Der fleischlose russische Geist


Rassenphilosophie

Anatoli Iwanow


Anatoli Iwanow

Die Übersetzung aus dem Russisch erfolgte im Auftrag der Velesova Sloboda.


Mischungen und Beimischungen

Die russischen Ideologen zog es seit jeher empor in hohe geistige Sphären; sie pflegten das Blut, die „ethnische Abstammung“, stets als etwas Niedriges und Verächtliches zu betrachten und lehrten ihre Leser, es ihnen gleichzutun.

„Was ist denn schon ein Volksstamm ohne seinen eigenen religiösen und staatsbildenden Ideen?“, fragte beispielsweise der bekannte Philosoph K. Leontjew. „Warum soll man ihn lieben? Um des Blutes willen? Doch reines Blut hat niemand. Geistige Sterilität! Alle großen Gestalten unser Geschichte hatten stark gemischtes Blut.“ Leontjew behauptete, die Verwirklichung der nationalen Idee werde zwangsläufig ein Absinken in „bourgeoise Niedertracht“ zur Folge haben, doch zeugte dieser Ausspruch durchaus nicht von tiefer Weisheit, wie der eine oder andere meint, sondern von einem flachen Liberalismus der allerschäbigsten Sorte.

Immerhin anerkannte Leontjew die Bedeutung des Bluts in gewissem Umfang durchaus an, doch lediglich im Falle des verdorbenen Blutes. Schließlich schloß er sich dem Aufruf an „die Fruchtbarkeit der turanischen Beimischung in unserem russischen Blut“ zu glauben. Diesen Aufruf griffen in der Folge die „Eurasier“ auf, doch was die Russenhasser aller Schattierungen (vor allem unsere hausgemachten) über diese „Beimischung“ an Unfug erzählen, geht auf keine Kuhhaut.

Schon seit langer Zeit kursiert in Europa das geflügelte Wort: „Kratze an einem Russen, und du findest einen Tataren.“ Zwar ist dieser Spruch dadurch, daß man ihn tausendmal wiederholte, noch lange nicht zur Wahrheit geworden, doch hat er sich so tief in das Bewußtsein vieler Leute eingefressen, daß sogar gewisse Russen begannen, sich so heftig zu kratzen, als litten sie an Juckreiz, um den notdürftig getarnten Tataren in sich zu entdecken. Dies taten sie freilich nicht, um ihn aus sich zu verjagen (so wie Tschechow den Sklaven aus sich vertrieb), sondern um sich ihrer „fruchtbaren Beimischung“ rühmen zu können.

Der verstorbene Jean Thiriart, den unsere Patrioten bis heute als „SS-Mann“ brandmarken, schrieb 1984: „Heute versuchen manche, die UdSSR aus der Liste der europäischen Länder zu streichen, während sie in Wahrheit historisch, geographisch und politisch eine europäische Macht ist. Keine noch so unerschütterlichen Grundsätze werden uns vergessen lassen, daß Rußland ein Teil Europas ist. Möge die Verantwortung auf Goebbels fallen! Möge Goebbels der Urheber der Erdichtung bleiben, wonach die Sowjetunion eine mongolische Horde ist!“

Gewiß, daß diese Erdichtung von Goebbels stammt, läßt sich durchaus bestreiten. Das Urheberrecht kommt wohl eher Alfred Rosenberg zu, der die russische Geschichte in seinem Mythos des 20. Jahrhunderts auf sehr einfache, um nicht zu sagen primitive Art und Weise charakterisierte. Seiner Meinung nach „wallte das Blut mit mongolischer Beimischung bei allen Erschütterungen des russischen Lebens auf“, und der Bolschewismus bedeutete „einen Aufstand der Mongoloiden gegen die nordischen Kulturformen“.

Auch nach dem Krieg wurden die europäischen Nationalsozialisten nicht klüger. Man halte sich nur den Unsinn vor Augen, den beispielsweise René Binet in seinem Buch Nationalsozialismus gegen Marxismus schrieb: „In Rußland haben sich zwei Grundrassen behauptet: Die Turko-Mongolen und die Ugrofinnen. Daß diese später von anderen Völkern überlagert wurden, ändert nichts am Kern der Sache. In einem riesigen Land mit schlechten Verbindungswegen überlagern viele Schichten der verschiedensten Völker einander, ohne sich zu vermischen, und die gewaltige mongoloide Masse überwucherte ständig alle anderen, wenn auch in unterschiedlich großem Umfang.“

Nach den Nationalsozialisten griffen die Amerikaner die Propagandalüge vom mongoloiden Charakter der Russen auf. Der amerikanische Kundschafter Garry Rositzky schilderte seine Eindrücke von einer Reise nach Berlin im Frühling 1945 wie folgt: „Uns fiel eine Kolonne von Deutschen im Alter von unter 16 und über 60 Jahren auf, die von mongoloiden Soldaten, welche eine Körpergröße von 140-150 cm aufwiesen und Bastschuhe trugen, nach Osten getrieben wurden.“

Zu den Bastschuhen wäre übrigens folgendes zu sagen: Irgendwann befahl Peter der Große den russischen Soldaten, sie sollten den Esten beibringen, wie man Bastschuhe flicht – die Einwohner Estland waren dermaßen ‚europäisch zivilisiert’, daß sie nicht einmal das konnten. Da stößt es einem wirklich sauer auf, wenn der ehemalige sowjetische Volksabgeordnete für Estland, Tiita Made, behauptet, die Russen hätten „seit Jahrhunderten unter dem mongolischen oder tatarischen Joch gelebt“ und seien darum „bis heute in ethnischer Hinsicht eine gemischte Nation… Tataren und Mongolen drangen einst in die russischen Dörfer ein, brachten die männliche Bevölkerung um oder verschleppten sie in die Gefangenschaft und vergewaltigten die russischen Frauen. Deswegen ist das russische Volk heutzutage so stark mit jenen Menschen vermischt, die einst die russischen Frauen schändeten.“

Bei ihren Versuchen, den „mongoloiden“ Charakter der Russen zu beweisen, stehen die Litauer nicht hinter den Esten zurück: Auch für sie sind „die Russen keine Europäer; es handelt sich bei ihnen eher um eine russisch-tatarisch-mongolische Mischung“.

Sogar die Ukrainer – also die Bewohner eines Territoriums, das früher allen möglichen Nomadenvölkern als Durchgangshof diente – brüsten sich uns gegenüber mit ihrer „Rassenreinheit“. So zitiert die Zeitung Russkij Vestnik einen Brief, dessen Verfasser den Russen das Recht abspricht, sich Slawen zu nennen, und zwar mit der Begründung, das russische Volk sei „aus ugrofinnischen Stämmen mit starker Beimischung von Turkvölkern“ entstanden.

Die ausländischen Russenhasser erhalten Sukkurs von einigen Russen, die an verschiedenen Formen ideologischer und anderer Wahnideen leiden. So verstieg sich der bekannte marxistische Historiker M. N. Pokrowski einmal zu der Behauptung, in den Adern des „sogenannten großrussischen Volkes“ flössen über 80% ugrofinnischen Blutes. Diese Zahl irgendwie zu begründen, hielt Herr Pokrowski für unnötig.

Nicht minder willkürlich sind die diesbezüglichen Schätzungen mancher zeitgenössischen Autoren. Der Neo-Eurasier Alexander Dugin schrieb in einer belgischen Zeitschrift: „Der Anteil mongolischen oder ‚paläoasiatischen’ Blutes bei den Turkvölkern ist nicht höher als der Prozentsatz ugrofinnischen Blutes bei den Russen.“ Wie Herr Dugin diesen Prozentsatz gemessen hat, bleibt ebenfalls ein Geheimnis.

Nach Ansicht des Literaturwissenschaftlers W. Koschinows gibt es überhaupt nur sehr wenige „Träger reinen russischen, oder sagen wir ostslawischen, ‚Blutes’. Alle haben sich so stark mit finno-ugrischen Stämmen, Turkvölkern und anderen Völkerschaften vermischt, daß keine Rede mehr von irgendwelchem ‚reinen’ Blut sein kann.“ Als Koschinow diese Zeilen zu Papier brachte, muß er offenbar in den Spiegel geschaut und seine eigene Physiognomie vor Augen gehabt haben; dabei erinnerte er sich wohl daran, daß die Esten ihn für einen der ihren hielten, und empfand ehrfürchtige Scheu vor ihnen.

Ein anderer zeitgenössischer Verfasser schreibt: „Die heutigen Russen… sind ein komplexes ethnisches Gebilde, das zu praktisch gleich großen Teilen slawische und finnische Elemente sowie Elemente der Turkvölker enthält.“ Woher der Mann die Theorie hat, diese Elemente seien „praktisch gleich groß“, weiß niemand.

Es gibt verschiedene Arten von Mischungen. So wie die Mischung verschiedener Elemente in der Chemie verschiedene Auswirkungen zeigt, verläuft auch der Prozeß der Ethnogenese je nach dem Charakter der daran beteiligten Stämme höchst unterschiedlich. Wer sagt, „alle sind gemischt“, sagt in Wirklichkeit gar nichts. „Wer hat sich mit wem vermischt, und in welchem Umfang?“ lautet die wissenschaftliche Fragestellung. Hiermit eng verbunden ist die Frage nach dem Nutzen oder Schaden der Vermischung.

Als Begründer der Eugenik gilt Darwins Vetter Francis Galton, dessen Hauptwerk Hereditary Genius (Erbliches Genie) 1869 erschien, doch bereits vorher, im Jahre 1865, hatte der russische Gelehrte W. M. Florinski sein Buch Vervollkommnung und Entartung des Menschengeschlechts publiziert, das übrigens 1926 in Wologda neu aufgelegt wurde. Florinski betonte, daß eine Vermischung sowohl vorteilhafte als auch nachteilige Ergebnisse zeitigen könne. So hielt er die Vermischung von Slawen mit Germanen für segensreich, wies zugleich aber darauf hin, daß „die Entwicklung des von Natur reichen slawischen Geistes durch die schädliche Blutzufuhr seitens minder zivilisierter Nationen gelähmt wurde“. „Sogar in ihrer physischen Schönheit“ meinte Florinski, stehe die russische Nation „erheblich hinter südslawischen Stämmen zurück“; unter dem Einfluß nachteiliger Beimischungen habe sie „viele ihrer ursprünglichen Züge eingebüßt, die den slawischen Stamm im allgemeinen eigen sind“.

Dies bedeutet, daß Florinski auch jene Beimischung, die K. Leontjew als „fruchtbar“ pries, für schädlich hielt. Allerdings gingen beide von rein spekulativen Erwägungen aus; ethnographische Forschungen wurden damals noch nicht so konsequent durchgeführt wie später.

Erst viel später gelang es dem hervorragenden sowjetischen Anthropologen W. P. Alexejew, der sich auf solide wissenschaftliche Daten stützen konnte, den Nachweis zu erbringen, daß die russische Bevölkerung durchaus nicht besonders stark gemischt, sondern im Gegenteil bemerkenswert homogen ist. Alexejew unterstrich insbesondere, daß „moderne kraniologische Serien der ostslawischen Völker… eine ausgeprägtere Ähnlichkeit mit west- und südslawischen Gruppen aufweisen als mit den früheren Ostslawen“. Besonders charakteristisch, fuhr er fort, sei diese Ähnlichkeit bei den Russen; diese stünden „sogar den Germanen näher als den Ostslawen der Vergangenheit. Daß sich die heutigen Russen in einer Reihe von Punkten von den Bewohnern unseres Landes im Mittelalter unterscheiden, schrieb Alexejew ihrem Kontakt mit der „vorslawischen, in ihrer Mehrheit anscheinend finnischsprachigen Bevölkerung“ zu, schränkte jedoch sogleich ein: „Das finnische Substrat… darf nicht als Hauptkomponente bei der Herauskristallisierung des russischen Volkes gelten; im Verlauf von zwei Jahrtausenden hat es sich fast vollständig aufgelöst“ – mit dem Ergebnis, daß „die heutigen Russen eine stärkere Ähnlichkeit mit dem hypothetischen Prototyp aufweisen, der für die ostslawischen Völker vor ihrer Berührung mit dem finnischen Substrat kennzeichnend war“.

Es wäre recht interessant, die blutsmäßige Reinheit jener, die uns zu den „Asiaten“ zählen, ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen – der Deutschen beispielsweise…

Hier können wir auf eine erstrangige Autorität auf dem Gebiet der Rassentheorie verweisen, nämlich Hans F. K. Günther, der in seinem 1924 erschienenen und 1992 in den USA neu aufgelegten Buch Rassenkunde Europas folgende Statistik aufstellte: In Deutschland gehörten 50-60% der Bevölkerung, also etwas mehr als die Hälfte, dem nordischen Typ an. Im Südwesten Deutschlands fehle dieser fast vollständig; dort dominierten alpine und dinarische Elemente. Auf den britischen Inseln belaufe sich der Prozentsatz der Bevölkerung, der dem nordischen Typ angehöre, auf 55-60%, in Frankreich auf 25%, in Italien auf 15%. In den russischsprachigen Gebieten betrage der Anteil an nordischem Blut 25-30% und liege also höher als bei den Franzosen und erst recht bei den Italienern.


Seele und Leib einer Rasse

In seinem fundamentalen Werk Rasse und Seele untersucht Ludwig Ferdinand Clauß, der namhafteste Vertreter der Rassenpsychologie, etliche rassenpsychologische Typen, wobei er es konsequent ablehnt, diese hierarchisch zu gliedern. Seiner Überzeugung nach kann keiner davon als höher als ein anderer gelten; jede Rasse stellt einzig und allein für sich selbst den höchsten Wert auf. Dennoch, meint Clauß, gebe es einen Vertreter dieser Typen, welcher der „Rettung“ bedürfe – den Vertreter jener Rasse, für den die Wissenschaftler einfach keinen zutreffenden Namen fänden. Sie nannten diese Rasse bald alarodid, bald armenoid, bald assyroid, bald vorderasiatisch. Am zutreffendsten sei wohl letztere Bezeichnung, da sie rein geographisch sei und sich auf kein spezifisches Volk beziehe. Dieser anthropologische Typ sei bei vielen Völkern Vorderasiens vertreten: Bei den Juden und den syrischen Arabern, die beide semitische Sprachen sprächen; bei den Armeniern, die sich eines indogermanischen Idioms bedienten, sowie bei den Ostgeorgiern. Gestützt auf anthropologische und linguistische Daten sowie deren Vergleich hatte bereits Houston Stewart Chamberlain auf den gemischten Ursprung erwähnter Völker hingewiesen. Dieselben autochthonen Völker haben sich im Falle der Juden mit Semiten und im Falle der Armenier mit Ariern vermischt.

Bezüglich der Psychologie von Menschen dieses Typus, insbesondere der Juden, bemerkte Clauß, daß „im Judentum ein besonderer Zug bewußt entwickelt und kultiviert wird, der durchaus nicht ausschließlich jüdisch, sondern repräsentativ für Menschen eines bestimmten Typs ist und sich sowohl innerhalb als auch außerhalb des Judentums findet: Eine ‚Geistigkeit’, der alles Emotionale und Körperliche fremd ist und die danach strebt, sich seiner zu entledigen oder es ins ‚Geistige’ umzuwandeln.“

Clauß setzt das Wort „Geist“ in diesem Zusammenhang in Anführungszeichen, um zu unterstreichen, daß es hier streng im Sinn der Menschen des geschilderten Typs aufzufassen ist. Es gibt einen nordischen Geist, einen mediterranen Geist, einen Wüstengeist (d. h. arabischen Geist), doch Angehörige der betreffenden Völkertypen stellen geistige Werte durchaus nicht über alles andere. Für den echten nordischen Menschen sind Seele und Leib ein und dasselbe, aber die Seele des vorderasiatischen Menschen strebt danach, zu „reinem Geist“ zu werden. Für ihn ist der Geist etwas, das von außen auf ihn wirkt und für ihn unerschütterliche Gesetze aufstellt; dieser „Geist“ muß alles andere Leben verschlingen. Ein solcher psychologische Typus bringt Asketen und Interpreten der „heiligen Schriften“ hervor. Bei den heutigen Juden hat Clauß zahlreiche Formen der Nachahmung dieser „Geistigkeit“ entdeckt, beispielsweise eine naturentfremdete „reine Intellektualität“.

Die von Clauß vertretenen Ideen hat Professor Lothar Tirala weiterentwickelt. In seinem Artikel „Rasse und Weltanschauung“ verfocht er die These, daß „die Stimme der Rasse und des Bluts bis hin zu den feinsten Windungen des Denkens fortwirkt und entscheidenden Einfluß auf die Richtung des Denkens ausübt“. Rassenreine Menschen besitzen für Tirala eine Weltsicht, die ihrem inneren Kern entspricht, während es einen Mischling bald hierhin und bald dorthin treibt. Tirala geht davon aus, daß die geistigen und psychischen Unterschiede erbliche Merkmale der verschiedenen Rassen sind und daß die Art ihrer Erkenntnisgewinnung ebenso unterschiedlich ist wie ihre Ethik. Als Beispiel führt er eben jene vorderasiatische Rasse an, deren Ethik zwischen stark ausgeprägter Sinnlichkeit, Raffgier und Kommerzialität auf der einen sowie fanatischer Askese und Verachtung des Leibes andererseits schwankt. Das erstgenannte Extrem fand seinen Ausdruck im Judentum (das W. W. Rosanow aus eben diesem Grund bewunderte), die zweite im Christentum. Genauso verhält es sich mit den Methoden der Erkenntnis. Hier entstehen einerseits der Materialismus und andererseits der Idealismus.

Nach Tirala veröffentlichte Jörg Rieck in derselben Zeitschrift einen Artikel mit demselben Titel, in dem er die Seele als Bindeglied zwischen Geist und Natur bezeichnete. Seele und Rasse waren für ihn Synonyme: „Was man Rasse nennt, ist zugleich die genauste und universellste Definition der Seele.“ Seele ist Rasse. Es gibt nicht so viele Seelen, wie es Rassen gibt, aber die Menschheit besitzt durchaus nicht nur eine einzige Seele. Die scharfe Trennung zwischen Materialismus und Idealismus ist ebenso zu überwinden wie die vorderasiatische Absonderung des Geistes vom Leibe.“

Diese Auffassung betrachtete Rieck als Ausgangspunkt für eine philosophische Analyse des Kerns der nationalen Eigenheit. Unter Anlehnung an einen von Leibnitz geprägten Ausdruck schuf er den Begriff der „rassischen Monade“.

Die Rassenseele, meint Rieck, gebe dem Menschen das Material, dank dem geistiges Schaffen einzig und allein möglich sei. Unter „Rassenseele“ versteht Rieck die natürlichen Anlagen des Menschen, während der Leib für ihn ein Teil der Rassenseele ist. Die Rassentheorie betrachtet Leib und Seele als gleichwertig, weil man sie lediglich bei einer strikt materialistischen Sicht des Leibes voneinander trennen kann; geht man aber davon aus, daß sowohl der Leib als auch der Geist beseelt sind, verschwimmt die Grenze zwischen ihnen. Eine solche Beseelung des Leibes setzt der Begriff der Rassenseele voraus.

Der Riß zwischen Leib und Geist, der im Bewußtsein als Riß zwischen Gott und der Welt empfunden wird, gehört zu den schädlichen Eigenschaften der vorderasiatischen Rasse, die davon träumt, daß irgend jemand sie von ihrem eigenen Wesen erlöst (L. Tirala). In der Psychiatrie bezeichnet man dieses Phänomen als „induzierte Psychose“.

Statt die Werke von Clauß und anderen begabten Denkern als willkommene Ergänzung unserer klassischen russischen Autoren zu studieren, hält man sich bei uns leider an ausländische Autoren minderen Ranges. Diese stehen durchwegs in der Tradition Julius Evolas, dessen Ideen in unserem Land von Alexander Dugin emsig propagandiert werden.

Evola polemisierte seinerzeit gegen Alfred Rosenberg und dessen Theorie, wonach rassische Homogenität und Blutsreinheit die Grundlage des Lebens und der Kraft einer Kultur sind, während die Blutsvermischung den Hauptgrund für deren Niedergang darstellt. Evola hielt dies für eine Irrlehre, die den kulturellen Begriff auf eine rein natürliche, biologische Stufe reduziere.

Auf Rasse, Blut und Reinheit des Erbguts blickte Evola verächtlich herab; all dies war für ihn bloßer „Rohstoff“. Echte Kultur begann für ihn damit, daß höhere, übernatürliche Kräfte auf dieses Material einwirkten, so wie sich der Regen oder der Hagel vom Himmel her auf den Kopf des Menschen niederprasselt. Bestimmte Ideen werden nicht vom Menschen in Abhängigkeit von seinen natürlichen Anlagen entwickelt, sondern von außen her in ihn eingeführt wie das Programm in einen Computer. Der Mensch ist nichts weiter als ein Bioroboter, der von „höheren Kräften“ gelenkt wird.

Auch der Kulturzerfall hatte für Evola geistige Ursachen. Am höchsten stand für den italienischen Denker die „innere“, geistige Rasse, während die leibliche Rasse bloß Verkörperung und Ausdrucksmittel war.

Von absolut zentraler Bedeutung war für Evola auch ein „transzendentes Imperium“. Ohne ein solches, meinte er, sei das Leben einer Nation sinnentleert. Dabei hatte schon Friedrich Nietzsche verkündet, das Leben habe keinen Sinn außer dem Leben. Trotz all seiner fieberhaften Bemühungen vermochte Evola Nietzsches Sentenz, man möge den Kopf nicht in den Sand der himmlischen Dinge stecken, nicht zu widerlegen.

Einen gewissen Wert anerkannte Evola dem But und der ethnischen Reinheit schon zu, lehnte es jedoch kategorisch ab, diesen Faktoren beim Menschen denselben Stellenwert beizumessen wie bei Hunden oder Pferden. Wenn Evola von der arischen Rasse sprach, betonte er stets sogleich, daß sich dieser Begriff keineswegs nur auf die biologische und ethnische Abstammung beziehe, sondern eine geistige Rasse bezeichne.

So wie vorgeblich christliche, in Wahrheit aber freimaurerische russische Philosophen am Ende des 19. sowie am Anfang des 20. Jahrhunderts N. J. Danilewski beschimpften, in dessen Werk der slawophile Gedanke seine Krönung erreichte, verwies Evola das „Biologische“ auf die tiefste Stufe seiner Hierarchie und stieß es gewissermaßen in den Urschlamm, während seine Pyramide, ganz von der Erde losgerissen, stolz über diesem Schlamm schwebte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts klagten die Deutschen: „Franzosen und Russen regieren das Festland/Britannien herrscht über die See/Doch wir, die wir leben im wolkigen Traumland/Begründen ein Reich in der Höh.“ Mit der Zeit gaben sich die Deutschen nicht mehr mit ihrem „Reich in der Höh“ zufrieden; sie sprangen aus ihrem Wolkenkuckucksheim auf die Erde hinab, und ihr Aufprall erschütterte diese. Übrigens brachen sie sich dabei selbst die Knochen – allzu leichtsinnig war der Absprung mit einem rissigen Fallschirm gewesen!

Mit uns geschah genau das Umgekehrte. Wir, die wir daran gewöhnt waren, die „Herren zu Land“ zu sein, und zwar auf einem recht ansehnlichen Teil der Erde, spüren heute mit Entsetzen, daß uns die vertraute Heimaterde unter den Füssen entschwindet. Die Deutschen haben uns mit ihrer Krankheit, mit ihren „Idealen“ infiziert, und dank diesen Idealen erging es uns wie dem Ballonverkäufer im Märchen von Olesch. Wir hatten ein Imperium, von dem offenbar nur noch eine Empirie zurückbleibt.

Wir haben die Erde idealistischen Schemata zuliebe so sehr verunstaltet, daß sie uns immer heftiger abweist. Unsere neuen Ideale kranken an demselben Mangel wie die alten, über Bord geworfenen: Sie wollen die real existierenden Nationen und ethnischen Gemeinschaften nicht anerkennen, sondern alle zu einem abstrakten, idealen, fiktiven Ganzen zusammenkitten. Früher sprach man vom „Sowjetvolk“, heute von den „Rußländern“, aber im Kern besteht kein Unterschied zwischen den beiden Begriffen; nur die Terminologie ist verschieden. Doch ehe die verschwommene „geistige“ und „kulturelle“ Einheit nicht einer stabilen ethnischen Einheit gewichen ist, werden die einzelnen Bestandteile auseinanderstreben und zerbröckeln.

Wer für die territoriale Integrität Rußlands in seiner gegenwärtigen Form wirbt und dazu aufruft, seinen Zerfall abzuwenden, stellt – sei es aus böser Absicht oder aus Unwissenheit – die Begriffe schlicht und einfach auf den Kopf. Aus geistiger Trägheit hält man unser Land immer noch für einen Vielvölkerstaat wie die UdSSR, obwohl es durchaus kein solcher ist. Diese Leute sind bestrebt, Rußland als heterogenes Staatswesen zu bewahren, ohne zu berücksichtigen, daß es bei uns praktisch keine ethnische Vielfalt gibt. Somit wollen die betreffenden Personen keinesfalls eine – nicht existierende – Heterogenität verteidigen, sondern dem Land wider alle Vernunft eine solche aufnötigen.

Man hat schon oft zu Recht darauf hingewiesen, daß das heutige Rußland nach allen international anerkannten Standards als national einheitlicher Staat gelten darf. Daß es viele nationale Republiken und autonome Kreise gibt, darf hierüber nicht hinwegtäuschen, denn diese Gebilde sind rein administrativer Art. Überall bildet die russische Bevölkerung eine klare Mehrheit. Diese Tatsache bedarf keiner Erhärtung durch ideale Schemata und geistige Turnübungen.


Zu spät, um von „Rettung“ zu sprechen

Wer geltend macht, das revolutionäre Potential Rußlands sei „an eine Grenze gestoßen“, weil das Land zu erschöpft sei, um eine weitere Revolution verkraften zu können, vermischt bewußt zwei verschiedene Dinge miteinander. Objektiv gesehen ist eine Revolution nämlich vollkommen unabdingbar, weil nur sie die nationale Katastrophe und den Zerfall des Staates verhindern kann. Doch wird sie aus subjektiven Gründen nicht erfolgen: Es gibt keine Kräfte, welche sie inszenieren könnten. Es ist nicht so, daß es eine Grenze für die Zahl der Revolutionen gibt, die unser Land verkraften könnte (wer setzt diese Grenze eigentlich fest? Etwa Sjuganow?), sondern das biologische Potential des russischen Volkes ist erschöpft, weil es sich nicht von den ununterbrochenen Revolutionen, Kriegen und Repressionswellen, vom Wettrüsten, der Perestroika, den „Reformen“ und anderen Geißeln des 20. Jahrhunderts erholt hat. Deshalb ist es sinnlos, dem russischen Volk heutzutage irgendwelche „nationale Ideen“ aufzwingen zu wollen, ebenso wie es sinnlos ist, mit dem Politologen A. Zipko zu argumentieren, daß „der russische Mensch staatstreu ist“. Ja, er war einmal staatstreu, ist es aber heute nicht mehr. Nicht nur der nationale und der staatliche Instinkt sind beim Volk heute verkümmert, sondern sogar der Selbsterhaltungsinstinkt.

Sprechen wir noch anderen „Grenzen“, die angeblich nicht überschritten werden dürfen. „Die Geduld des Volkes stößt an ihre Grenzen“. Diese Phrase ist darum lügenhaft, weil sie keine Auskunft darüber vermittelt, was sich hinter diesen „Grenzen“ befindet. Hinter ihnen lauert durchaus kein „chaotischer und erbarmungsloser russischer Aufstand“, mit dem uns die Liberalen so gerne ins Bockshorn zu jagen versuchen, sondern allenfalls von vorneherein zum Scheitern verurteilte verzweifelte Redaktionen. Beispielsweise treten Arbeiter, die monatelang ihren Lohn nicht bekommen haben, in den Hungerstreik, obwohl es weitaus wirksame Protestaktionen gibt. Wissenschaftler jagen sich eine Kugel durch den Kopf; sogar Offiziere tun es ihnen gleich, obschon sie ihre Feuerwaffen doch eigentlich zu etwas weitaus Besserem verwenden könnten. All dies sind Symptome einer hoffnungslosen und unwiderruflichen Degradierung.

Einige Leute wiegen sich in Illusionen: Rußland, argumentieren sie, habe doch schon früher Perioden der Wirren erlebt, diese jedoch stets überstanden und sei zu neuem Glanz und Ruhm erblüht. Dies ist ungefähr so, wie wenn man einem todkranken Siebzigjährigen mit folgenden Worten ermunterte: „Kopf hoch, alter Racker! Erinnere dich doch, als du dreißig Jahre alt warst, warst du auch schwer krank und hast dich doch wieder hochgerappelt!“

Doch diesmal rappelt sich Rußland nicht wieder hoch. Der Staat, der sich heute „Russische Föderation“ nennt, führt praktisch nur noch ein Schattendasein. An seiner Stelle entsteht ein neuer Staat von bedeutend geringerer Größe – genauer gesagt einige Staaten, die mit dem historischen Rußland nicht mehr gemein haben werden als das heutige Griechenland mit dem Griechenland der Antike oder mit Byzanz, der heutige Iran mit dem alten Perserreich oder die lateinamerikanischen Republiken mit dem spanischen Weltreich.

Giulietto Chiesa nannte sein letztes Buch „Leb wohl, Rußland!“ Irgendein Schlaumeier hat Chiesa bereits mit dem Marquis de Custine verglichen, dem Verfasser des extrem rußlandkritischen Buchs Rußland im Jahre 1839, doch dieser Vergleich hinkt. Custine war nämlich nur gerade vier Monate in Rußland, während Chiesa viele Jahre lang hier gelebt hat und sich mit Wehmut von unserem Lande verabschiedet, jedoch begriffen hat, daß die Stunde des Abschieds gekommen ist. Das Ende ist unvermeidlich, weil unser Volk physisch nicht mehr imstande ist, sich aus der wirtschaftlichen und politischen Sackgasse zu befreien.

Es ist zu spät, um von einer Rettung Rußlands zu sprechen. Man soll das retten, was noch zu retten ist. Retten kann man die gesunden Elemente, die sich in allen Schichten der Gesellschaft finden. Sie werden mit der Zeit eine neue Nation schaffen, und diese wird nicht zuletzt eine nationale Ideologie brauchen, die heute nicht auf dem Markt gehandelt wird.

Die natürliche Selektion ist am Werk. Sie rafft Alte und Junge dahin. Das Alter ist in diesem Fall nicht das Entscheidende. In Bernard Shaws Schauspiel Die Insel der Überraschungen bricht das Jüngste Gericht an, das darin besteht, daß Menschen, die ihre Existenz nicht rechtfertigen und für die Zukunft nicht nötig sind, einfach verschwinden.

Menschen, die ein nationales Selbstbewußtsein besitzen, müssen verstehen, daß sie im heutigen Rußland zum „kleinen Volk“ geworden sind. Igor Schafarewitsch verwendete diesen Ausdruck im negativen Sinn, aber russische Nationalisten sollten sich Rechenschaft darüber ablegen, daß sie, die sie jetzt selbst dem „kleinen Volk“ angehören, fortan strikt auf eigene Faust handeln und das „große Volk“ seinen eigenen Weg gehen lassen sollen, um Nietzsche zu paraphrasieren. Es ist dies fürwahr ein dunkler Weg ohne einen einzigen Hoffnungsstrahl.

Das Vorhandensein eines nationalen Selbstbewußtseins ist das einzige Merkmal der Zugehörigkeit zu diesem „kleinen Volk“; andere Kriterien gibt es hier nicht; Alter und Gesellschaftsklasse spielen keine Rolle. Ihm können Intellektuelle angehören, Unternehmer, Arbeiter, Bauern – alle noch in der Gesellschaft verbliebenen gesunden Elemente, aber die Rettung wird nicht von einer bestimmten Klasse kommen, weder von der Bourgeoisie noch vom Proletariat.

Manche „Demokraten“ schlagen den Patrioten hämisch vor, sie sollten sich doch aufhängen, weil das Volk ihre Erwartungen nicht erfüllt hat. Doch Selbstmord ist ein Akt der Verzweiflung, und Verzweiflung entsteht aus dem Zusammenbruch der Illusionen. Von solchen Illusionen waren und sind jedoch jene Menschen frei, die schon längst begriffen haben, daß ein Prozeß der unwiderruflichen biologischen Entartung des russischen Volkes im Gange ist, dessen Mehrheit sich in eine formlose Masse verwandelt hat. Die national denkende Minderheit sollte sich einzig und allein um sich selbst kümmern, weil sie jetzt Rußland ist. Das zukünftige Rußland.

Der heutigen Russischen Föderation steht der unvermeidliche Zerfall bevor, wobei dieser Prozeß nicht unbedingt so spasmatisch zu verlaufen braucht wie in der UdSSR. Möglich ist auch das „Modell des Aussätzigen“: Einem Menschen fallen manche Körperteile ab, aber er lebt weiter.

Rußland frieren zunächst seine nördlichen Extremitäten ab und beginnen allmählich abzufallen. Einst hoffte man, Sibirien werde Rußland stetig steigenden Wohlstand garantieren, aber jetzt droht auch der Verlust Sibiriens mitsamt seinen Reichtümern. Dem Norden verdankt Rußland zwei Drittel seiner Einkünfte – fast alles Gas, das Gold, die Diamanten. Ohne staatliche Förderung wird das Land dieser Schätze verlustig gehen, und um diese Förderung ist es zusehends schlechter bestellt. Die staatliche Unterstützung für die Lebensmittelversorgung des Nordens wurde in diesem Jahr um mehr als eine Trillion Rubel gekürzt, und aus dem Budgetprojekt für 1998 ist dieser Ausgabeposten überhaupt verschwunden, was katastrophale Auswirkungen auf die ohnehin schon kritische Situation in den Regionen des äußersten Nordens haben wird.

Der Norden siecht dahin. Die Bevölkerung von Tschukotka hat sich seit 1990 um das 1,8-fache vermindert, die Bevölkerung der Gegend von Magadan sank in den letzten sechs Jahren um 34%. Aus Sachalin und Jakutien wandern die Menschen ab; im Gebiet von Krasnodar wird ein Plan zur Evakuierung der Bevölkerung aus Norilsk erarbeitet, da diese plötzlich überflüssig geworden ist. Dabei stellt der Staat weder für die Umsiedlung noch für Wohnraum Geld zur Verfügung – jeder rettet sich, so gut er kann. Auf die frei gewordenen Territorien haben gewisse Leute bereits ein Auge geworfen. Eine US-Zeitschrift trägt sich schon seit langem mit dem Gedanken, Rußland wie dereinst Alaska jetzt auch Ostsibirien bis zum Jenissei und zur Angara abzukaufen.

Die permanente Krise im ostsibirischen Primorje ist nicht minder beunruhigend. Sollte eine fernöstliche Republik entstehen, so wird sie kaum lange Bestand haben. China wird die Gelegenheit nicht versäumen, jene Ländereien heimzuholen, die ihm Rußland unter Ausnutzung des Bürgerkriegs sowie der englisch-französischen Intervention in China in den Verträgen von Aigun (1858) und Peking (1860) abgenommen hat. Japan wird dann nicht mehr um die Kurilen betteln müssen, denn diese werden ihm wie ein reifer Apfel in den Schoß fallen.

Unlängst stellte die Zeitung Sawtra die rhetorische Frage: „Werden die Russen zu einem Volk von Grasfressern?“ Das Blatt erinnerte warnend an die „riesigen, ungeschlachten Dinosaurier… die träge Gras kauten und zur Beute von Fleischfressern wurden“. (Offenbar wollten die Sawtra-Journalisten mit ihren profunden paläontologischen Kenntnissen prahlen. Aus irgendeinem Grund ist es heutzutage modisch, alle ausgestorbenen Reptilien als „Dinosaurier“ zu betiteln, obwohl diese eine Art für sich darstellten, und zwar eine fleischfressende. Aber schweifen wir nicht vom Thema ab.)

Die Russen sind bereits zu einem Volk von Grasfressern geworden. Am südlichen Rand unseres Landes geht nicht nur Tschetschenien nach und nach in fremde Hände über – auch Dagestan und Inguschetien stehen auf der Liste. Noch gefährlicher ist die Lage allerdings in Tatarstan und Baschkirien, und zwar aufgrund der demographischen Situation, des wirtschaftlichen Gewichts sowie der politischen Bedeutung dieser Republiken, in denen der islamische Faktor darüber hinaus noch dieselbe Rolle spielt wie im Nordkaukasus. Diese Republiken sind ein muselmanischer Krummsäbel, der den europäischen Teil Rußlands vom asiatischen abschneiden kann.

Der baschkirische Präsident M. Rachimow macht kein Hehl aus seinem Bedauern darüber, daß zwischen Baschkirien und Kasachstan ein 37 km langer Streifen liegt, der zum Gebiet von Orenburg gehört. Doch in Moskau verschließt man vor dem baschkirischen Separatismus die Augen, und wie überall fügt sich die russische Bevölkerung auch in Baschkirien mit Schafsgeduld in ihr Schicksal, selbst wenn dieses darin besteht, unter dem Joch einer neuen Goldenen Horde zu leben.


Der Ruf des Blutes und die Ideologie

Wir messen dem Blut hier darum so viel Bedeutung bei, weil der „Mythos des 20. Jahrhunderts“, wie Alfred Rosenberg sein Buch nannte, diesem zufolge der „Mythos des Bluts“ ist, der „neue Glaube“, die im Blut „das göttliche Wesen des Menschen“ sieht, die „Religion der Zukunft“.

Blut ist nicht einfach eine rote Flüssigkeit, die man in einem Reagenzglas erforschen kann, sondern das Merkmal der nationalen Zugehörigkeit. Es ist kein zweitrangiger Faktor, den man ungestraft vernachlässigen darf, „solange ein Mensch nur gut ist“, sondern ein Schicksal, eine Verpflichtung, eine bestimmte Mission auf dieser Welt zu erfüllen. Wenn diese oder jene Völker bestimmte Religionen oder Ideologien annehmen oder ablehnen, ist dies mitnichten zufällig; die Unterschiede in den Formen der Staatsbildung sind voll und ganz das Ergebnis der rassischen Unterschiede; der Ruf des Blutes äußert sich in der Literatur, der Kunst, der Wissenschaft.

A. Rosenberg hat tatsächlich einen Mythos geschaffen, doch das eigentlich mythische Element darin war die Theorie von gewissen besonderen Eigenschaften und Vorzügen des nordischen Blutes. Heute wird diese Theorie mit triftigen Argumenten angegriffen. Zu Recht hat Jean Thiriart junge Romantiker aus rechtsradikalen Organisationen davor gewarnt, sich von dem „nordischen Kram“ blenden zu lassen, und Gaston Armand Amaudruz schreibt in seinem Buch „Nous autres racistes“: („Wir anderen Rassisten“):

„Der Nationalsozialismus schließt den Rassismus, der schon vor ihm existierte und ihn überlebte, nicht vollumfänglich ein. Zweifellos haben die nationalsozialistischen Führer eine Reihe von Irrtümern begangen, sonst hätten sie den Krieg gewonnen. Weisen wir gleich auf den verhängnisvollsten dieser Irrtümer des nationalsozialistischen Rassenbegriffs hin. Er war zu eng und begrenzte sich auf den nordischen Typ. Zu seinen Folgen gehörte insbesondere, daß die Völker Osteuropas – Polen, Ukrainer, Russen – wie Unterworfene behandelt statt sofort zu Verbündeten im antikommunistischen Kampf gemacht wurden. Alles spricht dafür, daß dieser theoretische Irrtum ein entscheidender Fehler war.“

In Amaudruz’ Buch ist ein „Sozial-Rassistisches Manifest“ abgedruckt, das nun endlich auch in russischer Sprache vorliegt. Es geht davon aus, daß es in Europa folgende fünf als gleichberechtigt einzustufende Rassentypen gibt:

1) Die nordische Rasse (hellhaarig und langschädelig). 2) Die alpine Rasse (dunkelhaarig und kurzschädelig). 3) Die ostisch-baltische Rasse (hellhaarig und langschädelig, mit kleiner Nase und hervorstehenden Backenknochen). 4) Die südwestliche oder mittelländische Rasse (dunkel und langschädelig). 5) Die dinarische Rasse (dunkelhaarig und langschädelig, mit typischer Schädelform, die so wirkt, als sei der Nacken abgeschnitten).

Was bedeutet der Buchtitel „Wir anderen Rassisten“? Die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach. Wir verurteilen mit gutem Grund jede Form von Rassismus, welche die Überlegenheit eines Volkes gegenüber den anderen predigt (die Deutschen sind ein „Herrenvolk“, die Juden „Gottes auserwähltes Volk“ etc.), sollten uns jedoch davor hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten und das Studium der Unterschiede zwischen den Rassen und Völkern zu vernachlässigen. Wir dürfen die Frage nach der psychologischen Vereinbarkeit verschiedener Völker nicht umgehen und nicht dem Irrtum verfallen, sie alle in den berüchtigten „Schmelztiegel“ werfen zu wollen, in der Hoffnung, die dabei entstehende Mischung werde doch sicher brauchbar sein. In Wahrheit wird diese Mischung nämlich ein negatives Ergebnis zeitigen, wenn sich nicht nahe verwandte Rassen wie die eben aufgezählten europäischen vermischen, sondern beispielsweise Weiße und Neger.

Jacques de Mahieu, ehemaliger Direktor des Instituts der Wissenschaft vom Menschen in Buenos Aires, schrieb in seinem Buch „Kurzer Abriß der Biopolitik“, bei einer neuen Rasse, die sich als Ergebnis einer solchen Kreuzung herauskristallisiere, würden jene Energie und jene schöpferischen Fähigkeiten, welche die arischen Völker kennzeichneten, für immer verschwinden. Seiner Auffassung nach hängt der Wert einer Gemeinschaft von ihrer gesamthaften Erbmasse ab, doch gilt dies lediglich für homogene Gemeinschaften; bei heterogenen liegen mehrere Erbmassen vor und nicht nur eine. Die Stabilität der betreffenden Gemeinschaft wird hierdurch natürlich nicht erhöht.

Die neue Situation, in der sich Rußland befindet, erfordert neue Methoden; einzig und allein mit den traditionellen Mitteln werden wir uns nicht aus dem Jammertal befreien können, in dem wir gefangen sind, und es wird uns nicht gelingen, jene nationale Ideologie zu begründen, von der jetzt plötzlich alle auf Kommando des Präsidenten reden. Die „aufgeklärten Patrioten“ aus unserer „kreativen“ Elite, die an dem schmählichen Debakel der russischen nationalen Bewegung schuld sind, marschieren die ganze Zeit über mit rückwärts gewandtem Kopf voran. In diesem Zusammenhang stellt sich uns die Aufgabe, die Krankheiten der klassischen russischen Philosophie zu überwinden, die sich vor allem bei V. Solowjew, N. Berdjaew und S. Bulgakow finden.

Kaum ist die „russische Idee“ in der Politik wieder aufgeflackert, versucht man sie sofort aufs Abstellgleis zu führen. Sobald die Russen schüchtern andeuten, daß auch sie Rechte haben, stellt man ihnen die Kontrollfrage: „Und wen zählt ihr zu den Russen?“ Aus irgendwelchen Gründen stellt man den Georgiern, den Deutschen, den Letten, den Juden etc. diese Frage nicht, aber von den Russen verlangt man gleich eine Art nationalen Identitätsausweis. Bemerkenswerterweise versetzt diese dreiste Frage die Russen oft in Verlegenheit, und sie murmeln dann irgend etwas „politisch Korrektes“ vor sich hin.

Als „politisch korrekt“ – also als richtig – gilt folgende Antwort: „Ein Russe ist, wer unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit die Normen des russischen kulturellen Verhaltens zu seinem eigenen macht.“ Zur Erklärung fügt man noch hinzu: „Nation und Nationalstaat beruhen auf der Gemeinsamkeit der Kultur,  nicht auf jener des Blutes und der ethnischen Herkunft.“ Das Ziel besteht in diesem Fall darin, zu vermeiden, daß jemand – schon gar nicht die Urheber dieser Art von Thesen – nach der „ethnischen Herkunft“ fragt.

Im selben Sinne wirken auch jene, für welche die Russen keine Nation, sondern eine „Übernation“ mit von Anfang an gemischten ethnische Wurzeln sind. Ihre Ideologie zeichnet sich dadurch aus, daß sie eine „engstirnige nationale Idee“ ablehnen, von einem universalen Aufschwung der russischen Kultur träumen und hoffen, daß die Russen danach streben werden, nicht nur sich selbst, sondern die ganze Welt zu erlösen.

Neben Publizisten, die sich traditionalistisch gebärden, treten bei uns auch Liebhaber transzendenter Sehnsüchte ins Rampenlicht. Der Evolianer Sergej Kurjagin schreibt beispielsweise in seinem Artikel „Krasny smysl“ (Der Rote Sinn), ohne Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens komme das Leben zum Erliegen, aber das „Abstreifen der immateriellen Aspekte der menschlichen Realität“ sei „ein Anzeichen humanitärer Ignoranz“.

Kurjagin mag das Wort „Sinn“ mit einem noch so großen Anfangsbuchstaben schreiben und mit jeder beliebigen Farbe anmalen, doch kann er die tragischen Lektionen der Geschichte nicht entrinnen: Gerade daß man den Menschen jeden nur erdenklichen „Sinn des Lebens“ aufzwang,  machte dieses zu einer sinnlosen Quälerei, wenn nicht gar zur Hölle. In seinem Roman „Clérambault““ schreibt Roman Rolland: „Für den Menschen ist es sicherer, offen ein Vieh zu sein, als sein Vieh-Sein mit falschem und kränklichem Idealismus zu bemänteln. Er verzerrt seine Instinkte, indem er sie in einer einzigen Richtung vertieft. Alles, was von der vorgezeichneten Linie abweicht, stört die enge Logik ihres Gedankengebäudes; im Namen geheiligter Prinzipien waltet er nicht nur als Verneiner, sondern auch als Zerstörer. In der lebendigen Unendlichkeit der Natur begeht er schwerste Forstfrevel, damit einzig die von ihm auserwählten Bäume der Erkenntnis leben können: Sie wuchern auf ungeheuerliche Weise in der Wüste und auf Ruinen.“ Der „Sinn des Lebens“ ist also ein Prokrustesbett, in das man das Leben hineinzwängen will.

Ideen, die in Westeuropa bereits überlebt und überwunden sind, sind für Rußland neu. Wir hatten niemals einen nationalen Staat; einen solchen zu schaffen, steht uns noch bevor – wenn wir dazu gewillt sind. Über unserem Bewußtsein schwebt die Fata Morgana des Imperiums. Das Imperium selbst gehört bereits der Vergangenheit an, aber das imperiale Bewußtsein ist nach wie vor lebendig. Jetzt wird es auf dem russischen Markt der Ideen feilgeboten, und Evola mit seinen imperialen Ideen ist groß in Mode.

Doch vor uns spannt man wieder einmal den Karren vor das Pferd. Manche Leute haben von der nationalen Idee gehört, sich dieses Thema zu eigen gemacht und sind darauf abgefahren. Abermals wirft keiner die Frage auf: An wen wollen sie diese oder jene Idee eigentlich verfüttern? Den meisten Menschen fehlt die Kraft, sich ernstlich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Bei den Diskussionen über die nationale Idee vergißt man, sich für den realen Zustand der Nation zu interessieren. Und dieser Zustand ist so ernst, daß man ihn mit einer Idee allein nicht kurieren kann.


Die Energie einer neuen Nation

Schon in der Mitte des 19. Jahrhundert sprach man vom Osmanischen Imperium, also der Türkei, als vom „kranken Mann am Bosporus“. Diese Krankheit dauerte jedoch noch lange an. Die Türken verloren in Afrika und in Europa eines ihrer Besitztümer nach dem anderen, vermochten aber einen recht erheblichen Teil ihres Imperiums trotz allem noch zu halten. Der endgültige Zusammenbruch erfolgte erst nach dem Ersten Weltkrieg. Der 1920 abgeschlossene Vertrag von Sèvres ließ den Türken faktisch nur noch einen kleinen Landstreifen zwischen Ankara und dem Schwarzen Meer. 1921 marschierte das griechische Heer auf Ankara. Erst dann erwachten die Türken endlich, sammelten neue Kraft, gingen zum Gegenangriff über und vertrieben die Griechen aus Anatolien. Als Ergebnis entstand eine neue Türkei, die ihrem Typ her einem mononationalen Staat schon relativ ähnlich war. Freilich gab es dort immer noch recht starke Minderheiten, vor allem die kurdische, was zu einem viele Jahrzehnte dauernden Nationalitätenkonflikt führte. Dieser Staat war nun kein Imperium mehr; er wurde nicht länger von einem Sultan geführt, der nominell das Oberhaupt aller Muselmanen war (was die arabischen Muslime übrigens nicht daran gehindert hatte, sich gegen ihn zu erheben), sondern eine Republik, an deren Spitze der Freimaurer Kemal Atatürk stand. Als nationale Ideologie fungierte das Parteiprogramm der Kemalisten, das durch sechs Pfeile symbolisiert wurde.

Der Verfall der Türkei zog sich über eine lange Periode dahin, doch waren damals andere Zeiten; in unserem Jahrhundert verlaufen alle Prozesse in beschleunigtem Tempo, so daß Rußland, der neue „kranke Mann“ am Ende des 20. Jahrhunderts, bis zu seinem endgültigen Zerfall wesentlich weniger Zeit beschieden sein wird als dem Osmanischen Reich.

Die heutige Lage in Rußland wird häufig als „Stabilisierung durch Stagnation und Degradierung“ oder als „langsames, aber unerbittliches Abgleiten in die dritte Welt“, als „Stabilisierung des Fäulnisprozesses“ charakterisiert. Der bekannte Ökonom S. Glasew warnt, nach „einigen Jahren einer solchen Politik“ sei Rußland dazu verurteilt, ein „Kolonialland“ und „in Einflußsphären aufgeteilt“ zu werden, die „von ausländischen Korporationen regiert“ werden. Er äußert zwar den frommen Wunsch, die „Stärkung der kolonialen Abhängigkeit Rußlands“ bedeute „durchaus nicht zwangsläufig, daß es der formellen Merkmale politischer Souveränität verlustig gehen wird“, doch die Aufteilung eines Landes in wirtschaftliche Einflußsphären zieht unweigerlich auch seine politische Aufsplitterung nach sich. Heute herrscht im russischen Volk der Typ Smerdjakows vor, eines amerikafreundlichen Spießbürgers, der genau so denkt wie die gleichnamige Romanfigur Dostojewskis. Diese wünschte „die Vernichtung aller Soldaten“ und meinte, es sei gut, wenn „eine kluge Nation eine sehr dumme unterwirft und sich einverleibt. Dann würden ganz andere Verhältnisse herrschen.“

Bis zu welchem Punkt wird sich die russische Feder zusammenpressen lassen? Wo liegt unser Ankara, das wir nicht mehr preisgeben wollen? Wird diese Feder wieder ihre ursprüngliche Form annehmen, oder wird sie einfach zerspringen?

Manche verfechten die These, die Reinheit der Weltanschauung hänge von der Reinheit des Blutes ab. Dies ist nur teilweise richtig. In der Tat herrscht bei Menschen rassisch gemischter Herkunft meist auch im Kopf ein Durcheinander, aber auch das reinste Blut kann mit der Zeit verwesen wie ein Teich ohne Zufuhr frischen Wassers.

Man sehe sich Schweden an, einen wahren Naturschutzpark des reinsten nordischen Typs, der im nationalsozialistischen Deutschland solche Begeisterung hervorrief. Na und? Schweden gehört heute zu den Ländern mit der höchsten Zahl von Selbstmorden. Blutreinheit allein genügt offenbar nicht; es bedarf auch einer Aufladung mit Energie, mit jener Eigenschaft, die L. N. Gumilew als „Passionarnost“ – etwa „Leidenschaftlichkeit“ – bezeichnet hat. Dieser Eigenschaft sind die Schweden längst verlustig gegangen; seit den Napoleonischen Kriegen haben sie nicht mehr gekämpft.

Die „Passionarnost“ des russischen Volkes war einst ungewöhnlich groß, doch in den Stürmen des 20. Jahrhunderts hat sie sich so sehr erschöpft, daß das Volk in eine Art Erstarrung verfiel, in einen Zustand der Apathie, der vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Schicksal, dem Schicksal ihres Landes. Unter diesen Umständen ist es nicht in der Lage, irgendeine Ideologie anzunehmen, weder eine alte noch eine neue, und alle Appelle sind unnütze Kraftverschwendung.

Man stelle sich eine gewaltige Menschenmenge vor, die in Panik gerät und sich in Bewegung setzt. Niemand vermag sie aufzuhalten, zur Umkehr zu bewegen, zu veranlassen, daß sie sich gegen das, was sie so tödlich erschreckt hat, zur Wehr setzt. Da tut man gut daran, diese Masse vorbeirennen zu lassen und darauf zu achten, daß man nicht von ihr zertrampelt wird. Man weiß, daß die Flucht sie nicht vor dem Tod bewahren wird, doch ist es sinnlos, einen zum Untergang Verurteilten noch retten zu wollen. In dieser Lage kann man nicht mehr tun, als die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Dann mögen die Überlebenden sich sammeln – jene, welche diese Entwicklung vorausgesehen haben und bereit sind, den Kampf weiterzuführen, jene die wissen, daß man den Feind durchaus besiegen kann, aber mit anderen Mitteln und Waffen.

Damit sich Land und Volk wieder aufrichten können, gilt es aus dem Meer der Smerdjakow-Typen alle gesunden Elemente herauszusuchen, sie zu vereinen, zusammenzuschweißen, aus ihnen einen harten Kern der künftigen russischen Nation zu bilden, der es beschieden sein wird, zu leben – nicht jener, die vor unseren Augen ausstirbt.

Mit der Verwirklichung dieser ungeheuer schweren historischen Aufgabe befaßt sich bereits heute A. Below, der einen Artikel mit dem Titel „Die Nation, die wir schaffen werden“ geschrieben hat. Below bringt den Mut auf, anzuerkennen, daß die Nation entartet ist, daß sie praktisch schon nicht mehr existiert; er spricht von der „Notwendigkeit, ein neues Volk zu bilden, welches das sterbende nationale russische Element ersetzt“.

Vielen unserer heutigen Politiker scheint diese Formulierung falsch; die russische Nation, argumentieren sie, hat sich doch schon längst herausgebildet. Doch jene Nation, die sich „schon längst herausgebildet hat“, liegt jetzt auf dem Sterbebett – beispielsweise in der Gegend von Wladimir, wo die Geburtenrate innerhalb eines Jahrzehnts um das Vierfache gesunken ist. Unter diesen Umständen kann es in der Tat nur noch darum gehen, eine neue Nation zu bilden.

Zur Erreichung dieses Ziels ist eine neue nationale Ideologie unabdingbar. Diese wird im klassischen russischen nationalen Denken wurzeln, das man selbstverständlich nicht in Bausch und Bogen verwerfen darf. Ich denke insbesondere an N. J. Danilewski, dem es gelang, den Messianismus der früheren Slawophilen sowie Dostojewskis zu überwinden.  Die messianistische Ideologie hat sich nämlich als für jeden beliebigen Nationalismus äußerst gefährlich erwiesen, weil sie nur allzu leicht dazu führt, daß eine Nation dem Größenwahn erliegt und ein betrübliches Ende findet.

Auch heute werden wieder Versuche unternommen, die nationale Ideologie mit „Geist“ aufzublasen wie einen Autoreifen mit Luft, oder aus diesem „Geist“ eine Art ideologisches Luftkissen zu machen. Und wiederum erkennt der Hellsichtige, daß dieser Geist von seiner materiellen, physischen Basis abhängt.

Diese Abhängigkeit darf man keinesfalls in primitivem Sinne auffassen, so wie man einen bekannten Ausspruch Juvenals verdreht. Dieser sagte nämlich nicht „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“, sondern „Es wäre gut, wen in einem gesunden Körper noch ein gesunder Geist wäre“; er behauptete also keinesfalls, das eine gehe mechanisch aus dem anderen hervor. Noch kategorischer urteilte Diogenes und erteilte auf die Frage, weshalb die Athleten bloß so dumm seien, folgende Antwort: „Weil in ihnen viel Rind- und Schweinefleisch ist.“ Dies bedeutet, daß die oben erwähnten „gesunden Elemente“ durchaus keine Gangster und Schläger sind, auch wenn die Zeitung Sawtra vor lauter Verzweiflung versucht, in diesen Kreisen Hoffnungsträger zu sehen – so wie Bakunin einst auf die „Welt der Räuber“ hoffte.

Andererseits gibt es viele, die weiterhin auf die orthodoxe Kirche hoffen, obwohl diese Rußland nicht vor der Katastrophe von 1917 zu retten vermochte und die Kirche auch heute gezwungen ist, vor Jelzin zu buckeln und die unrühmliche Rolle der nationalen Dekoration eines antinationalen Regimes zu spielen. Wohl bekennen sich viele russische Menschen reinen Blutes, die sich als Fortsetzer der russischen geistigen Tradition sehen, zum orthodoxen Glauben, doch wie das Blut kann auch der Geist verfaulen.

Hier eine historische Parallele. Niemand zweifelt daran, daß der Zoroastrismus eine echt nationale Religion des alten Iran war. Doch bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. wurde er zu einer „dogmatischen Religion eines zentralisierten Staates“, der durch die Bürokratie, die Waffen und die Macht des iranische „Königs der Könige“ gestützt wurde. So entstand im Iran ein Regime des „religiösen Obskurantismus“. Die Zoroastrismus-Forscherin Mary Boyce stimmte der islamischen Interpretation nicht zu, wonach diese Religion im 7. Jahrhundert „durch äußere Bräuche und Formalismen so mumifiziert war, daß ein einziger Schwertstreich der Eroberer genügte, um sie zu vernichten“, aber an dieser Deutung ist doch sehr viel Wahres.

Überhaupt ist das Schicksal des alten Iran für uns ungemein lehrreich. Das 7. nachchristliche Jahrhundert war der Höhepunkt seiner Macht; die iranischen Heere standen vor den Mauern Konstantinopels und rückten bis zum Niger vor, doch noch im selben Jahrhundert verausgabte sich diese Macht so sehr, daß sie unter den Schlägen der arabischen Eroberer zusammenbrach, die auch eine neue Religion mitbrachten.

Der heutige Iran ist lediglich ein Teil jenes alten Imperiums. Staatsreligion ist heute der schiitische Islam, und der Zoroastrismus überlebt nur noch als Relikt. Eine fremdstämmige Religion hilft dem Land, in dem zahlreiche ethnische Gruppen leben, seine Einheit zu bewahren. Ungefähr dieselbe Rolle spielte die kommunistische Ideologie in der UdSSR – allerdings erst nachdem Stalin sie praktisch zu einer Art nationalem Sozialismus umgeformt hatte. Sobald der ursprüngliche marxistische „Internationalismus“ wieder Oberwasser gewonnen hatte, setzte der Zerfall des Landes ein.

Der Weg vom zoroastrischen zum schiitischen Iran war weit länger als jener von der Türkei der Sultane zur Türkei der Kemalisten. Wie lange wird Rußland noch zwischen der Scylla der starken orthodoxen Monarchie und der Charybdis des „realen Sozialismus“ hin- und hergetrieben werden?


Das Warten auf einen nationalen Führer

Die heutige russische Macht ist sich bewußt, daß die Stimmen einer verdummten Mehrheit ihr noch lange nicht jenen Heiligenschein verleihen, den sie braucht. Deshalb setzt sie auf die nationale Idee und schmückt sich immer mehr mit den Requisiten und Symbolen des verblichenen Zarenreiches.

Die imperiale Größe zieht auch manche nationalistische Ideologen in ihren Bann. In der Tat schließen Nationalstaat und Imperium einander nicht zwangsläufig aus. Alles hängt davon ab, wie man das Wort „Imperium“ definiert. Versteht man darunter einfach die Wiederherstellung der früheren Grenzen des Zarenreichs oder der Sowjetunion, so tun wir gut daran, dieses „imperiale Bewußtsein“ lieber schon heute als erst morgen über Bord zu werfen. Doch wenn der Begriff „Imperium“ lediglich als Synonym für eine bestimmte Form der Organisation der Macht verwendet wird, sieht die Sache schon wesentlich besser aus.

Verfolgt man die historische Evolution des Wortes „Imperium“, so stand das von einem gottgleichen Kaiser geführte Römische Imperium durchaus nicht am Anfang dieser Entwicklung. Zunächst bedeutete der Begriff nämlich ganz einfach eine bestimmte Anzahl von Vollmachten, über welche die Herrschenden verfügten. So besaßen die Konsuln über die oberste Macht („Imperium majus“), während der Prätor, der für die Aufrechterhaltung der Ordnung zuständig war, eine mindere Macht („Imperium minus“) innehatte. Auf Rußland übertragen hieße dies, daß jeder Minister ebenfalls ein „kleiner Imperator“ ist. Und wie die römischen Statthalter ebenfalls über ein „Imperium“ verfügten – im Rahmen der jeweils von ihnen regierten Provinz -, ist auch jeder russische Gouverneur in gewissem Sinne ein „Mini-Imperator“.

Für Julius Evola verdiente Macht nur dann Respekt, wenn sie auf etwas „Sakralem“ beruhte. Doch Cäsar konnte anfangs keine „sakralen“ Begründungen für seinen Anspruch auf die oberste Macht im Staate geltend machen, um die er so lange gekämpft hatte, und zwar als Führer der Partei der Demokraten. Die Sakralisierung seiner Macht erfolgte erst nachträglich. Wir erinnern daran, daß die Vergötterung der Imperatoren mit Cäsar begann, der anderthalb Jahre nach seiner Ermordung das Attribut „der Göttliche“ erhielt. Sein Nachfolger Augustus wurde bereits zu Lebzeiten „der Sohn des göttlichen Julius“ genannt und erhielt nach seinem Tode ebenfalls den Titel „der Göttliche“.

Auch unsere heutigen Machthaber möchten sehr gerne „sakral“ aussehen und „Gesalbte Gottes“ sein. Natürlich wird die Kirche jede beliebige Person „salben“, wenn sie einen diesbezüglichen Befehl erhält, doch zum Pech der Regierenden würde ihre Macht dadurch immer noch nicht sakral. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Es ist ein biologisches Gesetz, daß jede Gemeinschaft – auch die menschliche – einen Führer braucht. Aus der Gemeinschaft hebt sich eine Persönlichkeit hervor, die wir als „charismatisch“ oder „von großer Leidenschaft beseelt“ bezeichnen und die von Geburt die für eine künftige Führergestalt erforderlichen Anlagen besitzt. Eine solche Persönlichkeit bahnt sich mit allen Mitteln – legalen und anrüchigen – den Weg zur Macht, und jene, die hierzu nicht in der Lage sind, empfinden ehrfürchtigen Schauer vor dem Sieger. Dieser Schauer verleiht den Machthabern eine mystische Aura. Hieran ist nichts „Sakrales“ oder „Transzendentes“.

„Am Anfang war das Wort“, heißt es im Johannes-Evangelium. Die Geschichte kennt viele Beispiele dafür, daß am Anfang die Persönlichkeit war. Später erforschen die Historiker das von dieser Persönlichkeit geschaffene System und benennen es nach seinem Begründer: Sie sprechen dann von „Cäsarismus“, „Bonapartismus“, „Kemalismus“, „Gaullismus“ etc. und stellen allerlei tiefschürfende Betrachtungen darüber an, inwiefern sich dieses System von allen anderen unterscheidet. Die Antwort auf diese Frage findet sich bereits in seinem Namen.

In jüngster Vergangenheit sind auf der politischen Bühne einige Persönlichkeiten erschienen, die man anfangs für Charismatiker hielt. Doch schon bald wich die Begeisterung der Ernüchterung, dem Spott und schließlich dem Haß. Jelzin, Schirinowski, Lebed… Wer ist der nächste?

Ungeachtet des ganzen Reklamerummels vor den letztjährigen Präsidentschaftswahlen gibt es heute in Rußland keinen solchen Mann, und das wissen alle. Doch es wird einen geben – selbst wenn Rußland zum Untergang verurteilt ist. Schließlich schrieb Theodor Mommsen in seiner Römischen Geschichte: „Wie sich die Sonne nach einem trüben Tag im Augenblick ihres Untergangs zeigt, schenkt das Schicksal sterbenden Völkern einen letzten großen Mann.“

Eine neue nationale Ideologie wird nur dann eine neue russische Nation zusammenschweißen, wenn ein Führer erscheint, der sich dieser Ideologie bedient. Ohne ihn ist sie nichts weiter als jener Harnisch aus dem Märchen, der seines Helden harrt.

1998


Wadim Sidorow

Sekte und Macht

Im Jahre 1999 erschien der mittlerweile bereits legendäre Sammelband „Der rassische Sinn der russischen Idee“, in dem auch mein Artikel „Die soziobiologischen Grundlagen der Bildung einer Nationalität“ figurierte. Letzteres ist allerdings nicht der Grund dafür, daß ich hier an diesen Sammelband erinnere, sondern der ebenfalls in diesem erschienene Beitrag „Der fleischlose russische Geist“ von Anatoli M. Iwanow. Darin liest man unter anderem folgendes:

„Es ist zu spät, um von einer Rettung Rußlands zu sprechen. Man soll das retten, was noch zu retten ist. Retten kann man die gesunden Elemente, die sich in allen Schichten der Gesellschaft finden. Sie werden mit der Zeit eine neue Nation schaffen, und diese wird nicht zuletzt eine nationale Ideologie brauchen, die heute nicht auf dem Markt gehandelt wird.“ (…)

„Menschen, die ein nationales Selbstbewußtsein besitzen, müssen verstehen, daß sie im heutigen Rußland zum „kleinen Volk“ geworden sind. Igor Schafarewitsch verwendete diesen Ausdruck im negativen Sinn, aber russische Nationalisten sollten sich Rechenschaft darüber ablegen, daß sie, die sie jetzt selbst dem „kleinen Volk“ angehören, fortan strikt auf eigene Faust handeln und das „große Volk“ seinen eigenen Weg gehen lassen sollen, um Nietzsche zu paraphrasieren. Es ist dies fürwahr ein dunkler Weg ohne einen einzigen Hoffnungsstrahl.“

Wenn ein Mann wie Iwanow so etwas schreibt, verdient es ernstgenommen zu werden. Immerhin ist er schon seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts einer der ältesten Veteranen der russischen nationalen Bewegung und hat wegen seiner nationalistischen Überzeugungen zur Sowjetzeit hinter Gittern gesessen. Unter diesen Umständen könnte man die eben zitierten bitteren Worte als Bilanz auffassen, die ein russischer Nationalist nach jahrzehntelangem Kampf zieht.

Als Iwanows Artikel erschien, besaß ich im Vergleich zu ihm natürlich erst geringe Erfahrung als Angehöriger der russischen nationalen Bewegung, gelangte aber zum selben Zeitpunkt zu sehr ähnlichen Schlußfolgerungen. Diese habe ich in einem unveröffentlichten Manifest mit dem Titel „Eine neue Nation“ formuliert. Kein anderer als Iwanow selbst hat dieses Manifest redigiert, worauf ihn der von vielen hochgeschätzte A. N. Sewastjanow wissen ließ, er gehöre „nicht mehr zu uns“.

Ungefähr zur selben Zeit fand ein Seminar zum Thema „Nation und Staat“ statt, hinter dessen Organisation als treibende Kraft Iwanow stand und bei dem S. B. Morosows Buch „Die heutige Verschwörung gegen die Völker Rußlands“ präsentiert wurde. Indem Morosow von den „Völkern Rußlands“ im Plural sprach, machte er einen Kotau vor dem linken Zeitgeist, aber seine historischen Schlußfolgerungen waren denen Iwanows und meinen eigenen in vielen Punkten recht ähnlich. Damals klopfte das Jahr 1999 an die Tür…

Heute, in der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, fragt man mich, warum wir nicht für ihre Interessen gegen das „volksfeindliche Regime“ kämpfen wollten. Ich antworte dann jeweils, gegen das „antinationale Regime“ hätten ich und meine engsten Mitstreiter schon gekämpft, als viele, die mir heute derartige Fragen stellten, noch in den Windeln gelegen hätten. Doch zu Beginn der neunziger Jahre kam ich als Ergebnis dieses Kampfes zu den obigen Schlußfolgerungen. Außerdem sei darauf hingewiesen, daß sich vom soziologischen Standpunkt weder die Prognose Morosows noch die in meinem Manifest dargelegte, sondern jene Iwanows als die zutreffendste erwies, als dessen Grundlage das Konzept des „kleinen Volkes“ diente.

Worin besteht der Kern dieses Konzeptes? In der Feststellung, daß das „große Volk“, dessen Interessen zu verteidigen sich die Patrioten anheischig machen und dessen Dezimierung sie den Machthabern vorwerfen, in Tat und Wahrheit aufgehört hat zu existieren. Sämtliche Vorwürfe, die man vom Standpunkt des „Volkes“ gegen die Machthaber erheben kann – der Niedergang von Industrie, Wissenschaft und gesellschaftlicher Infrastruktur sowie das Schwinden der Bevölkerung – sind nur unter einer Bedingung stichhaltig: Daß dieses „Volk“, gegen dessen Interessen all dies verstößt, tatsächlich als Subjekt fähig ist, diese Interessen nicht nur zu formulieren, sondern auch für sie zu kämpfen. Ob es ein solches Volk gab, darüber kann man diskutieren. Offensichtlich ist jedoch, daß, wenn es wirklich ein solch großes Volk in einem solch großen Land gab, es sein Land und seine Zukunft 1991 kampflos aufgegeben und 1993 endgültig verloren hat.

Kehren wir zur Frage nach der Gegenwart zurück. Betrachtet man die Machthaber weiterhin mit den Augen dieses „großen Volkes“, das ein Land mit einer entwickelten Industrie, Wissenschaft, Raumforschung und sogar einem Bolschoi-Theater besaß, kommt man in der Tat nicht umhin, die Regierenden als „Volksfeinde“ zu geißeln, welche die Interessen des Volkes unter dem Deckmantel eines betrügerischen Patriotismus verraten. Wir wissen aber, daß es dieses mythische Volk schon längst nicht mehr gibt, und folglich sind dergleichen Anschuldigungen haltlos.

Was sehen wir denn? Wir sehen, daß die materiellen Ressourcen, die nach Auffassung der Patrioten dem Volk gehören und die ein Teil unseres Lebensraums sind, von anderen Kräften unter sich verteilt werden. Doch bei diesen Kräften handelt es sich durchwegs um einheimische, auch wenn Ende der 90-er Jahre die Gefahr bestand, daß ausländische und antirussische Kräfte diese Rolle übernehmen würden. Diese Drohung, die vor dem Szenarium eines Zerfalls des Landes zu sehen war, besteht inzwischen nicht mehr, und Rußland hat seither nicht nur seine territoriale Integrität gewahrt, sondern sich auch als neuer souveräner Staat behauptet.

Hat sich die Lage des „Volkes“ in diesem Staate dadurch grundsätzlich verändert? Mitnichten. Selbstverständlich ist dieser kein Volksstaat, und die Macht in ihm geht nicht vom Volke aus. Immerhin ist er jedoch ein Nationalstaat in dem Sinne, daß er die Kontrolle über seinen Lebensraum im Interesse einheimischer Kräfte verstärkt.

Wenden wir uns als nächstes der Frage zu, um was für einheimische Kräfte es sich da handelt. Morosow schrieb in seinem Buch, Verschwörer führten Krieg gegen die Nation. Wer so denkt, bleibt meiner Ansicht nach in den Stereotypen vom „großen Volk“ gefangen. Diesen zufolge gibt es „kleine  Völker“ (die Verschwörer), welche den Lebensraum unter sich aufteilen; ferner gibt es eine mystische „Nation“, die das gewandelte „große Volk“ darstellt. Morosow schreibt zwar von guten „Konsortien“, betrachtet diese aber naiv als Vereinigungen von Idealisten, die sich im Kampf für die hehren Ideale der Nation vereinigt haben.

Ein realistischeres Konzept des „kleinen Volkes“ vertritt Iwanow, wobei er die entscheidende Rolle der Ideologie und des Vorhandenseins eines nationalen Selbstbewußtseins betont:

„Das Vorhandensein eines nationalen Selbstbewußtseins ist das einzige Merkmal der Zugehörigkeit zu diesem „kleinen Volk“; andere Kriterien gibt es hier nicht; Alter und Gesellschaftsklasse spielen keine Rolle. Ihm können Intellektuelle angehören, Unternehmer, Arbeiter, Bauern – alle noch in der Gesellschaft verbliebenen gesunden Elemente, aber die Rettung wird nicht von einer bestimmten Klasse kommen, weder von der Bourgeoisie noch vom Proletariat.“

Sowohl bei Morosow als auch bei Iwanow stehen interessanterweise einerseits die „Konsortien“, oder sogar das „kleine Volk“, andererseits die „Nation“, die sich an den Interessen des „großen Volkes“ orientiert und ihre Bestimmung ausschließlich im Kampf für dessen Interessen sieht.

Doch wenn sich eine Gruppe von Menschen von irgendeinem Volk abgesondert hat, begreift man nicht so recht, warum in aller Welt sie nicht ihre eigenen, sondern andere Interessen fördern sollten! Reden wir doch nicht um den heißen Brei herum: In diesem Fall wird es sich um eine Partei handeln, vielleicht auch um eine Avantgarde, doch jedenfalls um einen Teil des Volkes. Von dem Augenblick an, wo sich ein Mensch mit anderen zu einer getrennten Gemeinschaft zusammenschließt, stehen seine Sonderinteressen ganz oben.

Dies alles mag ja reichlich theoretisch klingen – welche Beziehung hat es zum realen Leben? Eine sehr direkte! Im Gespräch mit Nationalrevolutionären wundere ich mich immer wieder über folgenden Widerspruch, der ihre Denkweise prägt: Einerseits halten sich viele von ihnen für eine „andere Nation“, eine „neue Nation“, die sie begründen wollen. Andererseits geben sie sich in der wichtigsten politischen Frage – derjenigen nach dem Verhältnis zu den Machthabern – als Vertreter der Interessen des alten, „großen“ Volkes aus.

Ziehen wir nun eine Parallele zum Verhältnis zwischen einer alten und einer neuen Gemeinschaft, den Engländern und den Amerikanern. Nach Amerika wanderten aus England ursprünglich Sektenmitglieder aus, deren Weltanschauung ihnen nicht mehr erlaubte, sich als organischen Bestandteil des guten alten England zu betrachten. Zu Hause konnten sie ihre Weltsicht nicht in die Tat umsetzen. Dies war der Grund dafür, daß sie den Atlantik überquerten und sich in fernen Gefilden niederließen, wo sie ein neues Leben beginnen konnten. Rufen wir uns in Erinnerung, welche Einstellung diese Auswanderer zur englischen Krone an den Tag legten. Kümmerten sie sich vielleicht um die englische Innenpolitik, die Repression gegen Andersgläubige, die Unterdrückung des einfachen Volkes? Mitnichten; all dies ließ sie herzlich kalt. Sie identifizierten sich nicht mehr mit jenem Volke, das sie in England zurückgelassen hatten; wie die Monarchie dieses Volk behandelte und wen sie unterdrückte, war ihnen egal. Doch als dieselbe Krone begann, sie zu bedrängen und mit hohen Steuern zu schikanieren, reagierten sie sauer. Im Gegensatz zum geduldigen Volke im Mutterlande schüttelten sie das Joch des englischen Königs recht bald ab und begründeten einen völlig neuen Staat und eine völlig neue Gesellschaft.

Die Parallelen sind meines Erachtens frappierend. Die englischen Sektenanhänger, die sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft ihres Landes empfanden, verschwendeten keinen Gedanken daran, wie sie die Monarchie stürzen und in Großbritannien eine Revolution vom Zaun brechen konnten. Stattdessen dachten sie darüber nach, wie sie es anstellen sollten, um in fernen Landen eine neue Heimat zu finden, den Boden urbar zu machen, Nahrungsquellen zu erschließen, zu gesunden und zu erstarken. Sie waren ganze Kerle, die genau wußten, was sie vom Leben wollten. Als ihnen die englische Regierung abnehmen wollte, was sie von Rechts für ihr eigen hielten – lauter materielle Dinge! -, zeigten sie den Engländern, was freie, ihrer Interessen bewußte und pragmatische Menschen alles vermögen.

Als ich mich das letzte Mal zu Wort meldete, habe ich meine Anmerkungen nicht zufällig mit einer Analyse der politischen und juristischen Realitäten in Rußland verbunden. Bei uns herrscht natürlich ein Feudalsystem. Auch unsere Regierung ist selbstverständlich keine Volks-, sondern eine Feudalregierung. In diesem System besitzt jeder nicht so viele Rechte, wie ihm die Verfassung garantiert, sondern so viele, wie er (oder die Gruppe, der er angehört) für ihn kaufen, durch Speichelleckerei verdienen oder sonstwie ergaunern kann.

Mich persönlich beschäftigt in dieser Situation nicht die Frage, ob die Machthaber den Interessen des „Volkes“ dienen, sondern ob sie es mir und meiner Gruppe erlauben, unser eigenes Stück Lebensraum zu erwerben und zu erweitern. Ich lasse meinen Blick über die Realitäten des heutigen Rußland schweifen und stelle fest, daß es zumindest für jene, die nicht gegen Windmühlen, sondern um einen Platz an der Sonne kämpfen wollen, in Rußland tatsächlich noch solche Möglichkeiten gibt.

Morosow befaßt sich in seinem Buch beispielsweise mit den Korporatisten. Ich kenne diese Leute recht gut und kann dafür bürgen, daß sie durchaus wertvolle Menschen sind, die kapiert haben, daß die Zeit des großen Volkes vorbei ist und stattdessen eine Wirklichkeit begonnen hat, wo jeder auf sich allein gestellt ist. Erobert man sich und seinen Kindern dort keinen Platz an der Sonne, werden einem weder das große Volk noch das große Land helfen.

Diese neuen russischen Menschen sind in ihrer Mentalität jenen jungen Amerikanern allgemein sehr ähnlich, die sich westlich des Atlantiks einsam in der Wildnis wiederfanden, wo es keine Gesetze und Regeln gab, sie von Indianern und wilden Tieren umringt waren und der Sheriff nur darauf lauerte, sie bei der erstbesten Gelegenheit an den Galgen zu bringen.

Worin besteht in der gegenwärtigen Lage das Problem der Russen als biologische Art? Darin, daß der qualitativ wertvollste Teil der Ethnie heute vollumfänglich im Geschäftsleben tätig ist, sei es im kleinen bzw. mittleren Busineß oder in Kooperationen. Das Modell, dessen sich diese Menschen bedienen, um sich zusammenzuschließen, zu überleben und sich Lebensraum zu erkämpfen, ist durch die Umstände bedingt; es ist wirtschaftlicher Art. Was sind die charakteristischen Eigenschaften der von Juden, Chinesen, Japanern, Kaukasiern gegründeten korporativen Strukturen, oder jener der Mormonen oder Zeugen Jehovas? Es sind dies reale Kooperationen, die auf ideologischer oder nationaler Grundlage fußen, d. h. auf einem gemeinsamen Wertesystem. Ihre Angehörigen wissen, was Identität ist, und sorgen dafür, daß diese für mehrere Generationen hin reproduziert wird. Die Russen hingegen planen bestenfalls für die Dauer ihres eigenen Lebens sowie jenes ihrer Kinder. Daß sie auf den Staat hoffen und meinen, dieser müsse für die kommenden Generationen sorgen, wirkt sich für sie verhängnisvoll aus. Hieran glaubt zwar im Grunde genommen kein einziger normaler Russe, aber trotzdem kommt es ihm nicht in den Sinn, selbständig für die kommenden Generationen vorzusorgen.

Diejenigen, die hierüber nachdenken, sind leider nur noch die Kinder des toten großen Volkes. So radikal ihre historischen Einsichten auch sein mögen – sie selbst sind ein Beispiel niedriger genetischer Qualität. Während sich die Juden und andere Diasporavölker die materiellen und sonstigen Ressourcen des Landes unter die Nägel reißen, denken die Russen jahrelang darüber nach, wie man sie bekämpfen und ihnen die Macht entreißen kann. Dies ist per definitionem unrealistisch, denn politische Macht wurzelt aus Stärke, und Stärke besitzt in der heutigen Welt derjenige, der die materiellen Ressourcen, die Medien und das Militär kontrolliert.

Während sich unsere Landsleute massenweise in den Bergwerken zu Tode rackern oder infolge katastrophaler ökologischer Bedingungen dahinsiechen, kaufen qualitativ hochstehende Angehörige unserer Rasse, Russen von echtem Schrot und Korn, überall auf der Welt teure Immobilien, gründen Firmen, erkämpfen sich Lebensraum. Von diesen Menschen gibt es weltweit Tausende. Wer hat denn gesagt, daß unter „Lebensraum“ einzig und allein Rußland zu verstehen ist? Die Welt ist global geworden; starke Nationen, denen es zu Hause an Raum fehlt, kämpfen in allen möglichen Ländern um einen Platz an der Sonne – Irländer, Bosnier, Italiener, Türken, von den Chinesen ganz zu schweigen. Für starke Russen ist zu Hause oft nicht genug Platz, und nach dem rauhen Rußland blühen sie in zivilisierten Ländern auf. Es sind dies wertvolle russische Menschen, doch mit ihrer Denkweise werden sie die Identität ihrer Art nicht reproduzieren. Die Einwohner ganzer Landstriche in Irland und Sizilien sind nach Amerika ausgewandert und haben ihre Eigenart generationenlang bewahrt. Die Russen gehen sofort in ihrer Gastbevölkerung auf, denn sie sind nicht daran gewöhnt, in Konsortien zu leben.

All dies habe ich im Winter 2007 bei einem geschlossenen Seminar dargelegt, an dem Vertreter radikaler nationalistischer Bewegungen teilnahmen und bei der bekannte Dichter Sergej Jaschin den Vorsitz führte. Morosow hat unrecht – ein Konsortium ist keine Partei und keine Terroristenzelle. Hier besteht übrigens die Gefahr einer Begriffsverwirrung, doch für mich kann man dort von einem Konsortium sprechen, wo eine Gemeinschaft entsteht, die bestrebt ist, sich zu reproduzieren und zugleich Lebensraum zu erwerben.

Gelingt es einem solchen Konsortium, einer solchen Sekte, einer solchen Gemeinschaft, ein kompaktes Territorium als Lebensraum zu erwerben, ist der nächste logische Schritt der Wunsch, dort einen eigenen Staat oder zumindest eine autonome Provinz zu begründen. Manchmal heben mehrere Konsortien auf der Grundlage eines gemeinsamen Konsenses zusammen einen solchen Staat aus der Taufe, wie es in den USA der Fall war. Ist der Lebensraum des Konsortiums mit Siedlungen anderer Gruppen durchsetzt, ist eine so radikale Lösung freilich nicht möglich.

Fehlt dem Konsortium die Möglichkeit oder der Wille zur Begründung eigener Machtstrukturen, wird es zumindest verlangen, daß die Machthaber ihm bei seinen Bestrebungen, seinen Lebensraum zu erschließen, seine Identität zu wahren und seinen Fortbestand zu gewährleisten, keine Steine in den Weg legen. Wer den Fetisch des „großen Volkes“ nicht länger benötigt und stattdessen die Interessen einer Gruppe vor Augen hat, die um politische Macht kämpfen muß, für den ist dies der einzige realistische und richtige Weg. Alles andere wäre Vogel-Strauß-Politik, Geschwätz und Traumtänzerei von Menschen, die weder allein noch gemeinsam mit anderen imstande sind, sich ihren Platz an der Sonne zu erkämpfen. Unter den Bedingungen der Auflösung eines großen Volkes entstehen Konsortien starker und wertvoller Menschen, die nicht sterben und in einem amorphen Sumpf verfaulen wollen.

Wenden wir uns zum Abschluß noch der Frage nach den heutigen russischen Machthabern zu. Da in Rußland heutzutage der Feudalismus herrscht, es in unserem Land gegenwärtig auch für die Regierenden noch genügend Lebensraum gibt, verfolgen diese im allgemeinen zwei Hauptziele. Erstens wollen sie sicherstellen, daß  niemand sie bedroht und ihnen niemand ihren eigenen Lebensraum wegnehmen will. Zweitens wollen sie jenen Lebensraum sichern, den sie politisch kontrollieren, d. h. ihren souveränen Staat. Macht man ihnen weder das erste noch das zweite streitig, so lassen sie einem sehr viel Spielraum. Kadyrow verfügt beispielsweise de facto über einen eigenen Staat – und glaubt man wirklich, er sei der einzige? Und wie viele Oligarchen oder große Korporationen besitzen in kompakt besiedelten Gebieten irgendwo in der sibirischen Einöde oder im fernen Osten ebenfalls ihren Staat? Dort können sie schalten und walten, wie es ihnen beliebt; Miliz, Geheimdienst und Medien tanzen nach ihrer Pfeife.

Morosow schreibt übrigens in seinem Buch, daß eine Systemkrise dann beginnt, wenn der Lebensraum knapp wird und die big players in Versuchung geraten, ihn auf die Kosten anderer neu zu verteilen. Im vorhergehenden hatte Morosow betont, wie wichtig es sei, all unsere durch Verfassung und Gesetz garantierten Rechte wie unseren Augapfel zu hüten. In unserem Land stehen die Menschen der Tatsache, daß in Wirklichkeit viele dieser Rechte begrenzt sind, philosophisch gegenüber. Dies gilt jedoch lediglich in einem Fall – so wie der Staat sich unseren Rechten gegenüber verhält, so verhalten wir uns unseren Pflichten gegenüber. Schließlich besagt ein geflügeltes Wort, die Dummheit der Gesetze werde durch ihre Nichtbeachtung wettgemacht. Dieses Bonmot gibt den Kern der russischen Rechtskultur adäquat wieder. In den USA beispielsweise sind in mehreren Staaten bis heute Gesetze in Kraft, die oralen Sex oder Geschlechtsverkehr in kniender Position verbieten. Nichtsdestoweniger käme es dort niemandem in den Sinn, jemanden wegen Verletzung dieser Gesetze vor den Kadi zerren und bestrafen zu wollen, obwohl sie weiterhin Gültigkeit haben. In den Vereinigten Staaten gilt nämlich das Gewohnheitsrecht und nicht das geschriebene Recht.

Bezüglich Rußlands will ich folgendes bemerken: Das konzeptuelle und soziale Gleichgewicht im Lande wird dann aus den Fugen geraten, wenn die Machthaber, die unsere Rechte nicht gewährleisten, von uns ernsthaft verlangen werden, unsere Pflichten zu erfüllen. In dieser Hinsicht muß uns ein ernsthafter Kampf gegen die Korruption mit Sorge erfüllen, wenn er nicht Hand in Hand mit einer qualitativen Verbesserung der ganzen staatlichen Maschinerie geht. Die Korruption erlaubt es der Nation heute, nach den Gesetzen der Unterwelt zu leben und einigermaßen über die Runden zu kommen. Dank ihr kann man sich heute um die Entrichtung von Steuern oder um die Erfüllung seiner Wehrpflicht drücken und einen ganzen Wust idiotischer Gesetze einfach ignorieren. Verschwinden all diese Möglichkeiten früher, als daß die Herrschenden ernsthaft beginnen, die Interessen des Volkes zu vertreten, werden die Machthaber zu despotischen Mitteln greifen und sich damit selbst ihr Todesurteil unterschreiben.

Nicht einverstanden bin ich mit Morosows Behauptung, falls die Korporatisten der Machtstrukturen die Schrauben anzögen, würden irgendwelche mystischen Konsortien von Nationalisten in der Lage sein, ihnen Widerstand zu leisten und mit Modellen für eine neue Gesellschaft zu hausieren. Nationalisten (oder Nationalsozialisten, oder Nationalbolschewiken) sind die Kinder eines toten Volkes und werden nicht in der Lage sein, irgendwelche Konsortien zu begründen. Auch der Terrorismus, den Morosow prophezeit, wird ausbleiben. Hier hat Iwanow recht, denn hierfür gibt es keine biologischen Ressourcen mehr, und es fehlt an leidenschaftlichen Idealisten, die zu dieser Waffe greifen könnten. Starke Russen sind heute in Korporationen tätig, doch sehen sie sich scharfer Konkurrenten gegenüber, so werden sie schwach und hilflos.

Aus diesen Gründen gehört die Zukunft einzig und allein den Konsortien und Korporativen (oder umgekehrt), keinesfalls jedoch Einzelkämpfern. Nur erstere sind in der Lage, zu Hause oder an irgendeinem anderen Punkt der Welt um Lebensraum zu kämpfen. Sie bergen in sich die Keime einer neuen Gesellschaft, welche die verfaulende alte Gesellschaft ablösen kann. Genau dies haben nicht englische Traumtänzer, sondern realitätsbewußte amerikanische Sektenangehörige getan, als ihnen der britische König keine andere Wahl mehr ließ…

2007


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