Bilanz eines siebenjährigen metapolitischen Kampfes


Pierre Krebs


Dr. Pierre Krebs | Mut zur Identität

Mut zur Identität
Alternativen zum Prinzip des Gleichheit / hrsg. Von Pierre Krebs.
ISBN 3-922314-79-1
© Pierre Krebs, 1988

Wir leben einen politischen Bruch: der alte Streit zwischen ,rechts’ und ,links’, die soziale Frage betreffend, verliert an Kraft. Die offiziellen Rechten und Linken begeben sich zunehmend in eine ideologische Umarmung, der die politische auf dem Fuß folgt: sie haben Gemeinsamkeiten entdeckt, was den Fortbestand der sogenannten westlichen Zivilisation betrifft, und zwar vor allem in den negativ zu bewertenden Bereichen dieser Zivilisation, in den Bereichen ihrer machtstrukturellen, besonders ihrer egalitären, ökonomistischen und universalistischen ,Werte’.

Dieses Buch will etwas dagegen tun. Die einzelnen Abhandlungen zeigen auf, daß sich eine neue Trennungslinie entwickelt, zwischen den Anhängern des Kosmopolitismus und den Verfechtern der ethnokulturellen Identität. In unserer Zeit der Entfremdung von kultureller Schöpferkraft und Tradition eines Volkes ist es unerläßlich geworden, die Wurzeln der Identität, der geistigen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung des Einzelnen sowie der verschiedenen Lebens- und Kulturgemeinschaften zu beschreiben, ferner eine Argumentationsbasis für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Geist der Entmündigung, Auflösung und Zerstörung herzustellen.

Die neuen Streitgespräche über die Problematik der Einwanderung und der mehrrassischen, mehr- und mischkulturellen Gesellschaft, über den Verlust von kulturellem Erbe und der Tradition eines Volkes sowie über die technische Entwicklung werfen bezeichnenderweise stets als eine entscheidende Frage die nach der Identität auf. Auch die Bedrohungen auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet stehen im Mittelpunkt der Identitätsdiskussion. Im Kampf gegen die universale Mischkultur muß man die nationalen europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Es gilt, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Mut zur Identität verficht das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker, und nicht umgekehrt!


Die Neue Schule des europäischen Denkens

Aufeinanderprallen der Werte

Dr. Pierre Krebs

Unsere Epoche steckt in der Krise. Doch Krisen selbst stellen an sich nichts Neues dar: die Welt steckt nämlich in der Krise, seitdem sie Welt ist. Die Krise ist das elementare Gesetz des Lebens. Wenn die Krise als Herausforderung wahrgenommen wird, spornt sie die Tatkraft an, statt sie einzudämmen, aktiviert den Unternehmungsgeist, statt ihn zu neutralisieren. Allerdings wird die Krise heutzutage nicht mehr als Herausforderung, sondern als Fatalität wahrgenommen; als ein Status quo, der unabwendbar auf dem Weltgeschehen lastet. Die Dialektik scheint umgepolt: früher ordnete sich der Mensch in bezug auf die Herausforderung ein, die ihm die Krise stellte. Mit anderen Worten: der Mensch bestimmte sich selbst hinsichtlich der möglichen Veränderungen, die seine Einwirkung auf die Krise hervorrufen könnte. Er bestimmte sich selbst hinsichtlich der Überwindung der Krise, also in bezug auf die Welt, die nach der Krise entstehen würde. Dagegen scheint sich der Mensch heutzutage in bezug auf den Krisenzustand zu definieren; das heißt, er sucht nach angemessenen Mitteln, um sich in der Krise zurechtzufinden, statt sie zu beherrschen und zu überwinden. Gestern fand der Mensch in der Krise den Grund seiner Handlungen, seines Einsatzes, seines Willens zur Macht und Selbstbehauptung. Die Krise verpflichtete sozusagen das Schicksal des Menschen, sofern sie ihn zur Re-Aktion zwang und ihn Werte schaffen ließ, aus denen ein neues Schicksal erwachsen konnte. Demgegenüber findet der heutige Mensch anscheinend in der Krise den Grund für seine Passivität, seine Lossagung, seine Resignation. Hierin liegt der grundsätzliche Unterschied. Aber auch die Natur und der Ausgang der Krise haben sich verändert: Zum ersten Male haben wir nämlich das egalitäre Zeitalter betreten, das auf allen Kulturebenen, auf allen Achsen des Denkens, in allen Teilen dieser Welt gepflegt wird. Zum ersten Male hat die egalitäre Bewegung weltweites Ausmaß angenommen. Sie bedroht unmittelbar die Identität der Völker der Erde. Gleichzeitig hat die nach Sicherheit lechzende Gesellschaft der letzten Menschen (vgl. Nietzsche) erstmals das Wagnis vor aller Welt geächtet. Deshalb kann der Mensch in der Krise nur noch die irrsinnige Matrix, den Mutterboden all seiner Niederlagen und Entsagungen, all seiner Anpassungen und Niederträchtigkeiten wahrnehmen. Darin gründet ohne Zweifel die egalitäre bürgerliche Gesellschaftsform, welche Macht gegen Sicherheit tauscht, Sensibilität gegen Vernunft, Einsatz (das heißt Glauben) gegen Planung (das heißt Gesetz).


Nichts entbehrt der Mensch, der aus sich selbst lebt

Dennoch: Wer hat diese Umwertung hervorgerufen, wenn nicht der Mensch? Wer hat diese Resignation hervorgerufen, wenn nicht der Mensch? Wer hat diesen Defätismus hervorgerufen, wenn nicht der Mensch? Woraus sind die Probleme hervorgegangen, aus denen die Krise entstanden ist, wenn nicht aus dem Menschen? So lange der Mensch an die Unabwendbarkeit dieser Fatalität zu glauben gewillt ist, so lange wird er Objekt und Gegenstand der Krise bleiben, außerstande, seine Identität wieder einzuwurzeln, unfähig, in seiner organischen Zugehörigkeit die Kraft zur Bekämpfung des Universalismus zu schöpfen. So lange er die aufrechterhaltende Sicherheit dem erhöhenden Wagnis vorzieht, die mechanisierende Rationalität der aktivierenden Sensibilität, die einebnende Anpassung dem personalisierenden Einsatz, so lange wird er der ‚demobilisierte’, dennoch ausgebeutete Mensch einer auf Nutzen, Verbrauch und Rentabilität aufgebauten Gesellschaft bleiben. Demgegenüber: Er braucht nur daran zu glauben, daß diese Fatalität keine ist, daß der Universalismus nicht unwiderruflich, der kommerzielle Liberalismus nicht unabänderlich sind, um das wiederzuschöpfen, was zu keiner Zeit seiner Herrschaft und seinem Maß entgangen ist; ganz einfach, weil dem Menschen, der ohne Fremdbestimmung aus sich selbst lebt, nichts entgeht.


Wir rufen zum Kulturkampf auf

In diesem Sinne ruft unsere Neue Schule zum Kulturkampf auf, das heißt zum totalen Angriff der lebendigen Kräfte unserer Ideen gegen alle totalitären Erscheinungen der Gleichheitslehre, des Kraken, der den sanften, unsichtbaren, geruchlosen Tod im Namen des Humanitarismus und des Glücks bringt; dieses Kraken, der seine Tentakel genauso vermehrt wie ein bösartiges Gewebe seine Metastasen; des Kraken, der die Völker von innen anfrißt, indem er ihre Seele gegen die trügerische Sicherheit des materiellen einseitigen Wohlstands, ihre Macht gegen die entfremdende Sicherheit der Entpolitisierung und der Lossagung eintauscht. Unsere Neue Schule ruft zum Kulturkampf auf, denn das Jahr 2000 als Angelpunkt zweier Jahrtausende wird zweifelsohne auch Wegscheide zweier Weltanschauungen sein: Universalismus oder Ethnopluralismus, Gleichheitslehre oder Differenzierungslehre, die Abfindung mit dem Nivellierungsprozeß oder das Recht auf Verschiedenheit.

Auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert wollen wir ein neues Zeitalter der Werte und der Kultur ankündigen.


Wir appellieren an den Mut zum Wagnis

Widerstand bedeutet also heute die Neubestimmung der Ideen zur Wiederentdeckung der Werte, bedeutet Bewaffnen des Intellekts zur Mobilisierung des Bewußtseins, erweist sich als Organisierung der Erkenntnisse und Wiederaufrüstung des Willens. Widerstand in diesem Sinne heißt Europa zu einer größeren Macht verhelfen, damit es morgen ein noch größeres Schicksal bestreiten kann1. Die Welt wird von Ideen verändert; zumindest von denjenigen, die eine mythische Verankerung erhielten und von Denkern getragen werden, die zugleich Kämpfer und Gesandte zu sein vermögen. Die Geschichte der Ideen offenbart, daß die gesamte Geschichte Europas von einem Aufeinanderprallen der Werte, von einem ,Krieg der Götter’, von einer Auseinandersetzung zwischen vorrückendem christianomorphem Bewußtsein und heidnischer Psyche geprägt wird. Bis Nietzsche waren sich die Europäer dieses ‚metaphysischen’ Krieges nur unvollständig bewußt geworden. Das Thule-Seminar als Neue Schule der europäischen Kultur ist dazu berufen — in enger Zusammenarbeit mit allen Denkzirkeln in Europa, die sich für die Neue Kultur einsetzen —, jenseits der veralteten Schubladen (mögen sie nun den Stempel der Sozialdemokratie, des Liberalismus, Kommunismus, Judäo-Christentums oder des American Way of Life tragen) die sich bildenden Gemeinden der ,Antikosmopoliten’ und ,Antimondialisten’ aufzunehmen, d. h. all diejenigen, die links und rechts die kulturelle Zersetzung und rassische Auflösung Europas ablehnen. Es handelt sich um den historischen Kampf für die Wiederherstellung einer gemeinsamen Heimat: das kommende Europa.


Kampfgeist

Eine revolutionäre Bewegung geht aus der Vereinigung einer Idee, eines Willens, einer Strategie sowie einer Verpflichtung hervor. Denn ohne Ideen, die sich innerhalb einer die Welt, das Leben und die Menschen umfassenden Anschauung bewegen, gibt es keine Alternative;

ohne den Willen zur Tat und zum Engagement — mit der Verantwortung und den Opfern, die ein solcher Wille bedingt — kann es keine Revolution geben;

ohne Strategie, die diese Ideen wirkungsvoll einsetzt und verbreitet, gibt es keinerlei Eroberung.

Diese Notwendigkeit erkannte Lenin, als er sagte: „Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Aktion.“

Aufmerksame Beobachter unserer Aktivitäten, scharfsinnige Kritiker unserer Weltanschauung benutzten bei ihren zahlreichen Versuchen, das Thule-Seminar zu definieren, gelegentlich den Ausdruck ‚Laboratorium der Ideen’. Dieser Ausdruck ist nicht eindeutig. Er trifft zu, vorausgesetzt, daß man das ,Laboratorium’ in eine lebendige, unsere Ideen vertretende Gemeinschaft (die wachsende Zahl unserer Mitglieder, Sympathisanten und Leser) eingepflanzt sieht und daß man den uns tragenden Ideen die einzige Dimension zuerkennt, die sie legitimiert, den revolutionären Schmelztiegel nämlich, in dem sie Form annehmen und innerhalb dessen sie sich durchsetzen. Nikolai Grundtvig äußerte die Überzeugung: „Wir wollen keine Gelehrten hervorbringen, sondern lebendige Menschen, die eine ausschlaggebende Rolle im großen Befreiungskampf der Völker spielen können.“ Julien Freund erinnert im gleichen Zusammenhang: „Die Ideen werden erst dann zu Werten, wenn sie von der Erfahrung, vom Leben der Menschen bestätigt werden. Ob wir es wollen oder nicht, die Geschichte lehrt uns, daß die Gesellschaft keine bloße Anhäufung einzelner Lebensvorgänge ist, sondern ein Beziehungsgewebe, das Kett- und Schußfäden, das heißt hierarchische und egalitäre Beziehungen aufweist. Wenn die Kettfäden einmal gerissen sind, haben die Schußfäden keinen Halt mehr und der Stoff franst aus. Ohne Rangordnung zerfällt das Wertgefüge, eine dekadente Gesellschaft gleicht einem ausgefransten Gewebe. Um aus dem Verfall herauszukommen, müssen wir die Kunst der Politik wiederentdecken, die Platon als den „Beruf des edlen Webers“ bezeichnete.“2

Pierre Vial weist seinerseits immer wieder auf eine der größten Lehren der Geschichte hin, man müsse nämlich zunächst die Idee säen, um dann aus Taten ernten zu können. Die Idee ist vorrangig. „Die großen Umwälzungen der Geschichte wurden von Intellektuellen vorbereitet, das heißt von Menschen, die sich berufen fühlten, zu denken und dieses Denken auch zu verbreiten; die eigene Gedankenwelt und ihre Verbreitung galten ihnen als selbstverständlich. ,Ohne Marx kein Lenin’ ist mithin eine logische Aussage ... Es erübrigt sich deshalb besonders zu betonen, daß unsere Aufgabe im Bereich der Ideen liegt — wohlverstanden als Grundlage der daraus folgenden Tat.“ Schon die Geschichte der Kirche bestärkt uns in dieser Ansicht: „Wer über Ideen spöttelt oder an ihrer Wirkkraft zweifelt, sollte folgendes bedenken: Mit ihrer ,großen Weisheit’ erkannte die Kirche (zu einer Zeit, da sie erst eine unbedeutende Gemeinschaft innerhalb des Römischen Reiches bildete), daß sie zunächst die Köpfe für sich gewinnen müßte, um eines Tages die gesamte Gesellschaft in die Hand zu bekommen und sie nach ihren Auffassungen gestalten zu können. Die Kirche war sich des ausschlaggebenden Einflusses der Ideen dermaßen bewußt, daß sie sich für tausend Jahre die ausschließliche Vorherrschaft im geistigen Leben sicherte.“3

Somit ist dieses ,Laboratorium’ weder aseptisch in seinen Absichten (einer kulturellen Umwälzung) noch neutral in seinen Zielen (einer politischen Wiedergeburt). Ein engagiertes ‚Laboratorium’ mit zweckgebundenen Ideen: diese Definition beschreibt das Thule-Seminar sicherlich am treffendsten.

Sowohl in unseren Publikationen als auch anläßlich unserer Vorträge und Seminare betonen wir immer wieder, daß unsere Weltanschauung mehr als eine Ideologie ist: Sie entspricht einem Gebäude grundlegender Werte, die seit Jahrtausenden in den europäischen Völkern lebendig sind. Wir, die sich für sie einsetzen, sind heute eine Minderheit. Sollten wir, und alle, die verwandten Sinnes sind, keinen Erfolg haben, käme die geschichtliche Wirksamkeit der europäischen Völker zum Erliegen. Folglich ist der Einsatz, um den es geht, von historischer Bedeutung in der augenblicklichen Gesellschaft.

Wir entstammen den Völkern der Ilias und der Edda, nicht denen der Bibel; wenn sich diese Erkenntnis endlich durchsetzt, werden entscheidende Wandlungen eintreten. Historiker sind sich nämlich immer mehr darüber einig, daß das Aufblühen der europäischen Kultur auf allen Ebenen nicht wegen, sondern trotz des Christentums erfolgte. Die Einführung der christlichen Weltanschauung scheiterte lange am selbstbewußten Widerstand der heidnischen Völker. Nur durch eine langwierige Synkretismusarbeit, die ihre volle Tragweite erst zu Beginn der Neuzeit erlangte, konnte sich die monotheistische Heilslehre durchsetzen, indem sie die heidnische Wesensart z. T. bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Tatsächlich schadete der jüdisch-christliche Egalitarismus der Dynamik und der historischen Kraft Europas grundlegend, vor allem durch seine Verweltlichung, die hauptsächlich in der Reformation und Gegenreformation, der englischen Revolution im 18. Jahrhundert, dem Marxismus und Liberalismus im 19. und 20. Jahrhundert erfolgte. Die Linke und die Rechte gehören zu diesem ideologischen Komplex. Wir setzen uns für die Wiedereinführung des europäischen Heidentums, für die Belebung der europäischen Werte ein, die nach einem langwierigen Prozeß der Unterwanderung von den Inhalten des Judenchristentums und seines weltlichen Erben, des egalitären Individualismus, verdrängt wurden.

Unsere Neue Schule steht über der Rechten und der Linken, denn unser Gegensatz zum Egalitarismus ist radikal und umfassend. Wir wollen etwas grundsätzlich Anderes, wir verfolgen ein ganz unterschiedliches Lebensziel. Bei den Sozialdemokraten, den Liberalen, den Kommunisten, den Christlich-Sozialen bezieht sich der Zwiespalt lediglich auf die Art der anzuwendenden, gesellschaftlich wirkungsvollen Mittel (die Praxis), das gleiche (universalistische, individualistische usw.) Vorhaben auszuführen und der gleichen Weltdeutung zu gehorchen — selbst wenn ihre Formulierung je nach „Familie“ abweicht. Wir haben mit den anderen Denkfamilien in bezug auf die Werte, d. h. auf das Wesentliche, nichts gemein. Wir sind anders.

Unsere Neue Schule wendet sich an alle Menschen unseres Volkes, weil sie — nach den Worten des italienischen Theoretikers Antonio Romualdi — „das Bewußtsein Europas“ verkörpert ist, das Bewußtsein seiner Einheit und die intellektuelle, geistige, ethische Waffe, die ihm zur Wiedereroberung seiner Unabhängigkeit verhelfen wird. Die vieltausendjährige europäische Kultur wurzelt in einem einzigen Volk, das in seinen Hauptzügen homogen, in seinen Erscheinungsformen aber äußerst mannigfaltig ist. Die Bevölkerungen lateinischen, hellenischen, hispanischen, germanischen, skandinavischen, keltischen und slawischen Ursprungs sind alle Erben ein und derselben anthropologischen, kulturellen und linguistischen Wurzel, wie die moderne historische Ethnographie es nachweist. Diese ,Wurzel’ stammt aus der Verschmelzung eines sogenannten ‚indoeuropäischen’ Volkes mit lokalen, anthropologisch verwandten Bevölkerungen, die damals auf dem europäischen Boden verteilt waren. Die Indoeuropäer — so genannt, weil sie sich vom äußersten Ende Europas bis zum indischen Subkontinent niederließen — gaben allen europäischen Völkern ihre Sinnesart, ihre Kultur, ihre Sprache. Die europäischen Völker besitzen seit Anbeginn ihrer Geschichte das gleiche kulturelle, sprachliche und anthropologische Fundament. Die sehr früh aufgekommenen Differenzierungen entsprechen vergleichsweise ebenso vielen melodischen Linien in der gleichen Sinfonie, ebenso vielen Gestalten in der gleichen Freske. Die römischen und die skandinavischen Götter sind nahe verwandt. Die griechische und die deutsche Sprache drücken jede auf ihre Weise eine ähnliche Geistesart aus, und zwar mit syntaktischen und lexikalen Strukturen, die auch den lateinischen und slawischen Sprachen eigen sind. Die Mannigfaltigkeit in der Einheit, die Vielzahl an Göttern und Werten innerhalb des gleichen Sakralen bilden den Angelpunkt des indoeuropäischen Erbes.

Unsere Weltanschauung widersetzt sich also nicht einer Ideologie der gegenwärtigen geistigen Landschaft, sondern allen. Sie verfolgt dabei drei Hauptziele:

1. Eine intellektuelle Erklärung der Welt, des Menschen, der Gesellschaft, der Geschichte zu liefern, die unseren Werten und unserer Arbeitsweise entspricht, wobei diese vollständiger, zusammenhängender, umfassender ist als die der bestehenden Ideologien. Es handelt sich nicht um ein Dogma, sondern um ein offenes, sich ständig entwickelndes System. Darin unterscheiden wir uns von den Marxisten, den Liberalen oder den Christen. Wir wollen den Vorteil eines weltdeutenden Schlüssels haben, ohne auf den Dogmatismus oder die Flucht aus der Wirklichkeit angewiesen zu sein.

2. Unser theoretisches Gebäude ist mit einer Veranschaulichung unserer Werte gleichzusetzen, die ihrerseits nur teilweise rational begründbar sind. Unsere Werte bleiben unveränderbar, auch wenn sich unsere Ideen wandeln; denn die Ideen sind taktische, stets zu verbessernde Mittel, um die Werte zu verwirklichen. Ausgangspunkt unserer Weltsicht ist die Anerkennung der tatsächlichen Lebensgrundlagen, so wie die Beobachtung, der gesunde Menschenverstand oder die Naturwissenschaften sie uns vor Augen führen: die überströmende Kraft des Lebendigen, sein vom Schicksal bedingtes, durch Gefahr geprägtes Wesen, das in offener und verdeckter Rangordnung wirkt, die ihm innewohnende, auf Entwicklung zielende Bewegung, die Krisen und Gleichgewichtsstörungen, die ihm Anlaß sind, Standfestigkeit zu entwickeln, das ständige Werden und Ringen, dem es seine Entstehung verdankt.

3. Unser ideologischer Standort macht uns die Aufgabe leichter, da wir einem Wertsystem folgen, das sich den herkömmlichen Trennungen in Linke und Rechte, Wissenschaft und Natur, Biologismus und Kulturalismus usw. entzieht. Wir treten beispielsweise zugleich für die technische Modernität und für die Verwurzelung ein, für den privaten wirtschaftlichen Unternehmungsgeist und für die Vorrangstellung der politischen Hoheitsgewalt gegenüber der Ökonomie.4


Die verschiedenen Erscheinungsformen
eines mißratenen Weltbildes

Getragen wird die Gleichheitslehre u.a. von dem Judäo-Christentum, dem Neomarxismus, der Frankfurter Schule, dem Freudo-Christentum, dem Neofeminismus à la Kate Millet, der Ideologie der Menschenrechte, dem Liberalkapitalismus und dem American Way of Life, der Bauhaus-Architektur, der informellen Kunst, den philosophischen Theorien des Individualismus, den politischen Theorien des Staats als ‚Nachtwächter’, den pädagogischen Theorien des Behaviorismus, den Theorien des universalistischen Humanismus, den moralisierenden Hirngespinsten des ,Weltbewußtseins’, den juristischen Theorien des Naturrechts, den angleichenden völkermörderischen Theorien. Die differentiale Weltanschauung, auf die wir uns berufen, ist ,älter’: sie gründet in der psychischen, kulturellen und historischen Typologie der ursprünglichen indoeuropäischen Völker.

Aber die differentiale Weltanschauung ist auch ‚jünger’, nämlich dort, wo sie sich auf die modernen naturwissenschaftlichen Errungenschaften stützt: auf die Erkenntnisse der Bevölkerungsgenetik bis zu denen der Chromogenetik, der Zellularbiologie des Hirns und der Ethologie, oder auch dort, wo sie sich auf die philosophischen oder ethischen Überlegungen stützt, die die Geschichte des menschlichen Denkens abstecken: von Plato bis Konfuzius, von der nominalistischen Philosophie bis zum Mystizismus eines Meister Eckhart, von Nietzsche bis Heidegger, oder aber auf die soziobiologischen Betrachtungen eines Max Weber, eines Pareto, eines Carl Schmitt oder eines Schelsky.

Die Gleichheitslehre bietet eine reduktionistische Weltanschauung: die Völker, die in der Panmixie untergehen, werden auf das utopische Standardmodell einer möglichst homogenen Menschheit reduziert. Dieser Reduktionismus führt zugleich zu einer einengenden Auffassung des in Natur und Leben eingezeichneten Pluralismus: die Kulturen müssen eingeebnet, die Unterschiede geglättet werden; kurzum: die Verschiedenheit wird auf den Index gesetzt. Wir sind der Überzeugung, daß diese Sicht pathologisch ist, sofern sie den Polymorphismus (sprich die Vielgestaltigkeit) der Natur, das wesentliche Stauden des Lebens auf allen Stufen und in allen Ordnungen anficht. Wenn nämlich alles allem gleicht, gibt es kein Oben und kein Unten mehr, keine Motivation für das Obere, keinen Widerstand gegen das Untere. Der Schwache und der Starke, der Dummkopf und der Gescheite, der Profitmacher und der Fleißige, der Feige und der Mutige haben nun den gleichen Wert, oder vielmehr das eine erklärt das andere für nichtig. Der egalitäre Diskurs hält somit die Natur in der Abstraktion gefangen, die Kultur in der Entfremdung, das Leben im Dogma, den Menschen im Individuum und in der individualisierten Menschenmasse, das Volk in der Menschheit.

Im Gegensatz zum Egalitarismus leitet die Differenzierungslehre den Ursprung des Menschen weder vom Monogenismus (Einmaligkeit der Schöpfung) noch vom Monotheismus (Einmaligkeit Gottes) her. Sie schafft keine Trennung zwischen seiner ethnischen und seiner metaphysischen Abstammung. Sie schafft keinen Bruch — weder auf der Ebene der Herkunft noch auf der des Werdens: Der Mensch entwickelt sich in der Kultur, die er hervorbringt. Die Differenzierungslehre definiert die Zukunft des Menschen nicht jenseits seiner Herkunft, sondern von seinen Wurzeln her. Demnach ist die Gleichheitslehre eine Lehre des Bruches. Die Differenzierungslehre dagegen zielt auf eine Verkettung ab: sie nimmt nämlich die biologische, historische und kulturelle Matrix des Menschen in Betracht, d. h. überhaupt seine organische Dimension, die sich auf kein Dogma reduzieren läßt, weil sie von den biokulturellen Fakten nicht zu trennen ist. Die Kultur verabsolutiert ja schon deshalb das Anderssein, weil es auf dieser Welt kein kulturelles Bezugssystem für die gesamte Menschheit gibt. Die Kulturen sind Ausdruck des Seelenlebens der Völker, der stärkste eindeutigste Beweis für deren unterschiedliches Genie und die beste Gewähr für ihre Fähigkeit, die Geschichte fortzusetzen5.

Der polytheistischen Weltsicht völlig entgegengesetzt, gründen alle aus dem monotheistischen Dualismus abgeleiteten Ideologien in Wertvorstellungen, die den Anspruch des Absoluten, Universalen und Endgültigen erheben. Aus diesen Quellen entspringen folgerichtig politische Willkür, Intoleranz und Totalitarismus. Sie bedingen eine Entwertung der Heimat, der Verwurzelungen, der Gemeinschaften, der Selbstbestimmung.

Außerhalb der Verkettung Dualismus-Rationalismus ist der Egalitarismus in der Praxis undenkbar. Jacques Marlaud erkennt in diesem Zusammenhang, daß die dem europäischen Geist zwei Jahrtausende lang eingetrichterte rationalistische Idee „auf einem Dualismus beruht: zwischen einem rationalen Prinzip, einer organisierenden Überwelt (dem logos), und der Welt, unserer als vorübergehender Unordnung aufgefaßten existentiellen Welt, die der logos beherrscht, lenkt und eventuell mit Hilfe der Moral (der logos vermenschlicht durch die erlösende Sünde) in seine Mitte wiederaufnehmen wird. Alle rationalistischen, idealistischen und theistischen Denkgebäude gehen auf dieses Schema zurück. Sokrates, Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin, Descartes, Rousseau, Kant, Hegel, Marx und Auguste Comte formulierten Varianten dieses logo-idealistischen Dualismus.“6

Das Christentum bleibt nach wie vor das ,Schlüsselglied’ dieser Verkettung. Die Verweltlichung, die mit dem Calvinismus und dem Luthertum einsetzt und mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule (antirevolutionäre Neomarxisten) abschließt, war vom Christentum selbst vorbereitet worden, das die metaphysischen Ideale, mit denen der Christ als „außerweltliches Individuum“ in Beziehung stand, auf die Erde, zu deren Veränderung, hatte herunterholen wollen. Der christliche Grundsatz, wonach der Mensch im Hinblick auf ein künftiges Gottesreich sein persönliches Heil suchen müsse, wandelte sich in den herrschenden Ideologien (denen des liberalen Kosmopolitismus oder des sozialistischen bzw. marxistischen Internationalismus) in den Wunsch um, das individuelle, meistens als wirtschaftlichen Wohlstand aufgefaßte Glück zu verwirklichen. Bei den Christen gilt die ,Vernunft’ als Erbin der Naturordnung und des göttlichen Willens. Das den Gesellschaften zugewiesene Ziel ist demnach, das individuelle Glück rational zu verwirklichen. Alle Lehrsysteme der Gegenwart stimmen darin überein. Bis auf unseres.

Diese Art Rationalismus, diese im Dienst eines ausschließlichen Strebens nach individuellem ,Glück’ eingesetzte Ratio wirkt sich katastrophal aus, denn die nur als Gedanke mögliche und zudem auf wirtschaftliche und soziale Formen beschränkte Verwirklichung des individuellen Glückes zerstört alles Hohe und Heilige. Vom Marxismus bis zum sozialen Christentum, vom Liberalismus bis zur Sozialdemokratie vertritt der Egalitarismus in all seinen Erscheinungsformen dieses mißratene Weltbild. Wir betonen dagegen, daß der Mensch Sinngeber und Herr der Formen ist innerhalb einer schicksalhaft bedingten, gefahrvollen Welt, deren immer neue Überwindung und zugleich Vervollkommnung unser Auftrag ist. Dieses Streben nach einer Erhöhung des Daseins, dieser Begriff des ,Übermenschen’ steht dem individualistischen Humanismus völlig entgegen.7


Plädoyer für eine polytheistische Philosophie

Wir möchten es betonen: Die Kultur verabsolutiert schon deshalb das Anderssein, weil es auf dieser Welt kein kulturelles Bezugssystem für die gesamte Menschheit gibt. Auch Regis Debray stellt zutreffend fest, daß die „universale Gruppe nicht existiert, ebensowenig der universale Sprecher. Aber alle Menschen erhalten bei der Geburt das Sprachvermögen und alle Gruppen erhalten bei ihrer Bildung das Vermögen zu glauben. Das Sprachvermögen bedingt nicht, daß jedermann Volapuk oder Esperanto spricht; das Glaubensvermögen bedingt keine alleinige universale Religion. Es bedeutet lediglich, daß jedes gemeinschaftliche Gebilde religionsvermögend bzw. für eine besondere Religion berufen ist“. Und Debray erinnert an die Worte Chomskys, daß „alles, was die Menschen voneinander unterscheidet, sie mehr interessiert als das, was sie gemeinsam haben“8!

Guillaume Faye bekämpft seinerseits vehement die Überzeugung, wonach „die technologische und naturwissenschaftliche Dynamik auf der Gleichschaltung der Erde zu einem fließenden Netz beruhe. Wie in der Biologie und in der Kybernetik wird die Homogenisierung ab einem bestimmten Schwellenwert rückläufig. Der Organismus wuchert krebsartig und wird anfällig, weil er nur noch eine einzige Verhaltensweise, nur noch eine einzige programmierte Antwort auf die Herausforderungen besitzt. Die großen menschlichen Verwirklichungen waren übrigens niemals das Werk der gesamten Menschheit, sondern das einzelner Völker, die durch den Wettbewerb der anderen angespornt wurden. Die technische Dynamik, der kulturelle Reichtum und die kulturelle Kreativität sind nur in einer zersplitterten Welt möglich, wo jede größere ethnokulturelle Einheit ihren eigenen Weg, ihre eigene Produktion und ihren eigenen Verbrauch entwickelt. Die derzeit stattfindende ideologische, politische und technische Gleichschaltung der Erde führt die Menschheit in eine Art laue Hypertrophie, wo ‚Fortschritt’ in Wirklichkeit ‚Rückschritt’ bedeutet.“ Das Überleben der Menschheit hängt vielmehr ab vom Fortleben ihrer Unterschiede, ihres inneren politischen oder wirtschaftlichen Wettstreits. „Wir befürworten ein homogenes Modell heterogener Völker (und nicht umgekehrt). Es ist die Voraussetzung zur Achtung vor dem Anderen, zur Koexistenz, zur gegenseitigen Bereicherung einer pseudogemeinschaftlichen Menschheit, die von einem einzigen weltweiten Kommunikationsnetz, einer einheitlichen Sprache und massivem, schrankenlosem Austausch versorgt wird (so daß keiner mehr kommunizieren kann!). Dem ziehen wir einzelne, unterschiedliche Völker, begrenzten Austausch, vielgestaltige Sprachen vor, damit ein echter Verkehr zwischen den einzelnen Kulturen einsetzen kann.“9

Astrophysik und Biologie bezeugen, daß die Welt keine einmalige, unumschränkt herrschende Norm kennt. Die Welt ist vielmehr der Ort einer unbestimmten Zahl an widerstreitenden logischen Denksystemen. Alle bedeutenden naturwissenschaftlichen Denker unseres Jahrhunderts, etwa Werner Heisenberg, Karl Popper, Louis Rougier, und der vorigen Zeit, u. a. Leibniz oder Gustav Le Bon, haben den Glauben an einen rationalen, dem Weltdasein zugrunde liegenden Willen erschüttert. Heisenberg, Koestler, Monod anerkannten, daß „der Welt Inneres nicht die geringste Spur von einem solchen Willen aufweist“. Vorhanden ist vielmehr „ein Übereinandergreifen gegensätzlicher Systeme, die in einem hierarchischen, relativen Gleichgewicht nebeneinander bestehen. Das planetarische Gleichgewicht ist eines dieser Systeme, die atomische Anordnung der Materie, auf mikroskopischer Ebene, ein anderes. Die organische Welt besitzt ihre eigenen grundlegenden Gesetze, die denen der physikalischen Welt aufgedrängt werden, und der geistige Bereich überragt die beiden anderen, ohne sich deshalb von ihnen selbständig gemacht zu haben, wie der Philosoph Nicolai Hartmann es deutlich darlegte“10.

Patrick Trousson (Nouvelle Ecole, Winter 1985-86, S. 26-45) griff die Frage nach der Weltvorstellung innerhalb der Physik wieder auf und erbrachte entscheidende Belege. Trousson sichtet zunächst die revolutionären Auffassungen einiger Forscher, etwa Lucien Romani, Stephane Lupasco, Fritjov Capra und Jean E. Charon. Romani bekräftigt die Kontinuität der Materie, indem er den Ätherbegriff wieder aufwertet. Diesen Begriff hatte Einstein in seiner Theorie bewußt außer acht gelassen, als er die ‚Krümmung des Weltraums’ in Betracht zog. Romani zufolge sei der Äther weder atomar noch molekular beschaffen, sondern bestehe „aus einem ununterbrochenen, nach allen Seiten dehnbaren Stück und könne somit alle Wellen übertragen“. Der Äther sei sozusagen die Materie. „Romanis Weltsicht“, bemerkt Patrick Trousson, „ist mit der verwandt, die die ältesten europäischen Traditionen uns hinterließen. Unsere Gründungsmythen, mögen es griechische, keltische oder germanische sein, legen uns nämlich die Welt als einheitliches Ganzes dar, in dem Götter und Menschen gewissermaßen wesensgleich sind. Romanis Hypothese bietet eine ähnliche Auffassung: einen gemeinsamen Grund, den grundlegenden Äther, und unterschiedliche Formen für die „einzelnen materiellen Gegenstände — die Ätherwirbel und -wellen —, wobei das Ganze und die Teile wesensgleich sind“.

Nicolescu ist der Ansicht, daß die Natur ihre eigene Einheit erzeugt. „Wir fassen die Welt eher als ein System von Verknüpfungen, Verbindungen und Begebenheiten auf denn als ein System einzelner Gegenstände. Die Welt, die Natur ist eine globale Einheit, und jeder Teil empfindet, was in den übrigen Teilen des Universums geschieht. Untrennbarkeit kennzeichnet die grundlegende Ebene.“ Nicolescu trägt kein Bedenken, sich auf Philosophen wie P. D. Ouspensky und G. I. Gurdjieff zu berufen — ja sogar auf den deutschen Mystiker Jakob Böhme, der schon im 17. Jahrhundert die Überzeugung äußerte, daß das Allumfassende eins ist. Nicolescu erkennt „eine wesentliche Verbindung zwischen der Wissenschaft und der europäischen Weltsicht“ (Trousson). Indem er ferner die Hypothese aufstellt, die Welt weise mehr Dimensionen auf als die vier, die unseren gewöhnlichen Zeit-Raum kennzeichnen, verwirft Nicolescu die Auffassung der Linearität (Gradlinigkeit) in Zeit und Geschichte: „Es gäbe kein ,Vorher’ und kein ,Nachher’ im gewöhnlichen Sinne“, kommentiert Trousson. „Die Fortdauer wäre lediglich eine Approximation. Auch hier taucht die ursprüngliche europäische Tradition wieder auf, denn diese betrachtete die Zeit, und somit die Geschichte, niemals als rein linear und fortdauernd.“

Das berühmte mystische Dreiergesetz (an dem Jakob Böhme besonders hing: Welt des Feuers, Welt des Lichts, durch Finsternis und Licht erzeugte Außenwelt) wird zum Form bzw. Strukturgesetz bei Nicolescu. Es ist auch bei Georges Dumezil zu erkennen, wenn er die funktionale Dreiteilung innerhalb der indoeuropäischen Ideologie aufdeckt. Und desselben Gesetzes bedient sich Stephane Lupasco im Bereich der Physik und der Biologie, wenn er den Nachweis erbringt, daß die Grundeigenschaft der Energie ihr Antagonismus (ihre Gegensätzlichkeit) ist. Eine entscheidende Feststellung, denn sie erhärtet bestens, was der europäische Paganismus immer wieder behauptet hat: die Welt ist zugleich eins und mannigfaltig, was uns Rationalismus und Dualismus auch immer einreden mögen. Jacques Marlaud bezeichnet diesen Umstand als polemologischen Monismus; und dieser Begriff stimmt weitgehend mit Lupascos Gesetz des energetischen Antagonismus überein.

Patrick Trousson zieht daraus folgende Schlußfolgerung: „Das Leben ist nur dort möglich, wo Verschiedenheit, Vielgestaltigkeit, Heterogenität vorhanden sind. Ordnung, Relationen, Hierarchie sind die unerläßlichen Bedingungen zum Zutagetreten des Lebendigen. Altern und Tod treten ein, wenn das Homogene allmählich das Heterogene verdrängt. Die Parallele zu den traditionellen Lehren ist offensichtlich. Die lebenden Systeme, die physikalische Theorie der Information und Lupascos Hypothese stellen unter Beweis, daß die Vermittlung von Informationen, d. h. die Erziehung und die Kultur, nur in einer mannigfaltigen und zugleich geordneten Struktur erfolgen kann. Wäre alles eingeebnet, gleichgemacht, homogenisiert, dann hätte der Begriff der Information selbst keinen Sinn mehr. Ferner treten diese (differenzierten und geordneten) lebendigen Systeme nur als Ergebnis eines Kampfes zutage — Kampf zwischen Homogenem und Heterogenem, zwischen Unordnung und Ordnung, zwischen Impulsivem und Überlegtem. Die Griechen hatten bereits diese Sicht der Natur schematisiert; indem sie uns die Geschichte vom ewigen Kampf zwischen Dionysos und Apollon hinterließen.“

Solche naturwissenschaftlichen Betrachtungen, insbesondere über die Physik, bieten uns ein prächtiges, wohl das klügste, Mittel zur Wiederaneignung der Identität. Ebenfalls in Nouvelle Ecole (S. 44) schreibt die Physikerin Anne Jobert: „Die Wahl der Wissenschaft ist die unserer Identität. Wir müssen diese Wissenschaft anerkennen, die als europäisch zu nennen sich manche fürchten, weil sie sie als universal wollen (eine Art, sie zu verleugnen). Das ist möglicherweise der Preis unserer Zukunft: die Anerkennung unserer Wissenschaft kann uns sowohl vor dem Nihilismus wie vor der Ideolatrie hüten. Es verläuft ein äußerst schmaler Grat zwischen diesen beiden Abgründen, und wir stehen auf dem Spiel“.

Eine großartige Übereinstimmung also mit der antirationalistischen und -dualistischen Lebensauffassung des Paganismus, der in der Welt ein unbeständiges, antagonistisches Gleichgewicht von Spannungen wahrnimmt, ein Feld von ständig widerstreitenden Kräften, die je nach Affinität, Komplementarität und Feindschaft miteinander und voneinander getrennt werden“.11

Aber auch die Physik ist im Begriff, sich von den rationalistischen, dogmatischen und reduktionistischen Denkschemata zu lösen. Sie nimmt nun Abstand von den „Dogmen“, schreibt Trousson, „und sucht eine Anschauung des Wirklichen, die nicht metaphysisch und ,rational’ ist. Mit der Untersuchung über die Symmetrien in der Natur, mit der Hypothese des bootstrap und des grundlegenden Äthers, mit Lupascos energetischem Antagonismus zielt sie auf einen anderen Bereich des Wirklichen hin, den ‚irrationalen’ und spirituellen Bereich. In Europas kultureller Tradition verwurzelt, ist die moderne Wissenschaft fähig, neue Gebiete des Wissens zu erobern. Dank Romani, Nicolescu und Charon erkennen wir das grundlegende Band zwischen Mensch und Kosmos: sie sind wesensgleich.“

Die heidnische Weltanschauung faßt die Völker und die Kulturen, das Profane und das Heilige nicht anders auf: dort werden die ,Biokulturen’ als ,Kraftfelder’, die Mythen als ‚bevorzugte Ausdrucksformen dieser Werte’ wahrgenommen. „In dieser nominalistischen Sicht gehören die religiösen und ideologischen Überzeugungen zu jenen ,Derivaten’, die nach W. Pareto auf organisch unreduzierbaren ,Residuen’ gründen.“12 Eine andere Form, die Wesensgleichheit von Mensch und Kosmos aufzufassen.

Es wäre an der Zeit, die Prinzipien der Frankfurter Schule zu vergessen, und endlich eine politische Philosophie zu treiben, der die Vorstellung von absoluten Prinzipien fremd ist: eine entschieden polytheistische Philosophie.


Die neuen Götter stehen vor uns

Jacques Marlaud stellte eine anschauliche Liste all der großen europäischen Denker zusammen, die seit dem Altertum und in verschiedenem Maße der nominalistischen Strömung angehören. Unter ihnen befinden sich Homer und Heraklit, Aischylos und Epikur, Lukrez und Marc Aurel, Roscelin und Meister Eckhart, Rabelais und Montaigne, Machiavelli und Shakespeare, Vico und Herder, Goethe und Nietzsche, Klages und Dilthey, Spengler und Pareto, Nicolai Hartmann und Arnold Gehlen, aber auch Carl Schmitt und Ernst Jünger, Montherlant und Clement Rosset. Diese Liste könnten wir u. a. mit Wilhelm von Ockam, Joseph de Maistre, Martin Heidegger fortsetzen. Der Widerstreit Paganismus/Monotheismus wird offenbar, wenn man um die Unversöhnlichkeit von Polytheismus und Dualismus weiß: Mythos oder Logos, das heißt Schicksalsschöpfung oder blindes Fügen in ein unwandelbares Gesetz. Beide Weltanschauungen streiten seit zwei Jahrtausenden im europäischen Geistesleben miteinander. Ein metaphysischer, radikaler Kampf zwischen Paganismus und Christentum, dessen Spannungen und Nachwirkungen an der Ambiguität (Doppelsinnigkeit) mancher Autoren abzulesen sind, die zwar als Christen etikettiert werden, den heidnischen Grund ihres Denkens jedoch offenbaren, vorausgesetzt daß man sie mit dem nötigen Ernst untersucht. In ihrer ausgezeichneten Schrift Europas eigene Religion deckte Sigrid Hunke den heidnischen Leitgedanken auf, der die gesamte europäische Geschichte durchzieht, von Heraklit bis Pelagius, von Eriugena bis Cusanus, von Giordano Bruno bis Goethe, von Hölderlin bis Rilke. Besonders ausgeprägt ist diese Ambiguität bei Meister Eckhart, dessen „nominalistischer Monismus (,Gott erscheint nur dort, wo die Geschöpfe ihn nennen’) mit dem idealistischen Dualismus jenes weiteren Christen, des hl. Augustinus, unversöhnlich ist, der den Vorrang des Gottesstaates vor dem Weltstaat postulierte, oder mit dem ebenso dualistischen Rationalismus eines Thomas von Aquin, der in Gott die transzendente, universale Ursache (prima causa) der Welt und des Denkens erkannte“. In dieses rationalistisch-dualistische Denkschema gehören — bei allen Abweichungen — ebenfalls Sokrates’ „atheistische, deistische oder christliche“ Erben, ob es sich um Rousseau oder die Neomarxisten, etwa Adorno und Marcuse handelt, oder auch um den kantischen Moralismus, den hegelschen Historizismus oder den Szientismus des Auguste Comte13.

Nun scheint der Mythos dem Menschentum innezuwohnen. Yves Christen definiert darum den Homo sapiens als „erobernden, mythoszeugenden Primaten“.14 Somit könnte sich die heidnische Rückbesinnung als entscheidend für die Zukunft erweisen, wenn sie den neuen Gründungsmythos einzugeben vermöchte, den die europäische Kultur zu ihrer Regenerierung so sehr benötigt. Begünstigt wird eine derartige Entwicklung durch die außergewöhnlichen Erschütterungen, die die moderne Wissenschaft und Technologie (von der Physik bis zur Molekulargenetik) den dualistischen Theorien zufügten. Der Paganismus trägt daher die Wiedergeburt des urwüchsigsten europäischen Geistes in sich, des polytheistischen und vielschichtigen Geistes eines Heraklit, Goethe, Nietzsche oder Heidegger.

Das heidnische Göttliche bildet wohl die Antiwelt des christlichen. Letzteres läßt sich nicht anders auffassen als durch das absolutistische Gesetz eines zeit- und weltfernen tyrannischen Gottes, eines eigentlich ‚terroristischen’ Gottes, sofern er die Menschen unter die Allgegenwart seiner Gesetze niederdrückt und dabei das Sakrale abschafft. Dagegen erhöht das heidnische Heilige die Menschen in den Taten, die sie frei beschlossen haben und verantworten können. Das heidnische Heilige spricht das Gedächtnis mit der Sprache der Zukunft an; es ist weder versteinerte Tradition noch grenzenloses Hirngespinst, sondern vielmehr „Regenerierung und Verwandlung der Götter, die aus der Zukunft hervortreten, um das Volk aufzurufen“. „Bei uns Europäern, wie bei anderen Völkern, stehen die Götter, die neuen Götter, vor uns“14: das heidnische Heilige ist eigentlich ein innerer Aufruf an das griechische, in unserem Gedächtnis verwurzelte ,Werde-was-du-bist’. Dieses ,Werde-was-du-bist’ ist der Schlußstein unserer Geschichte; es soll die Säule einer neuen Ordnung werden. Beim 17. GRECE-Kolloquium erklärte Alain de Benoist: „Den falschen Vorstellungen von einer ‚natürlichen Ordnung’ oder von einer ‚universalen Ordnung’ ziehen wir die Möglichkeit vor, eine Ordnung aufkommen zu lassen, die wir beschlossen und gewollt haben. Gegenüber der Vorstellung, jeder Mensch sei Gott oder jeder Mensch sei ein Sklave Gottes, behaupten wir beherzt, daß die Menschen heute und immer, heute und mehr denn je die Pflicht haben, die künftigen Götter zu empfangen.“

Wir begreifen auf einmal die außerordentliche Möglichkeit, die der Paganismus enthüllt: die eines aktiven Humanismus nämlich, die zur Selbstüberwindung, zur ständigen Verschiebung der intellektuellen und spirituellen Grenzen, zur Einübung schöpferischer Freiheiten und gründender Entscheidungen anregt. Mit anderen Worten: der Paganismus gibt eine Antwort auf jene ewige Frage, die den Menschen vor das Dilemma der Geschichte stellt, nämlich entweder die Geschichte fortsetzen und damit dem Leben einen Sinn verleihen, ein Schicksal schaffen oder den Status quo der Dogmen aushalten, aus der Geschichte austreten und damit unumgänglich den Bereich des Untergangs und des Todes betreten. Diese grundlegende Frage wirft Yves Christen in seiner ungewöhnliche Schrift L’homme bioculturel (Monaco 1986, S. 173f.) auf: An der Wegscheide muß unsere Gesellschaft über ihr Schicksal nachdenken. Sie muß wissen, wozu sie sich entwickeln kann und soll. Sie muß wissen, ob sie „das große Abenteuer der Evolution in seinen historischen und modernen Aspekten fortsetzen soll, das zur größeren Vielschichtigkeit und Unterscheidung, zur Fortdauer eines gewissen, die fortgeschrittenen technologischen Gesellschaften kennzeichnenden Risikozustands führt.“ Den in Frage kommenden Menschen kennzeichnete bereits Oswald Spengler {Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 11) als denjenigen, „der etwas wagt, der den Mut hat, die Dinge zu sehen und zu nehmen, wie sie sind.“ Schon Heraklit hatte den ,Konflikt’ — folglich auch das Risiko — als bestimmendes Lebensprinzip aufgefaßt. Die Humanwissenschaften (u. a. Konrad Lorenz) bekräftigen diese Ansicht und damit auch die Erkenntnisse, die von der Physik im Bereich der antagonistischen Energiegesetze gewonnen wurden. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß alle nicht-christlichen Lebensauffassungen, von den griechischen bis zu den hinduistischen, diese lebensbestimmende polemologische Konstante in ihrer Kosmogonie aufweisen. Der Paganismus erbringt somit den Nachweis, daß er die naturwissenschaftlichen Entdeckungen viel eher werten und anwenden kann als der christliche Dogmatismus, dem die Wissenschaft bis in die verborgensten Winkel seines Denkens widerspricht. Die Wissenschaft erklärt zwar die Wirkungen, schweigt aber über die Ursachen. Sie stellt uns nackt und frei vor uns selbst, vor unsere Wahlentscheidungen und unsere Pflichten. „Da wir zögern, die Ära der Surhumanität zu betreten“, schreibt Yves Christen, „stehen wir uns erneut gegenüber. Werden wir den Schritt wagen? Wenn ja, werden wir selbst unsere Zukunft schmieden. Sonst wird die Zukunft über uns richten. Ein uraltes Problem: Muß man die Nonnen prägen oder sie duldend ertragen? Zwischen Furcht und Hoffnung fiebernd, fragen wir uns gleich Kindern, ob wir in die Schatzhöhle eindringen werden. Ein schrecklicher, ein prächtiger Augenblick. Werden wir es wagen?“ (S. 173f.) Der Paganismus antwortet mit ,ja’ im Namen dieses aktiven, höheren Humanismus, den wir in unseren bisherigen Publikationen und bei unseren Vorträgen ausführlich dargelegt haben. So nennen wir „Willen zur Macht“ die Tatsache, daß jedes Lebewesen, jeder Mensch, jede Gemeinschaft, jedes Volk sich in seinem Milieu zu entwickeln sucht, um sein Leben und das seiner Nachkommen auf eine höhere Daseinsstufe zu erheben. Soweit diese Deutung des Lebens zu einer ständigen Überwindung der menschlichen Bedingtheit durch den Menschen selbst aufruft, können wir sie im wesentlichen als Lehre vom „Übermenschen“ bezeichnen. Diese Lehre ist religiös im tiefsten Sinne des Wortes, denn sie verbindet das Wesen des europäischen Menschen mit dem, was dieses Wesen im gesamten Verlauf der Geschichte kennzeichnet: mit diesem Mehr-Sein, das in den Künsten, Naturwissenschaften, Techniken und Eroberungen Europas enthalten ist. Der Paganismus enthüllt den religiösen Aspekt der künftigen europäischen Wiedergeburt. Mazzinis berühmter Ausspruch erhält einen besonderen Sinn: „Die Republik, die wir anstreben, wird nicht nur ein politisches Ereignis, sondern ein großer religiöser Aufbruch sein.“


Der Mensch ist Sinngeber und Herr der Formen

Das Leben hat keinen anderen Sinn, als sich selbst zu vervollkommnen; die Welt enthält keine höchsten Werte. Der Mensch ist es, der durch seine Wertauswahl der Welt ihren Sinn verleiht und sie in Form setzt. Die von uns vertretene Deutung des Daseins gründet (im Gegensatz zu jener der egalitären Weltanschauung) in der gewissenhaften Beobachtung des Lebens: Seine Triebkräfte fordern nicht nur, daß wir unser Dasein erhalten, sondern darüber hinaus das Leben in der Welt, wie sie ist, steigern, indem wir ihre Gesetze anerkennen und möglicherweise neue „anwendbare“ Richtlinien (z. B. die Technik) erfinden. „Wir“ meint das Volk und die Tradition, die uns als Auftrag zufielen, mit anderen Worten: die europäische Welt und, vorläufig, unsere Gemeinschaft15.

Unsere Neue Schule vertritt die kulturelle Eigenart Europas gegen die Willkür der amerikanischen und sowjetischen Blöcke, über die Heidegger treffend äußerte: „Rußland und Amerika sind beide, metaphysisch gesehen, dasselbe: die unglückselige Tollheit der entfesselten Technik und der entwurzelten Organisation des Normmenschen“. Diese Wesensgleichheit von Amerika und bolschewistischem Rußland spricht Hermann von Keyserling bereits 1930 an. Seiner Ansicht nach unterscheidet sich der nur ein gesellschaftliches Organ darstellende ‚kollektive’ Mensch von dem Amerikaner, der sich dem Sozialwerk widmet, lediglich darin, daß dieselbe Idee in einer unterschiedlichen Sprache ausgedrückt wird.

Unsere Neue Schule will die Erinnerung an unsere fernste Vergangenheit mit einer Zukunftsschau verbinden, um den tragischen Lebensgesetzen treu zu bleiben, aus denen Europa stets gewachsen ist. Sie will wieder den Lebensakt mit der Tat, den Lebenssinn mit dem Risiko des Handelns verbinden, um den ethischen Gesetzen treu zu bleiben, aus denen Europa stets die Berechtigung seines Daseins und seiner Freiheit gezogen hat. Sie arbeitet gleichzeitig am Aufbau einer Wissenschaft, die faustisch ist, und einer Mythologie, die ihre Ursprünge nicht mehr vergißt.

„Marx’ Fehler war, mit Hegel zu glauben, daß man ab einem bestimmten Zeitpunkt des historischen Werdens eine Stufe erreiche, wo die Geschichte aufhört, wo die Synthese unaufhebbar ist, wo sich das Vielfache auf das Einzige reduzieren läßt. Demgemäß stellte er die Dialektik auf, wie die Christen die Geschichte aufstellen, nämlich um sie zu ihrem Ende zu bringen. Für uns aber ist die Geschichte stets mehrwertig und mehrdimensional. Sie ist lediglich die immer wieder eingesetzte Summe der Kräfte, die Menschen und Völker entfalten, um sie in unzählige Richtungen zu lenken bzw. umzulenken, die ihrem Willen und ihren Entwürfen entsprechen“ (Alain de Benoist bei dem oben erwähnten GRECE-Kolloquium). Heute mehr denn je muß der Mensch wieder das werden, was er sein zu können nie aufgehört hat: ein Sinngeber und ein Herr der Formen.


Metapolitik als Kriegsschule der Ideen

Der Aktivismus unserer Ideen schließt zwar eine unerschütterliche Treue gegen Werte und Prinzipien ein, die unsere Weltanschauung kennzeichnen, setzt aber gleichzeitig methodische Konsequenz und tatkräftige Verantwortung voraus. Die Methode bzw. die Strategie, eine echte Kriegsschule des kulturellen Angriffs, heißt Metapolitik. Wir betonen immer wieder, daß unser Bemühen, Ideen und Werte zu schaffen und zu verbreiten, eher mit einem historischen Kampf metapolitischen Wesens (einer Art kulturellem und ideologischem Krieg) gleichzusetzen ist als mit einer reinen Wissensvermittlung. Wir wollen die wirklich europäischen Werte und Weltanschauungen in die Geschichte zurückfuhren. Weitgehend verdrängt wurden sie von Gegenwerten, die unseres Erachtens für die gegenwärtige europäische Dekadenz verantwortlich sind.

Michel Wayoff erklärte anläßlich desselben Kolloquiums: „Wir sind uns der Bedeutung der kulturellen Macht bewußt und pflichten hierin Gramsci bei. Es geht nicht darum, die Machtergreifung einer politischen Partei vorzubereiten, sondern die Gesinnungen zu verändern, ein neues Wertsystem zu fördern, für dessen politische Umsetzung wir allerdings keineswegs zuständig sind.“

Wer ist aber Gramsci? Antonio Gramsci, 1851 auf Sardinien geboren, wurde 1911 Mitglied der Sozialistischen Partei, wechselte wenig später zur KP über, erhielt 1922 die Mitgliedschaft im Exekutiv-Komitee der Komintern, war 1924 Abgeordneter und 1926 Generalsekretär der KPI. Das Verbot der Partei bewirkte Gramscis Internierung auf der Insel Utica, wo er die 33 Ausgaben der sogenannten „Gefängnishefte“ verfaßte, deren allmähliche Verbreitung nach seinem Tod (25. April 1937) erfolgte. Sie erlangten aber erst nach 1945 größeren Einfluß auf die Strategie der linken und linksextremistischen Gruppen in Italien und darüber hinaus. Die „Gefängnishefte“ sind ein Ergebnis jener Gedanken, die sich Gramsci über die Ursachen des Mißerfolges der linken Parteien im Italien der zwanziger Jahre machte. Er stellte darin zwei grundsätzliche Fragen:

1. Warum entspricht das Bewußtsein der Menschen nicht ihrem Klassenbewußtsein?

2. Warum können die oberen Klassen (die Minderheit) über die unteren Klassen (die Mehrheit) herrschen?

Aus diesen Fragen gewinnt Gramsci eine neue Bestimmung des Ideologiebegriffs, die den Ausgangspunkt jenes Unterschiedes darstellt, den er zwischen politischen und zivilen Gesellschaften macht. Mit dem Begriff ,zivile Gesellschaft’ umfaßt Gramsci sowohl die Kultur, die Religion und die Moral, als auch ihre juristische, korporative und institutionelle Umsetzung. Für ihn ist der Staat nicht auf den politischen Apparat beschränkt. Der Staat regiert zwar dank seines autoritären politischen Kraftfeldes, gleichzeitig stützt er sich aber auf intellektuelle, ethische, traditionelle Werte, die die Mehrheit der Bürger bejaht. Dies bezeichnet Gramsci als die kulturelle Macht des Staates. Im Gegensatz zu Marx, der die zivile Gesellschaft auf eine rein wirtschaftliche Basis beschränkt, innerhalb welcher Besitzer und Arbeiter gegeneinander kämpfen, sieht Gramsci in der zivilen Gesellschaft die kulturellen, geistigen und seelischen Grundlagen vereint, auf denen das allgemeine Einverständnis (consensus social) beruht.

Die große Wandlung der Kommunisten in Italien entsprang der richtigen Feststellung, daß die Eroberung der politischen Macht nie gelingen kann, ohne zuvor die kulturellen Grundlagen eingenommen zu haben. Eine politische Revolution bereitet sich immer im Geist vor, durch eine langwierige ideologische Entwicklung innerhalb der zivilen Gesellschaft. Um zu ermöglichen, daß die neue politische Botschaft Fuß faßt (Tätigkeit der Partei), muß man zuerst Einfluß auf die Denk- und Verhaltensweisen innerhalb der zivilen Gesellschaft nehmen (metapolitische oder kulturelle Tätigkeit). Die politische Mehrheit stützt sich also zuerst auf eine kulturelle, d. h. auf eine ideologische Mehrheit. Die Rolle der organisch denkenden Intellektuellen besteht (im Gegensatz zu den erstarrten Intellektuellen des Systems) für Gramsci in dem hartnäckigen Bemühen, jene ideologische Mehrheit zu gewinnen, die eine Eroberung der politischen Mehrheit durchführen kann. Gramsci schlägt die Bildung einer sogenannten Avantgarde des Geistes vor, als Grundlage für die künftige Avantgarde der politischen Partei. Die organisch denkenden Intellektuellen verfolgen das Ziel, eine Umwälzung der herrschenden Werte herbeizuführen, um ihre eigenen Anschauungen durchsetzen zu können. Diese Bemühung muß folglich umfassenden Einfluß gewinnen, also auf allen kulturellen Ebenen zur Wirkung kommen, in Dichtung, Theater, Volksmusik, Film, Bildender Kunst, Presse und anderen Bereichen.

Wie bereits mehrfach unterstrichen16 wurde, wird die metapolitische Strategie von der klaren Erkenntnis getragen, daß die Berufspolitik nutzlos geworden ist, und zwar aus drei Gründen, die den Politologen und Soziologen wohl bekannt sind. Erstens, weil die im üblichen Sinne aufgefaßte Politik zu einem peinlichen Theater wurde, wobei das eifrige Geschwätz der Darsteller seine Überzeugungskraft längst verloren hat; zweitens, weil die gesellschaftslenkenden Entscheidungen heutzutage meist techno-ökonomischer und administrativer Natur sind; drittens, weil wir darauf abzielen, ein Wertsystem zu verbreiten, das langfristig wirken, möglicherweise mehrere miteinander konkurrierende Ideologien umfassen und — sollte es ausreifen — dies vielleicht in einer Welt tun wird, wo die jetzigen politischen Einrichtungen (der Staat im modernen Sinne des Wortes) keine lenkenden Instanzen mehr sein werden.

Und dies bedeutet nichts anderes, als daß unsere Ideen und Werte am Ende des metapolitischen Kampfes an der Macht, d. h. in sämtlichen sozialen Funktionen zu finden sein werden. Sie bilden dann die Grundlage der — eventuell wettstreitenden — Ideologien und der einzelnen Haltungen vor dem Leben. Aus der Geschichte der westlichen Gesellschaften ist folgende Lehre zu ziehen: Die entscheidende Macht ist weder am Abzug der Gewehre noch berufspolitischer Natur; sie ist geistiger bzw. kultureller Art.

Die Metapolitik wirkte übrigens schon lange vor ihrer theoretischen Formulierung durch Gramsci. Die Geschichte unserer Völker ist sozusagen mit metapolitischen ‚Einschlägen übersät’. Es genügt hierbei, die Geschichte des Christentums nachzulesen, das mit dem bekannten Erfolg einen echten Kulturkrieg gegen die griechisch-römischen, keltischen und germanischen Werte zwischen dem 2. und dem 10. Jahrhundert führte. Der Historiker Albert Mathiez schreibt: „Die echten Revolutionen, diejenigen nämlich, die nicht nur die politischen Formen und das regierende Personal umwälzen, sondern auch die Institutionen grundlegend verändern und das Eigentum verschieben —, diese Revolutionen schreiten langsam und unsichtbar dahin, bevor sie ans Tageslicht kommen. Die Französische Revolution beispielsweise war ein Jahrhundert lang, wenn gar mehr im Anzug!“17 Die untergründigen Kräfte, die diese Revolution vorbereiteten, waren die Denk-Zirkel, die Salons, aber auch die Logen und die Klubs. Sie waren es, die vor dem Umsturz der königlichen Macht die geistigen und ideologischen Fundamente der Gegen-Macht, sprich einer Gegengesellschaft legten. Sie unterminierten die Fundamente der politischen Macht, indem sie sich die Infrastruktur der kulturellen zu eigen machten. Sie manipulierten den Strom der öffentlichen Meinung; sie manipulierten die ,modernen’ Ideen und brachten letzten Endes die Macht an sich, die öffentliche Meinung gemäß ihren ideologischen Normen und ihren philosophischen Grundüberzeugungen zu gestalten. Sie erzeugten eine schweigende ideologische Mehrheit, die innerhalb der politischen Mehrheit für immer mehr Verwirrung sorgte, da diese der neu geschaffenen soziokulturellen Situation immer weniger standhalten konnte. Guillaume Faye sieht in der Metapolitik die einzig mögliche Strategie: „Aus der Sicht der historischen Soziologie gehört die Zukunft denjenigen, die heute neue Formen der Aktion und der Mobilisierung erfinden, ohne den mediatischen und wahlmäßigen Erfolgsaussichten nachzugeben, die auf das Politische keineswegs verzichten, das berufspolitische Wettrennen indes vernachlässigen, die ihre Überzeugungen vortragen, ohne sich auf irgendeine parteipolitische Zentrale ausrichten zu müssen. Sie sind bestimmt auf dem richtigen Weg: Gleich jenen Denkzirkeln des 18. Jahrhunderts, die die Gesellschaftsstrukturen des Ancien régime mißachteten, werden die Politiker, die heute die Strukturen der berufspolitischen Klasse geringschätzen, aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgreich sein. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, daß wir uns auch jetzt im ,alten Regime’ befinden.“

Die erste metapolitische Wirkung unserer Ideen ist nicht mehr zu übersehen. Die weltanschaulichen und kulturellen Debatten in Europa „stellen nicht mehr eine ,Linke’ und eine ,Rechte’ gegenüber. Sie stellen den Biblismus und den Neopaganismus gegenüber, den Kosmopolitismus und die Verwurzelung, die Anhänger und die Widersacher der Menschenrechte, die ,Kalifornier’ und die ,Neoeuropäer’. Vertreter der ehemaligen ,Rechten’ und der ehemaligen ,Linken’ sind in den neuen Einteilungen zu finden, die die alten berufspolitischen Grenzen durchqueren und sinnerfüllter sind als die traditionellen Ideologien. Diese haben nämlich das Wesen des Politischen verlassen.“18 Die Metapolitik ist außerdem der Versuch, das Politische und das Religiöse, das Wesen des Weltlichen und das des Heiligen wieder miteinander zu verbinden. Wir müssen in die kulturelle und religiöse Sphäre die spezifischen Werte der indoeuropäischen Weltanschauung (aus sämtlichen Zeitabschnitten) wieder einbinden. Diese Werte können nicht anders als tiefgreifend auf die politische Sphäre einwirken. So widerspruchsvoll es manchen vorkommen mag, ist die Metapolitik im Grunde die Rückkehr zum Politischen über das Kulturelle.


Das Thule-Seminar: eine Partei des Geistes

In einer Zeit, da sich politische Parteien und Gruppierungen mehren, betrachteten wir es als ein Gebot der Stunde, eine Partei des Geistes — eine Schule der Metapolitik zu gründen. Diese neue weltanschauliche Schule soll die bevorstehenden kulturellen Entscheidungen untermauern, aus denen die politischen Ziele hervorgehen werden. In diesem Sinne gründete eine Gruppe von jungen Schriftstellern, Journalisten und Akademikern im Juli 1980 das Thule-Seminar. Mehrere Jahre heftigen Kampfes, die Veröffentlichung von vier grundlegenden Werken, nicht weniger als 200 Vorträge (in Deutschland, Österreich, Belgien, Holland, Frankreich und der Schweiz) haben die Erwartungen weit übertroffen, weil diese weltanschauliche Partei ihre erste bedeutende Schlacht bereits gewonnen hat: nämlich die Verankerung des Grundsteins, auf dem die Neue Kultur entstehen soll.

Partei des Geistes bedeutet auch Partei der Parteinahme. Bereits in der zweiten Ausgabe der Zeitschrift Elemente unterstrichen wir, daß wir die Schwierigkeiten Europas mit der notwendigen Voreingenommenheit für seine eigenen Belange beantworten. In dem allgemeinen Klima ideologischer Gleichgültigkeit, intellektuellen Versagens, theatralischen Geschwätzes und geistiger Verwirrung ergründen wir die Unterschiede, bestimmen das Heilige neu, erläutern und bestärken wir die Eigenart der Völker; wir arbeiten an wegweisenden Lösungen, die keine vereinheitlichende Vernunft jemals wird begreifen oder widerlegen können, denn sie entspringen einer Zielsetzung und der dazu nötigen Feinfühligkeit, deren Wurzeln die Jahrtausende durchziehen, in denen sich die Indoeuropäer durch ihr faustisches Verhalten hervortaten. Dieses Verhalten gründet auf einem Wertgefüge, das ihnen ermöglichte, einen Parthenon zu bauen, die organische Demokratie zu erfinden, Imperien zu gründen und Kathedralen zu errichten, das Recht festzulegen, die Technik zu schaffen und Antworten auf die Herausforderungen zu geben, die letztere hervorruft. Wir sind die Künder der neuen Zukunft Europas. Wir widmen uns voller Begeisterung den ungeheuren Aufgaben dieses Jahrhunderts, aus dem wir noch größer, noch stärker hervorgehen werden, vorausgesetzt daß wir es wollen und daß wir dazu alle ungenutzten Kräfte Europas entfalten. Von Paris bis Wien und von London bis Madrid arbeiten wir bereits an folgenden Zielsetzungen: Kulturelle Wiedergeburt Europas; Unabhängigkeit seiner Politik, Diplomatie und Wirtschaft; Ausrichtung auf die blockfreien Länder; Kulturkrieg gegen sämtliche Entwurzelungskräfte (der Hauptfeind heißt American way of life); Bündnis mit allen Kräften der Dritten Welt, die gegen die amerikanisch-sowjetische Zange ankämpfen; Festlegung neuer historischer Entwürfe — kurz: Gründung einer dritten Kraft, eines dritten Weges, eines Neuen Europäischen Imperiums.

Wir wollen Europa daran erinnern, daß seine Zukunft in dem Erbe Heraklits, Nietzsches oder Saint-Exuperys liegt und nicht in den liberalistischen Schwindeleien, die das Denken so erfolgreich auf den Sättigungstrieb zu beschränken wußten. Wir wollen Europa den Mythos wiedergeben, der Hameln, Nürnberg, Saragossa, Venedig und Carcassonne prägte, damit es den pazifistischen Konsumlook des kalifornisch übertünchten Wärmetods vergißt. Wir wollen ihm das Imperium der Überlieferung verwurzelter Menschen bieten, das Konzentrationslager der einförmigen Weltgesellschaft aber niederreißen. Ahnt Europa wohl schon, daß seine Zukunft einzig und allein von seiner eigenen Kraft und Bereitschaft abhängt? Immerhin schickte Europa im Jahrhundert des Dionysos seine Aria(d)ne zu den Sternen empor. Ein Zeichen der Götter?

In der Gründungsphase dieser Partei des Geistes hielt das Thule-Seminar entschieden Abstand von der Berufspolitik. Das Thule-Seminar stellte immer wieder fest, daß es an der Reifung neuer Werte arbeitet, die den Völkern Europas ihr Vaterland wiedergeben sollen, und zwar durch die Wiederverwurzelung in der ureigenen Wesensart, aus der allein kraftvolle Modernität entspringen kann.

Bei öffentlichen Vorträgen geht Guillaume Faye immer wieder auf die wesentlichen Beweggründe unseres Kampfes ein und erklärt im Namen des Thule-Seminars: „Wofür und wogegen kämpfen wir überhaupt? Gegen die atlantische Falle, für das Reich, und nicht nur für ,unser’ Reich, sondern für das aller Völker der Welt, die heute insgesamt durch das materialistische Weltbürgertum des scheinheiligen amerikanischen Predigers wie des listigen sowjetischen Genossen, die das Leben nach Vernunftbegriffen geordnet wissen möchten, in ihrer Existenz bedroht sind. Wenn wir in Frankreich gegen die mehrrassische Gesellschaft kämpfen, wenn wir in Deutschland gegen die gesteuerte Auslöschung unseres historischen Gedächtnisses und unserer nationalen Größe kämpfen, führen wir, hier wie da, den gleichen Kampf für unser zukünftiges Vaterland: Europa. Eine gewisse Flamme, die vor fünfzehn Jahren im Herzen Frankreichs wieder auflebte, die Italien, Griechenland, Belgien, Spanien, Portugal, England und Österreich durchzieht, wächst nun endlich zur höchsten Glut an. Deutschland ist von Feuer umgeben und weiß es noch nicht. Wir müssen ihm die schläfrigen Augen öffnen. Lassen Sie uns gemeinsam dieses Werk von geschichtlicher Bedeutung vollbringen!“

Der Beginn der Neuen Kultur Europas ist mittlerweile eine Realität geworden, die die Zauberlehrlinge des Egalitarismus erschreckt. Von der Iberischen Halbinsel bis nach Hellas, vom italienischen Stiefel bis Albion ist eine neue Generation am Werk. Die Vorposten der europäischen Wiedereroberung haben zwar verschiedene Nationalitäten, dasselbe Vaterland wuchs dennoch fortwährend innerhalb derselben identitären Gesinnung: Europa. Aber auch jenseits der europäischen Grenzen erwacht das identitäre Bewußtsein. In unserer Erstveröffentlichung (Das unvergängliche Erbe, Alternativen zum Prinzip der Gleichheit) stellten wir bereits fest: „Die Verfahrensweise, die wir anwenden, und die Grundlagen, auf die wir uns stützen, stehen weder allein da, noch sind sie ungewöhnlich. Überall auf der Welt — und besonders in der Dritten Welt — ist ein massiver Wille zu beobachten, sich gegen die egalitäre Erstarrungsideologie zur Wehr zu setzen. Bislang für todkrank gehaltene Kulturen werden sich ihrer Identität, ihrer Besonderheiten und somit ihres Reichtums bewußt. Sie widersetzen sich jeglichem Unterfangen, sei es politisch, religiös oder ideologisch, das auf Zusammenballung und Nivellierung hinausläuft. Menschen entdecken, was sie unterschiedlich macht. Menschen bekräftigen ihren Willen zum Leben in dem ihrem Volk gemäßen Rhythmus. Immer mehr Menschen zeugen dafür, daß das ethno-kulturelle Erbe ihres Volkes kontinuierlich ist, daß es sogar ein Verbrechen darstellt, sich an ihm zu vergreifen, zumal diese Integrität ihre Eigenart und Unvergänglichkeit gewährleistet. In Europa, jenseits der Grenzen und der Sprachen, bereiten Menschen den Weg für die morgige europäische Verbrüderung ungeachtet der unmittelbaren politischen Zufälligkeiten, der historischen Vorurteile oder der wirtschaftspolitischen Unterschiede. Die einzige Verbrüderungsform aber, die eine Lösung der Konflikte, Probleme oder Spannungen herbeiführen kann und die einer solchen Herausforderung gewachsen ist, gründet in dem Gedankenaustausch und in dem gegenseitigen Verständnis. Im Gegensatz zum Interessenaustausch und Geldschwindel als des anscheinend einzigen Ideals der durchmerkantilisierten Gesellschaft prägt und vertieft eine derartige Annäherung das Bewußtsein einer gemeinsamen Herkunft, einer gemeinsamen Geschichte und eines gemeinsamen Schicksals.“

Die kulturelle Renaissance Europas kann den neuen Idealismus von morgen aufkommen lassen. Sich für die Gründung der Vereinigten Staaten von Europa einsetzend, schrieb Pierre Drieu la Rochelle bereits 1928: „Der Europäer ist fähig, ein neues originelles und unerwartetes Bauwerk zu realisieren.“ ( Genève ou Moscou). In seiner Schrift L’Avenir n’est écrit nulle part (Paris 1978, S. 376) stellte der Ex-Minister Michel Poniatowski seinerseits fest, daß Europa „ — im historischen Augenblick der weltumfassenden Revolution — eine mögliche Antwort darstellt für uns, Einwohner des geographischen Europa, Mitglieder einer ethnokulturellen Gemeinschaft, die durch Jahrtausende Geschichte ausgestaltet wurde (...), Schmelztiegel einer eigentümlichen Kultur und Zivilisation, die die Völker nahezu aller europäischen Nationen miteinander verbindet“. Dem fügen wir hinzu: Der Mensch braucht nicht nur Wohlstand, sondern vielmehr einen Lebensgrund, der seinem Leben einen Sinn verleiht. Wir wollen Europa wieder einen Lebensgrund geben, indem wir sein Schicksal neu formulieren.


Die Idee verpflichtet uns

In Über Amerika äußerte Hermann von Keyserling die Überzeugung, daß alles junge Leben in der Finsternis, im Chaos und in der Häßlichkeit reife; und das treffe auch auf die Zivilisationen zu. Das Zeitalter der Finsternis entspreche sozusagen der Schwangerschaftsphase. Europa befindet sich demnach immer noch im Zeitalter der Finsternis, und der Schaffung des Europäers stehen sämtliche dekadenten Erscheinungen unserer Zeit im Wege. Durch einen plötzlichen Umschwung sind aber gerade diese Bedingungen „im höchsten Grade dazu angetan, Ausnahme-Menschen der gefährlichsten und anziehendsten Qualität den Ursprung zu geben“, behauptet Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse. „Ich höre mit Vergnügen, daß unsre Sonne in rascher Bewegung gegen das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, daß der Mensch auf dieser Erde es darin der Sonne gleich tut. Und wir voran, wir guten Europäer! — „ (§ 242 und 243)

Wir müssen unserem Volk und seiner Geschichte vorausgehen. Wir müssen jene „guten Europäer“ sein und behaupten daher ohne Umschweife, wie wir es bereits in der ersten Ausgabe von Elemente taten: Für uns ist der Intellektuelle nur im täglichen Einsatz, in der Tat ein wirklicher Kamerad, sonst verdient er nicht die Bezeichnung ‚Intellektueller’, sondern nur die eines Komödianten oder Schmarotzers.

Es geht mehr denn je um dieses Europa, das ebenso eine Rede braucht wie Deutschland zur Zeit Fichtes. Guillaume Faye hat diese Rede19 verfaßt. Er erinnert zunächst daran, daß „Europa aus Hellas und Rom entstanden ist, das heißt aus jener geheimnisvollen Verbindung der politischen Ordnung (die historisches Bewußtsein hervorruft), der philosophischen, ästhetischen Kultur (die eine umfassende Weltanschauung erzeugt) und der technisch-wissenschaftlichen Mentalität (die eine besitzergreifende Beherrschung der Erde nach sich zieht). Sehen wir uns vor: Wenn wir dem allen entsagten, würden wir uns selbst verraten.“ Und diesen Gedanken führt er folgendermaßen aus: „Und selbst wenn wir (wie die Führer der deutschen Protestjugend, ,Grüne’, Nationalrevolutionäre’ u. a. es aus der Tiefe ihrer neoländlichen Dekadenz befürworten) auf den technischen-industriellen Erfolg, den internationalen Kampf, die geostrategische Macht, die demographische Fruchtbarkeit verzichteten, um unsere Folkloren, unsere Lebensqualität, unsere museenhaften Kulturen zu schützen, würden uns letztere Güter eines Tages entrissen werden. Europa ist nur in der Macht und in der emporsteigenden Verwandlung seiner Formen verwurzelt. Mit jeder Generation wechseln ebenso die ästhetischen Landschaften wie die ästhetischen Formen; und im Angriff liegt das Geheimnis unserer Verteidigung. Um nicht zu sterben, sind wir zur Angst und Größe verurteilt. Unsere Zivilisation ist nicht für das Glück geschaffen.“ Eine historische Herausforderung wird gestellt. Wenn wir sie nicht aufnehmen, das heißt „wenn wir den demographischen Krieg und den Kulturkrieg verlieren würden, dann würde sich das Drama in eine Tragödie verwandeln. Nichts mehr wäre noch einzufangen. Wir würden als Volk ebenso sicher von der Bildfläche verschwinden, als wenn wir ausgerottet würden“. Das Schreckgespenst der Auflösung würde dann die unerträgliche Realität unseres Alltags gestalten. „Unsere Nationalsprachen würden zu Dialekten herabgewürdigt gegenüber der anglo-amerikanischen Verkehrssprache. Unsere Musikwerke, unsere Gemälde und unsere Bauten würden dazu verurteilt, nur noch photographische Motive für internationale Touristen zu sein, kurzum Europa als Weltmuseum ... Ein mehrrassisches Europa, wo die weiße Rasse unerbittlich zurückgehen würde, der Zivilisation eines amerikanisch-asiatischen Okzidents keuchend und unterwürfig folgen müßte: Sind wir bereit, diesen Wärmetod hinzunehmen? Nein, nicht wahr? Es ist dennoch der Weg, den wir einzuschlagen im Begriff sind.“ Wir können, wenn wir es wollen, das Schicksal unserer Völker in eine andere Bahn lenken. Die Waffen der Zurückeroberung sind aber in erster Linie innere Waffen. Die Revolution, die man den anderen ankündigt, ist nämlich dieselbe, die man in sich selbst vollendet hat. Jede Revolution erfordert ihren Teil an Mystizismus in dem Glauben an eine neue Ordnung. Jede Revolution, die ein Volk wecken will, hat bereits die Revolutionäre wachgerufen. Die Erwecker eines Volkes pflegen indes ihre Treue teuer zu bezahlen: oft mit Unterdrückung oder mit dem Tod. Eine gerechte Niederlage gibt es ebensowenig wie eine dilettantische Revolution. Es gibt aber den Mythos, der als einziger die höchste Legitimation unseres Kampfes verkörpert. Und dieser Mythos bedeutet nichts anderes, daß wir uns für das Recht auf Verschiedenheit, für die Rechte aller Völker bereit sind zu schlagen.


Anmerkungen

1 Pierre Krebs, Die europäische Wiedergeburt, Aufruf zur Selbstbestimmung, Tübingen 1982
2 Elemente zur Metapolitik, 1. Ausgabe 1987
3 Ebd.
4 Auszüge einer Rede von Guillaume Faye und Pierre Krebs. Siehe: P. Krebs, Strategie der kulturellen Revolution, und G. Faye, Metapolitik im ideologischen Kampf, Thule-Bibliothek, Hörn, 1988
5 Pierre Krebs, ebd
6 Le renouveau paien dans la pensée francaise, Paris 1986, S. 23
7 Siehe Anmerkung 4
8 Critique de la raison politique ou l’inconscient religieux, Paris 1981, S. 280
9 La troisième voie, Paris 1984, S. 22 u. 28
10 Jacques Marlaud, aaO., S. 69
11 Ebd., S. 23
12 Ebd., S. 24
13 Ebd.
14 Guillaume Faye, L’Occident comme déclin, Paris 1984, S. 82
15 Siehe Anmerkung 4.
16 Siehe Elemente zur Metapolitik, 1. Ausgabe 1986, 1. Ausgabe 1987
17 Albert Mathiez, Révolution francaise, Vorwort
18 L’Occident comme déclin, aaO., S. 46f
19 Discours à la Nation europénne, Paris 1985, S. 160. Dt.: Rede an die Europäer, Thule-Bibliothek, Hörn 1988

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