Meine Einstellung zum Nationalsozialismus und mein Verhältnis zu Hitler


Karl Dönitz



Mitte Januar 1943 rief mich Großadmiral Raeder in meiner Befehlsstelle in Paris an. Er teilte mir mit, daß er die Absicht hätte, seinen Abschied einzureichen und Admiral Carls oder mich zu seinem Nachfolger als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine vorzuschlagen. Ich solle ihm nach Ablauf von 24 Stunden melden, ob ich mich gesund genug fühlte, diese Dienststellung zu übernehmen.

Sein Anruf überraschte mich völlig. Ich hatte keine Kenntnis davon, daß Großadmiral Raeder sich mit Rücktrittsabsichten trug. Es war mir auch nicht bekannt, daß es wegen des Einsatzes der schweren Schiffe gegen die nördlich von Norwegen, nach Rußland laufenden Geleitzüge zwischen Hitler und ihm Ende Dezember 1942 zu Differenzen gekommen war. Es waren dabei nicht die Erfolge erzielt worden, die Hitler erwarten zu können glaubte. Er hatte daraufhin den Befehl gegeben, die großen Kriegsschiffe außer Dienst zu stellen, weil sie keinen militärischen Wert mehr besäßen.

Großadmiral Raeder hatte sich gegen diese Anordnung gewandt und, als Hitler auf ihrer Durchführung bestand, um seinen Abschied gebeten. Hitler war unangenehm überrascht, versuchte vergeblich, Raeder umzustimmen und erklärte schließlich sein Einverständnis.

24 Stunden nach dem Anruf teilte ich Raeder mit, daß ich mich gesundheitlich in der Lage fühlte, den Oberbefehl über die Kriegsmarine zu übernehmen.

Raeder schlug nun sowohl Generaladmiral Carls als auch mich als in Frage kommende Nachfolger vor. „Wollte Hitler betonen, daß die U-Bootwaffe für ihn jetzt in den Vordergrund trete, so wäre die Wahl von Dönitz durchaus gerechtfertigt“.

Hitler entschied sich für mich. Der von Raeder angegebene Grund wird dafür den Ausschlag gegeben haben. Möglicherweise glaubte er auch, in mir als dem Befehlshaber der U-Boote einen Verbündeten in der Frage der Außerdienststellung der großen Kriegsschiffe zu finden.

Ich hatte bisher keine persönliche Verbindung mit Hitler gehabt, außer, wenn ich – wie alle höheren Wehrmacht-Führer – zu militärischen, Meldungen, wie z. B. vor Antritt und nach Beendigung der Auslandsreise des Kreuzers „Emden“, oder zu Vorträgen befohlen war. Dies war in den Jahren 1934 bis 1942 neunmal geschehen. Den Befehl dazu hatte jeweils der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine erteilt.

Nachdem ich jetzt selbst Oberbefehlshaber der Kriegsmarine geworden war, sollte ich zu Hitler als dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht und dem Staatsoberhaupt in unmittelbaren und häufigen Kontakt treten.

Ehe ich mein dienstliches und persönliches Verhältnis zu Hitler schildere, wie es sich nun entwickelte, möchte ich ein Wort über meine grundsätzliche Einstellung zum Nationalsozialismus zu diesem Zeitpunkt sagen.

Ich komme aus dem Preußentum. Meine Vorfahren waren Jahrhunderte lang Erb-, Lehn- und Gerichtsschulzen an der alten germanischen Siedlungsgrenze an der Elbe in der Gegend der Saalemündung gewesen. Aus dieser bäuerlichen Dorfschulzen-Familie gingen später evangelische Pastoren, Offiziere und Gelehrte hervor.

Die preußische Geschichte, vor allem das Bild des „alten Fritz“ und die Freiheitskriege, erfüllten meine Jugendvorstellungen. Ich wußte als Kind, daß mein Vater, wie er selbst sich ausdrückte, sich für den „alten König Wilhelm“, den Kaiser Wilhelm I, in Stücke hätte hauen lassen. Es herrschte in unserem Hause kein individualistischer Geist, sondern der Geist preußischen Gemeinschaftsgefühls. Als ich Soldat und Offizier wurde, waren mir Ein- und Unterordnung etwas Natürliches. Die Überzeugung, daß an erster Stelle die Erfüllung meiner Pflichten zu stehen hätte, habe ich von Hause mitbekommen. Vor dem ersten Weltkrieg war ich von 1912 an auf SMS „Breslau“ im Ausland. Diese Zeit hat mich besonders beeinflußt. Sie stärkte meinen Patriotismus. Ich sah Deutschland aus einer entfernten Perspektive als Ganzes und verglich es mit anderen Nationen und Völkern, wobei mir seine inneren Schwächen nicht deutlich wurden.

Der Zusammenbruch von 1918 traf mich wie jeden Deutschen, der Mine Heimat liebte, hart.

Karl Dönitz 1917 als Wachoffizier auf U 39

Karl Dönitz 1917 als Wachoffizier auf U 39

Daß wir Offiziere der Reichsmarine der Nachkriegszeit uns von jeder Parteipolitik fernzuhalten hatten, empfand ich als selbstverständlich. Nur so konnten wir überhaupt unsere Aufgabe erfüllen, dem gesamten Volk und dem von ihm geschaffenen Staat zu dienen.

In konsequenter Befolgung dieses Grundsatzes besaßen die Soldaten kein Wahlrecht. Unser militärischer und seemännischer Dienst füllte uns reichlich aus. Wir begrüßten allerdings alle vaterländischen Regungen und Strömungen dieser Zeit. Sie schienen uns Geist von unserem Geiste zu sein. Wie sollten wir uns aus der Unfreiheit, in die uns der Versailler Vertrag gebracht hatte, wieder zur Gleichberechtigung in der Gemeinschaft der Völker erheben, wenn wir uns nicht auf die alten Tugenden der Vaterlandsliebe, der Unterordnung und der Pflichttreue besannen, Tugenden, die Preußen und Deutschland groß gemacht hatten, und wenn wir uns nicht klar darüber wurden, daß wir in einer Gemeinschaft lebten, in der das Wohl und Wehe eines jeden mit dem aller anderen verknüpft war!

In den Jahren 1924 bis 1927 war ich in der Marineleitung in Berlin kommandiert. Meine besondere Verehrung galt in dieser Zeit dem Chef der Marineleitung, Admiral Zenker, und dem Reichswehrminister Geßler. In meiner Dienststellung hatte ich mit der Bearbeitung von innenpolitischen Vorfällen, die die Marine betrafen, und innenpolitischen Angriffen auf die Marine zu tun. Es waren dies Angelegenheiten, die später für Heer und Marine gemeinsam auch von der Abteilung des künftigen Generals von Schleicher behandelt wurden. Außerdem war ich militärischer Referent in Fragen der Aufrechterhaltung der Disziplin und der Anwendung des Militärstrafrechts.

Mein Arbeitsgebiet brachte mich mit dem Reichstag und seinen Ausschüssen in Berührung. Die Aufsplitterung in viele Parteien, das häufige und offensichtliche Voranstellen des Parteiinteresses vor das Staatsinteresse bei Reichstagsabstimmungen, die langen, auf die Wählerschaft berechneten Debatten im Plenum, gefielen mir nicht. Es war von primärer Bedeutung, in welcher Weise die militärischen Probleme im Reichstag taktisch behandelt wurden. Mir hätte es mehr zugesagt, kurz und sachlich Stellung zu nehmen, wie es der soldatischen Gewohnheit entsprach. Aber das genügte nicht.

Von 1930 bis 1934 war ich Erster Admiralstabsoffizier bei der Marinestation der Nordsee. Der Chef des Stabes der Marinestation und mein unmittelbarer Vorgesetzter war in den ersten Jahren der damalige Kapitän zur See Canaris. Er war eine ausgesprochen politische Natur. Wir sagten damals von ihm, er hätte mehrere Seelen in seiner Brust. Wir vertrugen uns nicht.

Als Erster Admiralstabsoffizier und Leiter der Admiralstabsabteilung war ich auch für die Vorbereitung der Maßnahmen verantwortlich, die der Marinestation der Nordsee bei „inneren Unruhen“ zufielen.

Es waren die Jahre, in denen die Mittelparteien zusammenschrumpften. Bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930 wurde die NSDAP die zweitstärkste Partei. Nach ihr kamen die Kommunisten mit 4,5 Millionen Stimmen und 76 Reichstagsmandaten. Bei den Wahlen im Juli und November 1932 wurde dann die NSDAP die stärkste Partei. Die KPD blieb wieder die drittstärkste, sie gewann jedoch an Stimmen und erhielt 89 bzw. 100 Sitze im Reichstag.

Straßenkämpfe zwischen Rechts und Links, bei denen es Tote und Verwundete gab, waren häufig in diesen Jahren. Es bestand dauernd die Gefahr größerer Unruhen. Der etwaige Einsatz der Reichswehr in solchen Fällen und der ständige verstärkte Schutz ihrer militärischen Anlagen, z. B. der Waffendepots, gegen Überfälle mit dem Ziel der Waffenentwendung, beschäftigten die zuständigen Generalstabs- und Admiralstabsoffiziere, darunter auch mich, immer wieder. Wiederholt wurden wir zu Besprechungen über Maßnahmen bei inneren Unruhen nach Berlin ins Reichswehrministerium beordert. Sie wurden vom Chef der Wehrmachtabteilung, Oberst von Bredow, im Minister am t des Generals von Schleicher anberaumt. Ihr Thema war die Notwendigkeit des Kampfes der Reichswehr gegen die extremen Parteien von rechts und links, also gegen die NSDAP und die KPD. Das bedeutete zusammengenommen den Kampf gegen die Mehrheit des deutschen Volkes. Als Reichskanzler von Papen im November 1932 den Entschluß faßte, die kommende Entwicklung durch die Auflösung der NSDAP und der KPD aufzuhalten, nahm die Reichswehrführung an, daß daraus ein offener Bürgerkrieg erwachsen würde.

Einen solchen gleichzeitig nach zwei Seiten zu führen, war für sie jedoch schon wegen des Mangels an Kräften ganz ausgeschlossen. General von Schleicher ließ dies dem Kabinett von Papen mitteilen.

Die Einstellung der Reichswehr zum Bürgerkrieg war aber weiterhin von folgendem abhängig: Die drittstärkste Partei, die kommunistische, gewann nach wie vor an Stimmen. Errang sie die Macht, so bedeutete das die Auslieferung Deutschlands an den Kommunismus. Nur durch das Auftreten der NSDAP war es bis dahin nicht dazu gekommen, daß die Kommunisten in den vergangenen Jahren die stärkste Partei in Deutschland wurden. In diesem Falle hätten sie die Führung vermutlich in einer blutigen Revolution an sich gerissen. Die bürgerlichen Parteien und die demokratische Staatsführung der zwanziger Jahre hatten nicht vermocht, ihr Wachsen einzudämmen. Da die Reichswehr in einem etwa kommenden Bürgerkrieg nicht gleichzeitig gegen rechts und links kämpfen konnte, mußte sie sich für eine Seite entscheiden. Daß es nicht die der kommunistischen Internationale sein konnte, war selbstverständlich. So kam es, daß die Reichswehr die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler schließlich begrüßte.

In den Versammlungen der NSDAP forderte Hitler unter anderem das Ende des Klassenkampfes und einen neuen Sozialismus, die Befreiung von der politischen Abhängigkeit vom Ausland und einen Zusammenschluß aller Kräfte zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit und zur Schaffung eines geordneten und sauberen Staates. Diesen Forderungen konnte jeder Deutsche zustimmen, der sein Vaterland liebte und unter der Not der außenpolitischen Unfreiheit und der trostlosen wirtschaftlichen und zerrissenen innenpolitischen Lage Deutschlands litt. Dem Wesen des Soldaten und seiner Erziehung zur Pflichterfüllung und zum Dienst an der Gemeinschaft kamen solche von Hitler vertretenen Ziele entgegen. Ich glaubte, daß Deutschland den richtigen Weg einschlug.

Im ersten Halbjahr 1933 war ich auf einer Belehrungsreise im damaligen Niederländisch-Indien, in Sumatra, Java und Bali, sowie in Ceylon und Vorderindien.

Diese Reise war ein Geschenk des Reichspräsidenten von Hindenburg, das in jedem Jahr einem Offizier der Reichswehr gegeben wurde.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland entwickelte sich das Verhältnis der Marine zur SA im Bereich der Marinestation der Nordsee unerfreulich. Die SA stellte Ansprüche, die in die gesetzmäßigen Aufgaben der Wehrmacht eingriffen. Wiederholte Aussprachen des Chefs der Marinestation, Admiral Otto Schultze, Ritter des Ordens Pour le Mérite, mit dem zuständigen SA-Führer, Freiherrn von Schorlemer, brachten keine Besserung. Wir erfuhren im Gegenteil, daß die SA im Falle einer Machtergreifung in einem Putsch beabsichtigte, durch die SA-Führer in Wilhelmshaven als Auftakt den Admiral Schultze, seinen Chef des Stabes und seinen ersten Admiralstabsoffizier – also mich – in ihren Wohnungen „unschädlich“ zu machen. In anderen Wehrkreisen wurden ähnliche Erfahrungen gemacht.

Die Niederschlagung des Röhm-Putsches empfand die Wehrmacht deshalb als eine Notwendigkeit im Sinne innenpolitischer Beruhigung und Gesundung.

Von den scheußlichen Morden, die dabei vorgekommen sind, erfuhren wir Stabsoffiziere der Marinestation nicht mehr als die übrige t Öffentlichkeit. Unser Urteil wurde wesentlich durch den Kabinettsbeschluß beeinflußt, der alle in Zusammenhang mit der Niederschlagung des Putsches getroffenen Maßnahmen als solche der „Staatsnotwehr“ gesetzlich sanktionierte.

Im November 1934 ging ich als Kommandant des Kreuzers „Emden“ auf eine Auslandsreise, die bis zum Sommer 1935 dauerte und um Afrika und in den Indischen Ozean führte. Mein Eindruck war, daß das deutsche Ansehen im Ausland, verglichen mit dem im Sommer 1933, merklich gestiegen war. Diese Entwicklung wurde besonders nach der Saarabstimmung vom 13. Januar 1935 deutlich, die unter internationaler Kontrolle eine überwältigende Mehrheit für Deutschland gebracht hatte.

Waren vorher die Beziehungen zur englischen Marine und englischen Regierungsvertretern, etwa in Kapstadt, zwar höflich, aber zurückhaltend gewesen, so änderte sich das ab Anfang 1935 sichtlich.

Wenn mir ein englischer Admiral in Gegenwart seiner Offiziere, unzufrieden mit englischen Regierungsmaßnahmen, erklärte: „We want a Hitler!“, oder wenn die englischen Einladungen sich bei mir, dem Kommandanten der „Emden“, häuften, so war das eine Folge dieses steigenden deutschen Ansehens. Die Erklärung der deutschen Wehrhoheit am 16. März 1935, die ich ebenfalls im Ausland erlebte, trug weiter zu dieser Entwicklung bei.

Im Sommer 1935 kehrte ich nach Deutschland zurück. Ich wurde jetzt von dem mir unerwartet übertragenen Aufbau der neuen U-Bootwaffe völlig in Anspruch genommen. Wir fuhren zur See und bildeten aus. Natürlich erfüllte mich wie die Masse des deutschen Volkes der sichtbare Aufstieg, den Deutschland seit dem Regierungsantritt Hitlers genommen hatte, mit Stolz und Freude. Als Hitler die Regierung übernahm, war die Ansicht sehr weit verbreitet, daß er bei der Lösung der vielen Probleme ebenso scheitern würde wie die bisherigen Regierungen. Das war jedoch nicht eingetreten.

Im Januar 1933 hatte die Zahl der deutschen Arbeitslosen mehr als sechs Millionen betragen. Jetzt war die Arbeitslosigkeit beseitigt. Der Klassenkampf, der das Volk zerrissen hatte, war nicht mehr spürbar. Die Betonung der Ethik der Arbeit und des Gedankens, daß jeder zu achten sei, der pflichttreu seine Arbeit leiste, welcher Art diese auch sei, hatte wesentlich zur inneren Einigkeit beigetragen. Die Änderung in der Geisteshaltung des Arbeiters empfanden wir Offiziere sehr deutlich.

Es war für uns z. B. in den zwanziger Jahren nicht immer angenehm gewesen, in Uniform durch Werft- oder Industriebetriebe zu gehen. Unfreundlich und verschlossen trat die Arbeiterschaft damals dem Offizier entgegen. Dies war jetzt völlig anders. Der Arbeiter war zugänglich und offenherzig, wenn er dem Offizier allein oder in kleinem oder großem Kreis gegenübertrat.

Auf den Kriegsdenkmälern des ersten Weltkrieges stand oft der Satz: „Herr, mach uns frei!“ Wir waren frei geworden. Von dem Erfolg der Saarabstimmung über die Erklärung der Wehrhoheit und die Rheinlandbesetzung bis zum Anschluß Österreichs und des Sudetenlandes ging eine Welle großer außenpolitischer Erfolge. Welcher Patriot, welcher Soldat hätte nach Jahren der Erniedrigung und der Armut einem solchen Aufstieg Deutschlands nicht zugestimmt? Das einige große Deutsche Reich, die Sehnsucht unserer Väter, war Wirklichkeit geworden.

Es überraschte mich auch nicht, daß selbst der alte Gegner Deutschlands, Churchill, in einem „Offenen Brief an Hitler“ in den „Times“ im Jahre 1938 schrieb:

„Sollte England in ein nationales Unglück geraten, das dem Unglück Deutschlands von 1918 vergleichbar wäre, so würde ich Gott bitten, uns einen Mann zu senden von Ihrer Kraft des Willens und des Geistes.“

Wenn damals der Engländer Churchill so dachte, sollten wir in jener Zeit in Deutschland anders denken?

Von den Kehrseiten des Nationalsozialismus wußte ich in diesen Vorkriegsjahren bis Herbst 1938 so gut wie nichts. Die Kriegsmarine, soweit sie eingeschifft war, hatte zu Parteidienststellen keine Beziehungen, und so entfiel jede Reibungsmöglichkeit. Ich selbst lernte Heß 1940, Göring 1941 und Himmler erst 1943 kennen.

Die Ausschreitungen gegen die Juden, die später in der „Kristallnacht“ ihren Höhepunkt erreichten, lehnten wir Offiziere strikt ab. Ich fuhr am Morgen nach jenem 9. November 1938 zu meinem Vorgesetzten, dem Flottenchef Admiral Boehm, und meldete ihm, daß derartige Vorkommnisse von einem anständigen Offizierskorps abgelehnt werden müßten. Ich bat ihn, dies dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine weiterzugeben, damit er der Unterstützung der Front sicher sei, wenn er wegen dieser Ausschreitungen bei der Staatsführung vorstellig würde, wie ich sicher annahm. Ich sprach zum Flottenchef als Kapitän zur See und Führer der U-Boote zugleich im Namen meiner Offiziere. Auch der Führer der Torpedoboote, Kapitän zur See Lütjens, der später als Flottenchef auf der „Bismarck“ fiel, unternahm den gleichen Schritt. Ich habe erst jetzt aus den Erinnerungen des Großadmirals Raeder erfahren, daß der Flottenchef unsere Proteste dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine tatsächlich zugeleitet hat.

Die weitere Entwicklung in Deutschland, besonders nach der Besetzung der Tschechoslowakei am 15. März 1939, begann mir Sorge zu machen. Ich hielt die Gefahr eines Krieges mit England für groß. Von den Schritten, die ich deswegen unternahm, habe ich bereits im 5. Kapitel erzählt.

In den letzten Friedensmonaten kamen mir Zweifel, ob unsere Staatsführung die englische Mentalität richtig einschätzte; ich konnte nur hoffen, daß es Hitler auf keinen Fall zu einem Krieg mit den Westmächten kommen lassen würde. Mit größter Skepsis nahm ich die Nachricht von dem angeblich unvermeidbaren Einmarsch in Polen auf, und wenn sie mich auch nicht überraschte, so traf mich doch die Kriegserklärung Englands und Frankreichs schwer.

Dann aber, als der Krieg da und nicht mehr vermeidbar war, nahm ich eine eindeutige und entschlossene Haltung ein: Es gab für mich als Soldaten nur noch eines – den Kampf gegen den äußeren Feind. Je stärker die seelische Geschlossenheit meiner Truppe, um so größer war ihre Kampfkraft. Zu dieser seelischen Einstellung gehörte, daß die Soldaten ohne Vorbehalt hinter der Staatsführung ihres im Kriege befindlichen Vaterlandes standen. Jedes Abweichen davon bedeutete Schwächung der eigenen Kraft und militärischen Gewinn für den Gegner. Es war im Kriege meine wie unser aller Pflicht als Soldaten, unter vollem Einsatz alles zu tun, um ihn militärisch zu gewinnen. Hierzu gehörte auch, daß ich an meiner Stelle dafür sorgte, daß die Einheit zwischen Staat und Wehrmacht erhalten blieb. Ein militärischer Führer wird überfordert, wenn er sich im Kriege neben dem verantwortungsvollen und schweren Kampf nach außen auch noch um innere Verhältnisse kümmern oder gar den Kampf gegen die politische Führung aufnehmen soll. Darüber werde ich in dem Kapitel über den 20. Juli noch einiges zu sagen haben.

Als ich im Januar 1943 meine Ernennung zum Oberbefehlshaber der Kriegsmarine erhielt, war ich mir der Größe der Verantwortung, die ich übernahm, durchaus bewußt. An meiner Einstellung, daß meine einzige* Verpflichtung als Soldat im Kriege sei, mit aller Kraft gegen den äußeren Feind zu kämpfen, änderte sich nichts.

Jede Nation fordert diese Haltung von ihren Soldaten und bindet sie an diese Pflicht durch die am schwersten wiegende Form der Verpflichtung, den Eid. Diese Pflicht ist unabdingbar. Sie ändert sich auch nicht, wenn die militärische Lage aussichtslos wird. Ein Staat, der zuläßt, daß seine Soldaten nicht mehr ihre volle Kraft im Kampf einsetzen, wenn die militärische Lage ungünstig oder hoffnungslos wird, und der etwa das Urteil darüber, ob das der Fall sei, in das Ermessen eines jeden Soldaten stellt, rüttelt an den Grundlagen seiner eigenen Existenz.

Die Wehrmacht eines Staates wird nicht gefragt, wann und gegen wen sie zu kämpfen hat. Das ist Sache der politischen Führung, die das Primat gegenüber dem Soldaten hat. Ebenso ist die Beendigung des Krieges Sache des Politikers.

Aber sehr wohl hat der Chef eines Wehrmachtteils im Kriege die Pflicht, die politische Führung über die militärische Lage seines Aufgabenbereichs genau zu unterrichten. Er hat auch seine Meinung darüber zu äußern, ob er den Kampf militärisch noch für aussichtsreich hält oder nicht.

Ich habe Hitler ständig darüber ins Bild gesetzt, wie ich die Aussichten unseres Seekrieges beurteilte.

Ich habe ihm jedoch zu keinem Zeitpunkt, insbesondere etwa nach dem Zusammenbruch des U-Bootkrieges im Sommer 1943, erklärt, daß der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen sei und wir daher Frieden machen müßten.

Meine Überzeugung, daß die Haltung unserer Gegner Friedensverhandlungen gar nicht zuließ, ließ mir eine solche Erklärung zwecklos erscheinen.

England war 1939 in den Krieg gegangen, weil das stark gewordene, mit Österreich vereinigte Groß-Deutschland seine Macht- und Wirtschaftsinteressen gefährdete. Der englische Historiker und Militärschriftsteller Füller hat das in seinem Buch „Der zweite Weltkrieg“ ausgedrückt: Der wahre Kriegsgrund der englischen Regierung sei gewesen, „daß die Selbsterhaltung Großbritanniens es erforderlich mache, auf der traditionellen Politik zu beharren, wonach Deutschlands Machtpolitik, Deutschlands Lebensart, die deutsche Finanzpolitik und der deutsche Handel Großbritanniens Interessen entgegengesetzt seien und, wenn geduldet, zur Errichtung einer deutschen Vorherrschaft in Europa führen würden“.

Die Vernichtung dieser politischen und wirtschaftlichen Macht Deutschlands war das englische Kriegsziel, das die Vereinigten Staaten unterstützten und noch übertrafen.

Proklamiert wurde von den Angloamerikanern allerdings nur das moralische Ziel des „Kreuzzugs“ gegen den Nationalsozialismus und Hitler. Daß dieser Kreuzzug nicht ihr hauptsächliches Kriegsziel war, sondern daß ihr Kampf dem deutschen Volke und seiner industriellen Kraft galt, haben uns die ersten Jahre nach 1945 gelehrt, als Hitler tot und der Nationalsozialismus beseitigt waren, – in einer Zeit also, als beide ihre Resonanz im deutschen Volk bereits verloren hatten. Dazu Innen aber weniger die verschiedenen Maßnahmen der Alliierten Anlaß, als die Kenntnis, die wir Deutschen nach 1945 von den Verbrechen erhielten, welche dieses Regime begangen hatte.

Fuller kennzeichnet das englische Kriegsziel weiter mit folgenden Worten: „Von den Tagen der Tudors bis zum Jahre 1914 bestand die Politik Großbritanniens darin, das Gleichgewicht der Mächte aufrecht zu erhalten, d. h. die großen Nationen des Kontinents durch Rivalität getrennt zu halten und selbst den Ausgleich zwischen ihnen zu bilden. Diese Ausgleichsrolle ergab automatisch, wer als Feind in Betracht kam. Es war nicht die verrufenste Nation, sondern die Nation, deren Politik mehr als die einer anderen Großbritannien oder das Empire bedrohte.“

Wenn sich verantwortliche Generale, wie z. B. Rommel, im Jahre 1944 dem Gedanken hingaben, daß wir mit dem Westen Frieden fließen könnten, um dann alle militärischen Kräfte Deutschlands gegen den Osten zu werfen, so fehlten hierfür die außenpolitischen Voraussetzungen. Die Angloamerikaner hätten einem solchen Angebot nie zugestimmt. Ihre Haltung selbst noch im Mai 1945 hat es bewiesen.

Roosevelt und Churchill hatten im Jahre 1943 auf der Konferenz von Casablanca beschlossen, den Krieg rücksichtslos fortzusetzen, bis sich Deutschland und Japan „bedingungslos ergeben“ hätten. Dieser Beschluß war von der amerikanischen Regierung und dem englischen Kriegskabinett gebilligt worden. Das hieß, daß wir bei einer Unterwerfung Keinerlei Rechtsansprüche hätten, sondern der Gnade der Sieger ausgeliefert sein würden.

Was das bedeuten würde, zeigte die Forderung Stalins auf der Konferenz von Teheran, Ende November 1943, wo er verlangte, daß mindestens 4 Millionen Deutsche für viele Jahre als Arbeitskräfte nach Rußland verschickt werden sollten.

Was wir möglicherweise zu erwarten hatten, zeigte ferner der „Morgenthau“-Plan, der im September 1944 auf der Konferenz von Quebec von Roosevelt und Churchill beschlossen wurde und der die Vernichtung der deutschen Industrie und aller deutschen Bergwerke vorsah. Deutschland sollte danach ein Weideland werden.

Angesichts der Forderung des Gegners nach bedingungsloser Kapitulation war es daher für einen führenden deutschen Soldaten, der im Jahre 1943 oder 1944 glaubte, daß der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen sei, zwecklos, Hitler zu erklären, nun müsse er den Krieg beenden und Frieden schließen; denn der Soldat hätte ja hierfür auch keinen anderen als den 1943 und 1944 nicht gangbaren Weg der bedingungslosen Kapitulation vorschlagen können.

Dennoch und grundsätzlich von einem führenden Soldaten zu verlangen, daß er die Forderung nach Friedensschluß, auch unter Inkaufnahme einer bedingungslosen Kapitulation, stellen muß, wenn er die militärische Lage für aussichtslos hält – das könnte auch einmal die Folge haben, daß der Kampf vorzeitig abgebrochen würde. Unerwartete politische Wendungen und sonstige Ereignisse können im Kriege, wie die Geschichte lehrt, auch fast hoffnungslose Situationen noch ändern.

Bei dieser außenpolitischen Lage schien mir auch nach meiner Ernennung zum Oberbefehlshaber der Kriegsmarine nichts anderes übrig zu bleiben, als so gut zu kämpfen, wie es möglich war.

Großadmiral Raeder übergab mir einen Wehrmachtteil, der wie kein anderer einheitlich im Fühlen und Denken und daher in Kameradschaft und Disziplin gefestigt war. Die Marine hatte aus den Meutereien auf der Flotte in den Jahren 1917 und 1918 und aus dem Kapp-Putsch mit seinen Folgen gelernt und für ihr „inneres Gefüge“ schon zu Beginn der zwanziger Jahre die Konsequenzen gezogen. Jahrelange Erziehungsarbeit durch die Chefs der Marineleitung, vor allem seit 1928 durch Großadmiral Raeder, hatte eine Waffe geschaffen, die sich im Kriege trotz der starken Unterlegenheit gegenüber den beiden größten Seemächten in hohem Maße in allen ihren Teilen bewährte. Ich übernahm ein wohlfundiertes, innerlich gesundes und stark gebautes Erbe, das auch in den kommenden, sicherlich noch härter werdenden Kriegs jähren zu erhalten mein Bestreben sein mußte.

Obwohl ich mir des Ernstes und der Schwere der neuen Aufgabe bewußt war, begrüßte ich meine Ernennung. Ich wollte die größere Wirkungsmöglichkeit, die meine höhere Dienststellung mit sich bringen mußte. Immer wieder hatte ich als Befehlshaber der U-Boote in den vergangenen Kriegsjahren unter der kontinentalen Einstellung unserer politischen Führung und des Oberkommandos der Wehrmacht zu leiden gehabt. Dort wurde – trotz aller Vorstellungen Großadmirals Raeders – nicht voll anerkannt, daß England der Hauptgegner war. Die Kriegsmarine hatte nicht rechtzeitig und nicht ausreichend die Mittel erhalten, die sie bei der Bedeutung ihrer Kampf auf gäbe für den Kriegsablauf hätte erhalten müssen. Ich wollte versuchen, dies zu ändern. Hierfür gab es nur einen Weg, den der persönlichen Einwirkung auf Hitler. Denkschriften genügten nicht. Die Vertretung der Marineforderungen durch den im Führerhauptquartier kommandierten Admiral, so wichtig seine Tätigkeit dort auch war, konnte in entscheidenden Fragen nicht ausreichend sein. Ihre Klärung mußte durch den Oberbefehlshaber selbst erfolgen. Es war erfahrungsgemäß auch nicht ausreichend, nur für die Hauer eines kurzen Vortrages bei Hitler zu erscheinen, sondern es war notwendig, solange zu bleiben, bis sich die etwaige Wirkung eines Vortrages genügend gefestigt hatte. Man mußte auf dem Sprung bleiben, um die späteren Gegenstöße anderer zu parieren, und man mußte, wenn notwendig, seine Auffassung manchmal wiederholt eindringlich zur Gellung bringen. Es erwies sich als zweckmäßig, seine Forderungen in freier, anschaulicher Darstellung vorzutragen, damit sie die lebhafte Phantasie und Vorstellungskraft Hitlers anregten und ihm nicht „nur die Haut ritzten.“

Die Absicht, die Forderungen durchzusetzen, die für die Kriegführung zur See notwendig waren, verlangte, daß ich Hitlers Vertrauen erwerben mußte. Ohne Vertrauen bestand überhaupt keine Möglichkeit, ausreichenden Einfluß zu gewinnen. Daß er mich kennen lernte, war nur zu erreichen, wenn ich öfter und bisweilen für einige Tage das Hauptquartier aufsuchte. In dieser Art glaubte ich nach meiner Ernennung, meine Stellung Hitler gegenüber festigen zu können.

Mein Start war schlecht. Als ich mich am Tage meines Dienstantritts, drin 30. Januar 1943, als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine bei ihm meldete, sprach er längere Zeit davon, warum er die Außerdienststellung der großen Schiffe angeordnet hätte. Ich sagte ihm nach Beendigung seiner Ausführungen, daß ich die Aufgaben meiner neuen Stellung noch nicht voll übersähe.

Am 8. Februar 1943 legte ich den befohlenen Außerdienststellungsplan für die großen Schiffe vor. Ich erhob keine Einwendungen gegen diesen Plan.

„Sehr bald sah ich aber, daß ich mich noch einmal eingehend mit dieser Frage und der vorgesehenen Verschrottung der großen Schiffe befassen in ulke. Meine Prüfung ergab, daß weder ihre Außerdienststellung, noch erst recht ihre Verschrottung, die einen Aufwand an Arbeit und industrieller Kapazität erforderte, einen nennenswerten Gewinn an Personal oder Material bringen würden. Diese Maßnahmen mußten mit Sicherheit nur militärische und politische Nachteile zur Folge haben. So kam ich also aus denselben Gründen wie mein Vorgänger zum Ergebnis, daß die Anordnung falsch war. Am 26. Februar 1943 hielt ich Hitler entsprechenden Vortrag. Ich erklärte ihm mit kurzer, anschaulicher Begründung, daß ich seinen Befehl nicht billigen könne, und bat um seine Aufhebung. Er war peinlich überrascht, denn er hatte diese Einstellung von mir als früherem Befehlshaber der U-Boote, der von eh und je eine größere Unterstützung des U-Bootkrieges verlangt hatte, nicht erwartet. Er war sehr ungehalten, aber er stimmte meiner Bitte schließlich grollend zu. Ich wurde ungnädig entlassen.

In der diesem Vortrag folgenden Zeit hatte ich Zweifel, ob meine Tage als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine nicht bereits gezählt seien. Ich merkte aber bald, daß die Wirkung meines Widerstandes auf Hitler eine ganz andere war. Er behandelte mich künftig mit auffallender Höflichkeit. Dieses Verhalten mir gegenüber behielt er bis Ende April 1945 bei. Nie redete er mich anders als betont korrekt mit meinem Dienstgrad an. In meiner Gegenwart hat er weder jemals die Form verletzt, noch die Haltung verloren.

Nach diesem ersten Vortrag bei Hitler blieb ich auch weiterhin bei meinem Grundsatz, daß ich vor allem sein Vertrauen brauchte: Ich war offen ihm gegenüber und verschwieg auch keinerlei Mißstände oder Fehlschläge der Kriegsmarine. Meine Sorgen wegen des U-Bootkrieges teilte ich ihm z. B. sofort unverblümt mit. Als der U-Bootkrieg dann im Mai 1943 zusammenbrach, erhielt ich von Hitler kein Wort des Vorwurfs. Kurz danach wurde ihm einmal bei einer großen Lagebesprechung die Torpedierung eines wichtigen Öltankers gemeldet, der aus dem Schwarzen Meer kam und nach dem von uns besetzten Griechenland gehen sollte und den englische U-Boote vor den Dardanellen getroffen hatten.

Er sagte ärgerlich: „Ja, die englischen U-Boote, die können so etwas, und unsere U-Boote versenken nichts bei Gibraltar!“ Ich stand ihm gegenüber an der Karte in einem Kreis von etwa zwanzig Personen, zu denen die Spitzen der Wehrmacht gehörten, und antwortete sofort und entschieden: „Mein Führer, unsere U-Boote haben auch gegen die größten Seemächte zu kämpfen. Wenn unsere U-Boote ohne jede Abwehr zu kämpfen hätten, wie die englischen vor den Dardanellen, so würden sie mindestens dasselbe erreichen. Ich habe bei Gibraltar meine hervorragendsten Mittelmeerkommandanten eingesetzt, die mehr können als die Engländer!“

Auf meine etwas heftige Erwiderung herrschte in diesem großen Kreise Totenstille. Hitler wurde rot, sagte aber nach ein paar Augenblicken ruhig zu dem vortragenden General Jodl: „Bitte weiter!“ – Ich hatte mich über Hitlers Bemerkung geärgert, verließ den engeren Kreis der Lagebesprechung und stellte mich an das Fenster. Als die Besprechung zu Ende war, blieb ich im Hintergrund. Hitler kam jedoch auf mich zu und fragte in liebenswürdigem Ton, ob ich bei ihm frühstücken wolle. Ich nahm an. Er verabschiedete Göring, Keitel und Jodl und blieb mit mir allein.

Diese Szene habe ich deshalb so genau geschildert, weil sie, wie ich glaube, erhebliche Folgen in der Sache gehabt hat. Hitler enthielt sich künftig jedes Eingriffs in die Kriegsmarine. Er war anscheinend überzeugt, daß ich das Mögliche tun würde und daß er sich auf mich verlassen könne. Wenn andere Persönlichkeiten mit Vorschlägen oder Forderungen an die Kriegsmarine oder Vorwürfen irgend welcher Art zu ihm kamen, war seine Antwort meistens: „Der Großadmiral wird das Erforderliche schon machen!“

Daß sich allmählich ein solches Verhältnis entwickelte, hat mir die Führung der Kriegsmarine erheblich erleichtert.

Es hatte aber auch Rückwirkungen auf meine Stellung und Stoßkraft anderen militärischen Stellen und Reichsbehörden gegenüber.

Göring liebte es, in Hitlers Gegenwart an anderen Wehrmachtteilen Kritik zu üben. Meinem Vorgänger, Großadmiral Raeder, hatte dieses Treiben Görings erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Als Raeder sich null der Abgabe des Oberbefehls von Hitler verabschiedete, sagte er zu ihm, um mir zu helfen: „Bitte schützen Sie die Marine und meinen Nachfolger vor Göring!“

Sehr bald verspürte auch ich Görings Taktik, Fehlschläge anderer Wehrmachtteile Hitler als erster und oft in unzutreffender Form mitzuteilen. Zusammenstöße zwischen ihm und mir waren die Folge. Der kräftigste, aber auch der letzte dieser Art ereignete sich bei einer Großen Lagebesprechung, bei der Göring eingangs meldete, deutsche Schnellboote Innen in einem Hafen an der Kanalküste durch englische Bombenangriffe erhebliche Verluste erlitten. Das wäre aber nur dadurch verschuldet worden, daß die Schnellboote der Kriegsmarine nicht getarnt einzeln, sondern aus Bequemlichkeit zusammen in einem „Päckchen“ gelegen hätten.

Meine sofortige Erwiderung war: „Ich verbitte mir Ihre Kritik in Marinedingen, Herr Reichsmarschall. Kümmern Sie sich lieber um Ihre Luftwaffe, da haben Sie genug zu tun.“

Die Totenstille, die danach im Lagezimmer eintrat, wurde erst durch Hitlers Aufforderung an den vortragenden Offizier beendet, in seinen Ausführungen fortzufahren.

Nach Schluß dieser Lagebesprechung geschah das Gleiche wie beim erstenmal: Hitler bat mich ostentativ, zum Frühstück zu bleiben, indem er Göring verabschiedend die Hand gab.

Nach diesem Vorfall hat Göring nie wieder ähnliche Vorwürfe gegen die Kriegsmarine erhoben. Anscheinend hatte er auch die Absicht, das Kriegsbeil mir persönlich gegenüber zu begraben. „Wenige Tage nach diesem Zusammenstoß übersandte er mir zu meiner Überraschung das Fliegerabzeichen in Brillanten. Ich fühlte mich jedoch außerstande, diese Geste zu erwidern.

Mein Prinzip, Hitler offen und entschieden meine Ansicht zu sagen, bewährte sich weiterhin. In verschiedenen Fällen erklärte ich: „Das mache ich als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine nicht mit.“

Hitlers Befehl, die Verfolgung von Straffällen wegen Zersetzung der Wehrmacht an den Volksgerichtshof abzugeben, erhielt für die Kriegsmarine auf Grund meiner Weigerung keine Gültigkeit. Nur bei der Kriegsmarine erhielten auch die 1944 eingeführten nationalsozialistischen Führungsoffiziere (NSFO’s) infolge meines Einspruchs keinen Einfluß auf die Kommandoführung der Truppe. Bei solchen und ähnlichen Fällen wurde für die Marine jeweils eine Sonderregelung getroffen.

Nach dem 20. Juli 1944 hörten die gelegentlichen Einladungen Hitlers, mit ihm zu essen, völlig auf. Ich sah und sprach ihn nur noch in größerem Kreise. Seine höfliche Haltung mir gegenüber blieb jedoch unverändert.

Da es mir geglückt war, Hitlers dienstliches Vertrauen zu erwerben, war es mir möglich, für die Marine ein hohes Maß von Unterstützung zu erwirken. Sie erhielt für ihre Rüstung das, was sie brauchte, und zwar zu einer Zeit, als die einsetzenden Bombenangriffe die Kapazität der deutschen Industrie weitaus stärker beanspruchten als in den Jahren vorher. Hierüber wird im 19. Kapitel noch zu sprechen sein.

Hitlers Prinzip war es, jeden auf das Ressort zu beschränken, für das er zuständig war. Nie hat er an mich Fragen gestellt, die nicht die Kriegsmarine betrafen, geschweige denn meinen Rat in solchen Fragen eingeholt.

Auch ich selbst sah meine Aufgabe ausschließlich in der Führung der Kriegsmarine. Es war mir nicht möglich, mich noch nebenher um andere Arbeitsbereiche der Wehrmacht oder Staatsführung zu kümmern, schon weil mir die Zeit für eine gründliche und ständige Unterrichtung und damit für eine Urteilsbildung darüber fehlte. Ich habe mich daher auch Hitler gegenüber bis auf wenige Ausnahmefälle nicht in Angelegenheiten eingemischt, die außerhalb meiner Zuständigkeit lagen. Die Vorschläge, die ich hierbei machte, wurden von Hitler sofort mit Gegengründen entkräftet, die ich akzeptieren mußte, weil mir die ausreichende Unterrichtung und Sachkenntnis fehlten. Die Beschränkung auf mein Aufgabengebiet schloß jedoch nicht aus, daß ich als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine versuchte, mir möglichst häufig ein Bild über die Gesamtkriegslage zu bilden. Dies machte es notwendig, möglichst oft an den großen militärischen Lagebesprechungen im Hauptquartier teilzunehmen.

Meine Verurteilung in Nürnberg wurde unter anderem damit begründet, daß ich „im Laufe des Krieges 120 Besprechungen mit Hitler über Marinefragen“ gehabt hätte.

Wo in aller Welt konnte der Oberbefehlshaber eines Wehrmachtteils, der dem Staatsoberhaupt unmittelbar unterstellt war, je seine Aufgaben auf eine andere Weise erfüllen?


(Aus dem Buch: Karl Dönitz. Zehn Jahre und zwanzig Tage)



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