Kotzebue: Ein Leben für Rußland


Anatoli Iwanow


August von Kotzebue


Der Name des deutschen Schriftstellers August von Kotzebue ist bei uns leider nur durch ein unerquickliches Epigramm Puschkins bekannt:

“Du verdienst die Hinrichtung des Herostrat oder den Tod des Deutschen Kotzebue.”

Anscheinend war Puschkin, “aus jugendlicher Unreife oder aus Torheit”, der Ansicht, Kotzebue, den der geistesgestörte Student Karl Sand am 23. März 1819 tötete, habe seine verdiente Strafe erhalten. Von der Zeit der Französischen Revolution an war unter den Freidenkern der Kult des Brutus und ähnlicher verräterischer Kreaturen groß in Mode.

Doch Kotzebue hatte diesen Tod keineswegs verdient, ebensowenig wie er es verdient hatte, daß man seinem Familiennamen zu geschmacklosen Wortspielen mißbrauchte. Rußland stünde es gut an, ein dankbares Andenken an diesen Mann zu bewahren.

Die Kleine Enzyklopädie aus dem Jahre 1930 betitelt Kotzebue als “extremen Reaktionär” sowie als “Geheimagenten der russischen Regierung in Deutschland”. Sowohl das eine als auch das andere ist eine Lüge.

Kotzebue war durchaus kein “Geheimagent”. Bis 1816 stand er offiziell im Dienste Rußlands und war im russischen Handelskonsulat in Königsberg tätig. Nach Abschluß dieser Arbeit anerbot er sich, für die russische Regierung informative Berichte über die in Deutschland und Frankreich erscheinende Literatur zu Fragen der Politik, der Wirtschaft, des Kriegswesens, der Bildung usw. abzufassen. Alexander I. nahm den Vorschlag an und genehmigte ihm ein Grundgehalt von 1875 Rubeln, plus 1000 Rubel für Reisekosten und 700 Rubel für den Kauf von Büchern. Ferner wurde Kotzebue ein Verzeichnis der Themen zugestellt, welche die russische Regierung interessierten. Wie wir sehen, hatten Kotzebues Aufgaben ihrer Art und ihrem Charakter nach nichts mit denjenigen von Stirlitz zu tun.

Im April 1817 siedelte Kotzebue nach Weimar über und sandte am 17. Juli jenes Jahres von dort seinen ersten Bericht ab. Er hatte sich durch Hunderte von Büchern durchgearbeitet und auch Werke russischer Autoren ins Deutsche übersetzt. Außerdem begann er eine “literarische Wochenzeitschrift” herauszugeben, deren erste Veröffentlichungen bei der nationalistisch gesinnten deutschen Studentenschaft äußerstes Mißfallen erweckten. In diesen Kreisen wurde Kotzebue denn auch das Etikett des “russischen Spions” angeheftet.

In Wirklichkeit bemühte sich Kotzebue lediglich, die damals in Deutschland sehr verbreiteten Vorurteile über Rußland auszuräumen, beispielsweise, daß Alexander I. Deutschland unterjochen wolle. Kotzebue rief allzu stolzen Deutschen in Erinnerung, daß sie sich nicht aus eigener Kraft von der Herrschaft Napoleons hatten befreien können: “Warum blicken wir jetzt mit solchem Hochmut auf andere Völker herab? Weil wir, nachdem die Russen unser Gefängnis geöffnet hatten, dieses mutig verließen?” Er empfahl seinen Lesern Bücher, die ihnen dabei helfen sollten, sich falscher Vorstellungen über Rußland zu entledigen.

In einem Hamburger Blatt schrieb eine gewisse Fanny Tarnow über Rußland allerlei garstiges Zeug. Sie behauptete, in Rußland gebe es “kein Volk”, und die russische Geschichte bestehe “bis zum heutigen Tage nur aus einer Sammlung von Anekdoten. Ein Volk von Sklaven kann keine Geschichte haben.” Kotzebue wandte ironisch ein, Frau Tarnow sei lediglich in Petersburg gewesen, und Petersburg sei nicht Rußland, so daß sie das russische Volk gar nicht zu Gesicht bekommen habe, doch dieses  habe 1812 selbst bewiesen, daß es sehr wohl existiere. “Solche Sklaven wie die Deutschen unter Napoleon sind die Russen nie gewesen, nicht einmal unter dem Tatarenjoch.”

Kotzebue versicherte den Deutschen, sie fürchteten sich grundlos vor der russischen Expansion. Auch dem Engländer Lecky, der diese Ängste nachhaltig schürte, las er die Leviten. Er erinnerte daran, daß ähnliche haltlose Befürchtungen auch nach dem Tode des Schwedenkönigs Karl XII. bestanden hatten.

Aufgrund solcher Aussagen brandmarkte man Kotzebue als “Vaterlandsverräter” und “Spion”. Viele Feinde machte er sich auch durch seine Artikel gegen die ultranationalistische Turnerbewegung, deren Führer Jahn und Maßmann ständige Zielscheiben für den Sarkasmus Heinrich Heines waren. Kotzebue schrieb, man dürfe aus dem Turnen keine Religion machen. Dafür warf man ihm die Fensterscheiben ein.

Als die Person, welche Kotzebues Berichte abschrieb, einen davon dem Redakteur der Oppositionszeitung Nemesis zustellte, wurden Auszüge daraus in entstellter Form als Beweis für die “Spionagetätigkeit” Kotzebues abgedruckt. Nun wurde eine neue und noch heftigere Verleumdungskampagne gegen diesen entfesselt.

Mit ähnlichen Methoden versuchte man Kotzebue auch als gefährlichen Reaktionär darzustellen, der die “barbarische Ordnung des russischen Absolutismus” in Deutschland einführen wolle. Man unterstellte ihm, eine Apologie der Leibeigenschaft verfaßt zu haben, wobei man die Ansichten anderer Autoren als diejenigen Kotzebues ausgab, insbesondere jene eines unbekannten Franzosen, der in seinen Aufzeichnungen über den Krieg von 1812 über die polnischen Leibeigenen geschrieben hatte: “Die Leibeigenen einiger Großgrundbesitzer sind weit glücklicher als die französischen Bauern.” Kotzebues Dementis wollte niemand hören.

Ende 1818 flüchtete Kotzebue von Weimar nach Mannheim und wandte sich mit der Bitte an die russische Regierung, ihn seiner Verpflichtungen zu entbinden und ihm zu gestatten, seinen Wohnsitz in Reval zu nehmen: Nur dort könne er sich vor den feuerspeienden deutschen Nationalisten sicher fühlen. Im Februar 1819 erteilte ihm Alexander I. diese Erlaubnis und ordnete an, ihm sein Gehalt von 1875 Rubeln auch weiterhin auszuzahlen. Doch Kotzebues Tage waren gezählt.

In seiner Broschüre Franz von Walter und Kotzebue. Das Bild Rußlands während der Epoche der Restauration (Wiesbaden, 1957, S. 97) zitiert Ernst Benz das konfuse Rechtfertigungsschreiben K. Sands, der in Kotzebue einen “Verderber des Vaterlandes” sah und ihn mit Voltaire verglich (wie konnte er ein Reaktionär sein, wenn er Voltaire war?). “Nur selten wird man eine wirrere Anhäufung theologischer und ‘patriotischer’ Motive zur Rechtfertigung eines ganz gewöhnlichen politischen Mordes finden, als im Fall des Mordes an Kotzebue.”

2001 jährte sich Kotzebues Geburtstag zum 240. Mal. Er wurde am 3. Mai 1761 in Weimar in einer Diplomatenfamilie geboren, verlor seinen Vater aber schon früh. Nach dem Studium der Rechte in Jena arbeitete er in Wien als Anwalt. 1781 kam er nach Petersburg und verknüpfte sein Schicksal für immer mit demjenigen Rußlands. Er war der persönliche Sekretär des Petersburgers Generalgouverneurs Bauer und leitete das örtliche deutsche Theater. Mit einem Theaterstück über den “falschen Dimitri”, der durchaus nicht “falsch” war, erregte er dort Ärgernis. 1783 siedelte er nach Reval um, wo er zehn Jahre lang lebte, Leiter eines Privattheaters war und die Tochter General von Essens heiratete. 1785 wurde er Präsident der Gouvernementsrichterschaft und wurde in den Adelsstand erhoben. 1795 ging er mit dem Rang eines Kollegialassessors in Pension. 1796 sorgte er mit einem Theaterstück, in dem es diesmal um den polnischen Abenteurer Graf Benewski ging, abermals für böses Blut, worauf er nach Wien und von dort aus nach Weimar fuhr. In Rußland ließ er fünf Söhne zurück, die allesamt eine militärische Laufbahn einschlugen.

Anno 1800 fuhr er nach Rußland, wurde aber auf eine Denunziation hin an der Grenze verhaftet und nach Sibirien verbannt. Nachdem Pawel I. sein Stück Der alte Leibkutscher Peters III. gelesen hatte, ließ er Kotzebue jedoch aus der Verbannung zurückkehren und machte ihn zum Direktor des deutschen Theaters in Petersburg. Dieses Abenteuer ließ bei Kotzebue keine feindschaftlichen Gefühle gegen Rußland aufkeimen: In seinem Buch Ein bemerkenswertes Jahr meines Lebens, in dem er diese Ereignisse schildert, äußert er sich im Gegenteil sehr lobend über unser Land.

1802 kehrte Kotzebue nach Berlin zurück, wo er die Zeitschrift Der Freimütige herausgab, in der er gegen Goethe und die Romantiker zu Felde zog. Später wandte er sich in seinen anderen Blättern, Bühne (1808-1810) und Grille (1811 bis 1812), mit kämpferischem Ungestüm gegen Napoleon. Nach der Befreiung Berlins durch das russische Heer im Jahre 1813 waltete er als Redakteur des unter der Ägide des russischen Oberkommandanten Wittgenstein gegründeten Russisch-deutschen nationalen Blatts. Es hatte nicht ausgereicht, die Deutschen zu befreien: man mußte sie noch davon überzeugen, daß sie auf die richtige Art und Weise befreit worden waren…

Muß man die Deutschen heute noch daran erinnern, daß man besser nicht Sand, sondern Kotzebue ehren sollte?



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