Wie sicher ist Europa?


Freiherr Jordis von Lohausen


Dr. Pierre Krebs | Mut zur Identität

Mut zur Identität
Alternativen zum Prinzip des Gleichheit / hrsg. Von Pierre Krebs.
ISBN 3-922314-79-1
© Pierre Krebs, 1988

Wir leben einen politischen Bruch: der alte Streit zwischen ,rechts’ und ,links’, die soziale Frage betreffend, verliert an Kraft. Die offiziellen Rechten und Linken begeben sich zunehmend in eine ideologische Umarmung, der die politische auf dem Fuß folgt: sie haben Gemeinsamkeiten entdeckt, was den Fortbestand der sogenannten westlichen Zivilisation betrifft, und zwar vor allem in den negativ zu bewertenden Bereichen dieser Zivilisation, in den Bereichen ihrer machtstrukturellen, besonders ihrer egalitären, ökonomistischen und universalistischen ,Werte’.

Dieses Buch will etwas dagegen tun. Die einzelnen Abhandlungen zeigen auf, daß sich eine neue Trennungslinie entwickelt, zwischen den Anhängern des Kosmopolitismus und den Verfechtern der ethnokulturellen Identität. In unserer Zeit der Entfremdung von kultureller Schöpferkraft und Tradition eines Volkes ist es unerläßlich geworden, die Wurzeln der Identität, der geistigen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung des Einzelnen sowie der verschiedenen Lebens- und Kulturgemeinschaften zu beschreiben, ferner eine Argumentationsbasis für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Geist der Entmündigung, Auflösung und Zerstörung herzustellen.

Die neuen Streitgespräche über die Problematik der Einwanderung und der mehrrassischen, mehr- und mischkulturellen Gesellschaft, über den Verlust von kulturellem Erbe und der Tradition eines Volkes sowie über die technische Entwicklung werfen bezeichnenderweise stets als eine entscheidende Frage die nach der Identität auf. Auch die Bedrohungen auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet stehen im Mittelpunkt der Identitätsdiskussion. Im Kampf gegen die universale Mischkultur muß man die nationalen europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Es gilt, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Mut zur Identität verficht das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker, und nicht umgekehrt!


Gefahren der geographischen Lage

Heinrich Jordis von Lohausen (1907 - 2002)

Wie sicher ist Europa?

So unsicher — könnte man sagen — wie es den Gefahren seiner geographischen Lage entspricht, und so sicher, wie das Maß seiner Abschreckung es zuläßt. Die Gefahren der Lage sind unabänderlich, die erreichte Abschreckung liegt im Belieben der Europäer. Wer seine „Aggressionen“ nicht verzettelt, sondern militärischer Disziplin unterwirft, wem der Wille, sich zu behaupten, die richtigen Waffen in die Hand drückt — der hat auch an gefährdeter Stelle Aussicht, in Freiheit zu überleben.

Sicherheit ist somit zuerst eine Frage der Nachbarschaft und dann eine der dieser Nachbarschaft entsprechenden Rüstung. Bündnisse können eine solche Rüstung zwar vorübergehend ersetzen, aber nie auf die Dauer. Auf die Dauer hat jedes Land stets die Armee, die es verdient — entweder die eigene oder eine fremde. Die eigene — so meinte einmal ein finnischer Militärschriftsteller — sei besser.

Außer einer geopolitischen Antwort erheischt die gestellte Frage demnach noch eine psychologische. Beide für Europa beantworten, heißt die Stärke seiner Bedrohung in Verhältnis zu setzen zur Stärke seines Willens zu sich selbst.

Das Maß der Bedrohung läßt sich ohne Mühe von der Landkarte ablesen. Europa kann weder aus der Nähe Rußlands wegrücken noch aus der des Atlantiks. Daher stellt allein der Faktor „Lage“ eine konstante Größe im Ansatz der hier zu lösenden Gleichung dar. Europa ist nicht nur für Europäer begehrenswert. Es liegt im spitzen Winkel zwischen Mittelmeer und Atlantik, sperrt alle Zugänge der eurasischen Landmasse zu diesem Ozean und überwacht die Durchfahrt zum Indischen. Seine Sicherheit hängt daher davon ab, ob es selber Herr dieser Wege ist oder ob sie von fremden Mächten beherrscht werden.

Eine dritte Möglichkeit gibt es hier nicht. Wer immer kann, wird sich der europäischen Küsten bemächtigen und sich der Vorteile bedienen, die sie allen Nachbarn — Afrikanern, Asiaten wie Amerikanern — zu bieten haben.

Dazu kommt, daß Europa nicht nur über sein breites sarmatisches Vorfeld mit dem afroasiatischen Festland verbunden ist, sondern überdies noch durch drei Doppelbrückenköpfe (vergl. Skizze). Nebst der Ausschaltung jeder atomaren Bedrohung verlangt seine Sicherheit somit zu der jenes Vorfeldes noch die der drei Brückenköpfe — des skandinavischen, des atlantischen und des kleinasiatischen — sowie die Kontrolle des nördlichen Atlantiks, des Mittelländischen und des Roten Meeres.

Von den drei Brückenköpfen sind sowohl der nördliche, skandinavische, als auch der südöstliche, kleinasiatische, auf das schwerste bedroht, und der südwestliche, atlantische, nur noch auf der eigenen — spanischen — Seite in europäischer Hand. Mehr als ein Drittel der europäischen Halbinsel ist der Gewalt einer außerhalb beheimateten Macht unterworfen; der Rest mit goldenen Ketten an den Willen überseeischer Finanzherren gefesselt. Zu den Gefahren der Lage Europas treten hiermit noch — weit schwerer als diese — die seiner Abhängigkeit. Europa ist heute kein souveräner Subkontinent mehr.

Subkontinent der Brückenschläge

Subkontinent der Brückenschläge | Skizze 1

Skizze 1

Kleinasien, Skandinavien, die britischen Inseln sowie Nordafrika nördlich des Atlas sind Fortsetzungen der europäischen Halbinsel jenseits der sie rings umgebenden Meerengen. Umgekehrt sind Spanien, das apenninische Italien und die nord- und westägäischen Länder Fortsetzungen Vorderasiens und Afrikas auf europäischem Boden.

Inmitten dieser fünf Brückenlandschaften liegt, von keiner von ihnen berührt, noch als Teil des europäischen Kernraums, aber doch als in sich geschlossenes Gebiet das süddeutsche Trapez. Zwischen Vogesen und Böhmerwald, Alpen und deutschem Mittelgebirge gelegen, wird es von den Einzugsgebieten der Oberläufe von Rhein und Donau (samt deren von der Aare bis zur Enns nordwärts zur Nordsee — nicht wie die Donau selber nach Osten, zum Schwarzen Meer drängenden Nebenflüssen) gebildete und stellt neben den drei anderen (Böhmen, Mähren und dem Donaukessel) die vierte, westlichste und zugleich innerste der vier größeren europäischen Binnenlandschaften dar.


Wiege der Weißen

Die Oberfläche der Erde zerfällt in zwei Hälften: den Stillen Ozean und den Rest. Der Rest, das sind die beiden Festländer und der Atlantik. Am Atlantik und der ihn fortsetzenden Arktis liegen — einander zugekehrt — vom La Plata bis zum Mackenzie und vom Kongo bis zum Lena die großen Stromgebiete der Erde.

Von weiten Ebenen umrahmt, ist der schmale Atlantik daher der vornehmlich die Kontinente verbindende Ozean, der Pazifik der sie trennende. Er trennt auch Weiß und Gelb, die beiden großen nach Vernichtung der indianischen nun noch allein Kultur tragenden Rassen. Bis zur gewaltsamen Öffnung der chinesischen und japanischen Häfen war die innereurasische Steppe das hauptsächliche Feld ihrer Begegnung, später die See. Ihr dramatischer Höhepunkt, schlimmer noch als alle Verheerungen Dschingis Khans: die beiden Bomben auf Hiroshima und Nagasaki.

Seit 1945 steht die schwindende, von Wohlleben angekränkelte weiße Rasse in einer dreifachen Abwehrstellung: gegen fremde Stärke im Osten (China, Japan usw.), gegen fremde Unterwanderung von Süden1 (Afrika, Mittelamerika) und gegen die zunehmenden Zweifel an sich selber.

Die größten Schlachtfelder der Unterwanderung liegen in den Bereichen der Neuen Welt. Aber auch die Russen haben den Feind nicht nur vor der Tür. Auch im eigenen Haus sehen sie sich einer in beängstigendem Ausmaß zunehmenden Zahl von Asiaten gegenüber. Beide Großraummächte des Nordens stehen insofern mit Europa in einer Front. Noch immer findet sich dort die dichteste Ansammlung weißer Menschen. Sie in der Enge der Halbinsel verkümmern zu lassen, gereicht weder Rußland zum Heil noch Amerika.


Mitte der Kontinente

Die Anlage unserer Atlanten stellt uns die Erde als eine vorwiegend westöstliche dar, als zweimalige Folge von Wasser und Land: Alte Welt, Atlantik, Neue Welt, Pazifik. Die Wege der üblichen Seefahrt unterstreichen das noch.

Man fährt rund um die Erde über Panama, Singapur, Suez, Gibraltar oder umgekehrt. Aber man fliegt über den Nordpol, und die todbringenden Kontinentalraketen sind auf den gleichen Weg eingestellt. Zeitgemäßer erscheint daher eine Darstellung der Erde mit den Polen, nicht dem Äquator als Mitte. Sie zeigt uns zwei sehr ungleiche Bilder: die nördliche Halbkugel als Schauplatz zur Arktis drängender Landmassen, die südliche als Feld um den Südpol kreisender Meere: hier extreme Landarmut, dort die Ballung der Kontinente. Alle Festländer der Erde werden nach Norden zu breiter. Dreiviertel ihrer Masse liegen nördlich des Äquators, darunter fast alle Länder der gemäßigten Zone. Nahezu die gesamte bekannte Geschichte der Erde hat sich hier abgespielt. Hier rund um die Arktis, zwischen dem 40. und dem 50. Breitengrad sitzen die Schwerpunkte irdischer Macht: Washington — Paris — Berlin — Moskau — Peking — Tokio. Nordamerika und Nordeurasien halten die Schlüssel zur übrigen Erde. Hier am äußersten Nordwestende der Alten Welt liegt als Mitte allen irdischen Festlands Nordamerika unmittelbar gegenüber die Halbinsel Europa. Trotz deren zunehmender Entmachtung ist auch die Welt von heute immer noch europazentrisch, liegen die Hauptstädte der beiden weißen Weltmächte immer noch weitab ihrer natürlichen Mitte, nämlich statt am Michigan- und am Aralsee in möglichster Nähe Europas: New York und Washington unmittelbar London und Paris, Moskau und Leningrad unmittelbar Berlin und Stockholm gegenüber. Denn nach wie vor hängt am Besitz Europas die Herrschaft über die Welt, bezeichnet die Gegend nördlich von Paris die genaue Mitte der am meisten landbedeckten Hälfte der Erdoberfläche (Skizze 2). Wie um sein Gegenbild Neuseeland die Ozeane, scharen sich um Europa die Kontinente2. Westliche Verlängerung Asiens, nördliche Afrikas und nächstes eisfreies Gegenufer zu Nordamerika, findet dieses Europa im Süden die Ergänzung der Tropen, im Westen die Partnerschaft der Neuen Welt, im Osten den fehlenden Raum. Die Möglichkeit weltweiter Vormacht ist in dieser Lage ebenso eingeschlossen wie das Absinken zum amerikanischen Brückenkopf, zur asiatischen West- oder zur afrikanischen Nordprovinz. So oder so aber, ob als Abhängige, als Freie oder Gebieter bleiben die Europäer im Brennpunkt des Weltgeschehens. Europa kann weder aus der Nähe Rußlands wegrücken noch aus der des Atlantik. Die Weltabgeschiedenheit der Südsee ist ihm verwehrt. Ein für allemal bleibt es die naturgegebene Ausmündung der nordeurasischen Ebenen, deren Tor zum Atlantik. Eine solche Lage läßt seinen Bewohnern auf die Dauer keine andere Wahl als die zwischen Unterwerfung oder weit ausstrahlender Macht.

Die Mitte der bewohnten Welt

Die Mitte der bewohnten Welt | Skizze 2

Skizze 2

Europa — und innerhalb Europas Nordfrankreich — bezeichnet die Mitte der am meisten landbedeckten Erdhälfte, der Nordatlantik die kürzeste eisfreie Verbindung von Alter und Neuer Welt.
Die Europa abgewandte Seite der Welt umfaßt außer der Antarktis nur Australien, die Sundainseln, Neuseeland, Argentinien und Chile.


Dieser Macht hat sich Europa aus eigener Initiative begeben. Innerhalb einer Zeitspanne von nur dreißig Jahren haben zwei von London und Paris mitveranlaßte Kriege seiner Herrschaft ein vorzeitiges Ende bereitet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Ansammlung von allein vier der damals insgesamt sieben Großmächte der Erde, hatte es 1914 noch alle Früchte einer Hegemonie ausgekostet, an welcher Amerika, Rußland und Japan nur als Außenseiter teilhatten. Die britische Flotte gewährleistete Europas Unangreifbarkeit über See, das deutsche Heer über Land. So lange hier ein, wenngleich unausgesprochenes deutschbritisches, besser noch deutsch-französisch-britisches Einverständnis bestand, solange die Europäer sich einander, wenn schon nicht verbanden, so doch duldeten und der Friede erhalten blieb, blieb auch jene Vorherrschaft erhalten. Unabwendbar jedoch mußte sie verlorengehen, wenn Europa die großen, raumbeherrschenden Mächte der außereuropäischen Welt in seine inneren Konflikte hineinzog. Zwangsläufig zerbrach der Erste Weltkrieg die Vorherrschaft der Europäer, der zweite ihre Unabhängigkeit. „Als sich Russen und Amerikaner im Frühjahr bei Torgau an der Elbe freudestrahlend in die Arme sanken, gab es — dem Wort eines französischen Militärschriftstellers zufolge — kein selbständiges Europa mehr“3.

Denn nicht darauf kommt es an, wer in einem Krieg auf Seiten des Siegers gestanden hat und wer nicht, sondern nur darauf, wer gestärkt aus ihm hervorging und wer geschwächt, wer unabhängig blieb und wer abhängig wurde. Die Mächte des Großraums haben ihren Krieg in Europa gewonnen, und ganz Europa und nicht nur Deutschland hat ihn verloren. Washington beerbte hier London und Moskau Berlin. Dieser Niedergang ist das Ergebnis selbstmörderischer Bündnisse. Zweimal nacheinander haben sich Frankreich und England zur Niederwerfung Deutschlands mit außereuropäischen Großraummächten — Amerika und Rußland — zusammengetan. Beim zweiten Mal antwortete Deutschland zuerst (1939) mit dem Versuch eines Nichtangriffspakts mit Rußland, dann (1942) durch einen Stahlpakt mit Japan. Alle diese Bündnisse schlugen auf Europa zurück. Als deren Folge wird die „grand fleet“ nach 1945 abgewrackt und Resteuropa zum amerikanischen Brückenkopf abgewertet. Die Bastionen an der Donau und Ostsee (Österreich und Preußen) sind geopfert, die tropischen Ergänzungsgebiete in Schwarzafrika preisgegeben und zugleich mit ihnen die Flankendeckung der Sahara. Europa als eigenständige Macht hat aufgehört zu bestehen.


Statischer und dynamischer Schwerpunkt

Wurde hier der Wille der Europäer zu Europas Schicksal, so nächst ihm seine Lage. Ein Land wie Chile etwa kann gegebenenfalls ohne Schaden aus der Weltpolitik aussteigen, ein Land in Europa nicht, kein europäisches Land kann das, am wenigsten — wie noch zu erläutern sein wird — Deutschland.

Europa — genauer das nördliche Frankreich, der Raum um Paris — bildet die geometrische Mitte der am meisten landbedeckten Hälfte der Erdoberfläche (Skizze 2). Mehr als 96 vom Hundert aller Menschen wohnen auf der europäischen Seite der Welt. Europa kann weder dieser seiner Mittellage entfliehen noch der Nähe Rußlands oder Afrikas. Es muß mit ihnen leben, ob zu seinem Nutzen oder zu seinem Schaden, liegt an ihm selber4.

Drei hintereinander gereihte Länder bilden das Rückgrat der europäischen Halbinsel: Spanien, Frankreich und Deutschland. Spanien: ihr Kopf, zugleich Torhüter des Mittelmeeres, Brücke nach Afrika und Sprungbrett über den Atlantik5.

Frankreich: ihr einziger Innenraum, Sonderfall einer keltischen Großmacht mit germanischem Namen, aber romanischer Sprache, Drehscheibe zwischen England und Italien, Spanien und Deutschland. Deutschland: ihr Zwischengelaß mit nach sieben Seiten hin offenen Türen. Koordinatenkreuz zwischen ozeanischer und kontinentaler, nordischer und mediterraner Welt.

Diese drei Länder bezeichnen die Längsachse Europas. Drei andere seine Querachse: Skandinavien, Deutschland und Italien und wieder drei andere seine Diagonalachse: England, Deutschland und die Balkanhalbinsel.

Alle drei Achsen finden ihre Fortsetzung in den natürlichen Schwerlinien benachbarter Kontinente: die europäische Längsachse beginnt in Feuerland, erreicht Europa über Brasilien und Westafrika und gelangt über Sibirien und Alaska wieder nach Feuerland. Die Querachse verbindet das Nordkap mit dem Kap der Guten Hoffnung und führt über Ostafrika, Ägypten und Griechenland wieder zum Nordkap zurück. Die Diagonalachse gelangt von Alaska über Neufundland nach Irland und führt über Vorderasien, Indien und die malaiische Inselwelt weiter bis Tasmanien. Eine vierte schließlich, die Mittelachse zwischen erster und dritter, folgt der Schwerlinie Eurasiern über die Ukraine und Innerasiens nach Korea (Skizze 3).

Es gibt sieben solcher Achsen. Vier davon berühren Europa und schneiden sich im Herzen Deutschlands. Sonst liegt kein Land an mehr als einer davon. Bezeichnet somit Frankreich die statische Mitte der irdischen Festländer, ihren genauen geometrischen Mittelpunkt, so Deutschland ihren dynamischen (Skizze 3) — ein Unterschied, der die beiden betroffenen Völker kaum weniger beeinflußt hat als die so sehr verschiedene Deutlichkeit ihrer Umgrenzung. Beides hat die Franzosen ihrer Sammlung geneigter gemacht als die gern nur zu großen Heerzügen sich zusammenfindenden Deutschen. Reicht die östliche, die russische Landschaft auch tief nach Europa herein, reicht sie hier an den Harz und die untere Elbe, so ist Rußland dennoch nicht Europa, sondern endet, wo die unförmige eurasische Landmasse in die vielgliedrige Halbinsel übergeht: an der Enge zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, zwischen Königsberg (oder Riga) und Odessa (Skizze 4).

Weltschnittpunkt Deutschland

Weltschnittpunkt Deutschland | Skizze 3

Skizze 3

radiale (europazentrische) Achsen periphere Achsen

Fünf von sieben geopolitischen Schwerlinien führen durch Europa.
Sie alle schneiden sich in Deutschland.


Europa ist ein Geschenk der See. Der Atlantik hat seine rechte Flanke geformt, das Mittelmeer seine linke. Gemeinsam, haben sie aus seiner Gestalt drei klar voneinander unterschiedene Abschnitte herausgemeißelt:

—  den vorderen bildet die Pyrenäenhalbinsel,

—  den mittleren das Gebiet von da bis zur Linie Hamburg (Lübeck) — Triest (bis zur Enge zwischen Nord — oder Ostsee und Adriatischem Meer), — den rückwärtigen der anschließende Raum bis zur Linie Königsberg-Donaumündung (bis zur nächsten Enge also, der zwischen Ostsee und Schwarzem Meer).

Die drei Abschnitte der europäischen Halbinsel

Lohausen | Skizze 4

Skizze 4

Grenze des geschlossenen deutschen und niederländischen Siedlungsgebietes (1937)

Mittelmeer und Atlantik teilen die europäische Halbinsel in drei deutlich unterschiedene Abschnitte: Südwest, Mitte und Ost (I, II, III). Ostwärts des dritten Abschnitts verliert das Land den Charakter der Halbinsel, der hier anschließende Hals bildet den Übergang zur eurasischen Rumpflandschaft.


Hier zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ist Europa zu Ende, hier und nicht an dem politisch wie strategisch und geschichtlich gleich bedeutungslosen Ural. Was etwa hat dieser Ural mit dem Mittelmeer zu tun? Was mit Römern und Griechen, mit Island, der Edda, den Druiden, der Gotik, der Renaissance, den spanischen und französischen Königen, der britischen Seeherrschaft, was mit Benediktinern und Dominikanern, mit Venedig und Florenz, dem österreichischen Barock und der deutschen Musik, mit Granada, Chartres und Nürnberg, mit Potsdam, Schönbrunn und Versailles? Alles das liegt 2—5000 km vom ihm entfernt; selbst der Ansatz der europäischen Halbinsel liegt immer noch ganze 2000 km von ihm ab, und doch soll er — ausgerechnet er — die Grenze Europas darstellen!

Im Rahmen der europäischen Geschichte haben diese drei Abschnitte ungleiches Gewicht. Nur der mittlere — er deckt sich fast haargenau mit dem Reich Karls des Großen — geriet (Sizilien und einige Orte der Provence ausgenommen) nie unter außereuropäische Herrschaft, weder — wie weite Teile Spaniens — unter sarazenische, noch — wie bisher noch alle Länder ostwärts der Linie Lübeck —Triest — unter die von Osten her eingebrochener Fremdvölker. Dieser Mittelabschnitt — dem jenseits des Kanals auch England, Schottland und Irland angehören — ist Schöpfer und wichtigster Träger unseres im engeren Sinne abendländischen Stils. Dessen Nährboden reicht nur noch so weit in den nächsten östlichen Abschnitt hinein wie dessen deutsche oder italienische (venezianische) Besiedlung.

Dieser dritte Abschnitt —, in seinem südlichen Teil überhaupt nicht abendländisch geprägt, sondern byzantinisch und türkisch und überall jenseits der deutschen Sprachgrenze bereits ein Bereich des Übergangs nach Vorderasien und Rußland, wurde 1945 eine Domäne des Panslawismus, ein Satellitenraum des Kreml, wenn auch nicht vollständig. Noch sind die Grenzen nicht voll begradigt, die Verbindung zwischen Nord- und Südslawen nicht hergestellt, ist der Fremdkörper Österreich nicht beseitigt, das Adriatische Meer nicht erreicht, Griechenland noch nicht unterworfen, ist die Grenze zwischen Ost und West noch nicht wieder die wie vor der Gründung der Ostmark wie vor Karl und wie vor Otto dem Großen.


Europas sechs Hauptlandschaften

Teilen dessen Küsten den europäischen Subkontinent in die eben besprochenen drei Abschnitte, so die ihn durchquerenden Gebirge dazu noch in sechs Hauptlandschaften (ohne Skandinavien und England) — darunter drei Halbinseln: die iberische, die italienische und die ägäische. Den Rumpf bilden: im Nordwesten die fränkische Kernlandschaft Europas, dann im Südosten das große Donaubecken und im Nordosten das Land südlich der Ostsee (meist etwas ungenau „Ostelbien“ genannt).

Fast jede dieser sechs Hauptlandschaften hat im Lauf der letzten fünf Jahrhunderte wenigstens zeitweise eine Großmacht getragen, die drei Landschaften des europäischen Rumpfs, z. B. die Mächte Frankreich, Österreich und Preußen (Paris, Wien und Berlin bilden das innere Dreieck der klassischen europäischen Politik, London, Petersburg und Konstantinopel das äußere).

Die sechs Hauptlandschaften der europäischen Halbinsel

Die sechs Hauptlandschaften der europäischen Halbinsel | Skizze 5

Skizze 5

Grenze des deutschen und niederländischen Siedlungsgebiets (1937)

Meere und Gebirge teilen die europäische Halbinsel in sieben Hauptlandschaften, darunter drei Halbinseln: die ägäische, Italien und Spanien. Sie umschließen den europäischen (fränkischen) Kernraum gemeinsam mit dem Donaukessel, der ostelbischen Grenzlandschaft und dem über See gelegenen Britannien. Ostelbien und der Bereich der unteren Donau bilden das europäische Glacis.


Einige kleinere Völker — Basken, Katalanen, Tschechen, Rumänen und Bulgaren —, aber auch die Ukrainer siedeln in je zweien jener Landschaften, die großen abendländischen Völker hingegen jeweils in nur einer einzigen, die sie entweder ganz erfüllen oder wie die Franzosen wenigstens zur guten Hälfte. Nur die Deutschen allein leben in ganzen vieren, weshalb es von vornherein auch gar nicht ein Deutschland gibt, sondern — sehen wir von Südtirol ab — zumindest drei: ein westliches und rheinisches von den Alpen bis zur Nordsee mit dem Blick auf sie und auf Frankreich, danach ein vom Lauf der Donau bestimmtes in Nachbarschaft des europäischen Südostens und Südens und das dritte an Elbe, Oder und Weichsel in Richtung auf Skandinavien und Rußland.

Die Reihenfolge ihrer Aufzählung entspricht dem Gang der deutschen Geschichte. Am Rhein lag der Schwerpunkt des Reichs von den Karolingern bis zu den Hohenstaufen. Die Habsburger zogen ihn an die Donau, Preußen an die Spree. Zur Zeit entspricht jedem dieser einstigen Schwerpunkte ein eigener Staat — Österreich, die DDR und die BRD —, jeder vom anderen unabhängig, aber alle drei abhängig von Dritten.

Diese drei Landschaften stehen Rücken an Rücken und streben — wie ihre Flüsse — mehr voneinander weg als zueinander hin. Denn da, wo sie einander berühren, wo in Frankreich Paris liegt, in Italien Rom und in Spanien Madrid, hat Deutschland Wasserscheiden und Gebirge. Zwar haben die das Land mitten durchtrennenden Berge einen zentralen Kessel freigelassen: Böhmen. Und tatsächlich läßt sich Deutschland geographisch am treffendsten als „die Gebiete rund um Böhmen“ kennzeichnen.

Als klar umgrenztes Viereck thront die böhmische Zitadelle über der west—, süd- und ostdeutschen Landschaft. Hier wäre deren natürliche Mitte. Schon bald nach dem Abzug der Markomannen jedoch schleppten die Awaren hier einen slawischen Volksstamm ein. Das und seine schroffe Umgürtung gaben Böhmen nebst seiner Fähigkeit zu einen auch die zu trennen, und am Ende hat — trotz tausendjähriger Zugehörigkeit zum Deutschen Reich — diese seine trennende Rolle die einende überwogen.

So wurde Deutschland mehr als sonst irgendein Land in Europa zu einem Land vorwiegend auseinanderführender Wege.


Erdteil der Brückenschläge

Wer immer sich Europas bemächtigt, tut er es ob seiner beherrschenden Stellung am Westausgang der indoatlantischen Durchfahrt. Europa ist nicht nur Weltmitte, es ist auch Tangente zu Vorderasien und Nordafrika, ein Gebiet beinahe allseitiger Brückenschläge: zuerst am Bosporus und den Dardanellen, dann an der Straße von Sizilien, bei Gibraltar, bei Calais und nochmals im Bereich der dänischen Inseln. Tatsächlich war bis zum Aufstieg der moskowitischen Großmacht nicht die Nähe der sarmatischen Landmasse für die Geschichte der Abendländer bestimmend (und ist es für ihr alltägliches Bewußtsein auch heute noch nicht), sondern der Sog jener fünf schmalen Wasserstraßen. Dank ihnen wurde Europa trotz seiner halbinselhaften Absonderung zum Erdteil der am weitesten reichenden Kontakte (Skizze 1). Vier europäischen Halbinseln, der balkanischen, der italienischen, iberischen und jütischen, entsprechen drei auf der anderen Seite: Kleinasien, die Atlasländer und Skandinavien. Außer Jütland zeigen sie ihren Stammländern alle den Rücken. Der Balkan, die Alpen, die Pyrenäen auf der einen Seite, der Atlas, das Hochland von Armenien und im Norden die Tundren Lapplands auf der anderen bilden nicht zu übersehende Schranken. Um so deutlicher öffnen sich jene Halbinseln ihrer Gegenküste, am deutlichsten in der Ägäis und rund um die Ausgänge der Ostsee. Das Ergebnis sind vier beiderseitige, um jene Meerengen gelagerte Brückenlandschaften. Von Natur bilden Skandinavien, Kleinasien und die Atlasländer natürliche Brückenköpfe der Halbinsel Europa. Ebenso sind Spanien, Sizilien und der Balkan sowie im Norden Jütland Gegenbrückenköpfe auf europäischer Seite. Erst mit beiden jedoch, erst im Besitz auch ihrer jenseitigen Ufer erscheint Europa als vollständige zwischen Arktis und Sahara eingebettete Einheit. Drei dieser Brückenlandschaften — die skandinavisch-jütische, die spanisch-nordafrikanische und die ägäische bezeichnen zugleich die Eckpunkte eines beinahe gleichseitigen Dreiecks mit drei deutlich unterschiedenen Fronten, der mediterranen im Süden — in ihrer Mitte Italien — im Nordwesten der atlantischen — vor ihrer Mitte Britannien — und der kontinentalen im Osten. Hier, auch in der Mitte und an der gefährlichsten Einbruchsstelle liegt Deutschland. Dieses Dreieck ist die Urform Europas.

Wie das Kartenbild der europäischen Halbinsel das asiatische im verkleinerten Maß wiederholt — Vorderindien findet sich in Italien nachgebildet, der Ganges im Po, der Himalaja in den Alpen, Ceylon in Sizilien, der Kaukasus in den Pyrenäen, Vorderrußland in Frankreich, Sibirien in Norddeutschland, der Jang-tse-kiang in der Donau, Hinterindien und Indonesien in Griechenland — usw., so wiederholt sich auch die scharfe Trennung von Nord und Süd in einer unterbrochenen von Spanien bis Hinterindien durchlaufenden Folge von Hochgebirgen. Ebenso wiederholt Europa die nach Westen spitz zulaufende, nach Osten in die Breite gehende Form des eurasischen Gesamtkontinents.

Ausschließlich atlantisch in Portugal, England oder Norwegen, mediterran in Italien und Griechenland, kontinental in Schweden, Preußen und Ungarn, lebt dieses Europa bereits in Frankreich und Spanien in steter Spannung zwischen atlantischen und mediterranen Wesenszügen, in Deutschland zwischen atlantischen und kontinentalen, hier von den Südhängen der Alpen her aber auch schon von mediterranen, so daß jene Dreigesichtigkeit alles Europäischen sich sogar in manchen seiner Völker widerspiegelt. Umgekehrt hat jede Verschiebung nach der einen oder der anderen jener drei Seiten hin zwangsläufig immer auch die inneren Gewichte mit verändert. Je nach Vorwiegen der atlantischen, mittelmeerischen oder kontinentalen Interessen der Europäer, je nach der Stärke ihrer Bedrohung in Flanke oder Rücken fiel jeweils mehr Bedeutung auf die West-, Süd- oder Ostseite der Halbinsel. Jede Auseinandersetzung mit den Mächten der slawischen und turanischen Welt rückt die Gegenden an die Ostsee und Donau in den Vordergrund, jede engere Beziehung zu Nordafrika und dem Nahen Osten die Länder des Mittelmeeres, jede Bindung an überseeische Bereiche die westlichen Küstengebiete.

Nicht zufällig bestätigte erst die Ungarnschlacht auf dem Lechfeld dem deutschen König dessen Vormacht über Europa, begründeten erst die Kreuzzüge den Reichtum Venedigs, entwerteten später die spanischen und portugiesischen Entdeckungen zugleich Ostsee und Mittelmeer. Die Begegnung mit dem Osten zog Macht und Ansehen Europas lange Zeit nach Deutschland und Italien, die Erschließung Amerikas verlagerte sie an das atlantische Ufer, später stellte die Hereinnahme Rußlands in das Konzert der europäischen Mächte das Gleichgewicht wieder her, bis es die Oktoberrevolution von neuem zerbrach. In gleicher Weise zum Atlantik hin offen wie zum Mittelmeer und den Ebenen des Ostens, hat Europa in Spanien sein Sprungbrett zu Lateinamerika, in England nach den Vereinigten Staaten und Kanada, in seinen nordöstlichen Gebieten nach Rußland und Sibirien, in seinen südöstlichen zum Nahen Osten. Zugleich greift es über Gibraltar, Sizilien und Kreta nach Afrika.

In deutlicher Gegenstellung zu dieser außereuropäischen Nachbarschaft haben sich die Randmächte England, Spanien, Österreich, Preußen und Schweden entwickelt. Sie alle liegen an den Flanken und Eckpunkten der Halbinsel, zwischen ihnen das neben Frankreich noch Westdeutschland und die Niederlande mit umfassende europäische Kerngebiet (Skizze 4). Es wiederholt die Lage Europas im kleinen. Wie dieses zwischen Afrika, Nordamerika und Asien, liegt Frankreich zwischen Spanien, Großbritannien und dem östlichen Festland. Die Gunst dieser Mittellage wird verspielt, wenn die Gewichte der Macht derart über die Welt verteilt liegen, daß ihr gemeinsamer Schwerpunkt aus dem deutsch-französischen Kernraum der Halbinsel oder überhaupt aus Europa herausfällt. Das geschah für Frankreich durch den gleichzeitigen Aufstieg Preußens und Rußlands im 18. Jahrhundert, für Europa als Ganzes jedoch erst durch die Oktoberrevolution von 1918. Sie schied die weiße Welt in Ost und West und beließ ihr keine verbindende Mitte. Dort lag der politische Schwerpunkt fortan in Moskau, hier in Washington, einen gemeinsamen gab es nicht mehr. Über Nacht war Europa aus einer tragenden Mitte zur Grenze geworden.


Die kritische Ostgrenze

Unabhängigkeit erfordert Abstand. Europa hat im Westen den Atlantik, im Norden das Eismeer, im Süden den doppelten Gürtel von Mittelmeer und Sahara. Das schafft Abstand nach drei Seiten. Nach Osten fehlt solche Distanz. Jenseits der beiden Großmächte Preußen und Österreich wurde sie seinerzeit durch Polen gewährleistet, durch jenes locker gefügte großpolnisch-litauische Vielvölkerreich, jenen Gürtel feudaler Abhängigkeiten in den halb menschenleeren Gebieten zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, dem ostwärts ein zweiter noch dünner besiedelter Gürtel russischer Staaten folgte — Twer, Moskau, Nowgorod — dahinter das so gut wie unbekannte Sibirien und die turanische Steppe. Die einstige Unabhängigkeit der europäischen Halbinsel, die Freiheit ihres Handelns und ihr Aufstieg zur Weltherrschaft hatte hier ihre Voraussetzung. In Front und Flanken das Meer, im Rücken aber ein nahezu unbegrenztes, damals fast unbewohntes Land. Bis an den Rand der sogenannten „Neuzeit“ gewährte diese Nachbarschaft Europa die Vorteile einer echten Insel. Es war — bis 1241 — den Oberfällen der Steppe ausgesetzt, aber keiner Bedrängnis seitens bleibender Mächte. Die Weite und gleichzeitige Leere Rußlands deckten den Rücken. Das mußte sich ändern, wenn jene Leere eines Tages der lulle wich. Je mehr sich der gewaltige Raum zwischen Karpaten und Amur mit Menschen auffüllte, um so kompakter wurde die sich dort allmählich sammelnde Macht und um so näher schob sie sich an die Grenzen. Dann wurde aus Schutz Bedrohung, und diese Bedrohung mußte sich am Ende bis ins letzte europäische Dorf hinein auswirken. Diese Gefahr wurde durch die Hinwendung Peters des Großen zu Europa eher verschärft als beseitigt. Zwar erweiterten die folgenden 200 Jahre die europäisch bestimmte Welt bis an den Pazifik. Doch stellte sich damit für Rußland die Frage erst recht, wann aus der kleinen Halbinsel im Westen auch politisch das werden würde, was sie geographisch schon war, nämlich ein Anhängsel der sarmatischen Landmasse. Die Gegenfrage, ob diese Halbinsel — mit allen ihren Buchten, Landzungen und Gebirgen ein vergrößertes Griechenland — von sich aus in die kontinentale Breite des Ostens vordringen und sie von innen her überwinden könne, wie Alexander der Große das Perserreich überwunden hatte, diese natürliche Gegenfrage der Europäer, erhielt dreimal in 150 Jahren eine verneinende Antwort: 1709 vor Polawa, 1812 in Moskau, 1943 in Stalingrad. Diese Namen bezeichnen drei Wendepunkte der europäischen Geschichte, drei Versuche, der sich abzeichnenden Gefahr zu begegnen und die westliche Welt in die Ebenen des Ostens zu tragen und dort zu verankern. Doch hatten diese drei Versuche verschiedenes Gewicht. Nur der letzte bot allenfalls Aussicht auf einen durchschlagenden Erfolg.


Die versäumte Gelegenheit

Tatsächlich stellt der Angriff der Deutschen Wehrmacht im Juni 1941 den einzigen zur richtigen Zeit unternommenen Versuch dar, Europa durch Einbeziehen des russisch-sibirischen Raums die Unangreifbarkeit eines echten Kontinents zu verleihen, den bisher letzten und aussichtsreichsten Versuch, eine Weltmacht auf europäischer Basis zu errichten. Er scheiterte nicht am zu weit gesteckten Ziel, sondern am Konzept seiner Durchführung. Er unterschied sich in nichts von dem Napoleonischen 130 Jahre zuvor: Unterwerfen des Gegners durch Vernichten seiner Armee. Dazu aber hatte Deutschland weder Menschen, noch Treibstoff, noch Fahrzeuge genug. Als die Wehrmacht 1941 vor Moskau stand, hatte sie das ihre getan. Was fortan not tat, war nicht mehr Schlachten zu gewinnen, sondern Menschen. Es war die Vorbedingung jedes dauerhaften Erfolgs von allem Anfang an. Der große Angriff im Osten war sinnvoll nur begleitet von den Werbetrommeln einer durchdachten psychologischen Kriegführung und den Fanfaren der Befreiung. Er versprach Erfolg unter der Voraussetzung eines ihm auf dem Fuße folgenden propagandistischen Angriffs: Bilden einer russischen Gegenregierung, Auflösen der verhaßten Kolchosen und Aufteilung des Landes unter die Bauern, Einsatz des Wlassow Armee, Einsatz der estnischen, lettischen, litauischen, ukrainischen und kaukasischen Freiwilligen usw. Da all dies unterblieb, erschöpften sich die Möglichkeiten einer Kriegführung, die im gebotenen Augenblick den Übergang von einer nur militärischen zu einer wirklich umfassenden Strategie nicht fand und infolgedessen der dreifachen Überlegenheit von Raum, Zahl und Material über kurz und lang unterliegen mußte.

Die Deutschen hatten die einmalige Gelegenheit, das Recht mit der Macht, die strategische Logik mit der politischen, die Vernunft der Landkarte mit der Parole der Selbstbestimmung zu verbinden. Dennoch verzichteten sie auf die einzige Wunderwaffe, die ihnen je zur Verfügung stand. Sie verzichteten, obgleich sie gerade ihr — dem von Wilson 1918 verkündeten und 1919 verratenen Selbstbestimmungsrecht — ihre großen und unblutigen Erfolge des Jahres 1938 verdankten. Sie waren die einzigen, die sich ungescheut dafür einsetzen konnten, sie allein waren unbelastet. Die Italiener hatten Abessinien unterworfen, die Japaner Korea. Das Glück Amerikas ruhte auf der Vernichtung der roten Rasse, England und Frankreich waren die damals größten Kolonialherren der Welt. Schon 1919 hatte ihrer aller Versagen den Deutschen den Ball zugespielt. Nun waren sie die berufenen Vorkämpfer, und das Recht auf Selbstbestimmung das Mittel, die Welt aus den Angeln zu heben. Verrieten sie es, so verrieten sie damit auch sich selbst und stießen alle die vor den Kopf, die ihnen zu folgen bereit waren. Um jenes Rechts willen waren sie angetreten. Mit der bewahrten Achtung davor stand und fiel ihr Erfolg. Denn allein auf dem Vertrauen der Ostvölker in die von den Deutschen heraufzuführende bessere Ordnung, allein in der tätigen Mithilfe der ihnen anfangs zu Hunderttausenden zuströmenden Russen und Ukrainer — und nur darauf — ruhte die Aussicht, den Durchbruch der Wehrmacht in die Tiefen des Ostens zu vollenden und Deutschland und damit Europa unangreifbar zu machen.

In der umfassenden, durch keine Grenzen behinderten Begegnung von Deutschen und Slawen, in einer Verschränkung ihrer Lebensbereiche ähnlich jener der Araber und Berber in Nordafrika lag die Möglichkeit eines größeren, bis tief nach Sibirien reichenden Europas.

Gerade Deutsche und Russen hatten einander jede Ergänzung zu bieten. Rücken an Rücken waren sie unüberwindlich, „zwei Völker“, — nach Dostojewski — „bestimmt, das Angesicht der Welt zu verändern“. „Deutschland“, so schrieb er, „braucht uns zu einem engen Bündnis. Sein Feld ist die westliche Welt, uns aber überläßt es den Osten.“ Da beide Führungen versagten, die deutsche 1941, die russische vier Jahre später, blieb Europa auch weiterhin ohne den nötigen Spielraum, Kußland weiterhin ohne freien Zugang zum Ozean. Was in jenem Krieg zu brechen und zu beenden gewesen wäre, jedoch bestand weiter: die Vorherrschaft der angelsächsischen Seemächte und ihre unentwegte Einmischung in die Angelegenheiten des Festlandes. Ihre Frist wurde um Jahrzehnte verlängert.

Gerade für Rußland ergab das Zusammengehen mit ihnen keine brauchbare Lösung. Die Lösung lag im Gegenteil, im Bund mit der Halbinsel: Festland mit Festland wie auf der anderen Seite Insel mit Insel.

Die deutsch-russische Verbindung war das Gegenstück der britischamerikanischen. Zwar wurden 1945 Berlin, Prag, Budapest, Sofia gewonnen, aber Kopenhagen, Hamburg, Konstantinopel — der Durchbruch zur offenen See — blieb versperrt, der Rhein unerreicht, der Kernraum der Halbinsel intakt. Auch jetzt blieb Rußland Gefangener seines Kontinents. Die Allianz von raumbeherrschender Seemacht und raumbeherrschender Landmacht war sinnwidrig. Auf die Dauer ergaben Vorherrschaft zu Lande und Vorherrschaft zur See keine Ergänzung. Beide wollen die Küste, aber nur einer kann sie haben. Der Weg zum Atlantik führte über die Deutschen. An Seite der Seemächte vertraten diese Rußland den Weg. Als Verbündete Rußlands wurden sie zu dessen verlängertem Arm. Waren Berlin und Petersburg einig, gab es keine ihnen vergleichbare Gewalt. Sie hielten dann einerseits Europa, andererseits Asien in Schach. Ihr Zusammengehen war für Rußland sinnvoller als das mit der angelsächsischen Seemacht.


Totengräber Europas

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts war die Zeit für nutzbringende innereuropäische Kriege für immer vorbei. Das nicht rechtzeitig begriffen zu haben, war der verhängnisvolle Fehler der damaligen französischen sowie vor allem der britischen Politik. Heere und Flotten gerieten ins Schlepptau ihrer überseeischen Lieferanten. Aus guten Gründen drängten diese, erst einmal im Geschäft, auf Verlängerung ihres Kriegs bis zum spätest möglichen Zeitpunkt.

Jedes Zerwürfnis zwischen den Großmächten Europas, gleich wer zuletzt „Sieger“ blieb und wer „Besiegter“, jedes Eingreifen Amerikas auf europäischen Schlachtfeldern, gleichgültig zu wessen Gunsten, ging ausschließlich zu Lasten der beteiligten Europäer, zu Lasten ihrer Macht, ihrer Entwicklung, ihres Wohlbefindens, ihrer Freiheit und Unabhängigkeit.

„Wäret ihr Amerikaner doch 1916 zu Hause geblieben und bloß euren eigenen Geschäften nachgegangen“ — bemerkte Churchill noch im Jahr 1936 zu einem Vertreter des ,New-York Requirer’ — „dann hätten wir 1917 mit den Zentralmächten Frieden geschlossen und eine Million britischer und französischer Soldaten wären am Leben geblieben“; eine Feststellung, die Churchill dann nicht gehindert hat, der amerikanischen Politik seinerseits Tür und Tor zu öffnen, ihr wunschgemäß Gelegenheit zu einem noch weit größeren Geschäft zu geben als es das des Ersten Weltkrieges bereits gewesen war. Seinem Amtsvorgänger Chamberlain, der durch Vermeiden jedes neuerlichen Krieges das Britische Weltreich um jeden Preis vor der drohenden Auflösung retten und die diesem Reich todbringende Garantie für Polen umgehen wollte, fiel er durch beharrliches Hintreiben auf diesen Krieg unentwegt in den Rücken und erreichte damit, daß dieser Krieg, wie vom Weißen Haus schon seit langem gewollt, dann auch wirklich ausbrach. Als getreuer Statthalter Roosevelts — so nannte ihn de Gaulle — wurde er solcherart zum erfolgreichsten Totengräber nicht nur des britischen Weltreichs, sondern mit diesem auch aller anderen europäischen Reiche in Übersee und schließlich der europäischen Unabhängigkeit selbst. Erweitern durfte sich nur der russische Machtbereich und wiederum auf Kosten Europas. Dafür zahlte das russische Volk mehr als jedes andere mit Blut und mit dem Fortbestehen seiner inneren Unfreiheit. Wirkliche Gewinner gab es auch in diesem zweiten Krieg nur auf der anderen Seite des Atlantik, wurden doch auch die Herren im Kreml zu unabsichtlichen Förderern der amerikanischen Vorherrschaft. Denn aller gewaltigen Aufrüstung zum Trotz blieb Rußland auch weiterhin unfähig, die ihm zukommende Rolle zu spielen. Diese Rolle, die längst nicht mehr eine der bloßen Gewalt war, hätte nun aber wesentlich eine deutsche und europäische sein können, und erst über Berlin und Paris hinweg eine weltweite: beginnend mit der Öffnung aller Grenzen von Wladiwostok bis Lissabon und Gibraltar.


Gegensatz der Hemisphären

Geographisch ein Stück Asien, politisch Teil der westlichen Welt, bildet Europa die eigentliche Kontaktstelle der beiden Weltinseln — der amerikanischen und der afroasiatischen — und liegt damit im Spannungsfeld von ozeanischer und kontinentaler Weltmacht, die eine heule verkörpert in den Vereinigten Staaten, die andere in den UdSSR. Ihren wesenhaften Unterschied kennzeichnet die für eine weltumfassende Seeherrschaft weit vorteilhaftere Gestalt der westlichen Westinsel, erleichtert doch hier die verhältnismäßig geringe Ost-West-Ausdehnung (New York — San Franzisko 4000 Kilometer) die Beherrschung der beiderseitigen Ozeane viel eher als die mehr als doppelt so große Eurasiens (Bordeaux — Wladiwostok etwa 9000 Kilometer).

In der Neuen Welt liegen von Kanada bis Kolumbien nicht weniger als neun Staaten zugleich an zwei Ozeanen, in der Alten nur ein einziger: die Republik Südafrika.

Dieser Vorteil Amerikas wird durch die kurze Durchfahrt zwischen Nord- und Südamerika noch beträchtlich erhöht. Sie umfaßt die bloße Länge des Panamakanals, das sind 80 Kilometer, die ihr entsprechende jenseits des Atlantiks, die von Gibraltar bis Aden, das nahezu Achtzigfache, nämlich weit über 6000 Kilometer (Skizze 6).

Weltherrschaft aber ist zunächst Seeherrschaft. Ein Land gehört dem, der die Straßen beherrscht, und die Meere sind die Straßen der Welt. Daher der unabänderliche Vorsprung seebeherrschender Mächte. Als Ableger einer solchen sind die Vereinigten Staaten entstanden, als Gründung über See und entlang einer Küste. Von da aus drängten die weißen Eindringlinge die hier bisher allein ansässigen Indianer immer tiefer ins Land und ruhten nicht, ehe sich zwischen Atlantik und Pazifik kein Fleck Erde mehr fand, der noch seinen rechtmäßigen Eigentümern gehörte.

Sich ihrer zu entledigen, bedurfte es keiner berufsmäßigen Henker. Die weißen Siedler erledigten das Geschäft der Ausrottung aus eigener Initiative ebenso gründlich wie an Bibern und Büffeln. Sie erledigten es mit Pulver und Blei, Feuerwasser und fortgesetztem Vertragsbruch. Nur da und dort gab eine militärische Befriedungsaktion den Enterbten den Rest.

Die rassische Mehrheit vernichtete die rassische Minderheit und sperrte die spärlichen Überbleibsel als Museumsstücke in „Reservationen“. Für Einsprüche der Eingeborenen gab es keine Instanz. Solange der Prozeß ihrer Enteignung noch lief, fand sich zu ihrem Schutz weder Gesetz noch Richter noch Ankläger. Auch die Bekehrung zum Christentum half ihnen nicht: „Ein toter Indianer, ein guter Indianer!“ Es war der perfekteste Völkermord der Geschichte, und der lohnendste außerdem.

Bedurften sie dazu einer Rechtfertigung, brauchten sie sich nur als die Nachfolger der zwölf Stämme Israels zu bezeichnen. Der Gott des Alten Testaments gab einem Volk der eifrigen Bibelleser immer wieder das gute Gewissen, das es brauchte, um auch im planmäßigen Krieg gegen Frauen und Kinder einen ersprießlichen Beitrag zur rascheren Befriedung von ihnen begehrter oder verfemter Länder zu erblicken, gleich ob in den Prärien des amerikanischen Westens, in den Konzentrationslagern des Burenkrieges, ob in der Hungerblockade des Ersten Weltkrieges oder den Terrorangriffen des Zweiten samt den auf Hiroshima und Nagasaki geworfenen Atombomben. Standen eigene Interessen auf dem Spiel, so waren die Vorwände noch immer zur Hand.

Die beiden Weltinseln

Die beiden Weltinseln | Skizze 6 - 1

Die beiden Weltinseln | Skizze 6 - 2

Skizze 6

Die beiden Weltinseln | Skizze 6 - Legende

Reichte im 20. Jahrhundert der Name Jehovas dazu allein nicht mehr aus, waren mittlerweile andere da, ihn zu ersetzen: Geld, Fortschritt, Zivilisation, Weltfriede, Demokratie ...


Hindernis Europa

Wuchsen die Vereinigten Staaten dabei von Meer zu Meer, so ihr heutiger Gegenspieler Rußland vom innersten Festland gegen dessen Ränder. Doch hat es diese Ränder, nämlich die offenen, eisfreien Ozeane, bis heute so gut wie nirgends erreicht — auch dort nicht, wo dieser Ozean von allem Anfang am nächsten lag, wo die Wege eben und die Häfen am zahlreichsten waren. Die Russen hatten nicht das Glück der Amerikaner. Nach Westen zu lag nicht halbleeres Indianerland, sondern Europa, und diesem Europa sah sich das Reich der Zaren vom Beginn seiner Entwicklung an als einem zunächst unüberwindlich scheinenden Hindernis gegenüber.

Das vermag seinen Anspruch auf Vorherrschaft jedoch nicht zu mindern: „Moskau ist das dritte Rom, und ein viertes wird es nicht geben.“ Dieses Wort eines prophetischen Mönchs fiel bereits im Jahre 1510, zweihundert Jahre vor Peter dem Großen, vierhundert Jahre vor Stalin.

Nach Osten hin führte dieser Anspruch zu einem Ritt ohnegleichen. Schon zweihundert Jahre bevor die ersten Yankees Kalifornien besetzten, standen vom Kreml entsandte Kosaken auf der anderen Seite des Pazifiks.

Als sie dort, fast 6000 Kilometer von Moskau entfernt, schon im Jahre 1639 die Fahne der Zaren aufpflanzten, hatte deren Macht am anderen Ende Eurasiens weder die Ostsee berührt noch das Schwarze Meer; sie reichte auch unmittelbar vor den Toren der Hauptstadt nur knappe 240 Kilometer über diese hinaus.

Europa war nicht Sibirien6. Es war die Mitte der Welt. An einen Völkermord nach dem amerikanischen Muster war hier nicht zu denken. Wenn überhaupt, so ließ es sich nur Schritt um Schritt in beharrlicher Ausnützung der steten Uneinigkeit seiner Völker und der oft erstaunlichen Kurzsichtigkeit seiner Regierungen unterwerfen. Das aber konnte nicht in einem oder zwei Menschenaltern geschehen. Dazu bedurfte es der Geduld von Jahrhunderten.


Rußlands Drang nach Westen

Auf Europa kam alles an. Selbst kein Kontinent, sondern nur Teil eines solchen, gehörte es zu Rußland, wie der Kopf zum Hals und den Schultern gehört. Es war dessen natürliche Fortsetzung, seine reichgegliederten Küsten die gegebene Ergänzung der eintönigen sarmatischen Landmassen7. Vor allem aber: es war der Zugang zur Welt. Als die am meisten der See aufgeschlossene Landschaft der nördlichen Halbkugel hat es überdies — außer Australien und der Antarktis — alle Festländer der Erde rund um sich gruppiert wie die Nabe ihre Speichen (vergl. Skizze 7).

Notwendigerweise also war das Reich der Zaren, trotz seiner billigen Gewinne in Asien, in erster Linie auf Ausdehnung nach Westen hin angelegt, war immer Europa das erste und eigentliche Ziel; hier lag die zu jeder Zeit vor allen anderen maßgebende Front. Folglich dachten die Zaren auch niemals daran, mit ihrer Hauptstadt aus der unmittelbaren Nähe Europas fort, etwa hinter die Wolga oder in die Mitte ihres Reichs, an den Ob oder den Jenissei, zu übersiedeln. Und schon ihr erster Nachfolger Lenin erklärte ganz unverblümt: „Wenn die Revolution gesiegt hat, wird sie ihr Hauptquartier von Moskau nach Berlin verlegen!“

Tatsächlich gelang es der russischen Politik durch ein sich beinahe stereotyp wiederholendes Verfahren fortgesetzter Teilungen

— erst der Ukraine mit den Polen

— dann Polens mit den Deutschen

— zuletzt Deutschlands mit den Alliierten

sich zuerst an der Ostsee und dann am Schwarzen Meer festzusetzen und zugleich — immer in geschickter Zusammenarbeit mit den jeweiligen Nachbarn des Nachbarn — der Reihe nach den Dnjepr und die Düna, den Njemen und die Weichsel zu überschreiten und schließlich sogar die Oder und die Elbe.

So, von Strom zu Strom vorgehend, engte sie den Lebensbereich der Europäer mehr und mehr ein. Rußland gewann an Boden, Europa verlor und verlor schließlich so viel, daß seine Selbstbehauptung heute ernsthaft in Frage gestellt ist. Was diese Selbstbehauptung vorläufig noch und nur teilweise Moskau gegenüber ermöglicht, ist zur Zeit allein der Rückhalt der Vereinigten Staaten. Und das auch nur um einen unerhörten hohen Preis. Dem zuvorzukommen, war der moskowitische Vormarsch zu langsam gewesen.

Das Straßenkreuz der Erde

Das Straßenkreuz der Erde | Skizze 7

Skizze 7

Europa bezeichnet die Mitte der vier Kontinente Asien, Afrika, Nord- und Südamerika. Es liegt im Schnittpunkt der kürzesten die Alte mit der Neuen Welt verbindenden Land- und Seeverkehrswege.


Die russische Dampfwalze (1667 — 1945)

Die russische Dampfwalze (1667 - 1945) | Skizze 8

Skizze 8

In 280 Jahren näherte sich der moskowitische Machtbereich dem Westen Europas um volle 2200 km oder4 5 der Entfernung Moskau — Paris. Es fehlen bis dahin nur noch 580 km, nach Hamburg nur noch 50, nach Istanbul 150. Rußland hat sich bis auf Sturmentfernung an die Nordsee und an das Mittelmeer herangeschoben.


Vorteil der Seeherrschaft

Während die Amerikaner in ihrem dem russischen vergleichbaren Drang nach Westen bereits im Jahre 1854 über die ganze Breite des Pazifik hinweg die Öffnung der japanischen Häfen erzwangen, während sie 1898 auf den Philippinen landeten, 1945 auf Korea und den japanischen Hauptinseln und später in Vietnam, benötigten die Russen für die Strecke von Moskau bis Thüringen immerhin volle 300 Jahre, und was sie auf diesem Weg erreichten, erreichten sie stets dank europäischer Hilfe oder zuletzt der der Amerikaner. Führten diese ihre Kriege mit ihren Schiffen, ihrer Stahlindustrie und ihren Konserven, so die Europäer und Russen mit ihren Menschen. Daher der Unterschied der Verluste.

Die beiden Weltkriege brachten die Amerikaner um den Preis von nur 287.000 Gefallenen an den Rand der Weltherrschaft; von den Russen forderten sie das Opfer von vielen Millionen Toten! Folgerichtig rüstet die Sowjetunion seit 1945 zu Wasser wie kein anderer Staat. Aber Schiffe brauchen Häfen, brauchen sie vor allem im eigenen Land und mit eigenen Bahnen und Straßen und Werkstätten im Rücken, und brauchen sie da, wo keine fremde Macht sie blockieren kann. Murmansk allein genügt nicht.

Insofern keineswegs, bleiben doch die Ostsee und das Schwarze Meer im Kriegsfall so lange blockiert, als nicht außer Kopenhagen, dem Bosporus und den Dardanellen auch noch Gibraltar, der Suezkanal und Aden verläßlich in russischer Hand sind.

Das heißt: Rußland müßte über ganz Skandinavien und Westeuropa, über alle Küsten des Mittelländischen und des Roten Meeres gebieten, um seestrategisch in der gleichen Lage zu sein wie die Vereinigten Staaten dank ihrer Herrschaft über den Panamakanal und ihre eigene atlantische Küste.

Immerhin — jene 1800 Kilometer von Moskau zur Wartburg waren bereits vier Fünftel des Weges Moskau — Paris. Rechts und links dieser Linie steht man knapp vor dem Ziel: 50 Kilometer vor Hamburg, 130 Kilometer vor Kopenhagen, 370 Kilometer vor Rotterdam, 150 Kilometer vor Istanbul und den Dardanellen und 80 Kilometer vor Saloniki.


Schild und Schwert Europas

Während Rußland auf seinem Marsch von der Moskwa zur Werra zur Weltmacht aufstieg, sanken von den vier einstigen Großmächten Europas die beiden westlichen — England und Frankreich — zur Bedeutung großer Kleinstaaten herab, die östlichen, Preußen und das Kaisertum Österreich, blieben überhaupt auf der Strecke. Mit diesen beiden aber war das schwerste Hindernis bereits bewältigt; mit ihren drei Vorwerken Ostpreußen, Schlesien und Siebenbürgen und der dahinterliegenden Naturfestung Böhmen hatten die beiden deutschen Großmächte nach Osten hin die einzig verläßliche Deckung Europas gebildet. Es bedurfte zweier Weltkriege und der Anstrengungen nahezu der gesamten übrigen Welt, um hier Schild und Schwert des Abendlandes eins nach dem anderen zu zerstören und der moskowitischen Macht den Weg in das Innere der europäischen Halbinsel freizuschlagen.

Der Gefangene seines Kontinents 1978

Der Gefangene seines Kontinents 1978 | Skizze 9

Skizze 9

M — Murmansk
W — Wladiwostok

Mit dem geglückten Umsturz in Kabul bringt das Jahr 1978 dem russischen Großreich den schon von den Zaren erhofften Einbruch auf das Hochland von Iran. Rußland gewinnt 700 km nach Süden, nähert sich dem Indischen Ozean auf 430 km und schiebt sich auch zwischen die indisch-ostasiatische und die europäische Welt. Von den 4700 km von der Mündung des Ob bis zum Indischen Ozean sind zu dieser Zeit nur noch jene letzten 430 nicht in seiner Hand.
Noch fehlt mit ihnen der dringend benötigte Hafen, fehlt die ersehnte Entlastung \im Wladiwostok, Sewastopol und Murmansk, fehlt der von den im Indischen Ozean operierenden Roten Flotten schwer entbehrbare Rückhalt an einem nahe gelegenen, der Heimat über Land verbundenen Stützpunkt.


Waren jene Mächte und mit ihnen der ghibellinische Reichsgedanke erst gestürzt, ging es auf dem europäischen Festland nicht mehr um Staaten, sondern nur noch um die Substanz, um die Völker. Staaten lassen sich „umfunktionieren“. Wer Europa erobern wollte, durfte ihr Eigengewicht keinesfalls schmälern. Sie — nicht die Völker — waren stets ein Hindernis jeder europäischen Einigung. Wohlweislich hat Stalin die Staaten Europas und ihre Grenzen untereinander — außer den deutschen — nicht angetastet, Breschnew im Moskauer Vertrag ihre „Unantastbarkeit“ ausdrücklich gefordert. Wozu sie beseitigen? Je mehr ungerechte Grenzen, desto besser. Europa strotzt davon genauso wie Afrika. In ihnen liegen die bereits vorgefertigten Käfige. Der Kampf geht nicht gegen sie, er geht gegen die eigentlichen Träger Europas, gegen das Selbstbewußtsein der Völker und ihrer Eliten. Diese Eliten aber waren nicht an den Bestand von Staaten, sondern von Nationen geknüpft, an ein geistiges Erbe, nicht an die es verwaltenden Apparate.


Die ethnographische Bastion

Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Vordringen des russischen Imperiums in den Formen, wie sie in einer Gesellschaft seßhafter Nationen üblich sind, vor sich gegangen. Man überfiel, teilte, besetzte und unterwarf fremde Länder, man zwang die Unterworfenen unter das eigene Gesetz, aber man beließ sie im Besitz ihrer Heimat. Die Staatsgrenzen verschoben sich wieder und wieder, die Volksgrenzen aber blieben, wo sie immer gewesen waren. Man vertrieb die Könige und ihre Soldaten, nicht die Bauern und Bürger.

So war es, bis Stalin in Teheran und Jalta die Vertreibung der Ost- und Sudetendeutschen verlangte. Wahrscheinlich wurde keinem seiner Partner bewußt, worum es dabei in Wirklichkeit ging. Stalin indessen sah sehr wohl voraus, welche Steine er aus dem Gefüge Europas herausbrechen mußte, um am Ende das Ganze zu Fall zu bringen.

Schild und Schwert Europas

Schild und Schwert Europas | Skizze 10

Skizze 10

In neuerer Zeit wurde Europa nach Osten hin durch zwei Großmächte gedeckt: Osterreich und Preußen; dieses in entscheidender Lage auf dem geraden Weg von Moskau nach Paris, Österreich als dessen Flankendeckung hinter den Karpaten. Die Skizze zeigt die Grenzen von 1772.


Im Laufe der Jahrhunderte hatte das abendländische Europa ein System einander gegenseitig sich abstützender Bastionen vor seine einzige Landfront gelegt. In den Flanken weit nach vorne gestaffelt, in der Mute — wie zum Auffangen eines aus dem Schoß der asiatischen Steppen vorgetragenen Angriffs — etwas zurückgenommen, zogen sich diese vorgeschobenen Stellungen des nichtslawischen Westens vom damals schwedischen Finnland über die nördlichen Gründungen des deutschen Ordens bis zu seiner südlichsten in Siebenbürgen. In der Mitte lag, über Pommern die Brücke zum Westen bildend, das Ordensland Preußen, weiter südlich, bereits etwas zurückgezogen und mit dem Rücken angelehnt an die böhmische Reichsmitte, das deutsche Schlesien, dann noch weiter südlich, bereits am Rande der Alpen, Siebenbürgen und den Karpaten gegenüber: die Ostmark. An der Ostsee unterbaut von den lückenlos aufeinanderfolgenden Lebensräumen der Finnen, Esten, Letten und Litauer, im Bereich der Donau von denen der Ungarn und Rumänen, hielten diese von Schweden und Deutschen vorgetriebenen Stellungen 700 Jahre lang jedem Vorstoß aus der Tiefe des slawischen Raums gegen die westlich der Elbe gelegenen Kerngebiete des Abendlandes stand und verhinderten bis zu den ersten Teilungen Polens jede Hereinnahme der west- und südslawischen Völker in den allrussischen Staatsverband. In russischer Sicht bildeten diese beiden einander flankierenden Ketten nichtslawischer Völker und die sie stützenden und zugleich verbindenden Siedlungsgebiete der ost- und südostdeutschen Stämme ein zusammenhängendes System fremder Brückenköpfe auf sarmatischer Erde, allein durch ihre Anordnung auf dem Globus bestimmt, die Ansprüche der Zaren in Schach zu halten (Skizze 8).


Der Sturz der Bastion

Andererseits brachte es gerade diese Anordnung mit sich, daß es notfalls genügte, allein zwei dieser Brückenköpfe zu beseitigen, um die nach Osten gekehrten Speerspitzen des ozeanischen Europa in eine das innerste Europa bedrohende Ausfallstellung des Kreml zu verwandeln.

Man brauchte nur zuerst Ostpreußen mit Pommern und sodann Schlesien mitsamt dem Sudetenland aus diesem Zusammenhang herauszureißen und deren deutsche Bevölkerung durch eine slawische zu ersetzen.

Tat man das, so lösten die beiden Klammern, die Polen und Tschechen von Norden und Süden her an das abendländische Europa gefesselt hatten, ihren Griff; die Brücke zum Baltikum brach ein, und Esten, Letten und Litauer standen allein auf verlorenem Posten. Außerdem beraubte man die Deutschen ihrer Kornkammern und der Hälfte ihrer Küsten, drückte sie in ihrer Masse gegen die französische Grenze und preßte das schon überfüllte Europa dabei um weitere 600 Kilometer zusammen.

Die drei Zangen

Die drei Zangen | Skizze 11

Skizze 11

Lohausen | Skizze 11 - Legende

Bis 1945 bewachten die beiden einander wie Eckpfeiler eines Torbogens gegenüberliegenden Völkerarmee der Nordostdeutschen, Litauer, Letten, Esten und Finnen auf der einen Seite und der Südostdeutschen, Ungarn und Rumänen auf der anderen die Ostseeeinfahrt nach Europa. Die Deutschen hatten zwischen Niederösterreich und Schlesien die Tschechen, zwischen Schlesien und Ostpreußen dir Polen in der Zange, gemeinsam mit den anderen genannten Völkern aber außerdem  noch die Gesamtheit der nach Westen drängenden Slawen. Durch die Vertreibung der Ostdeutschen wird der nördliche Völkerarm abgebrochen, die baltischen Völker werden vom Westen abgesprengt, die drei Zangen beseitigt. Der Weg nach Europa ist frei


Die drei Zangen

Die drei Zangen | Skizze 12

Skizze 12

Die drei Zangen | Skizze 12 - Legende


Dafür saß man selbst — nun mit der Oder und Neiße (statt früher nur der Memel) als sicherem Rückhalt — in der vom Feind gesäuberten böhmischen Zitadelle, westlicher bereits als Wien und Berlin, nach Norden zu auf gleicher Höhe mit Skandinavien, nach Süden mit dem adriatischen Meer.

Den bisher nie überwundenen Wall der Karpaten hatte man dort längst hinter sich, und vor sich, als letzte noch zu durchmessende Etappe, den Rest, den eigentlichen Kernraum der Europäer vom Main zu den Pyrenäen. Alles das war erreicht mit zwei kurzen Strichen auf der Landkarte: Oder-Neiße und Kamm des Böhmerwalds.

Man hat den Europäern genommen, wovon sie am wenigsten besaßen, von ihrem Raum und ihrer Bewegungsfreiheit; wollen sie es selbst auch nicht wahrhaben, je mehr die Zeit fortschreitet, um so mehr kommt es auf das an, was sie so leichterhand preisgegeben hatten. Die Erde ist knapp geworden, nicht nur der Boden unter den Füßen der Menschen, auch das trinkbare Wasser und der Sauerstoff in der Luft. Nur wer von alldem noch im Überfluß hat, hat Aussicht, in Zukunft zu bestehen.


Das Recht auf Vertreibung

Auch Stalins Strategie Churchill und Roosevelt gegenüber entsprach den Regeln des „Go“. Was er auf den Konferenzen von Teheran und Jalta scheinbar nur den Deutschen entzog, entzog er in Wirklichkeit bereits seinen Partnern. Indes sie voll Eifer die alte Partie des Zweiten Weltkriegs immer noch weiterspielten, hatte er längst eine neue gegen sie selbst eröffnet. Allein die Maßnahme der Vertreibung beeinträchtigte, ohne daß sie dessen gewahr wurden, empfindlich die Stellung der ozeanischen Mächte.

Zu ihren Lasten zerstörte sie das ethnographische Gleichgewicht auf der europäischen Halbinsel und unterhöhlte zugleich ihre Stellung auf der moralischen Ebene, mußten sie doch — auf die entschädigungslose Aussiedlung von mehr als 15 Millionen feindlicher Bürger festgelegt — offen jene Menschenrechte verleugnen, für die allein die beiden Weltkriege zu führen sie ausdrücklich vorgegeben hatten.

Gegen den Sinn jeder, auch ihrer eigenen Justiz zwang Stalin sie, einen bestimmten, allein nach strategischen Gesichtspunkten ausgewählten Teil der Deutschen für die Niederlage aller büßen zu lassen, wozu er sich eigens ein Recht außerhalb jedes bisherigen Kriegs- und Völkerrechts zusprechen ließ — eben das Recht auf Vertreibung. Womit er wiederum — ähnliche Maßnahmen künftiger Sieger bewußt präjudizierend — alles über den Haufen warf, was auf diesem Subkontinent bislang als Recht der Sieger gegolten hatte. Indem er dort ein bisher im großen Stil nur den Indianern angetanes Unrecht in die Rechtsordnung nunmehr auch der europäischen Völker einführte, nahm Stalin ihnen die Sicherheit ihres Daseins und setzte an ihre Stelle die Angst.

Mag der einzelne solche Gedanken auch noch so erfolgreich verdrängen, seit 1945 weiß jeder Europäer, daß ihm gegebenenfalls alles genommen werden kann, auch der Fleck Erde, von dem er lebt und auf dein er und die Seinen geboren wurden.

Das Erzeugen unterschwelliger Angst, das sogenannte „Verunsichern“ des Gegners, ist eine der wichtigsten Vorsorgen jeder psychologischen Kriegführung. Neben allem, was es sonst noch bezweckte, war das Vertreiben der Deutschen aus ihren östlichen und südöstlichen Siedlungsgebieten sowie die Begleitumstände, unter denen diese Vertreibung erfolgte — auch die Grausamkeit ist eine Waffe! — ein Stück fernwirkender psychologischer Kriegführung.

Mit ihrer Hinnahme seitens der Europäer und ihrer Anerkennung als einer völkerrechtlich zulässigen Maßnahme erlitt nicht nur ganz Europa eine Schlappe, weit gewaltiger als die vor Pultawa (1709), an der Beresina (1812) oder bei Stalingrad (1943), sondern auch der ganze sogenannte freie Westen. Die Quittung hat der Kreml noch nicht überreicht. Er wird es tun, wenn die Zeit ihm gekommen erscheint.


Die falsche Karte

Wie sehr jedoch die Maßnahme der Vertreibung auch dazu eignen mochte, die moralische Plattform der künftigen Gegner im voraus schon zu erschüttern, ihren unmittelbaren Zweck, das Eindringen Rußlands in die europäische Halbinsel durch Vorschieben der westslawischen Völker zu beschleunigen, hat sie nicht erfüllt. Die Begünstigung des Panslawismus erwies sich als Fehlspekulation. Hatte Stalin die Schlüsselstellung der beiden Länder Ostpreußen und Schlesien im osteuropäischen Völkermosaik nur zu deutlich erkannt, die wichtigere Gesamtdeutschlands hatte er dafür jedoch übersehen und sodann — in eigenwilliger Abweichung von den Lehren Lenins — im entscheidenden Augenblick weit mehr als einseitiger Verfechter des Slawentums gehandelt denn als international denkender Kommunist. Tatsächlich erwiesen sich in der Folgezeit weder Polen noch die CSSR als musterhafte Satelliten, sondern — außer Bulgarien — einzig und allein die „Deutsche Demokratische Republik“. Chruschtschow hat Stalin später seines Irrtums wegen heftig getadelt und ihm vorgeworfen, er habe „die Deutschen nicht verstanden“. Aber nun war das Unglück bereits geschehen. Nicht die den Alliierten verbliebenen Teile Deutschlands hatte man durch die Vertreibung geschädigt — im Gegenteil: die Vertriebenen lieferten dort die fehlenden Arbeitskräfte —, sondern die eigene sowjetisch besetzte Zone. Wurde diese dann trotzdem, mit ihren nur 17 Millionen Menschen, ohne Marshallplanhilfe und ungeachtet aller zwangsweisen Aderlässe, durch nichts als die bloße Tüchtigkeit ihrer Bewohner zur immerhin neunten Industriemacht der Erde, so war unschwer zu berechnen, welche wirtschaftliche Bedeutung sie für Moskau erlangt hätte, wären ihr die deutschen Ost- und Sudetengebiete mit ihren abermals 16 Millionen Menschen, mit ihren Kohlengruben, Industrien und landwirtschaftlichen Überschüssen nicht geraubt worden, ganz zu schweigen von der politischen Stoßkraft eines solchen auf den doppelten Umfang der heutigen DDR vergrößerten kommunistischen Deutschlands! „Wer Deutschland hat, hat Europa“, hatte Lenin unzweideutig erklärt. Deutschland ist die Drehscheibe Europas, Eingang und Durchgang mit Türen nach allen Seiten. Nur mußte es mit den Deutschen gewonnen werden, und nicht gegen sie. Man hat es als Hitlers Verhängnis gewertet, Rußland ohne die Russen erobern zu wollen. So beging nun Stalin den gleichen Fehler gegenüber Deutschland. Rußland verlor darüber mindestens 40 Jahre auf dem Weg zum Atlantik.

Die halbierte DDR

Die halbierte DDR | Skizze 13

Skizze 13

Die Vertreibung der Ost- und Sudetendeutschen beraubte die DDR mehr als der Hälfte ihrer Bevölkerung. Zum Nachteil der sowjetischen Deutschlandpolitik verhinderte sie die Bindung eines der BRD an wirtschaftlichem und politischem Gewicht von vornherein ebenbürtigen Satelliten.


Großraum Nordeurasien

Alle handfeste Gefahr für Europa droht zunächst immer noch von Kußland, danach erst im Gegenschlag von Amerika. Worum es zu Zeilen Peters des Großen schon ging und heute noch geht, ist — oberhalb aller sonstigen Gegensätze — der Ausgleich von kontinentaler und ozeanischer Macht. Die Europäer haben die Küsten, die Russen das Hinterland. Erst ihre Vereinigung ergibt, was sich für Amerika seit langem von selbst versteht: der geeinte Großraum von Ozean zu Ozean.

Es hieß einmal, entweder müsse Europa Rußland erobern oder Rußland Europa, es würde nicht Friede sein, ehe nicht das eine oder das andere gelungen sei. Dennoch wäre den Gesetzen des Raums auch Genüge getan, einigten sich die beiden über eine gemeinsame Herrschaft. Immer aber teilt der Starke nur mit dem Starken. Zu solcher Zusammenarbeit bedürfte es ebenbürtiger Mächte, und ebenbürtig wird nur, wer offensichtlich nicht überwunden werden kann. Die Voraussetzung weltpolitischer Freundschaft ist die zugestandene Aussichtslosigkeit gegenseitiger Unterwerfung.

Meist muß solche Einsicht dem Partner erst abgezwungen werden. Rußland hat das bisher dreimal vermocht: 1709, 1813 und 1943, Europa erst einmal: 1914 — 1917. Das Jahr 1917 bezeichnet den einzigen Großangriff, den Rußland je von sich aus gegen Europa gewagt hat. Es hat sich dabei weit überfordert. Trotz aller entlastenden Angriffe seiner Verbündeten führte seine überaus verlustreiche Offensive schon 1917 zum völligen, sowohl militärischen als auch politischen Zusammenbruch.

Die Nachfolger des letzten Zaren dürften dessen Fehler kaum wiederholen wollen. Sie werden ein vollgerüstetes Europa nicht angreifen, trotz aller Trümpfe nicht, die sie — dank westlichen Ungeschicks — heute in Händen halten. 1914 konnte das Bismarck-Reich und sein donauländischer Verbündeter den gewaltigen Ansturm aus dem Osten noch gewissermaßen mit der linken Hand abwehren.


Europas Gegenstück im Süden Europas

Durch richtige Politik in der Dritten Welt müßte Europa heute in der Lage sein, jedem Versuch zuvorzukommen, es durch Entzug dort lagernder, für die europäische Wirtschaft und Verteidigung unentbehrlicher Rohstoffe noch erpreßbarer zu machen, als es ohnehin bereits ist. Solche Erpressung droht von Seiten beider Weltmächte. Sie droht insbesondere von dem Augenblick an, da es diesen gelingt, sich mittels einer mehr oder minder einvernehmlich betriebenen, auch vom Weltkirchenrat abgesegneten Anti-Apartheidpolitik sowie durch den über sie erhofften Sturz der weißen Herrschaft endgültig in den Besitz aller südafrikanischen Rohstoffe zu setzen.

Manhattan neidet den Weißen Südafrikas die aus dem Abbau dieser Rohstoffe erzielbaren Gewinne, der Kreml hauptsächlich die strategische Bedeutung. Südafrika ist Europas Gegenstück auf der südlichen Erdhälfte und zugleich dessen Achillesferse, schon wegen des ihm über die Kaproute zugeführten Öls.

Noch läßt die Politik der Europäer jede Andeutung vermissen, daß sie sich ihrer unabänderlichen Schicksalsgemeinschaft mit den Weißen

Südafrikas auch nur einigermaßen bewußt wären. So wie es sich heute darbietet, Staat um Staat jeweils nur auf die nächsten Wahlen hinlebend, ist Europa im großen und ganzen eher ein Faktor der Unsicherheit als der Sicherheit und beinahe ein Raum der Verlegenheit für die es bevormundenden Weltmächte.

Anders ein Europa, das unabhängig nach beiden Seiten, dank eigener zielbewußt eingesetzter Kraft auch Deckung gäbe nach beiden. Als dritte Weltmacht vermöchte es im Bündnis mit einer vierten in Ostasien die 1945 erstarrten Fronten aufzulösen und der zuvor in Jalta begründeten unseligen Weltordnung von heute ein Ende zu setzen. Die Frage, ob Europa es überleben wird, ist so gut wie eins mit der, ob es sich von fremden Einflüssen freimachen kann. Nur ein freies Europa hat begründete Aussicht, zu überleben. Die Zeit drängt, das dazu Notwendige zu tun.

Gegebenenfalls kann uns Amerika vor den Panzern des Kreml schützen, nicht aber der Kreml vor den Bomben der sich grollend zurückziehenden Amerikaner. Schutz gegen beides bietet nur eigene Macht. Ohne sie läuft Europa Gefahr, im Feuer seiner Verbündeten zu verglühen.

Vielleicht steift diese Aussicht den Europäern den Rücken. Europa ist so sicher, wie es selbst will.


Anmerkungen

1 Beides von Europa aus gesehen. Für Australien, Südafrika z. T. auch Amerika gelten entgegengesetzte Richtungen.
2 Nur Australien, Neuguinea, Chile, Argentinien sowie die menschenleere Arktis finden sich auf der neuseeländischen Seite der Welt, alles andere auf der europäischen.
3 Otto Mischke, Kapitulation ohne Krieg.
4 Darüber mehr im Aufsatz des Verfassers in den Deutschen Annalen 1972: Wie sicher ist Europa?
5 Spanien und Portugal bilden raumpolitisch eine Einheit ebenso wie die Niederlande — aber auch Polen — mit Deutschland oder Kanada mit den Vereinigten Staaten, Persien mit Afghanistan, Pakistan mit Indien usw.
6 Die Ostausdehnung des moskowitischen Reichs übertraf die nach Westen hin damals um mehr als das Zwanzigfache. Sie beträgt heute immerhin noch das Dreieinhalbfache. Das vom Kreml beherrschte Gebiet müßte nach Südwesten bis über Dakar hinausreichen und im Süden bis Dar-es-Salam, um der Entfernung von Moskau bis Kamtschatka die Waage zu halten und die russische Hauptstadt in die Mitte ihres Reichs zu bringen.
7 Um das Verständnis der hier entwickelten Gedankengänge zu erleichtern, sei ausdrücklich festgestellt, daß der Begriff „Europa“ in meiner Studie nicht im Sinn landläufiger Schulgeographie verwendet werden kann. Dieser landläufige Begriff — Europa ein eigener Kontinent, seine Grenze der Ural — widerspricht der Wirklichkeit in so ziemlich jeder denkbaren Hinsicht. Weder ist Europa — wie z. B. Australien oder die Antarktis — für sich allein ein eigener Kontinent, sondern ähnlich Indien oder der arabischen Halbinsel nur ein Subkontinent der afroeurasischen Doppelinsel, noch liegen seine Grenzen im Ural. Sie liegen dort, wo in den Engen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer die nordasiatischen Festlandmassen ihren kontinentalen Charakter verlieren und an ihrer Stelle den einer durch vorwiegend ozeanische Einflüsse geprägten Halbinsel annehmen. Da die Natur den Eingängen zu dieser Halbinsel jedoch jene unzweideutigen Schranken verweigert, die sie dem indischen in Gestalt des Himalaja und dem arabischen in der des armenischen Hochlandes gewährt, wird in der hindernislosen Übergangszone östlich der Ostsee und der Karpaten jede genaue Abgrenzung aus einer bloßen Frage der Geographie zu einer solchen der Politik, womit sich auch jeder Versuch erübrigt, die hier aufeinanderstoßenden Begriffe Asien, Europa und Rußland noch länger statisch begreifen zu wollen. Europa und Asien sind Richtungsbegriffe. Jede Kraft, die im nordeurasischen Spannungsfeld von West nach Ost dringt — also auch die der Russen im Fernen Osten — ist in diesem Sinn „europäisch“, jede die von Ost nach West vorstößt — also wiederum die Russen und selbst die von ihnen vorgeschobenen Westslawen — asiatisch. Die Besetzung von Port Arthur und die Gründung von Wladiwostok trug insofern Europa nach dem Fernen Osten, die Vertreibung der Ost- und Sudetendeutschen dafür Asien — das Asien des Dschingis Khan — nach Europa.

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