Charaktere. Die großen Erbauer von Weltstaaten waren übrigens gerade die amusischsten unter allen: Römer und Engländer. Also bis kurz vor seinem Ende ließ Adolf Hitler Werte auf einem Gebiet gelten, die hier hindernd, ja bereits verhängnisvoll geworden waren, während er die politische Psychologie schließlich zugunsten einer primitiven Säbelmacht ausschaltete.

Adolf Hitler geht auf jeden Fall als eine dämonische Gestalt ungeheuren Formats in die Geschichte ein: ein großer Glaube an sein Volk und dessen Sendung, eine alles überwindende Beharrlichkeit, eine oft geniale Schau der Vereinfachung und schöpferische Antriebskraft auf vielen Gebieten, ein eisenhart gewordener Wille — eine überschäumende Leidenschaft... plötzliche Gefühlsäußerungen, die wieder umschlugen, Selbstberauschung durch Schaustellungen, Überschätzung emotionaler Möglichkeiten in der Außenpolitik, Identifizierung seines Willens und Schicksals mit dem Geschick der ganzen Nation, übersteigertes, schließlich schon unverständlich gewordenes Sendungsbewußtsein. „Ich brauche keine Ratgeber“, „Ich gehe mit nachtwandlerischer Sicherheit meinen Weg“, sagte er in öffentlichen Versammlungen.

So sehe ich in diesen flüchtigen Umrissen den Mann, dessen Leben und Aufstieg ich seit dem Beginn seiner politischen Wirksamkeit verfolgen konnte: zuerst ihm nahestehend, dann entfernter, schließlich als unbequemer Mahner und lebendiger Vorwurf jenen gegenüber, die sein Gefühl um sich versammelt hatte. Ich habe ihn verehrt, ich bin ihm gegenüber loyal bis zum Ende geblieben.

Und jetzt ist mit ihm Deutschlands Zerstörung gekommen. Da steigt manchmal bei mir das Gefühl des Hasses auf, wenn ich an die Millionen gemordeter, verjagter Deutscher denke, an das unsagbare Elend, die Ausplünderung des noch Verbliebenen und an die politische Aufteilung eines tausendjährigen Gutes.

Dann aber kommt doch wieder das Gefühl des Mitleids mit einem auch einem Schicksal unterliegenden Menschen, der dieses Deutschland ja auch heiß geliebt hatte wie wir alle, und dessen Ende es war, tot in eine Decke gewickelt, in eine Grube gelegt, mit Benzin begossen und verbrannt zu werden — im Garten der Reichskanzlei, zwischen den Trümmern eines Hauses, von dem aus er einst hoffte, die Ehre und Größe der Nation nach langer Unterdrückung wiederherstellen zu können.

Das alles in seinem tiefsten Sinn zu verstehen, ist uns nicht möglich.

Nürnberg, 1946


Arno Breker. Der Verwundete
Arno Breker. Der Verwundete


Der Führer

Eine Trommel geht in Deutschland um
und der sie schlägt, der führt,
und die ihm folgen, folgen stumm,
sie sind von ihm geführt.

Sie schwören ihm den Fahnenschwur,
Gefolgschaft und Gericht,
er wirbelt ihres Schicksals Spur,
mit ehernem Gesicht.

Er schreitet hart der Sonne zu
mit angespannter Kraft.
Seine Trommel, Deutschland, das bist du!
Volk, werde Leidenschaft!

Herbert Böhme


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